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Samstag, 19. Oktober 2019

Maleficent 2: Mächte der Finsternis

pic (c) Walt Disney Germany



Inhalt:

Prinzessin Aurora (Elle Fanning) ist kein kleines Mädchen mehr, sondern eine erwachsene Frau, die bald Prinz Philipp (Harris Dickinson) von Ulstead heiraten soll. Zusammen mit der Fee Maleficent (Angelina Jolie) pflegt und schützt sie die magischen Moore und kümmert sich um das Waldkönigreich, um es so zu erhalten, wie es immer war. Die Fee ist glücklich und hat mit ihrer schrecklichen Vergangenheit abgeschlossen. Als allerdings Königin Ingrith (Michelle Pfeiffer), Auroras zukünftige Schwiegermutter, ins Leben von Maleficent tritt, ist das friedliche Miteinander im Königreich in Gefahr. Denn obwohl durch die bevorstehende Hochzeit das Königreich Ulstead mit dem Reich der Moore zusammengeführt werden soll, besteht zwischen den Menschen und den Feen noch immer Konfliktpotenzial. Maleficent und Aurora steht ein großer Kampf bevor, der alles zerstören könnte, was sie sich aufgebaut haben ...

Bewertung: 

„Maleficent – Die dunkle Fee“ muss man zumindest dafür loben, dass sich die Macher an das Update eines Disney-Klassikers herangewagt haben, ohne den alten Film einfach Szene für Szene nachzudrehen. Immerhin gehört einiges an Mut dazu, ausgerechnet die böse Fee aus „Dornröschen“ zur Hauptfigur und Sympathieträgerin zu erheben. So handelte es sich bei dem ersten Film über die dunkle Zauberin aus dem Jahr 2014 eben nicht um eine simple Neuauflage von „Dornröschen und der Prinz“, stattdessen vollzieht das Projekt einen interessanten Perspektivwechsel. Das bekannte Märchen um die schlafende Schönheit wurde um eine ausführliche Hintergrundgeschichte erweitert, die die teuflische Maleficent plötzlich allzu menschlich erscheinen ließ. Und angesichts des weltweiten Erfolgs des Films (mehr als 750 Millionen Dollar Einnahmen) ist es wenig überraschend, dass die (vielleicht doch gar nicht so) böse Fee noch einmal auf die Leinwand zurückkehren darf.

Für „Maleficent 2: Mächte der Finsternis“ wurde nun statt Robert Stromberg der Regisseur Joachim Rønning angeheuert, der zuvor u. a. auch schon den fünften „Pirates Of The Caribbean“-Teil „Salazars Rache“ inszenieret hat. In dem augenzwinkernden Piraten-Abenteuer konnte er bereits ein durchaus gutes Händchen für bildgewaltige Action beweisen – und das wird nun auch in „Maleficent 2“ dringend benötigt, denn mit einem Märchen für Kinder hat diese Fortsetzung tatsächlich nur noch wenig zu tun. Wo der Vorgängerfilm in Deutschland noch für die Kinoauswertung um 56 Sekunden geschnitten wurde, um eine FSK ab 6 Jahren zu erreichen, hätte man im zweiten Teil wohl noch sehr viel mehr für eine niedrigere Altersfreigabe schneiden müssen – und so kommt der düstere Fantasy-Blockbuster mit krachendem Bombast-Finale nun ungekürzt mit einer gerade für einen Disney-Film durchaus überraschenden FSK-12-Freigabe in die Kinos.

Nachdem Aurora (Elle Fanning) zur Königin der Moore gekrönt wurde, scheint zunächst alles friedlich im Feenreich. Doch dann macht ihr ihr Jugendfreund Prinz Phillip (Harris Dickinson) einen Heiratsantrag, womit die böse Fee Maleficent (Angelina Jolie) wiederrum so gar nicht einverstanden ist. Um ihr Patenkind nicht zu enttäuschen und den Frieden mit dem benachbarten Königreich nicht zu gefährden, gibt sie der Beziehung dennoch eine Chance. Widerwillig begleitet sie Aurora aufs Königsschloss zum Festmahl, das die Feindschaft zwischen Menschen und Fabelwesen beenden soll. Doch Auroras künftige Schwiegermutter, die Königin Ingrith (Michelle Pfeiffer), verfolgt ganz eigene Pläne, um das Feenreich auszulöschen und die Macht an sich zu reißen. Es kommt zum Krieg…

Oft passiert es leider nicht mehr, dass man Angelina Jolie als Schauspielerin auf der großen Leinwand zu sehen bekommt. Für „Maleficent 2“ hat sie sich aber glücklicherweise ein weiteres Mal ins schwarze Gewand geworfen. Ihr Auftritt in dem Disney-Film ist (abgesehen von einem Ausflug ins Synchronstudio für „Kung Fu Panda 3“) tatsächlich ihre erste Leinwand-Rolle seit dem mäßig überzeugenden Ehedrama „By The Sea“ aus dem Jahr 2015. Nach dieser vierjährigen Schauspielpause darf sie es allerdings auch eher ruhig angehen lassen, denn die titelgebende dunkle Fee bekommt in diesem Sequel erstaunlich wenig zu tun. 

