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Mittwoch, 26. August 2020

Tenet

Tenet

Genre: Action, SciFi
Regie: Christopher Nolan
Cast: John David Washington, Kenneth Branagh, Robert Pattinson
Laufzeit: 150 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: 
Warner Bros (Universal Pictures)

 

Tenet Film (2020) · Trailer · Kritik · KINO.de
(c) Warner Bros (Universal Pictures)

 



Inhalt:

Ein CIA-Agent (John David Washington) wird nach einem Einsatz bei einem Terroranschlag auf die Kiewer Oper enttarnt und überwältigt. Selbst unter Folter weigert er sich jedoch, seine Kollegen zu verraten und nimmt sich selbst das Leben – oder glaubt das zumindest. In Wahrheit hat er so einen ultimativen Test bestanden und dadurch Zugang zu einer supergeheimen Organisation gewonnen, die versucht den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Die Mitarbeiter stoßen immer wieder auf Gegenstände aus der Zukunft, die sich rückwärts in der Zeit bewegen – die sogenannte Inversion. Offenbar handelt es sich dabei um eine Kriegserklärung aus der Zukunft, deren Mittelsmann der russische Waffenhändler Andrei Sator (Kenneth Branagh) ist. Gemeinsam mit seinem neuen Partner Neil (Robert Pattinson) versucht der Protagonist, Zugang zu Sator zu erhalten und den Krieg der Zeiten zu verhindern. Eine Möglichkeit scheint Sators Ehefrau Kat (Elizabeth Debicki) zu sein...

Bewertung:

Nach der Entscheidung, „Mulan“ direkt auf Disney+ auszuspielen, ist dies nun also der Film, der ganz allein das Kino retten soll. Keine leichte Aufgabe. Aber leicht hat es sich Christopher Nolan bei seinem elften Spielfilm ohnehin nicht gemacht. Der Plot von „Tenet“ ist ein vielfach verschachteltes Rätsel – und die grundlegende Prämisse, dass sich Dinge durch die sogenannte Inversion auch rückwärts durch die Zeit bewegen können, führt zu einigen der spektakulärsten, aber eben auch komplexesten (Action-)Choreographien, die es jemals auf der großen Leinwand zu bestaunen gab.

Nun sollte man – nicht mal als Kritiker – so tun, als hätte man bereits nach dem ersten Ansehen jeden Aspekt des Films vollständig durchdrungen. Gerade im bombastischen Finale geschehen so viele Dinge vorwärts und rückwärts und doch gleichzeitig, dass wohl selbst der Begriff Mindfuck, mit dem die Filme von Christopher Nolan bereits seit „Memento“ immer wieder beschrieben werden, noch eine Untertreibung wäre. Aber seit „Mad Max: Fury Road“ haben einen Actionszenen im Kino eben auch nicht mehr derart weggepustet wie nun bei „Tenet“ – und deshalb ist es auch alles andere als eine Bürde, sich den Film ein zweites oder drittes Mal anzusehen.

Heute gibt es maximal noch eine Handvoll Regisseure, deren Name allein einen Film nicht nur für versierte Kinokenner, sondern auch für das breite Publikum zu einem Ereignis macht: Noch vor Quentin Tarantino und Steven Spielberg steht Christopher Nolan ganz oben auf dieser Liste!

Das ist durchaus überraschend: Schließlich ist das „The Dark Knight“-Mastermind im Herzen ein Philosoph, der über die Natur der Zeit nachdenkt – nur dass er seine Erkenntnisse eben nicht in trockenen akademischen Schriften, sondern in oft atemberaubenden Leinwand-Blockbustern verarbeitet. „Tenet“ ist nun gleich in mehrfacher Hinsicht der Höhepunkt dieser Beschäftigung mit der Wahrnehmung von Zeit, die sich wie ein roter Faden durch das Werk des Regisseurs und Drehbuchautors zieht.

In „Memento“ kann sich Leonard Shelby (Guy Pearce) nach dem Verlust seines Kurzzeitgedächtnisses immer nur an die vergangenen fünf Minuten erinnern, während die Zeit für die Protagonisten in „Inception“ und „Interstellar“ aufgrund von Traumebenen bzw. Gravitationen unterschiedlich schnell vergeht. Selbst in sein Kriegs-Epos „Dunkirk“ hat Christopher Nolan sein Lieblingsthema hineingeschmuggelt, wenn sich Bodentruppen, Boote und Flugzeuge auf verschieden langen Zeitstrahlen durch die Handlung bewegen. Aber mit „Tenet“ geht er jetzt eben nicht nur einen, sondern gleich ein paar Schritte weiter…

Die Idee, dass sich nur einzelne Gegenstände oder Personen rückwärts in der Zeit bewegen, während der Rest der Welt seine gewohnte Richtung beibehält, ist derart faszinierend, dass man sich nur deshalb nicht sofort in seinen eigenen physikalisch-philosophischen Überlegungen verliert, weil einen der treibende Score von Ludwig Göransson („Black Panther“), die bildgewaltigen Einstellungen von Hoyte Van Hoytema („Spectre“) sowie die nie gesehenen Action-Choreographien zweieinhalb Stunden lang ohnehin kaum zum Luftholen kommen lassen. Dabei kommt dann auch eine weitere ganz zentrale Stärke von Christopher Nolan zum Tragen:

Gerade in der ersten Hälfte, wenn der Protagonist erst einmal alle möglichen Kontakte trifft (irgendwo muss man Michael Caine ja unterbringen) und dabei auch schon mal auf kühl-selbstsichere Art flirtet, erinnert „Tenet“ in gewisser Weise an ein James-Bond-Abenteuer (und ja, John David Washington wäre ein grandioser Nachfolger für Daniel Craig, nur ist er eben leider kein Brite).

Während man bei 007-Blockbustern aber oft das Gefühl bekommen kann, dass die Handlung und die zentralen Set-Pieces eigentlich unabhängig voneinander entwickelt und erst am Ende zusammengesteckt werden, folgen die Action und die unvergesslichen Bilder bei Christopher Nolan in aller Regel direkt aus der Prämisse (bestes Beispiel: das sich faltende Paris in „Inception“). Diese Aussage war nie wahrer als im Fall von „Tenet“.

Bei einer plötzlich losbrechenden Prügelei spürt man sofort, dass hier irgendetwas nicht stimmt – es fehlt die Präzision, die man bei Kampfszenen in Filmen dieser Größenordnung gewohnt ist. Das wirkt alles ein wenig „durcheinander“ und „unabgestimmt“. Erst nach und nach versteht man, dass einer der Kontrahenten sich während der Schlägerei offenbar rückwärts durch die Zeit bewegt – und so entsteht ein Effekt, der unsere Sehgewohnheiten sprengt und selbst erfahrenen Kinogängern ein Stück weit den Teppich unter dem Boden wegzieht. Eine schon in dieser kleinen Dosis absolut faszinierende Erfahrung, die sich im weiteren Verlauf des Films noch um ein Vielfaches potenziert.

Man mag sich kaum ausmalen, wie viel Planung in diese Szenen geflossen sein muss – gerade weil so gut wie nichts in „Tenet“ am Computer entstanden ist. Man kann sich sogar gut vorstellen, dass Christopher Nolan und seine Choreographen eine eigene Sprache entwickeln mussten, um überhaupt mit der nötigen Präzision und ohne ständige Missverständnisse über das sprechen zu können, was da gerade im Finale alles abläuft. (Man verzeiht deshalb auch gerne, dass der Showdown an einem ziemlich unspektakulären Ort zwischen grau-braunen Ruinen stattfindet – woanders hätte das alles wohl selbst ein Christopher Nolan nicht drehen können.)

Nolan ist ein sehr funktional denkender Filmemacher – und das gilt auch für seinen Umgang mit seinen Figuren, die deshalb oft etwas kalt, ganz selten sogar leblos wirken. Aber in dieser Hinsicht greifen ihm auch bei „Tenet“ seine einmal mehr durch die Bank hochkarätigen Darsteller unter die Arme:

Der Protagonist hat nicht einmal einen Namen – und trotzdem verleiht ihm John David Washington eine unglaubliche Präsenz. Wenn nach „BlacKkKlansman“ noch Zweifel bestanden haben sollten, dass der 36-Jährige wie sein Vater Denzel Washington das Zeug zum Hollywood-Superstar hat, sollten diese nach „Tenet“ wohl endgültig beseitigt sein. An seiner Seite brilliert Robert Pattinson als undurchsichtiger, aber schlagfertiger und supersympathischer Sidekick mit Ernest-Hemingway-Anklängen, bevor der Ex-„Twilight“-Beau dann als nächstes in „The Batman“ seinen eigenen Action-Blockbuster anführt.

Elizabeth Debicki (spielt in der nächsten Staffel „The Crown“ Prinzessin Diana) gibt unterdessen die Art von Bond-Girl, von der wir auch bei 007 gern mehr sehen würden – unfassbar elegant und sexy, aber ambivalent und bis zum Schluss mit eigener, rachegetriebener Agenda.

Am meisten Sorgen haben wir uns vorab ehrlich gesagt um Kenneth Branagh gemacht, denn auch wenn er fraglos ein großer Schauspieler ist, hat er 2014 in „Jack Ryan: Shadow Recruit“ schon einmal einen russischen Superverbrecher verkörpert, ohne dabei auch nur das kleinste bisschen Eindruck zu hinterlassen. Aber keine Sorge: Als egomaner Plutoniumsammler kann man diesmal selbst im Kinosaal regelrecht Angst vor ihm bekommen.

Am Ende gibt es natürlich noch mal ein paar Wendungen und Twists, bei denen man vermutlich extrem dicke Doktorarbeiten darüber schreiben könnte, ob sie nun rein logisch Sinn ergeben oder nicht (und man kann sich sicher sein, dass es in den kommenden Wochen zumindest lange Essays geben wird, die genau diese Fragen behandeln und die ich aus ehrlichem Interesse gerne lesen werde).

Aber bis es so weit ist, sollte man – zumindest beim ersten Sehen – einfach das rauschhafte Leinwandspektakel über sich hinwegfegen lassen, das Christopher Nolan hier 150 Minuten lang fast ohne Unterlass abfackelt. Selbst einfache „Meetings“, wie es sie in Agentenfilmen eben zuhauf gibt, werden in seinen Händen zum visuellen Schmaus, etwa durch einen auch ohne Inversion „umgekehrten“ Bungeesprung oder den Schnitt zum Bug eines invertiert durchs Meer gleitenden Schiffes, dessen Wasserbrechung auf faszinierende Weise verstört.

Wie sagt Wissenschaftlerin Barbara doch bei ihrer Erklärung der Inversion zum Protagonisten: „Versuchen Sie nicht, es zu verstehen, fühlen Sie es.“


Fazit: 

Ein visuell rauschhaftes und konzeptionell bahnbrechendes Science-Fiction-Action-Meisterwerk – auf einem Level mit „Inception“! Völlig berauscht von all den visuellen Eindrücken und geschichtlichen Verwirrungen vergeben wir 9,5 von 10 Punkte. (mk)

 

Samstag, 26. Oktober 2019

Terminator 6: Dark Fate

pic (c) Fox Deutschland



Inhalt:

Vor wenigen Tagen war das Leben von Dani Ramos (Natalia Reyes) noch in bester Ordnung – und dann änderte sich alles: Denn plötzlich befindet sich die junge Frau in einem Kampf um Leben und Tod, inmitten eines unerbittlichen Krieges zwischen den Menschen und den Maschinen. Glücklicherweise ist sie dabei allerdings nicht auf sich allein gestellt. Unterstützung bekommt sie nicht nur von der kampferprobten Sarah Connor (Linda Hamilton), sondern auch von der kybernetisch weiterentwickelten Grace (Mackenzie Davis). Und die kann sie auch gut gebrauchen, denn ein weiterentwickelter Terminator des Modells Rev-9 (Gabriel Luna) hat es auf die junge Frau abgesehen. Zwischen den Fronten steht ein alter Bekannter (Arnold Schwarzenegger) von Sarah, der ihr Leben einst für immer veränderte...


