Mittwoch, 24. April 2019

Avengers - Endgame


(c) Walt Disney Germany



Inhalt:

Thanos (Josh Brolin) hat also tatsächlich Wort gehalten, seinen Plan in die Tat umgesetzt und die Hälfte allen Lebens im Universum ausgelöscht. Die Avengers? Machtlos. Iron Man (Robert Downey Jr.) und Nebula (Karen Gillan) sitzen auf dem Planeten Titan fest, während auf der Erde absolutes Chaos herrscht. Doch dann finden Captain America (Chris Evans) und die anderen überlebenden Helden auf der Erde heraus, dass Nick Fury (Samuel L. Jackson) vor den verheerenden Ereignissen gerade noch ein Notsignal absetzen konnte, um Verstärkung auf den Plan zu rufen. Die Superhelden-Gemeinschaft bekommt mit Captain Marvel (Brie Larson) kurzerhand tatkräftige Unterstützung im Kampf gegen ihren vermeintlich übermächtigen Widersacher. Und dann ist da auch noch Ant-Man (Paul Rudd), der wie aus dem Nichts auftaucht und sich der Truppe erneut anschließt, um die ganze Sache womöglich doch noch zu einem guten Ende zu bringen...


Bewertung:

Nach dem ungläubigen Schock, der einem beim Beobachten des allgemeinen Superhelden-Verwehens am Ende von „Infinity War“ unweigerlich in die Glieder gefahren ist, wird das Fingerschnipsen von Thanos in „Endgame“ noch einmal aus einer anderen Perspektive beleuchtet: Gleich in der perfekt gewählten Auftaktszene auf dem Bauernhof von Hawkeye (Jeremy Renner) und seiner Familie wird auf eindringliche Art verdeutlicht, was für ein niederschmetternder Schicksalsschlag wirklich für jeden einzelnen hinter dieser kosmischen Katastrophe steckt. Die erste halbe Stunde von „Endgame“ entpuppt sich dann auch als reine Trauerarbeit. Mit einem emotionalen, das letzte bisschen Hoffnung vaporisierenden Tiefpunkt für die Avengers, den in dieser Form wirklich niemand hat kommen sehen: Nach all der Vorarbeit entpuppt sich ausgerechnet der „Sieg“ über Thanos als der wohl unrühmlichste Moment in der Geschichte der Avengers, in dem sich selbst ein Thor trotz wütend geschwungener Riesenaxt als armes hilfloses Würstchen erweist.

Da bekommt man nach dem mit Action vollgestopften „Infinity War“ halt mal ein paar Minuten Zeit zum Durchatmen. Zeit genug ist ja, schließlich ist „Endgame“ der bisher klar längste Film im MCU (und es ist auch nicht davon auszugehen, dass dieser Rekord so bald gebrochen werden wird). Aber mit der Einschätzung, es handle sich bei der ersten Stunde bestimmt nur um die Ruhe vor dem Sturm, liegt man ganz schön daneben, denn die Russo-Brüder wahren auch anschließend eine gewisse, ebenso angenehme wie unerwartete Zurückhaltung. Statt sich dem puren Schauwerte-Bombast hinzugeben, hat „Endgame“ gemessen an der Gesamtlaufzeit so wenige Actionszenen wie kaum ein anderer Film aus dem MCU. Wir schätzen, dass man insgesamt nur auf eine gute halbe Stunde kommt, kurze Prügeleien inklusive.

Trotz der Trostlosigkeit der Situation haben die Macher übrigens keine Scheu davor, einige der Avengers in Sachen Humor endgültig völlig von der Leine zu lassen. Allen voran den Hulk Bruce Banner (Mark Ruffalo), der in seiner neuen, dauerhaften Zwitter-Identität die bisher beste Form für einen zuverlässigen Gag-Lieferanten gefunden hat: Statt mal genialer Wissenschaftler, mal grünes Muskelmonster, ist er jetzt beides auf einmal – und dieser wandelnde Widerspruch wird von den Autoren auch konsequent für trockenhumorige Pointen ausgeschlachtet. Besonders köstlich: Banners Versuch, sich als wütender Hulk auszugeben – woraufhin er am Rande der Schlacht von New York grandios-gelangweilt auf ein paar parkende Autos „einprügelt“. Mark Ruffalo versteht es halt, selbst in der Rolle eines grünen Riesen mit einem herrlichen Understatement zu glänzen. Wahrscheinlich sollte man ihm wirklich keinen eigenen MCU-Film widmen, denn er ist einfach der perfekte Sidekick und als solchen wollen wir ihn auch in Zukunft nicht missen.