Bewertung: 

Schon die mit einer altbekannten Filmszene in VHS-Optik verwobenen Logos der Produktionsfirmen machen deutlich, wie sehr sich Tim Miller mit „Terminator: Dark Fate“ auf die ersten beiden Teile von James Cameron bezieht. Der folgende, im Jahr 1998 spielende Einstieg knüpft dann auch an das Finale von „Tag der Abrechnung“ an. Und die eigentliche Handlung im Jahr 2020 verweist wiederum direkt auf „Terminator“ von 1984: Ein Mensch und eine Maschine werden aus der Zukunft zurückgeschickt, um eine junge Frau zu beschützen bzw. zu töten. Dass die von fünf Autoren entwickelte Story im Kern fast eins-zu-eins dem allerersten Film entspricht, mag auf den Blick einfallslos wirken, es hat aber nach den teils verquer-komplizierten Ideen der vorherigen Teile (ja, wir meinen dich, „Terminator: Genisys“) auch etwas Erfrischendes.

Vor allem gerät der im Zentrum stehende, simpel zugespitzte Kampf einer übermächtigen Maschine gegen völlig unterlegene Sympathieträger auch 35 Jahre nach dem ersten Teil noch mitreißend. So ist „Terminator: Dark Fate“ eine größtenteils spannend in Szene gesetzte, atemberaubende Hatz, bei der – wie in den beiden übergroßen Vorbildern - auch einige tiefergehende Fragen aufgeworfen werden. Regisseur Miller und sein Team sind zugleich aber auch so sehr auf ihre Geradlinigkeit bedacht, dass sie eine Menge möglicher Mysterien allzu leicht herschenken. Warum hat Grace übermenschliche Kräfte? Warum kommen trotz der Zerstörung von Skynet wieder Killermaschinen aus der Zukunft? Woher weiß Sarah von Danis Notlage und taucht plötzlich aus dem Nichts auf? All diese Fragen werden recht schnell, nachdem sie sich stellen, auch schon breit beantwortet. Da hätte man viel mehr Spannung rausholen können.

Nicht nur den Plot hat Miller von „Terminator“ übernommen, auch sonst zitiert er Camerons Originalfilme immer wieder mehr oder weniger deutlich. Einige Anspielungen sind natürlich fast schon Pflicht, aber Miller findet oft nicht das rechte Maß. Nicht nur die Zeitlupen, die Cameron einst so wohlüberlegt nutzte, um Momente unglaublich effektiv zu unterstreichen, streut der „Deadpool“-Regisseur nun etwas zu beliebig in seinen Film. Auch das berühmte „I’ll Be Back!“ wirkt diesmal einfach nur erzwungen. Immerhin verkneifen sich die Macher gen Ende ein „Hasta La Vista, Baby“, obwohl es so überdeutlich vorbereitet wird, dass man es schon fast hört, selbst wenn es nie ausgesprochen wird. Zum Glück: Denn es hätte einen emotionalen Moment nur unpassend-komisch gemacht. Viele andere Referenzen funktionieren aber auch – allen voran die Rückkehr des ikonischsten Schauspielers der Reihe.

Endlich wurde ein inhaltlich interessanter Kniff gefunden, um Arnold Schwarzenegger trotz grauer Haare (und massivem Vollbart) in einer prägenden Rolle zurück zur „Terminator“-Reihe zu bringen. Wir wollen aus Spoiler-Gründen an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber so viel können wir sagen: Schwarzeneggers Beteiligung ist umfangreich (nicht nur ein Mini-Cameo), großartig gespielt und saulustig. Ja! Saulustig! Das meinen wir ernst. Denn der Humor passt als konsequente Weiterentwicklung seiner trockenen Oneliner in „Tag der Abrechnung“ perfekt. Vor allem setzt es Schwarzenegger aber auch mit dem nötigen Ernst und Charisma um, weshalb seine Figur zu keinem Zeitpunkt ins Alberne abgleitet.


Neben der weiteren Rückkehrerin Linda Hamilton als getriebene, vom Leben gezeichnete Einzelkämpferin steht zudem ein neues Darstellertrio im Vordergrund, das überzeugen kann – auch wenn Shootingstar Natalia Reyes („Birds Of Passage“) ein wenig darunter zu leiden hat, dass das Drehbuch etwas zu nervig mit dem „Jungfrau in Nöten“-Rollenklischee spielt und eine Vorblende ihr unglaublich platte Dialoge beschert. Die stark auftrumpfende Mackenzie Davis („Blade Runner 2049“) ist eine überzeugende Action-Amazone – auch wenn einer der vielen Kleinigkeiten, die immer wieder verhindern, dass „Terminator: Dark Fate“ nicht nur ein solider, sondern ein großartiger Film wird, ihre Rolle betrifft: Denn dass ihr die Technik-Verbesserungen in ihrem Körper nicht nur Superkräfte verleihen, sondern auch Nebenwirkungen haben, wird nur genutzt, um partiell die Spannung zu erhöhen, aber darüber hinaus nicht wirklich ergründet.

Gabriel Lunas Killermaschine erinnert mit der stoischen Geradlinigkeit und völligen Fokussierung auf sein Ziel zu Beginn an Robert Patricks T-1000 in „Tag der Abrechnung“ – verfügt aber gleich über zwei technische Weiterentwicklungen. Gelungen ist dabei vor allem jene, die vielen Zuschauern vielleicht gar nicht so auffällt, weil sie nur unterschwellig Thema ist und nie geradeheraus erklärt wird: Ein Terminator ist bekanntlich neben dem Töten perfekt dafür ausgebildet, die Umgebung zu infiltrieren. So konnte schon der T-1000 das Antlitz anderer Menschen annehmen und Stimmen imitieren kann sogar schon der T-800. Doch Lunas REV-9 geht weiter. Als er das allererste Mal einen anderen Menschen kopiert, agiert er noch unglaublich steif, findet nicht die richtigen Worte. Im späteren Verlauf macht er dann aber plötzlich lockeren Small-Talk und sogar Witzchen mit Kollegen des kopierten Menschen. Schön subtil.

Offensichtlicher, aber weniger gelungen eingesetzt ist die andere Weiterentwicklung: Der neue Terminator kann sich nämlich aufspalten, indem er seine menschlich-wirkende Hülle von seinem Roboter-Skelett trennt und sich so quasi im Doppelpack seinen Feinden gegenüberstellt. Das erhöht natürlich die Gefahr für Dani, Grace und Sarah, aber eben auch nicht mehr. Es ist ein reines Gimmick, um Action-Szenen beeindruckender zu machen und die Spannung zu erhöhen. Doch zu mehr wird es nicht genutzt. Ähnlich wie bei den erwähnten Kräften von Grace geht es immer nur um den einzelnen Effekt, interessante inhaltliche Ansatzpunkte darüber hinaus bleiben auf der Strecke. Ihr Superkörper und seine Zwillingsfähigkeit sind so am Ende reine Vehikel, um dem üblichen Sequel-Mantra zu folgen: Alles muss noch eine Spur größer sein!

Das trifft natürlich auf die gesamte Action zu: Dabei sind die Kämpfe (mit der Wiederholung einiger aus den Vorgängern bekannter Szenarien) erst einmal erfrischend geradlinig, kompromisslos und so angemessen blutig, wie es gerade für den jeweiligen Moment nötig ist. In der zweiten Hälfte schlägt dann aber doch der übertreibende Gigantismus zu. Eine ausufernde Sequenz rund um ein Militärflugzeug läuft gleich aus mehreren Gründen aus dem Ruder. Zum einen fehlt dieser Szene mit ihrem absoluten CGI-Overkill jegliches Herz. Zum anderen geht teilweise auch die Übersichtlichkeit flöten, so dass man sich als Zuschauer mehr als einmal wundert, woher diese Figur denn jetzt plötzlich gerade wieder herkommt. Und schließlich ist der Moment so langgezogen, dass er irgendwann langweilig wird.

Fazit: 
„Dark Fate“ hat sicherlich seine Schwächen. Aber die überzeugenden Darsteller und eine Rückbesinnung auf die Stärken der beiden Originalteile sorgen für einen immerhin soliden Actionfilm, der die Weichen für eine bessere „Terminator“-Zukunft stellt.   (mk)

Samstag, 21. September 2019

Rambo 5: Last Blood

pic (c) Universum Film GmbH



Inhalt:

John Rambo (Sylvester Stallone) erfährt, dass Gabriella (Yvette Monreal), die Tochter seiner Haushälterin Maria (Adriana Barraza), von einem Menschenhändlerring entführt wurde, der Teil eines mexikanischen Kartells ist und junge Frauen zur Prostitution zwingt. Rambo, der sich eigentlich nach langen Jahren fern der Heimat, nach all dem Leid, dem Totschlag und den geliebten verstorbenen Menschen, einfach nur in den USA auf einer Ranch zur Ruhe setzen wollte und Gabriella wie ein Vater aufgezogen hat, reist ohne zu zögern nach Süden und schließt sich mit der freien Journalistin Carmen Delgado (Paz Vega) zusammen, deren Schwester ebenfalls von dem Kartell entführt wurde. Mutig nimmt er den Kampf mit den Gangstern auf und muss dabei einiges einstecken. Seiner Vergangenheit und seinen schlimmen Erinnerung kann Rambo einfach nicht entkommen. Er wird keine Gnade zeigen, denn Gabriella ist für ihn ein unglaublich wichtiger Mensch, die Tochter und die Familie, die er nie hatte...


Bewertung: 

Fünf „Rambo“-Filme, fünf verschiedene Regisseure. Die einzige Konstante bleibt Sylvester Stallone als Hauptfigur und Co-Drehbuchautor. Das führt ganz zwangsläufig zu weniger erzählerischer und vor allem inszenatorischer Konsistenz – und auch Adrian Grünberg kocht nun sein eigenes Süppchen, das aber zumindest auf einem ähnlichen Rezept basiert wie „John Rambo“, der ebenfalls schon unerhört brutal unterwegs war. Der Versuch, den Vietnam-Veteranen auf einer abgelegenen Pferdefarm in sich ruhen zu lassen (was zumindest mild an den herausragenden ersten Teil gemahnt), gelingt vielleicht auf der visuellen Ebene, weil sich Rambo als relaxter, Pillen einschmeißender, altersweiser Pferdefarmer gut in die Umgebung einpasst.

Aber inhaltlich ist dieser Auftakt-Part mit Dialogen und Handlungssträngen garniert, die man in dieser Qualität normalerweise in einer Daily Soap erwartet. Der absolute Tiefpunkt ist das kurze Türgespräch zwischen Gabrielle und ihrem nutzlosen Vater. Seine Abfuhr ist so überzogen herzlos, dass man glaubt, in einer Parodie zu sitzen. Aber auch die Unterhaltungen zwischen Rambo und seiner Haushälterin sowie dessen Enkelin kommen nicht über Glückskeksniveau hinaus. Kein Wunder: Die Geschichte zu „Rambo: Last Blood“ sollte eigentlich die Grundlage zu „John Rambo“ (2008) bilden, wurde dann aber als zu schwach verworfen. Zudem wurde sie anschließend sogar zum Teil schon in Stallones Skript zum Jason-Statham-Reißer „Homefront“ (2013) verwendet. Deswegen wirkt die Story nicht von ungefähr wie von der Resterampe.

In der ohnehin schon knapp bemessenen Spielzeit von 101 Minuten legt Rambo selbst erst erstaunlich spät los. Stattdessen dreht sich erst einmal alles um Gabrielles Papa-Suche, die dann für den Film aber absolut überhaupt keine Rolle spielt. Sie hätte auch einfach direkt in der ersten Szene beim Spring Break in Mexiko entführt werden können, der Effekt wäre derselbe gewesen. Dann hätte es im Gegenzug nämlich auch mehr Platz für eine halbwegs differenzierte Zeichnung der Bösewichte gegeben, die hier einfach nur abgrundtief böse sind und lediglich eine Story-Funktion ausfüllen. Blickt man unbedarft auf die Situation, könnte ihre brutale, menschenverachtende Einstellung klischeehaft wirken, was sie in der Verkürzung sicherlich auch ist. Doch der Kern stimmt. Wer tief abtauchen möchte in diese Thematik, liest am besten Don Winslows hochkomplexe Roman-Meisterwerke „Tage der Toten“ und „Das Kartell“, die die Arbeit und Funktionsweise der mexikanischen Drogenkartelle sezieren und zeigen, mit welch bestialischen Methoden dort gearbeitet wird. Die Spitze dieses Eisbergs aus Brutalität, Menschenverachtung und Überlebenskampf zeigt „Rambo: Last Blood“ zwar, aber der unfassbare Schrecken und Schmerz kommt trotzdem nicht beim Zuschauer an, dafür ist das alles viel zu platt in Szene gesetzt.

Der Story-Schlenker mit der Erzeuger-Suche ist zwar überflüssig, aber davon abgesehen reduziert Grünberg die Handlung auf der Allernötigste. Das Wichtigste: Man muss Rambo abnehmen, was er für Gabrielle empfindet, sonst steht sein beispielloser Rachefeldzug, den er schließlich vom Zaun bricht, komplett auf tönernen Füßen. Denn wenn John Rambo nach der systematischen Zerstörung seiner Nichte (sie nennt ihn Onkel John) den Hammer auspackt (in ähnlicher Mission und Pose wie Joaquin Phoenix in „A Beautiful Day“), ist das wörtlich zu nehmen und nur der „harmlose“ Anfang. Nachdem die erste Hälfe noch komplett ohne Blutvergießen auskommt, ist der finale Akt von solch grotesker Brutalität, dass Liam Neesons Bryan Mills in „96 Hours – Taken“ dagegen wie ein unschuldiger Chorknabe wirkt und man ernsthaft um eine Freigabe ab 18 Jahren bangen musste. Rambo will nicht nur Rache und Vergeltung, sondern seine verhassten Gegner köpfen, filetieren oder zumindest mit spitzen Gegenständen durchbohren. Das geschieht zudem in einer solch wahnsinnigen Geschwindigkeit, dass man die einzelnen kills (mit Ausnahme des allerletzten) gar nicht genießen kann und vielleicht auch gar nicht soll…

… schließlich schmeißt einem „Rambo: Last Blood“ seine im Hollywood-Mainstreamkino so noch nicht erlebte Gewalt regelrecht lieblos vor die Füße. Das passt zu Rambo, der in diesem Moment längst völlig desillusioniert ist und bei dem grotesken Gemetzel ebenfalls kaum noch etwas zu empfinden scheint. Die Inferno-Szenerie selbst ist natürlich völlig realitätsfern, wenn ein 73-Jähriger eine kleine Armee gut ausgestatteter Drogengangster aufmischt. Doch Stallone sieht zwar im Gesicht tatsächlich altersgerecht aus, aber sein muskulöser Brustkorb scheint noch immer förmlich vor Kraft zu bersten, sodass die Illusion auf der Leinwand funktioniert und man nicht wie bei den Actionszenen von Liam Neeson in „96 Hours – Taken 3“ Angst haben muss, dass der Altstar bei den Verfolgungsjagden gleich zusammenbricht.

Dazu wählt Grünberg den Kniff, Rambo zuvor als eine Art MacGyver eifrig „A-Team“-Fallen (der FSK-18-Bauart) anfertigen zu lassen, um sein Rache-Kunstwerk nicht ausschließlich auf Muskelkraft basieren zu lassen. Diesen Guerilla-Feldzug inszeniert Grünberg dann derart splatterig over the top, dass einem minutenlang der Atem wegbleibt. Daran werden sich – wie schon bei dem ähnlich grotesk herausstechenden, aber sehr viel kürzeren Gewalt-Finale von „Once Upon A Time… In Hollywood“ – selbstverständlich die Geister scheiden. Hardcore-„Rambo“-Fans werden aber bestimmt ihren „Spaß“ daran haben – selbst wenn es Grünberg mit dem Einsatz von CGI übertreibt und gern mehr handgemachte Splattereffekte hätte einsetzen dürfen.


 
Fazit: 

Sylvester Stallone untermauert in dem so simpel gestrickten wie ultrabrutalen Rache-Gemetzel „Rambo: Last Blood“ seine Stellung als unbestrittener Alterspräsident unter den Actionstars – allerdings auch nur im den Gewaltgrad der vorherigen „Rambo“-Filme wie Vorschulfernsehen anmuten lassenden Schlussdrittel. Die erste Stunde vor dem transgressiven Exzess des Finales ist hingegen überwiegend inakzeptabel. (mk)

Samstag, 31. August 2019

Angel Has Fallen

pic (c) Universum Film GmbH



Inhalt:

Secret-Service-Agent Mike Banning (Gerard Butler) hat seine ganze Karriere damit verbracht, sein Leben in den Dienst von US-Präsidenten zu stellen und diese zu beschützen - koste es, was es wolle. Zweimal musste er bereits an seine Grenzen gehen, um die Pläne kompromissloser Terroristen zu durchkreuzen und die Welt zu retten. Doch nun gerät er selbst ins Visier: Als bei einem bis ins kleinste Detail geplanten Angriff auf den Präsident Trumbull (Morgan Freeman) nämlich halb Washington in Schutt und Asche gelegt werden soll, spielt nicht nur das Flugzeug des Präsidenten - die Air Force One mit dem Codenamen „Angel“ - eine entscheidende Rolle, sondern auch Banning. Ausgerechnet ihm schieben die Angreifer die Schuld in die Schuhe, als der Vogel vom Himmel geholt wird. Und plötzlich muss Mike nicht nur fliehen, sondern auch noch die wahren Übeltäter finden, um seine Unschuld zu beweisen - denn selbst seine Kollegen glauben, dass er was mit der Sache zu tun hat.

Bewertung: 

Das Mike-Banning-rettet-den-Präsidenten-und-die-Welt-Konzept nach „London Has Fallen“ noch ein zweites Mal quasi ohne Änderungen zu wiederholen, wäre der Einfallslosigkeit zu viel. Das war offensichtlich allen Beteiligten klar. Deshalb bringt Regisseur und Co-Drehbuchautor Ric Roman Waugh eine neue Struktur mit – die ist nicht unbedingt besser, aber zumindest anders. Sein „Auf der Flucht“-Plot sorgt allerdings kaum für Spannung, weil von Beginn an viel zu offensichtlich ist, wer als Bösewicht hinter den Angriffen der Super-Hacker steckt (dass der bis in den Tod loyale Mike Banning natürlich nichts damit zu tun hat, versteht sich von selbst und wird vom Film auch gar nicht erst als Möglichkeit angebracht). So ist das Publikum zwar schon irgendwie auf seiner Seite, wenn der Angeklagte in Dr.-Kimble-Manier den wahren Täter aufzuspüren versucht, während ihn der gesamte Sicherheitsapparat der USA verfolgt. Aber zugleich ist das auch alles superplump: Das Weiße Haus, CIA, FBI – die schnelle und medial ausgestellte Festlegung auf Banning als (Einzel-)Täter wirkt albern-simpel! Schnell bekommt man den Eindruck, dass hier sowieso nur altbekannte Versatzstück zusammengesetzt werden – und zwar ganz egal, ob sie an der Stelle gerade passen oder nicht.

Der Ansatz, dem Film ein wenig mehr charakterliche Tiefe zu verleihen, mag löblich sein, lässt die Handlung aber auch nicht weniger haarsträubend unglaubwürdig erscheinen. Was „Angel Has Fallen“ allerdings tatsächlich merklich aufwertet, ist der völlig durchgeknallte Auftritt von Nick Nolte („Head Full Of Honey“) als Mike Bannings verschollener Vater, eine Art herzensguter Una-Bomber, der wie Kai aus der Kiste in den Plot geschmissen wird. Der dreifach oscarnominierte Star macht einen Riesenspaß und ist komplett over the top. Schade nur, dass Waugh dem Wahnsinn noch ein halbgares Vater-Sohn-Drama beimischt, das an der Stelle natürlich eh niemanden ernsthaft interessiert. Zudem ist Gerard Butler („300“) beim Rumballern einfach besser als im Verhandeln von familiären Konflikten. Etwas griffiger ist da schon ein kurzer Diskussions-Exkurs, wenn Banning und sein Vater Clay über die Gleichheit der Kriege in Korea, Vietnam und dem Irak philosophieren – wobei das im selben Moment auch ein bisschen schizophren ist, weil „Angel Im Fallen“ trotz seiner Anti-Kriegs- und Anti-Söldner-Message im selben Moment eben auch eine Menge idiotischen Brüderschafts-Bullshit („Wir sind Löwen!“) und Michael-Bay-Gedächtnis-Zeitlupen von Militärgerätschaften zelebriert.
Kernkompetenz von „Angel Has Fallen“ ist und bleibt aber die Gaga-Action um kernige Typen, die abends mit Bier in der Hand riesige Steaks auf den Grill schmeißen. Wurde die extreme Brutalität von „Olympus Has Fallen“ schon in „London Has Fallen“ etwas zurückgefahren, bleibt auch der dritte Film diesem neuen „sanfteren“ Kurs treu. Es geht schon zur Sache (FSK: ab 16 Jahren), aber allzu bestialisch fallen die Tötungen visuell nicht aus. Nach einem packenden Beginn in einem Trainings-Parcours, wo nebenbei kurz eine schicke Ego-Shooter-Perspektive präsentiert wird, ist die zentrale Drohnenattacke die eindeutig innovativste Action-Sequenz, selbst wenn sie in Sachen CGI-Technik nur mittelmäßig ausgeführt wird. Eine dynamische Truckverfolgungsjagd und weitere Explosionsfestivals sorgen neben dem donnernden Score von David Buckley („Jason Bourne“) für das nötige Krawall-Grundrauschen, das die Actionreihe seit jeher auszeichnet. Nichts, was ewig im Gedächtnis bleibt, aber alles mit ordentlich Schmackes. Passt schon und dann ist jetzt auch gut.

Fazit: 

„Angel Has Fallen“ ist ein klobiger Action-Thriller, der zwar ebenso hanebüchen wie vorhersehbar ist, aber dank kompetent-geradlinig inszenierter Action-Szenen und einem grandios über die Stränge schlagenden Nick Nolte streckenweise trotzdem ganz ansprechend unterhält. (mk)

Dienstag, 27. August 2019

Lupin III vs. Detective Conan: The Movie

pic (c) Kazé



Inhalt:

Die Helden der erfolgreichen Anime-Serie "Lupin III." und "Detektiv Conan" treffen in diesem Crossover erneut aufeinander: Meisterdetektiv Conan setzt alles daran, den Meisterdieb Kaito Kid, auf frischer Tat zu ertappen. Unerwarteterweise entpuppt sich jedoch der große Räuber Lupin III als das Genie hinter dem beobachteten Coup und der hat auch bereits das nächste große Ziel im Auge: den unbezahlbaren Cherry Sapphire. Oder steckt viel mehr hinter den Plänen von Lupin III als der bloße Raub des wertvollen Edelsteins? Seine rechte Hand Daisuke Jigen arbeitet immerhin plötzlich als Leibwächter für den italienischen Sänger und Schürzenjäger Emilio, den Conan, Kogoro und Ran während eines Auftrags treffen. Steckt Lupin III etwa auch hinter dem Drohbrief an Emilio, in dem er aufgefordert wird, sein großes Live-Konzert unbedingt abzusagen? Es scheint so, als hätte Lupin III ganz andere Motive, und Conan wird sie früh genug herausfinden müssen, um den Fall zu lösen...


Bewertung:

Ja, auch in diesem Film gibt es sie - die geistreichen und charmanten Conan-Momente, welche die Serie einzigartig machen. Und für Fans der Serie genügt das, um ins Kino zu gehen. Der Fall allerdings ist allerdings (auch nach Maßstäben der bisherigen FIlme) recht verworren: Mir ging irgendwann der Überblick verloren. Von den Action-Szenen, die offenbar immer die vorherigen Filme noch übertreffen müssen, gar nicht erst zu reden.

Fazit: 

Leider nicht so gut wie erhofft, dennoch für Fans sehenswert. (mk)

Freitag, 5. Juli 2019

Spider-Man - Far from Home


(c) Sony Pictures Germany




Inhalt:

Peter Parker (Tom Holland) a. k. a. Spider-Man geht zusammen mit seinen besten Freunden Ned (Jacob Batalon) und MJ (Zendaya), dem nervigen Flash (Tony Revolori) und dem Rest der Bande auf Klassenfahrt nach Europa. Peters Plan, den Superhelden für ein paar Wochen hinter sich zu lassen, wird jedoch schnell wieder verworfen, als der Trip von Nick Fury (Samuel L. Jackson) und seinen Agenten unterwandert und gekapert wird. Spider-Man soll ihnen dabei helfen, die mysteriösen Angriffe gefährlicher, aus Elementen bestehender Monster aufzuklären. Fury und seine rechte Hand Maria Hill (Cobie Smulders) haben für den Kampf bereits außerirdische Verstärkung im Gepäck: Mysterio (Jake Gyllenhaal), der seinem Namen alle Ehre macht, hat seine Heimat an die Kreaturen verloren und schwört Rache. Außerdem nimmt er den nach den Ereignissen aus "Avengers 4" noch immer aufgewühlten und führungslosen Peter Parker unter seine Fittiche. Gemeinsam verfolgen sie die Angreifer quer durch Europa und landen dabei unter anderem in Venedig, Prag, London und Berlin.