Dabei sind viele der Gags gar nicht mal sonderlich anspruchsvoll, stattdessen geht es vornehmlich um Selfies, Popos und Plauzen. Aber was soll’s, solange die Pointen derart zuverlässig ihr Ziel treffen, ist das ja völlig egal. Und eine solche Trefferquote bei den Gags erreichen eben selbst die meisten ausgewiesenen Komödien nicht mal ansatzweise. Der schwierigste Spagat gelingt dabei übrigens Thor-Darsteller Chris Hemsworth: Der Donnergott ist nach seinem dreifachen Scheitern im Finale von „Thor 3“, im Finale von „Infinity War“ und nun bei der erneuten Konfrontation mit Thanos von Schuldgefühlen durchfressen. Aber im selben Moment präsentiert sich Comedy-Profi Hemsworth („Vacation, „Ghostbusters“) als saufende Superhelden-Parodie auf Jeff Bridges‘ Coen-Brüder-Kultfigur The Dude. Klingt nach keiner guten Kombination, aber selbst seine an Mobbing grenzenden Wutausbrüche beim „Fortnite“-Daddeln tun der tiefen Tragik seiner Figur keinen Abbruch. Eine gelungene Gratwanderung, die bei einem Absturz aber auch den ganzen Film ins Lächerliche hätte ziehen können.

Crossover haben speziell im Comic-Genre eine lange Tradition. Aber wer hätte gedacht, dass sich „Avengers 4“ letztendlich als Quasi-Crossover aus „Zurück in die Zukunft“ und „The Big Lebowski“ entpuppen wird? Denn nach dem emotionalen Wundenlecken mit beißendem Galgenhumor in der ersten Stunde entwickelt sich „Endgame“ in seinem Mittelteil zu einer intergalaktischen, interdimensionalen Superhelden-Version von „Ocean’s Eleven“. Um an die Infinity-Steine zu kommen, bevor sie sich Thanos an seinen Handschuh stecken kann, reisen die in Teams aufgeteilten Avengers zu verschiedenen Orten und Situationen aus früheren MCU-Filmen zurück. Hier zahlt sich die immense Vorarbeit in den bisherigen 21 Filmen der Reihe am deutlichsten aus.

Die Regie-Russos können hier eine schier unglaubliche Masse an bekannten Figuren und Situationen einsetzen, ohne sich dabei auch nur einen Deut um Exposition kümmern zu müssen. Wer gar keinen MCU-Film kennt, erlebt deshalb zumindest mal die Blockbuster-Version des Gefühls, in seine erste Folge „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ reinzuschalten. Da kommt man als Marvel-Kenner aus dem Staunen kaum noch raus, welche Stars und Figuren aus dem MCU noch alles für einen Cameo-Auftritt vorbeischauen. Der ultimative Fanservice: Nachdem das Finale von „Infinity War“ noch jedem Zuschauer gleichermaßen den Boden unter den Füßen weggezogen hat, wendet sich der Mittelteil von „Endgame“ nun speziell an die treuen Fans des MCU. Aber auch wenn man sich über jeden der kurzen Gastauftritte im ersten Moment freut, sind nicht alle für die Handlung des Films gleichermaßen wichtig. Manche kratzen zumindest an der Grenze zum bloßen Selbstzweck.

In diesem leider etwas ausgefransten Abschnitt, bei dem das Tempo – auch wegen der vielen Cameos - mitunter doch deutlich nachlässt, halten die Russos die etlichen Storyfäden zwar mit einer erstaunlichen Sicherheit zusammen. Aber eigentlich steht das Bangen um den positiven Ausgang der Mission hier eh nur an zweiter Stelle. Stattdessen gibt es viele starke Einzelmomente, die in jedem anderen MCU-Film als Höhepunkt durchgehen würden, aber hier fast schon im Minutentakt auf den Zuschauer einprasseln. Selbst wenn das ständige Hin-und-Her-Springen es nicht ganz leicht macht, überall gleichermaßen emotional involviert zu bleiben, sind die Figuren, Schauplätze und Genres in diesem Abschnitt einfach derart divers, dass trotz der MCU-Rekordlaufzeit dennoch nie Langeweile aufkommt.