Bewertung:

Das MCU ist ja bekannt dafür, immer mal wieder die verschiedensten Genres aufzugreifen – vom klassischen Kriegsfilm („The First Avenger“) über einen 70er-Jahre-Politthriller („The Return Of The First Avenger“) bis hin zu postmodernem Sci-Fi-Klamauk („Thor 3“). Und jetzt ist eben das ur-amerikanische Genre der Highschool-Komödie an der Reihe – nur dass der Lümmel aus der ersten Bank hier eben zugleich mit der schweren Last der Verantwortung ringt, ob er nun um seine große Liebe kämpfen oder doch besser (schon wieder) den Planeten retten sollte. Das fühlt sich natürlich längst nicht so welterschütternd an wie manch früherer MCU-Film, funktioniert aber trotzdem erstaunlich gut. Das liegt vor allem an a) der herausragenden Chemie zwischen Tom Holland und Zendaya sowie b) den umwerfend komischen Co-Stars von Jacob Batalon und Angourie Rice als unwahrscheinliche Turteltäubchen bis Martin Starr und J.B. Smoove als überforderte Pädagogen.

Zu den immer wieder im Sekundentakt zündenden Pointen kommen ein paar ikonische Schauplätze vom Markusplatz in Venedig bis zu einer Berghütte in den österreichischen Alpen, gewürzt mit einer Handvoll grundsolider Actionsequenzen, in denen Spider-Man (in Europa undercover als Night Monkey) und Mysterio gemeinsam gegen Wassermonster und Feuerungeheuer kämpfen. Kann man alles absolut so machen. Sagen wir mal: Gute 3,5 FILMSTARTS-Sterne und etwas, über das sich nach dem „Endgame“-Paukenschlag wohl niemand nachdrücklich beschweren würde. Ein charmanter MCU-Spaß für zwischendurch, ein Superheld auf romantischer Mission; ein bisschen was fürs Herz mit der Action, die in einem Comic-Blockbuster eben einfach nicht fehlen darf. Ein guter, aber längst nicht an der Spitze mitspielender MCU-Film. Aber Pustekuchen!

Denn nach einem „Twist“, von dem ab der ersten Minute jeder weiß, dass er kommt, den wir an dieser Stelle aber natürlich trotzdem nicht verraten werden, feuert „Far From Home“ plötzlich aus allen Zylindern. Zwar fällt das Lüften des Plans noch etwas ausführlich aus (er ist aber auch wirklich kompliziert), doch dann folgt auch sofort eine echte Überraschung auf die nächste. Die (alptraumartigen) Actionsequenzen inklusive einem gleichermaßen kreativen wie epischen Finale an der Londoner Tower Bridge stellen nicht nur alles in der ersten Hälfte Dagewesene locker in den Schatten, sondern zählen sogar zu den bisher stärksten Set-Pieces des gesamten MCU. Gab es zuvor doch die eine oder andere kleine Länge, gerade wenn man auf die romantische Liaison zwischen Peter und MJ nicht hundertprozentig einsteigt, bleibt einem ab hier überhaupt keine Zeit mehr zum Luftholen. Uns fällt jetzt zumindest kein zweiter Marvel-Blockbuster ein, der sich über seine Laufzeit hinweg derart krass gesteigert hat.

Und dann gleich noch die nächste positive Überraschung: Auch mit seinen zwei Abspannsequenzen setzt „Spider-Man: Far From Home“ einen völlig neuen Standard: Wo normalerweise der nächste MCU-Film angeteasert oder noch ein netter kleiner Gag nachgeschoben wird, nutzen die Marvel-Masterminds die zwei kurzen Extraszenen dieses Mal, um alles gerade Gesehene in Frage zu stellen und im selben Moment das „Spider-Man“-Universum in seinen Grundfesten zu erschüttern. Vor „Far From Home“ mag man sich mehr Zeit gewünscht haben, um sich erst einmal angemessen von den Auswirkungen von „Avengers 4: Endgame“ zu erholen. Nach den Abspannszenen kann man es hingegen kaum noch abwarten, endlich MCU-„Spider-Man 3“ auf der großen Leinwand zu sehen. Dass man darauf jetzt volle zwei Jahre warten soll, ist eine wahre Horrorvorstellung.

 
Fazit: 
Auf eine charmant-unterhaltsame erste folgt in „Spider-Man: Far From Home“ eine mit hochtourigen Überraschungen und kreativen Einfällen bis zum Rand vollgestopfte zweite Hälfte. So fühlt sich selbst der 23. MCU-Blockbuster absolut frisch an.


Text (c) by MK

Montag, 27. Mai 2019

John Wick - Kapitel 3


(c) Concorde Filmverleih GmbH



Inhalt:

John Wick (Keanu Reeves) hat die Regeln aller Regeln gebrochen: Er hat den Mafia-Boss Santino D’Antonio (Riccardo Scamarcio) auf dem heiligen Boden des Continental Hotels getötet, weswegen sein Freund und Hotelchef Winston (Ian McShane) ihn aus der Killergemeinschaft ausschließen und ihm alle Rechte als Auftragskiller entziehen muss. Wick erhält von seinem alten Freund jedoch eine Stunde Zeit, bis sein Excommunicado offiziell ausgesprochen wird. Zeit, die der nun Ex-Auftragsmörder nutzt, um sich zu bewaffnen. Denn es sind immerhin auch 14 Millionen Dollar Kopfgeld auf ihn ausgesetzt und die Angreifer werden nicht lange auf sich warten lassen. Als Wick sich die Kopfgeldjäger tatsächlich kaum noch vom Leib halten kann, beschließt er, nicht nur die Stadt New York, sondern auch das Land zu verlassen. Indes leitet aber eine Richterin (Asia Kate Dillon) eine Untersuchung ein und beginnt Wick mithilfe des gewieften Killers Zero (Mark Dacascos) zu jagen. Doch sie jagt nicht nur den ohnehin flüchtigen Wick…


Bewertung:

John Wick Forever“ – das ist das Motto von Keanu Reeves, wie er erst kürzlich in einem Interview verkündete. Er werde den so beliebten Auftragskiller so lange spielen, wie ihn das Publikum sehen wolle. Und das kann dauern. Während „John Wick“ mit 88 Millionen Dollar weltweitem Einspiel (bei einem Budget von 20 Millionen) ein kleiner Kinohit wurde, zahlte sich der Aufbau einer treuen Fangemeinde bei „John Wick: Kapitel 2“ finanziell aus – das Sequel holte 171 Millionen Dollar (bei einen Budget von 40 Millionen) rein. Heißt: „John Wick: Kapitel 3“ wird definitiv ein Geldbringer. Der Charakter ist mittlerweile nicht nur sehr bekannt, sondern auch Kult. Und vor allem ist „John Wick: Kapitel 3“ ein richtig starker Film, der den Fans mehr von den geliebten Zutaten der Vorgänger gibt und diese dabei zumeist einfallsreich variiert. Da der Hauptdarsteller bereits 54 Jahre alt ist, hat sein Wirken als kraftstrotzender Killer zwar ein Haltbarkeitsdatum, das aber bei Reeves nicht so schnell ablaufen wird, weil der Star so wie fit ist, wie sonst wahrscheinlich in der A-Liga nur Tom Cruise (56 Jahre alt), der in seinen „Mission: Impossible“-Filmen ähnlich Vollgas gibt.

Dass sich „John Wick“ im zweiten Aufguss immer noch frisch anfühlt, hat mehrere Gründe. Chad Stahelski, der den ersten Teil gemeinsam mit „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“-Regisseur David Leitch inszenierte, und danach allein weitermachte, baut mit seinem Drehbuchautoren-Team den Mythos dieser Unterwelt, in der Goldmünzen das logische Zahlungsmittel sind und die Waffen nicht extravagant genug sein können, sorgfältig und unfassbar stilvoll und supercool immer feiner aus. Das beginnt schon mit der herrlich altmodisch kommunizierten Ankündigung des Excommunicado. Der Zuschauer fühlt sich wie in einem Parallel-Universum, das direkt vor den Augen der normalen Welt existiert – man muss nur wie bei Bahnsteig 9 ¾ in der „Harry Potter“-Saga den richtigen Eingang finden. Dann gelangt man in ein Reich voller Pracht, Gewalt und Exzess. Der Ehrenkodex hält alles zusammen – und den hat John Wick verletzt, was einen nachhaltigen Konflikt auslöst. Denn von nun an ist er nirgends mehr sicher. Der Killer hat keinen Rückzugsort mehr, wie die treibenden ersten Minuten verdeutlichen, in denen gefühlt jeder zweite Mensch auf den New Yorker Straßen es auf ihn abgesehen hat.

In Sachen Action lässt sich Stahelski als Stunt-Spezialist eine Menge einfallen und variiert reichlich. Auf den brachialen ersten Nahkampf mit einem scheinbar übermächtigen Gegner in der edlen Bibliothek folgt so wenig später eine Schießerei und Messerstecherei in einem Museum, bei der die Kontrahenten mit letztem Überlebensinstinkt Vitrinen zertrümmern, um sich mit antiken Waffen zu töten. Sogar die seit dem ersten Teil legendäre Kopfschuss-aus-nächster-Nähe-Action bekommt eine neue Seite, als Wick von so schwer gepanzerten Gegnern angegriffen wird, dass seine bewährte Taktik nicht zum Erfolg führt. Da muss Wick dann die ganz schweren Geschütze auffahren, um die Köpfe seiner Kontrahenten wegzusprengen. Auch John Wick auf einer Verfolgungsjagd zu Pferd durch New York City muss man unbedingt gesehen haben. In dieser und den meisten weiteren Momenten schwingt immer eine unverkennbare Ironie mit (Wir sagen nur: „Ich brauche mehr Feuerkraft“), ohne die „John Wick“ bei all den ultrabrutalen Gemetzeln nur schwer zu ertragen wäre.

Eine zwischenzeitliche Luftveränderung, die den Antihelden nach Casablanca ins marokkanische Hotel Continental führt, ist allerdings nur eine nette Zwischenepisode, denn eigentlich will man ihn im Dunstkreis des New Yorker Gangster-Edelhotels sehen und nicht als „John Wick von Arabien“. Im exotischen Setting Nordafrikas hinterlässt Gaststar Halle Berry („Stirb an einem anderen Tag“) als widerspenstige, alte Freundin Sofia aber einen bleibenden Eindruck – das liegt vor allem an der herausragenden „Hunde-Sequenz“ (mehr sei hier nicht verraten), die Szenenapplaus verdient. Apropos Nebenfiguren: Die sind wieder einmal großartig. Besonders Ian McShane („American Gods“) als stilbesessener Hotelchef Winston, Asia Kate Dillon („Orange Is The New Black“) als hartnäckige Hohe-Kammer-Richterin, Lance Reddick als loyaler Congierge, Anjelica Huston als Mafia-Patin sowie Laurence Fishburne („Matrix“) als Unterweltboss Bowery King stechen heraus, weil diese schillernden Figuren wunderbar die Extravaganzen der Action spiegeln und die Atmosphäre verdichten. Die härtesten Handkanten schlägt aber Mark Dacascos als John Wicks Hauptgegner, wobei hier – anders als bei den Aufgezählten – der Charakter Zero kaum eine Rolle spielt, sondern nur dessen Physis.

 
Fazit: 
Hammerharte Action, starke Figuren und viel Atmosphäre - mit dem intensiven und ideenreichen Kugelhagel „Kapitel 3“ hält Zeremonienmeister Chad Stahelski die „John Wick“-Reihe weiterhin auf der Höhe der Zeit.


Text (c) by MK

Mittwoch, 24. April 2019

Avengers - Endgame


(c) Walt Disney Germany



Inhalt:

Thanos (Josh Brolin) hat also tatsächlich Wort gehalten, seinen Plan in die Tat umgesetzt und die Hälfte allen Lebens im Universum ausgelöscht. Die Avengers? Machtlos. Iron Man (Robert Downey Jr.) und Nebula (Karen Gillan) sitzen auf dem Planeten Titan fest, während auf der Erde absolutes Chaos herrscht. Doch dann finden Captain America (Chris Evans) und die anderen überlebenden Helden auf der Erde heraus, dass Nick Fury (Samuel L. Jackson) vor den verheerenden Ereignissen gerade noch ein Notsignal absetzen konnte, um Verstärkung auf den Plan zu rufen. Die Superhelden-Gemeinschaft bekommt mit Captain Marvel (Brie Larson) kurzerhand tatkräftige Unterstützung im Kampf gegen ihren vermeintlich übermächtigen Widersacher. Und dann ist da auch noch Ant-Man (Paul Rudd), der wie aus dem Nichts auftaucht und sich der Truppe erneut anschließt, um die ganze Sache womöglich doch noch zu einem guten Ende zu bringen...


Bewertung:

Nach dem ungläubigen Schock, der einem beim Beobachten des allgemeinen Superhelden-Verwehens am Ende von „Infinity War“ unweigerlich in die Glieder gefahren ist, wird das Fingerschnipsen von Thanos in „Endgame“ noch einmal aus einer anderen Perspektive beleuchtet: Gleich in der perfekt gewählten Auftaktszene auf dem Bauernhof von Hawkeye (Jeremy Renner) und seiner Familie wird auf eindringliche Art verdeutlicht, was für ein niederschmetternder Schicksalsschlag wirklich für jeden einzelnen hinter dieser kosmischen Katastrophe steckt. Die erste halbe Stunde von „Endgame“ entpuppt sich dann auch als reine Trauerarbeit. Mit einem emotionalen, das letzte bisschen Hoffnung vaporisierenden Tiefpunkt für die Avengers, den in dieser Form wirklich niemand hat kommen sehen: Nach all der Vorarbeit entpuppt sich ausgerechnet der „Sieg“ über Thanos als der wohl unrühmlichste Moment in der Geschichte der Avengers, in dem sich selbst ein Thor trotz wütend geschwungener Riesenaxt als armes hilfloses Würstchen erweist.

Da bekommt man nach dem mit Action vollgestopften „Infinity War“ halt mal ein paar Minuten Zeit zum Durchatmen. Zeit genug ist ja, schließlich ist „Endgame“ der bisher klar längste Film im MCU (und es ist auch nicht davon auszugehen, dass dieser Rekord so bald gebrochen werden wird). Aber mit der Einschätzung, es handle sich bei der ersten Stunde bestimmt nur um die Ruhe vor dem Sturm, liegt man ganz schön daneben, denn die Russo-Brüder wahren auch anschließend eine gewisse, ebenso angenehme wie unerwartete Zurückhaltung. Statt sich dem puren Schauwerte-Bombast hinzugeben, hat „Endgame“ gemessen an der Gesamtlaufzeit so wenige Actionszenen wie kaum ein anderer Film aus dem MCU. Wir schätzen, dass man insgesamt nur auf eine gute halbe Stunde kommt, kurze Prügeleien inklusive.

Trotz der Trostlosigkeit der Situation haben die Macher übrigens keine Scheu davor, einige der Avengers in Sachen Humor endgültig völlig von der Leine zu lassen. Allen voran den Hulk Bruce Banner (Mark Ruffalo), der in seiner neuen, dauerhaften Zwitter-Identität die bisher beste Form für einen zuverlässigen Gag-Lieferanten gefunden hat: Statt mal genialer Wissenschaftler, mal grünes Muskelmonster, ist er jetzt beides auf einmal – und dieser wandelnde Widerspruch wird von den Autoren auch konsequent für trockenhumorige Pointen ausgeschlachtet. Besonders köstlich: Banners Versuch, sich als wütender Hulk auszugeben – woraufhin er am Rande der Schlacht von New York grandios-gelangweilt auf ein paar parkende Autos „einprügelt“. Mark Ruffalo versteht es halt, selbst in der Rolle eines grünen Riesen mit einem herrlichen Understatement zu glänzen. Wahrscheinlich sollte man ihm wirklich keinen eigenen MCU-Film widmen, denn er ist einfach der perfekte Sidekick und als solchen wollen wir ihn auch in Zukunft nicht missen.

Dabei sind viele der Gags gar nicht mal sonderlich anspruchsvoll, stattdessen geht es vornehmlich um Selfies, Popos und Plauzen. Aber was soll’s, solange die Pointen derart zuverlässig ihr Ziel treffen, ist das ja völlig egal. Und eine solche Trefferquote bei den Gags erreichen eben selbst die meisten ausgewiesenen Komödien nicht mal ansatzweise. Der schwierigste Spagat gelingt dabei übrigens Thor-Darsteller Chris Hemsworth: Der Donnergott ist nach seinem dreifachen Scheitern im Finale von „Thor 3“, im Finale von „Infinity War“ und nun bei der erneuten Konfrontation mit Thanos von Schuldgefühlen durchfressen. Aber im selben Moment präsentiert sich Comedy-Profi Hemsworth („Vacation, „Ghostbusters“) als saufende Superhelden-Parodie auf Jeff Bridges‘ Coen-Brüder-Kultfigur The Dude. Klingt nach keiner guten Kombination, aber selbst seine an Mobbing grenzenden Wutausbrüche beim „Fortnite“-Daddeln tun der tiefen Tragik seiner Figur keinen Abbruch. Eine gelungene Gratwanderung, die bei einem Absturz aber auch den ganzen Film ins Lächerliche hätte ziehen können.

Crossover haben speziell im Comic-Genre eine lange Tradition. Aber wer hätte gedacht, dass sich „Avengers 4“ letztendlich als Quasi-Crossover aus „Zurück in die Zukunft“ und „The Big Lebowski“ entpuppen wird? Denn nach dem emotionalen Wundenlecken mit beißendem Galgenhumor in der ersten Stunde entwickelt sich „Endgame“ in seinem Mittelteil zu einer intergalaktischen, interdimensionalen Superhelden-Version von „Ocean’s Eleven“. Um an die Infinity-Steine zu kommen, bevor sie sich Thanos an seinen Handschuh stecken kann, reisen die in Teams aufgeteilten Avengers zu verschiedenen Orten und Situationen aus früheren MCU-Filmen zurück. Hier zahlt sich die immense Vorarbeit in den bisherigen 21 Filmen der Reihe am deutlichsten aus.

Die Regie-Russos können hier eine schier unglaubliche Masse an bekannten Figuren und Situationen einsetzen, ohne sich dabei auch nur einen Deut um Exposition kümmern zu müssen. Wer gar keinen MCU-Film kennt, erlebt deshalb zumindest mal die Blockbuster-Version des Gefühls, in seine erste Folge „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ reinzuschalten. Da kommt man als Marvel-Kenner aus dem Staunen kaum noch raus, welche Stars und Figuren aus dem MCU noch alles für einen Cameo-Auftritt vorbeischauen. Der ultimative Fanservice: Nachdem das Finale von „Infinity War“ noch jedem Zuschauer gleichermaßen den Boden unter den Füßen weggezogen hat, wendet sich der Mittelteil von „Endgame“ nun speziell an die treuen Fans des MCU. Aber auch wenn man sich über jeden der kurzen Gastauftritte im ersten Moment freut, sind nicht alle für die Handlung des Films gleichermaßen wichtig. Manche kratzen zumindest an der Grenze zum bloßen Selbstzweck.

In diesem leider etwas ausgefransten Abschnitt, bei dem das Tempo – auch wegen der vielen Cameos - mitunter doch deutlich nachlässt, halten die Russos die etlichen Storyfäden zwar mit einer erstaunlichen Sicherheit zusammen. Aber eigentlich steht das Bangen um den positiven Ausgang der Mission hier eh nur an zweiter Stelle. Stattdessen gibt es viele starke Einzelmomente, die in jedem anderen MCU-Film als Höhepunkt durchgehen würden, aber hier fast schon im Minutentakt auf den Zuschauer einprasseln. Selbst wenn das ständige Hin-und-Her-Springen es nicht ganz leicht macht, überall gleichermaßen emotional involviert zu bleiben, sind die Figuren, Schauplätze und Genres in diesem Abschnitt einfach derart divers, dass trotz der MCU-Rekordlaufzeit dennoch nie Langeweile aufkommt.

Natürlich geht es dabei vordergründig darum, die Verwehten zurückzuholen. Aber den eigentlichen emotionalen Kern bilden dennoch die drei Stark-Generationen Tony Stark, sein Vater Howard (John Slattery) und seine Tochter Morgan. Dabei wird für Tony zu Beginn ein klassisches philosophisches Dilemma (ähnlich dem berühmten Trolley-Problem) eingeführt: Es sieht zunächst nämlich ganz so aus, als müsse er sich zwischen dem Leben seiner Tochter (wenn alles rückgängig gemacht wird, dann ja auch sie) und dem Leben der Trillionen von Thanos-Opfern (repräsentiert durch ein Foto von Peter Parker) entscheiden. Aber dann wird dieses etablierte Dilemma einfach fallengelassen – denn die Art und Weise, wie die Zeitreisemechanik schließlich funktioniert, hat eben auch zur Folge, dass sich Tony überhaupt nicht mehr entscheiden muss und der vorherige Aufbau ungenutzt verpufft. Es ist verständlich, dass den Russos dieser Aspekt am Ende womöglich doch zu düstern wurde und sie ihn deshalb ein wenig entschärft haben. Aber sie gehen an so vielen Stellen große Risiken ein, dann hätten sie es ruhig auch hier tun können.

Die einzige größere Action-Sequenz in „Avengers 4“ ist schließlich die finale Schlacht. Aber statt dort dann alles bisher im MCU Gesehene in den Schatten zu stellen, verursacht die Aufstellung der Kontrahenten (ein starkes Bild vor allem dank den feurigen Portalen von Dr. Strange und Wong) mehr Gänsehaut als das anschließende Superhelden-Gekloppe. Die eigentliche Schlacht ist nämlich auch nicht epischer als im Vorgänger und deshalb durchaus eine kleine Enttäuschung. Aber zu diesem Zeitpunkt ist man gedanklich eh schon halb bei den Abschlüssen, die die Russos für ihre mehr als 20 Superhelden bereithalten. Und auch wenn es auf den ersten Blick den Anschein haben mag, als leide „Avengers 4“ an einem ähnlichen Zu-viele-Enden-Problem wie etwa „Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs“, muss man zurückschauend doch sagen: Wenn jedes einzelne Ende solch einen emotionalen Punch entwickelt wie hier, dann dürfen die Russos davon gerne beliebig viele aneinanderreihen.

„Avengers 4“ hinterlässt das MCU trotz der hochkarätigen Abgänge von Robert Downey Jr. und Chris Evans (Scarlett Johansson ist ja zumindest noch in ihrem eigenen Solo-Prequel dabei) in einem phänomenalen Zustand für die ungewisse Zukunft nach dem offiziell noch zu Phase 3 zählenden „Spider-Man: Far From Home“. Aber der Film selbst bringt tatsächlich erstmal, wie im Vorfeld ja auch schon vollmundig angekündigt, alle bisherigen 22 MCU-Filme zu einem gemeinsamen, großartigen Abschluss. Das Gefühl des Films spiegeln deshalb auch die vorab erschienenen Story-Trailer gar nicht so gut wider. Viel näher dran ist da schon die Vorschau, in der erst einmal auf die vorherigen 21 Filme zurückgeschaut und ihre Bedeutung für das MCU als Ganzes unterstrichen wird. Bei den Einblendungen der Avengers im Abspann ist deshalb auch noch einmal minutenlange Gänsehaut angesagt – und selbst der Post-Credit-Moment ist für diesen Anlass einfach perfekt gewählt.

 
Fazit: 
Joe und Anthony Russo haben mit „Avengers 4: Endgame“ einen Film geschaffen, wie es ihn noch nie zuvor gegeben hat – sie bringen 22 Filme auf einmal zu einem Abschluss, sicher nicht frei von Schwächen, aber trotzdem höchstbefriedigend.