Natürlich geht es dabei vordergründig darum, die Verwehten zurückzuholen. Aber den eigentlichen emotionalen Kern bilden dennoch die drei Stark-Generationen Tony Stark, sein Vater Howard (John Slattery) und seine Tochter Morgan. Dabei wird für Tony zu Beginn ein klassisches philosophisches Dilemma (ähnlich dem berühmten Trolley-Problem) eingeführt: Es sieht zunächst nämlich ganz so aus, als müsse er sich zwischen dem Leben seiner Tochter (wenn alles rückgängig gemacht wird, dann ja auch sie) und dem Leben der Trillionen von Thanos-Opfern (repräsentiert durch ein Foto von Peter Parker) entscheiden. Aber dann wird dieses etablierte Dilemma einfach fallengelassen – denn die Art und Weise, wie die Zeitreisemechanik schließlich funktioniert, hat eben auch zur Folge, dass sich Tony überhaupt nicht mehr entscheiden muss und der vorherige Aufbau ungenutzt verpufft. Es ist verständlich, dass den Russos dieser Aspekt am Ende womöglich doch zu düstern wurde und sie ihn deshalb ein wenig entschärft haben. Aber sie gehen an so vielen Stellen große Risiken ein, dann hätten sie es ruhig auch hier tun können.

Die einzige größere Action-Sequenz in „Avengers 4“ ist schließlich die finale Schlacht. Aber statt dort dann alles bisher im MCU Gesehene in den Schatten zu stellen, verursacht die Aufstellung der Kontrahenten (ein starkes Bild vor allem dank den feurigen Portalen von Dr. Strange und Wong) mehr Gänsehaut als das anschließende Superhelden-Gekloppe. Die eigentliche Schlacht ist nämlich auch nicht epischer als im Vorgänger und deshalb durchaus eine kleine Enttäuschung. Aber zu diesem Zeitpunkt ist man gedanklich eh schon halb bei den Abschlüssen, die die Russos für ihre mehr als 20 Superhelden bereithalten. Und auch wenn es auf den ersten Blick den Anschein haben mag, als leide „Avengers 4“ an einem ähnlichen Zu-viele-Enden-Problem wie etwa „Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs“, muss man zurückschauend doch sagen: Wenn jedes einzelne Ende solch einen emotionalen Punch entwickelt wie hier, dann dürfen die Russos davon gerne beliebig viele aneinanderreihen.

„Avengers 4“ hinterlässt das MCU trotz der hochkarätigen Abgänge von Robert Downey Jr. und Chris Evans (Scarlett Johansson ist ja zumindest noch in ihrem eigenen Solo-Prequel dabei) in einem phänomenalen Zustand für die ungewisse Zukunft nach dem offiziell noch zu Phase 3 zählenden „Spider-Man: Far From Home“. Aber der Film selbst bringt tatsächlich erstmal, wie im Vorfeld ja auch schon vollmundig angekündigt, alle bisherigen 22 MCU-Filme zu einem gemeinsamen, großartigen Abschluss. Das Gefühl des Films spiegeln deshalb auch die vorab erschienenen Story-Trailer gar nicht so gut wider. Viel näher dran ist da schon die Vorschau, in der erst einmal auf die vorherigen 21 Filme zurückgeschaut und ihre Bedeutung für das MCU als Ganzes unterstrichen wird. Bei den Einblendungen der Avengers im Abspann ist deshalb auch noch einmal minutenlange Gänsehaut angesagt – und selbst der Post-Credit-Moment ist für diesen Anlass einfach perfekt gewählt.

 
Fazit: 
Joe und Anthony Russo haben mit „Avengers 4: Endgame“ einen Film geschaffen, wie es ihn noch nie zuvor gegeben hat – sie bringen 22 Filme auf einmal zu einem Abschluss, sicher nicht frei von Schwächen, aber trotzdem höchstbefriedigend.



Text (c) by MK

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