Text (c) by MK

Dienstag, 16. April 2019

Hellboy - Call of Darkness


(c) Universum Film GmbH



Inhalt:

Der Halbdämon Hellboy (David Harbour) hat im Kampf gegen das Böse diesmal einen ganz besonderen Auftrag: Mit frisch geschärftem Schwert, seinen blutroten Hörnern und der legendären steinernen Faust muss er der mächtigen Hexe Nimue (Milla Jovovich) und dem Monster Gruagach Einhalt gebieten. Gemeinsam mit anderen mythischen Wesen wollen die beiden Tod und Zerstörung über die Welt der Menschen bringen. Doch um das zu schaffen, brauchen sie noch jemanden: Nämlich keinen geringeren als Hellboy! Im Gegensatz zu seinem gegenwärtigen Ziel, das Böse zu vernichten, war seine einstige Bestimmung, den Weltuntergang herbeizuführen. Doch sein Ziehvater Professor Broom (Ian McShane) holte ihn auf die gute Seite und setzte ihn als Spezial-Agent auf die Monster dieser Welt ein. Hellboy wird von Broom für einen wichtigen Auftrag nach London geschickt. Zeitgleich hinterlässt Nimue eine Schneise der Verwüstung in ganz England. Hellboy und seine Mitstreiter Anna (Sasha Lane) und Ben (Daniel Dae Kim) sehen sich plötzlich nicht nur mit einer völlig neuen Armee der Finsternis konfrontiert, sondern auch mit ihren eigenen Dämonen, die tief in ihnen schlummern...


Bewertung:

Bewunderer der vorherigen Verfilmungen werden im Reboot nicht allzu viel finden, was sie jenseits der Titelfigur und einiger Handlungsfragmente noch an die Annäherung von del Toro an die „Hellboy“-Saga erinnert. Wer sich schon damals mehr Nähe zur eher düster-brutalen Comic-Vorlage und somit mehr Horror als Fantasy gewünscht hat, kommt da schon viel eher auf seine Kosten. Mignolas Drehbuchidee zur Weiterführung der ersten beiden Teile wurde schließlich doch nicht verwendet. Man entschloss sich lieber, del Toros Vorarbeit komplett zu ignorieren und stattdessen mehr oder weniger von vorn zu beginnen. Der Erfinder der Story blieb der Produktion dennoch eng verbunden und las laut Presseheft jeden neuen Skriptentwurf, um den angeheuerten Autor Andrew Cosby ausführlich Feedback zu seiner Adaption von Elementen aus den „Hellboy“-Sammelbändern „Ruf der Finsternis“, „Die wilde Jagd“ und „Der Sturm“ zu geben. Der für seine offenen, auch schon mal kritischen Meinungsäußerungen bekannte Mignola lobte zudem ausdrücklich die Verpflichtung von Neil Marshall. Die macht auch tatsächlich Sinn, denn dank Kinoarbeiten wie „Dog Soldiers“ oder „Doomsday - Tag der Rache“ hat der Mann bereits ausgiebig Erfahrung mit apokalyptischen Horrorszenarien. Außerdem kennt er sich aufgrund von Einsätzen für TV-Serien wie „Game Of Thrones“ oder „Westworld“ mit ins Übernatürliche kippenden Dramen aus.

„Hellboy - Call Of Darkness“ hat dabei ein für vergleichbare Projekte fast schon mickriges Budget. Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber das Forbes Magazine schätzt die Gesamtkosten des in Bulgarien und Südengland gedrehten Werks auf etwa 40 Millionen US-Dollar. Del Toro hatte die voraussichtlichen Kosten für seine Vision zu einem dritten Opus damals übrigens auf 120 Millionen taxiert – was dessen Chancen sicher nicht erhöhte. Das bescheidene Budget ist den insgesamt zumindest soliden Spezialeffekten zwar in einzelnen Szenen anzusehen, aber das Gros der Sequenzen findet ohnehin in eher dunklen Kulissen statt, in denen nicht immer alles haarklein detailliert sein muss. Zwei große Actionszenen (Hellboys Kampf mit einem Trio miesgelaunter Riesen in sonnendurchfluteter Landschaft und das große Finale in einer weißgetünchten Kirche) sind allerdings gut ausgeleuchtet und da sieht dann durchaus auch mal das eine oder andere Element wie aus einem Computerspiel aus.

Um es noch einmal klar zu sagen: Es handelt sich hier um einen Reboot, aber nicht um eine klassische Origin-Story. Als das Publikum den Höllenbengel trifft, ist er längst als Dämonen- und Monsterjäger etabliert. Es gibt zwar im weiteren Verlauf noch eine Rückblende zu seiner Ankunft auf der Erde – inklusive Nazis, Rasputin und allem Pipapo. Diese ist jedoch angenehm knapp und trägt geschickt zum besseren Verständnis der Ereignisse in der Gegenwart bei. Das Ganze wirkt insgesamt weit dreckiger, rauer und weniger verspielt als die Vorgänger, weil die Optik – zur Stimmung der Story passend – düsterer und erdiger gehalten ist. Auch gibt es kaum Ablenkungen in Form von augenzwinkernden Anspielungen auf andere Werke der Popkultur.

Abgesehen von einigen nicht zwingend nötigen Sub-Plots wie der mit einer weiteren Hexe oder die Auftritte von Monsterjäger-Kollege Lobster Johnson geht es im Reboot nun deutlich geradliniger zur Sache. Vor allem die Kämpfe und Showdowns mit den diversen Antagonisten muten längst nicht so übertrieben und ermüdend in die Länge gezogen an wie bei den meisten großen Comic-Verfilmungen. Gewalt und Gore kommen aufgrund explizit gezeigter Aktionen wie dem Wegreißen eines Unterkiefers, dem Abtrennen von Gliedmaßen oder der Häutung eines menschlichen Gesichtes sehr deftig daher. Die FSK-Bewertung ab 16 Jahren (statt ab 12 wie bei den Vorgängern) ist jedenfalls redlich verdient.

David Harbour überzeugt unterdessen vom ersten Auftritt an in der Titelrolle. Der Amerikaner legt den Part mit großer Autorität und erheblich wütender an als damals Perlman, dessen Hellboy immer einen eher resignierten, niedergeschlagenen Eindruck machte. Gemein ist ihnen hingegen der beißende Sarkasmus ihrer Oneliner. Wobei Harbour auch diese harscher rüberbringt als der Kollege. Umso größer ist dann der Effekt, wenn er zwischendurch auch mal seine sanftere Seite zeigt, allen voran in eigentlich allen Szenen, in denen Hellboy mit Alice interagiert.

Milla Jovovichs Spiel ist dagegen sehr eindimensional. Was auch damit zu tun hat, dass Nimue sich als eher langweilige Antagonistin entpuppt, die nur fies zu sein scheint, um, nun ja, fies zu sein. So bleibt dem „Resident Evil“-Star meist wenig anderes übrig, als aufreizend langsam zu sprechen und dabei sinister mit den Augen zu funkeln. Da wissen die Auftritte von Daniel Dae Kim („Lost“) und insbesondere der erfrischend emotional rüberkommenden Sasha Lane als Hellboys Helfer und Freunde schon besser zu gefallen. Dürfen sie doch – trotz jeweils begrenzter Screentime – Figuren mit mehr Tiefe und Ambivalenz verkörpern als Jovovich. Ian McShane schließlich ist auf seine übliche, trockene Art klasse wie immer. Als Professor Broom hat er ein paar berührende Momente mit seinem Ziehsohn, abseits davon aber leider auch nicht allzu viel zu tun.

Im Ganzen ist „Hellboy - Call Of Darkness“ unterhaltsam, wegen diverser Klischees und Plattitüden, speziell in den oft eher einfach gehaltenen Dialogen, aber längst auch nicht rundherum gelungen. Das liegt auch an den tiefschwarzen Humor-Einlagen. Viele Gags zünden zwar, wirken gelegentlich aber trotzdem deplatziert, weil sie den Zuschauer aus der Atmosphäre herauszerren. So hätte man sich letztlich eine noch ernsthaftere Interpretation des Stoffs gewünscht, die sich zu 100 Prozent dem gelungen-finster visualisierten Ambiente angleicht. Zum Finale der größtenteils flott vergehenden 121 Minuten wird dann noch ganz offen ein Sequel angeteasert. Dort wären dann noch mehr Konsequenz und Mut in Sachen Düsterkeit und Direktheit erstrebenswert.

 
Fazit: 
Der deutlich brutalere Reboot unterhält, ohne dabei restlos zu überzeugen. Sicherlich keine Enttäuschung, in einem angeteaserten Sequel wäre aber dennoch noch einige Luft nach oben.



Text (c) by MK

Freitag, 5. April 2019

Shazam!


(c) Warner Bros GmbH



Inhalt:

Der 14-jährige Billy Batson (Asher Angel) ist ein Waisenjunge und lebt bei einer Pflegefamilie. Doch als er eines Tages auf einen jahrhundertealten Magier (Djimon Hounsou) trifft, verleiht ihm dieser eine mysteriöse Macht. Fortan kann sich Billy, wenn er das Wort SHAZAM! ruft, in den erwachsenen Superhelden Shazam (Zachary Levi) verwandeln. Plötzlich steckt er nicht nur in dem Körper eines durchtrainierten Hünen, sondern hat nahezu gottgleiche Superkräfte. Überschwänglich und etwas leichtsinnig geht Billy daran, gemeinsam mit seinem Freund Freddy (Jack Dylan Grazer) seine neugewonnenen Fähigkeiten als Shazam auszuprobieren, und tatsächlich ist es gar nicht so einfach, Superstärke, Fliegen und Blitze zu kontrollieren. Doch bald muss er seine Kräfte für mehr einsetzen als die Schule zu schwänzen. Denn in der Gestalt von Dr. Thaddeus Sivana (Mark Strong) naht eine tödliche Gefahr und nur Billy kann den Bösewicht stoppen...


Bewertung:

An einer Stelle des Films belauern sich die vor der Skyline Philadelphias in der Luft schwebenden Shazam und Silvana mit einigen Kilometern Abstand. Aber bevor die Kontrahenten aufeinander zurasen und sich gegenseitig durch Hochhäuser rammen, hält Silvana noch eine dieser typischen Bösewicht-Ansprachen – nur versteht Shazam aus der Entfernung natürlich kein Wort. Ein ebenso cleverer wie amüsanter Seitenhieb auf den Kollegen Superman, bei dem solche luftigen Stand-offs zwar andauernd vorkommen, aber merkwürdigerweise nie zu solchen Kommunikationsproblemen führen. Trotzdem ist „Shazam!“ – anders als „Deadpool“ – nicht in erster Linie eine mit Meta-Elementen vollgestopfte Genreparodie. Stattdessen verwendet Regisseur David F. Sandberg zunächst einmal angenehm viel Zeit darauf, seinen jugendlichen Protagonisten und dessen neue Ersatzfamilie vorzustellen.

Die Schauspieler haben vor und während der Dreharbeiten so viel Zeit miteinander verbracht, dass sie sich selbst schließlich sogar den Namen „Shazamily“ gegeben haben. Das hört sich im ersten Moment natürlich nach dem üblichen Marketinggelaber an – aber selbst wenn, die Chemie zwischen den Mitgliedern der Pflegefamilie ist nichtsdestotrotz herausragend. Vor allem „Es“-Shootingstar Jack Dylan Grazer stiehlt als Billys neuer Bruder Freddy Freeman mit seinen trockenen Kommentaren immer wieder die Show – dabei hat er nicht nur keine Superkräfte, er geht wegen einer Gehbehinderung sogar an einer Krücke. Nach den ersten gut 20 Minuten von „Shazam!“ ist es einem fast egal, ob sich der Film nun noch zu einem Superheldenfilm entwickelt oder nicht, man möchte einfach nur mehr Zeit mit dieser Familie verbringen. Und aus diesem stabilen emotionalen Fundament heraus entwickeln dann auch die plötzlichen Superkräfte einen ganz anderen Punch...

Wenn sich etwa Brie Larson am Ende von „Captain Marvel“ den ihre Fähigkeiten unter Kontrolle haltenden Chip aus dem Nacken reißt und so noch viel mehr Kraft zur Verfügung hat, dann haut einen das nun wirklich nicht mehr vom Hocker. Sowieso spielen die Superkräfte im MCU wie im DCEU inzwischen nur noch eine sehr untergeordnete Rolle. Bei „Shazam!“ ist das allerdings anders: Dank dem „Big“-Twist, dass hier ein Teenager nicht nur wie Spider-Man plötzlich über Kräfte verfügt, sondern in einem erwachsenen Superheldenkörper steckt, erlangen die Fähigkeiten plötzlich wieder eine ganz andere Bedeutung. Wobei die Gewichtung wiederum für allerlei amüsante Augenblicke sorgt: Für einen Teenager ist es eben auch schon ziemlich cool, Bier kaufen zu dürfen oder leere Handys in Sekundenschnelle aufladen zu können. Da sind eine kugelsichere Haut und übermenschliche Stärke nur noch nette Dreingaben...

Zachary Levi ist dabei der perfekte Mann für die Rolle als frischgebackenes Superhelden-Alter-Ego Shazam (der in den 1939 erstmals erschienen Comics übrigens noch Captain Marvel hieß, was inzwischen aus naheliegenden Gründen allerdings geändert wurde). Dass sich der eigentlich eher hagere „Chuck“-Star für den Part reichlich Muskeln antrainiert hat, ist dabei gar nicht mal in erster Linie für seine Glaubwürdigkeit als Superheld von Bedeutung – das hätte man allein mit Tricks beim Kostüm auch irgendwie hinbekommen. Aber man spürt einfach, dass Levi eigentlich nicht in diesen Bodybuilding-Körper hineingehört, auch er selbst sich erst einmal an die Muskelmassen gewöhnen muss. Damit geht es ihm genau wie Billy, der ja ebenfalls von einem Moment auf den nächsten mit einem völlig ungewohnten Körper klarkommen muss – und die die meist wunderbar trockenen Comedy-Elemente liegen dem schlagfertigen Schauspieler sowieso im Blut.

Die Actionsequenzen sind zwar trotz einem Budget von „nur“ 80 Millionen Dollar (halb so viel wie bei „Aquaman“) tricktechnisch auf der Höhe, aber meist dem Humor und der Charakterentwicklung untergeordnet. Mark Strong („Kick-Ass“) spielt einen typischen Comic-Bösewicht, den er vor allem mit seinem eigenen abgründigen Charisma auflädt, weil ihm das Drehbuch nicht viel mehr als Allmachtsfantasien zur Verfügung stellt. Wobei ein Gimmick dann doch sehr cool ist: Sivana verdankt seine Kraft den sieben Todsünden, die zuvor als versteinerte Gargoyles in Shazams Höhle herumstanden und die sich nun in seinem Körper eingenistet haben. Und sobald er die Dämonen aus sich herausschickt, um ihm beim Unheilanrichten zu helfen, ist der ausgewiesene Horror-Experte Sandberg merklich in seinem Element: Vor allem die Einstellung durch eine milchige Glasfassade bei einer blutig endenden Vorstandssitzung sticht als herrlich böse heraus.

Dass Billy im Körper von Shazam als Blitze verschießender Straßenkünstler auftritt, um die so verdienten Dollar anschließend in einem Stripclub zu verprassen, versprüht direkt einen gewissen „Lockere Geschäfte“-Vibe – und die Höhle des Zauberers erinnert sofort an die 80er-Fantasy-Ära von „Gremlins“ bis „Ghostbusters“. Auch wenn „Shazam!“ in der Gegenwart spielt, verkörpert er die Achtziger besser als „Captain Marvel“ die Neunziger, und dass, obwohl der Marvel-Konkurrent ja tatsächlich in diesem Jahrzehnt angesiedelt ist. Der Geist von Teen-Film-Guru John Hughes und Steven Spielbergs Amblin Entertainment ist in „Shazam!“ jederzeit präsent. Gut so.

Fazit: 
Schlagfertig. Berührend. Lustig. Ein Comic-Blockbuster für alle, die auch mal eine Auszeit vom stumpfen Aufrüstungswahn im Superhelden-Genre brauchen. 


Text (c) by MK

Donnerstag, 28. Februar 2019

Hard Powder (2019)

(c) StudioCanal Deutschland



Inhalt:

In Kehoe, einem verschneiten Skigebiet der Rocky Mountains, zeigt das Thermometer Minus 10 Grad an. Für den Schneepflugfahrer Nels Coxman (Liam Neeson) sind das perfekte Bedingungen. Er führt mit seiner Familie ein bescheidenes Leben, was sich allerdings schlagartig ändert, als sich sein Sohn mit dem Drogenboss Viking (Tom Bateman) einlässt und kurz darauf auf dessen Anordnung ermordet wird. Nels will Rache und sieht keinen anderen Weg, als sich selbst mit dem Drogenkartell anzulegen. Schnell wird allen Beteiligten klar: Das Kartell hat Nels ganz gewaltig unterschätzt, denn der dezimiert die Gangsterbande nach und nach.Und während Viking seinen ehemaligen Rivalen White Bull (Tom Jackson) für das Ableben von Nels' Sohn verantwortlich macht, entsteht ein eiskalter Bandenkrieg, der die schneeweißen Hänge der Berge sind schon bald blutrot färbt.


Bewertung:

Für ihr US-Remake von „Einer nach dem anderen“ haben sich die Produzenten der Einfachheit halber gleich an Original-Regisseur Hans Petter Moland gewendet. Das spricht nicht unbedingt für einen erfrischend-neuartigen Ansatz. Aber dafür ist der skurrile und nicht einfache Stoff eben auch in sicheren Händen, schließlich kann man hier mit dem Erzählton auch schnell mal neben der Spur landen, wenn man kein Gespür für diese schrägen Typen abseits des monolithisch-bodenständigen Schneepflugpflügers Nels Coxman hat. Ein Selbstplagiat ist „Hard Powder“ deshalb aber nicht unbedingt. Moland behält zwar die Grundpfeiler des Plots und oft auch inszenatorische Details wie die Einblendungen von Friedhofskreuzen nach jedem weiteren Toten bei, verlegt die Handlung aber in die Rocky Mountains und liefert dort nun sogar noch imposantere Panoramen von tiefverschneiten Schneelandschaften als im norwegischen Original – absolut beeindruckende Bilder. Auch was die erzeugte Atmosphäre angeht, passt Moland seinen Film durchaus der Verpflanzung der Story von Norwegen nach Colorado an.

Die Besetzung von Liam Neeson („96 Hours - Taken“, „Run All Night“), einem der rüstigsten Action-Senioren Hollywoods, ist so logisch wie stimmig: In seiner spätgefundenen Paraderolle des wortkargen Aufräumers kann Neeson seinem ähnlich störrischen Vorgänger Stellan Skarsgard durchaus Paroli bieten, wenn er als väterlicher Racheengel kaum eine Miene verzieht und bei seinen brutalen Feldzügen gegen das Böse die Sympathien – allein schon mangels Alternativen in dieser abgrundtief verabscheuungswürdigen Welt – sicher auf seiner Seite weiß. Dabei fällt die Einführung der Figuren sehr knapp aus, weshalb der Sprung vom besorgten Familienvater zum Rache-Berserker, der seine Opfer brutal ermordet und anschließend mitleidlos entsorgt, wie schon im Original sehr knapp und plötzlich anmutet. Aber „Hard Powder“ lebt sowieso nicht von der Tiefe seiner Charaktere, sondern von deren oft köstlich-abgründigen Absonderlichkeiten.

Etwas Ähnliches gilt auch für die Methoden, mit denen Nels Coxman seine Widersacher ins Jenseits befördert. Jedenfalls haben wir noch niemanden gesehen, der sich in eine Rodemaschine schwingt, einen kompletten Baum in Sekunden zu einem Megarammbock anspitzt und aus mehreren Metern Höhe auf einen im Auto festsitzenden Gangster niederkrachen lässt – ein waschechter Wow-Effekt. Kein Wunder also, dass es die Szene sogar bis aufs Filmplakat von „Hard Powder“ geschafft hat. Regisseur Moland pfeift auf Bodenständigkeit, sondern strebt nach Schauwerten, Skurrilität und natürlich möglichst viel schwarzen Humor, der all die Abscheulichkeiten deutlich leichter verträglich macht.

Und den stoischen Grübler, der auch hart austeilen kann, spielt Neeson mittlerweile im Schlaf. Aber langweilig wird es trotzdem nie. Sein Gegenspieler Tom Bateman („Mord im Orient-Express“) gibt als super-cholerischer Drogenboss Viking Vollgas, während das Talent von Laura Dern („Jurassic Park“, „Big Little Lies“) als kiffend-depressive Mutter in dieser limitierten Rolle weitergehend verschenkt wird. Als wahrer Szenendieb spielt sich hingegen William Forsythe („The Rock“) als Nels‘ extravaganter Bruder ins Gedächtnis. Der Ex-Gangster trug einst den Codenamen „Wingman“  und versucht nun, Nels aus der Patsche zu helfen – was in einer sehr amüsanten „True Romance“-Reminiszenz endet. In diesen Szenen ist „Hard Powder“ ähnlich skurril-komisch wie das Original.

Ansonsten bleibt das Action-Drama konsequent immer eine kleine Spur hinter „Einer nach dem anderen“ zurück. „Hard Powder“ ist schon brutal, wenn ein Gangster nach dem anderen um die Ecke gebracht wird, aber auch nicht so explizit, dass es ein potenzielles Mainstreampublikum allzu sehr vergrätzen könnte. Dieses Muster zieht sich durch den ganzen Film. Etwas weniger Absurdität, etwas weniger Groteske, etwas weniger Wahnsinn – insgesamt etwas weniger Groove, aber immer noch ziemlich unterhaltsam.

Fazit: 
Durchaus ruppig und rau, aber insgesamt weniger radikal – Hans Petter Moland legt seine Gangster-Thriller-Groteske „Einer nach dem anderen“ als mit wunderschönen Schneepanoramen und abgründigen Sonderlingen gespicktes US-Remake selbst neu auf. 


Text by (mk) 

Sonntag, 13. Januar 2019

Robin Hood (2018)

(c) StudioCanal Deutschland



Inhalt:

Der junge Adelige Robin von Locksley (Taron Egerton) verliebt sich in die ebenso schöne wie willensstarke Marian (Eve Hewson). Doch dann wird er einberufen, um in den Kreuzzügen zu kämpfen und als er in seine Heimat zurückkehrt, erkennt er das Land nicht wieder: England ist zu einer von Korruption und Intrigen gezeichneten Gesellschaft geworden, die Reichen schwelgen in Luxus, während es bei den Armen kaum zum Überleben reicht. Robin beschließt, dass er nicht länger wegschauen kann, und nimmt – ausgerüstet mit Maske, Pfeil und Bogen – den Kampf gegen die Ungerechtigkeit im Land und die tyrannische Oberschicht auf. Dabei hat er in dem arabischen Krieger John (Jamie Foxx) einen Verbündeten. Doch die herrschende Klasse will Robins Raubzüge und seinen Kampf für Gerechtigkeit nicht einfach hinnehmen und der gnadenlose Sheriff von Nottingham (Ben Mendelsohn) eröffnet die Jagd nach dem Gesetzlosen…


Bewertung:

Robin Hood führt ein Doppelleben – als Adeliger und Rebell! Robin Hood ist hier also quasi das geheime Superhelden-Alter-Ego von Robin von Locksley. Die Bogenschützen-Variante von Batman. Das ist zumindest auf dem Papier der spannendste neue Ansatz, den die Drehbuchdebütanten Ben Chandler und David James Kelly für ihren Titelhelden bereithalten. Aber selbst aus dieser frischen Idee wird zu wenig herausgeholt. Sogar die Dialogduelle auf einer Party zwischen Robin von Locksley und dem noch ahnungslosen, aber nichtsdestotrotz argwöhnischen Sherriff von Nottingham, quasi dieselbe Konstellation wie bei Clark Kent und Lex Luthor, entwickeln kaum eine Intensität. Diese fehlende Dynamik steht symptomatisch für den Film. „Robin Hood“ mangelt es insgesamt an Pfiff, da kann er noch so auf modern und kinetisch getrimmt daherkommen.

Verkörpert wird Robin Hood diesmal von Taron Egerton, der sich im Casting unter anderem gegen Dylan O’Brien, Nicholas Hoult und Jack Huston durchsetzen konnte. Regisseur Otto Bathurst war sogar so begeistert von ihm, dass er den Dreh seines Films sogar noch einmal nach hinten verschob, weil Egerton erst noch die „Kingsman“-Fortsetzung „The Golden Circle“ zu Ende drehen musste. Aber so ganz erschließt sich einem diese Begeisterung nicht. Egerton mimt zwar routiniert den stets verschmitzt dreinschauenden Actionhelden mit Vorliebe für atemberaubende Pfeil-und-Bogen-Stunts, doch eine eigene Persönlichkeit besitzt sein Robin Hood nicht. Selbst neben eigentlich deutlich weniger wichtigen Figuren wie der seines Nebenbuhlers Will Scarlett (Jamie Dornan überzeugt als sich ganz langsam zum Widersacher entwickelnder neuer Liebhaber von Marian) wirkt der Titelheld vollkommen farblos, was auch daran liegt, dass man über ihn so gut wie nichts erfährt.

Stattdessen erweisen sich Jamie Foxx als von dem unbedingten Willen nach Gerechtigkeit getriebener, hin und wieder schon mal einen kecken Spruch auf den Lippen tragender John sowie der von Ben Mendelsohn fast schon als Karikatur eines Blockbuster-Bösewichts angelegte Sherriff von Nottingham als Szenendiebe, gegen die der Titelheld so ganz ohne Ecken und Kanten einfach nicht bestehen kann. Das sehr offensichtlich auf ein Sequel hinarbeitende Finale lässt da fast schon hoffen, dass in einer etwaigen Fortsetzung möglichst nicht mehr Robin Hood, sondern eine der vielen anderen Figuren im Mittelpunkt stehen möge. (Die Produktionsfirma hat das Skript zu dem damals noch „Robin Hood: Origins“ betitelten Projekt schließlich von Anfang an als Auftakt eines ganzen Cinematic Universe in Auftrag gegeben.)

Visuell fügt sich der im kroatischen Dubrovnik gedrehte „Robin Hood“ in die seit einigen Jahren andauernde Flut modern inszenierter historischer Stoffe ein. Wobei das auf einen hochglänzenden Digitallook getrimmte Mittelaltersetting natürlich zuallererst an Guy Ritchies Neuaufguss der Arthus-Sage erinnert. Einige der Szenen und Schauplätze meint man sogar eins zu eins aus „King Arthur: Legend Of The Sword“ wiederzuerkennen, so ähnlich sind sich der Look, die Kameraarbeit und die Arrangements. Aber auch Justin Kurzels „Assassin’s Creed“ sowie das Remake von „Ben Hur“ haben hier ihre visuellen Spuren hinterlassen – und das hat sowohl positive als auch negative Seiten.

Die haptischen Sets, die gewaltigen Explosionen und die stilsicher inszenierten Kämpfe, in denen eben nicht mit Pistolen rumgeballert, sondern eben mit Pfeil und Bogen geschossen wird, können durchaus überzeugen. Als Höhepunkt des Bogen-Spektakels gibt es sogar eine mit Pfeilen bestückte Gatling Gun! Aber daneben trüben vor allem zwei Dinge das Seherlebnis ungemein: Wenn neben den vielen handgemachten Effekten doch mal eine Szene aus dem Computer stammt, sieht diese dafür umso miserabler aus. Und auch die Kameraarbeit lässt stark zu wünschen übrig. George Steel filmt mit derart unruhiger Hand, dass man in den auf harte Gewalt verzichtenden Actionszenen schnell den Überblick verliert. In Kombination mit dem hektischen Schnitt lässt sich bisweilen kaum noch was von dem regen Treiben auf der Leinwand erkennen. Das ist schade. Denn eigentlich ist die Idee, einen modernen Actionfilm in ein einem klassischen Mittelaltersetting anzusiedeln, ja durchaus vielversprechend. Leider erfüllt sich dieses Versprechen in „Robin Hood“ aber viel zu selten.

Fazit: 
Die Neuinterpretation von „Robin Hood“ sieht dank des hohen Produktionsaufwandes hin und wieder ganz gut aus und punktet mit amüsanten Nebenfiguren. Aber ausgerechnet der Titelheld bleibt bis zum Schluss vollkommen uninteressant und die bewusst gewaltfreien Actionsequenzen sind so hektisch gefilmt und geschnitten, dass man schnell die Übersicht – und damit auch die Lust - verliert. Den Auftakt für ein komplettes Sherwood-Forest-Filmuniversum hat Otto Bathurst also schon mal in den Sand gesetzt.

Text by (mk)

Freitag, 21. Dezember 2018

Aquaman 3D

Facts:
Genre: Action, Abenteuer, Fantasy
Regie: James Wan
Cast: Jason Momoa, Amber Heard, Nicole Kidman, Willem Dafoe
Laufzeit: 144 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Warner Bros GmbH





(c) Warner Bros GmbH


Inhalt:
Aquaman (Jason Momoa), der mit bürgerlichem Namen Arthur Curry heißt, ist als Sohn seines menschlichen Vaters Tom Curry (Temuera Morrison) und seiner atlantischen Mutter Atlanna (Nicole Kidman) berechtigt, den Thron von Atlantis zu besteigen. Doch aktuell regiert sein Halbbruder Orm (Patrick Wilson) das Unterwasserkönigreich und dieser möchte auch die anderen sechs Königreiche der Meere um sich scharen, um gemeinsam einen Krieg gegen die Menschen an der Erdoberfläche zu führen, die seit vielen Jahren die Ozeane verschmutzen. Gemeinsam mit Mera (Amber Heard) macht sich Aquaman auf die Suche nach dem Dreizack des ersten Königs von Atlantis, der seinen Anspruch auf den Thron untermauern würde. Doch das kann Orm nicht zulassen und so hetzt er den beiden den Piraten David Kane alias Black Manta (Yahya Abdul-Mateen II) auf den Hals, der mit Aquaman noch eine Rechnung zu begleichen hat...

Bewertung:
„Aquaman“ ist eine Rosamunde-Pilcher-Schnulze, ein H.P.-Lovecraft-Monsterfilm, ein Indiana-Jones-Abenteuer, eine Fisch-aus-dem-Wasser-Komödie und ein Unter-der-Meeresoberfläche-„Avatar“ mit schwankender Effektqualität in einem. Den daraus fast zwingend resultierenden sehr uneinheitlichen Tonfall des Films darf man durchaus als Kritik verstehen. Trotzdem müssen wir zugeben, dass uns diese Achterbahnfahrt, so rumpelig sie zwischendrin auch sein mag, am Ende der knapp zweieinhalb Stunden doch erstaunlich viel Spaß gemacht hat. Regisseur James Wan wandelt konstant auf dem schmalen Grat zwischen augenzwinkernder Selbstironie und unfreiwilliger Komik, zwischen einer nie zuvor gesehenen Unterwasserwelt und seelenlosem CGI-Bombast, zwischen einer berührenden Geschichte und sonnendurchflutetem Kitsch. Dabei landet der „Saw“-Erfinder ganz sicher nicht immer auf der richtigen, aber fast immer auf der unterhaltsamen Seite.

Nachdem Zack Snyder in seinen drei DCEU-Filmen „Man Of Steel“, „Batman V Superman“ und eben „Justice League“ noch alles einer – je nach Sichtweise – behaupteten oder tatsächlich vorhandenen Ernsthaftigkeit untergeordnet hat, ist es regelrecht erfrischend, mit welcher Konsequenz sich Wan nun in alle noch so widersprüchlichen Elemente seines Comic-Blockbusters hineinstürzt: Bei der von Aquaman durchaus schmalzig aus dem Off kommentierten Liebesgeschichte zwischen „einem Leuchtturmwärter und einer Prinzessin“ dreht er den Weichzeichner auf, bis das Gesicht von Nicole Kidman im Licht der untergehenden Sonne regelrecht zerfließt. Das führt übrigens zu einem ganz wunderbaren Bruch, wenn sie plötzlich einen Trupp atlantischer Soldaten mit ordentlich Wumms im heimischen Wohnzimmer vermöbelt. Und dass im Leuchtturm unter einer süßlichen Schneekugel ausgerechnet ein Buch von H.P. Lovecraft liegt, ist natürlich auch kein Zufall, sondern ein erster Hinweis auf eine fast zwei Stunden später folgende Szene, in der Tausende von Lovecraft’schen Fischmonstern für einen der visuell beeindruckendsten Momente von „Aquaman“ sorgen.

Apropos visuell beeindruckende Momente: Davon gibt es in „Aquaman“ zwar eine ganze Menge, aber daneben finden sich leider fast genauso häufig auch Einstellungen, die zumindest in der 2D-Fassung des Films echt fragwürdig aussehen. Das gilt vor allem für den oft eher merkwürdigen als glaubhaften Unterwasser-Verschwimm-Effekt. Zudem setzt Wan zu oft einfach nur auf bloße Überwältigung, statt uns mit brillanter Qualität oder cleveren Details zu überzeugen. Das gilt etwa für das psychedelisch-schimmernde Atlantis, wo man sich viel mehr Einzelheiten über das Leben am Meeresgrund gewünscht hätte. Und für die finale epische Schlacht, in der unter anderem überdimensionierte Seepferdchen, Krebse und Haie gegeneinander ins Feld ziehen. Klingt super und bietet auch einige echt coole Momente, aber ist insgesamt so überfüllt und unübersichtlich, dass man gerade dann das Interesse zu verlieren droht, wenn Aquaman eigentlich seinen großen Auftritt haben soll. Zumal sich die tonale Uneinheitlichkeit des Films nicht nur zwischen verschiedenen Abschnitten oder Sequenzen, sondern auch innerhalb einzelner Actionszenen zeigt, wenn ein eigentlich ernsthafter Moment plötzlich durch einen unangemessenen Oneliner aufgebrochen wird.

Und mittendrin in diesem wilden Mischmasch, quasi wie der Fels in der Brandung: Jason Momoa, der seinen Mega-Muskelkörper mit einer solch bodenständig-charmanten Selbstverständlichkeit vor der Kamera präsentiert, wie es neben ihm kein zweiter Schauspieler hinbekommt. „Aquaman“ beweist einmal mehr, dass Momoa eigentlich schon längst ein Action-Superstar wie vor ihm Arnold Schwarzenegger oder Sylvester Stallone sein müsste. Dass das bis jetzt noch nicht so richtig hingehauen hat, ist wohl vor allem die Schuld von Marcus Nispel und seinem furchtbaren „Conan“-Remake. Aber egal, besser spät als nie: Es gibt in „Aquaman“ eine Menge Zeitlupe-Einstellungen, die auch aus einer Deo-Werbung stammen könnten, und es gibt eine Menge Oneliner, die auch richtig peinlich hätten ausfallen können, aber Momoa rockt beides gleichermaßen. An seiner Seite erweist sich Amber Heard („Machete 2“, „Drive Angry“) als würdiger Sparringspartner – und zwar in den komödiantischen genauso wie in den actionlastigen Szenen. Bei einer One-Shot-Actionsequenz in Sizilien, in der die Kamera wiederholt und ohne Schnitt zwischen den beiden sich prügelnden Helden hin und her wechselt, ist ihr Part sogar der interessantere: Alkohol tötet!

Von den anderen Darstellern kann sich hingegen keiner nachhaltig in den Vordergrund spielen. Während Willem Dafoe („Spider-Man“) und Patrick Wilson („Watchmen“) souverän ihren Stiefel runterspielen, ist der in „Creed 2“ triumphierende Dolph Lundgren als Xebelianer-König ein offensichtlicher Fremdkörper, der einen immer wieder aus dem Geschehen reißt und dafür im Gegenzug noch nicht mal auf trashige Weise Spaß macht. Ebenfalls blass bleibt Yahya Abdul-Mateen II  als Superpirat Black Manta – und das, obwohl Aquaman dessen Vater Jesse  absichtlich sterben lässt. Das könnte besonders deshalb noch zu einem größeren Problem werden, weil die Rolle von Black Manta nach jetzigem Kenntnisstand in „Aquaman 2“ wohl vom Edel-Handlanger zu dem (oder zumindest einem der) Hauptwidersacher des Helden ausgebaut werden soll. Seinem Auftritt in „Aquaman“ nach zu urteilen, wäre das wahrscheinlich nicht die allerbeste Idee. Sichtlich Spaß hat hingegen Nicole Kidman an ihrem kurzen Part als Schnulzenheldin, die ebenso überzeugend Soldaten den Hintern versohlt wie mit erstaunlichem komödiantischen Timing Goldfische zum Frühstück verspeist.

Fazit: 

Ein erstaunlich guter und unterhaltsamer DC Film, welcher besonders vom Hauptdarsteller lebt und Lust auf Meer macht. Wir vergeben daher tiefseetaugliche 8,5 von 10 Punkte. (mk)