Selbst für Maleficents berühmtes diabolisches Lachen bleibt dieses Mal kaum Zeit, auch wenn Jolie in den Momenten, in denen sie dann groß aufspielen darf, wieder glänzt und begeistert. Wenn sie über ihrem Spiegelbild im Teich das Lächeln übt, um bei der neuen Verwandtschaft einen freundlichen Eindruck zu hinterlassen, oder wenn sie Aurora über die Fallstricke der Liebe aufklärt, dann gelingt es der Schauspielerin, ihrer Figur wieder eine ungeheure emotionale Tiefe und Ambivalenz zu verleihen. Und das, obwohl der Film zum Glück darauf verzichtet, noch einmal den ganzen inneren Konflikt der Figur vorzukauen. Teil 1 sollte man also vorher unbedingt gesehen haben!

In Gestalt der durchtriebenen Königin Ingrith bekommt Maleficent eine Gegenspielerin spendiert, die es in sich hat. Michelle Pfeiffer füllt die Rolle der bösen Intrigantin mit einer bemerkenswerten, eiskalten Präsenz. Welche Pläne sie für die Zukunft des Märchenreichs verfolgt, ist teilweise so düster und abgründig, dass recht schnell deutlich wird, warum „Maleficent 2“ für kleine Kinder keinesfalls geeignet ist. Wenn Ingrith ihren Feinden hinterlistige Fallen stellt, dann fühlt man sich besonders in einer großen Szene sogar fast etwas an „Game Of Thrones“ erinnert. Schade, dass die dunkle Fee und ihre Widersacherin so selten direkt miteinander konfrontiert werden, denn das erste frostige Zusammentreffen dieser beiden großartigen Schauspielerinnen gehört eindeutig zu den Höhepunkten des Films.

Mit dem Clinch der beiden Frauen verlässt „Maleficent 2“ endgültig die bekannten Märchengefilde. Joachim Rønning steht hier (anders als sein Vorgänger) nicht mehr vor der Herausforderung, auch noch einer berühmten Vorlage gerecht werden zu müssen. Er kann sich in dem etablierten Märchenland voll und ganz austoben und das tut er in dieser Fortsetzung verdammt gut. Soviel kann bereits festgehalten werden: „Maleficent 2“ ist spannender als der erste Teil! Das liegt in erster Linie auch daran, dass man dieses Mal nicht sofort das Gefühl hat, jede einzelne Entwicklung der Geschichte vorhersehen zu können. Zugleich gibt es hier so viele neue inhaltliche Versatzstücke, dass der Film selbst mitunter damit überfordert ist, sie alle stimmig unter einen Hut zu bekommen.

Der Trailer zum Film hat es zwar bereits vorweggenommen, aber um an dieser Stelle größere Spoiler zu umgehen, sei nur so viel gesagt: „Maleficent 2“ begibt sich noch einmal in eine ganz neue Welt mit neuen Figuren und Fabelwesen. Das erweitert das aus Teil 1 bekannte Universum um einen spannenden neuen Mythos, der sich jedoch durchweg wie ein Fremdkörper in der Geschichte anfühlt. Der Film springt immer wieder zwischen den Schauplätzen hin- und her und ist oft nur damit beschäftigt, die allernötigsten Erklärungen zu liefern, damit zum Schluss alles in einen Topf geworfen werden kann. Nachvollziehbar wirkt da vieles kaum noch und trotz des Übermaßes an neuen Informationen hat man im Mittelteil selten das Gefühl, dass wirklich etwas Wichtiges passiert, das die Handlung voranbringt.

Aus dem ersten Teil bekannte Figuren wie die drei tollpatschigen Feen Fittle, Thistlewit und Knotgrass verkommen zu Randerscheinungen, mit denen der Film nicht wirklich mehr etwas anzufangen weiß. Die große Ausdehnung dieser Welt ist schließlich Segen und Fluch zugleich. All die kleinen, spannenden Charaktermomente kommen zu kurz, da sie am Ende der etwas platten Ökobotschaft rund um Naturzerstörung und friedvoller Koexistenz der Arten zum Opfer fallen. Gut gemeint wirkt das alles, aber leider eben auch etwas bemüht und überambitioniert. Wenn Rønning diesem Kosmos mehr Raum zum Atmen gegeben hätte, würde man sogar gerne eine längere Laufzeit in Kauf nehmen. Interessant genug ist er nämlich auf jeden Fall!

Bei all den inhaltlichen Problemen, die dieses Sequel mit sich bringt: Optisch ist es eine Wucht! Am beeindruckendsten sind die Momente, in denen die Computereffekte auf ein Minimum reduziert werden. Vor allem die prunkvollen Kostüme sind schlichtweg preisverdächtig und eine Augenweide. Für alle Cosplay-Fans ist „Maleficent 2“ wieder eine wahre Fundgrube! Wie schon der Vorgängerfilm ist alles so detailverliebt in Szene gesetzt, dass die groß ausstaffierten Bilder und die ganze märchenhafte Atmosphäre über so manche erzählerische Schwäche hinwegtrösten können.

Das Feenreich ist mit all den Tieren, lebendigen Gewächsen und Fabelwesen dieses Mal noch aufwendiger animiert. Da schwirrt und flimmert so viel über die Leinwand, dass man teilweise kaum weiß, wo man zuerst hinschauen soll. Doch wo sich bereits die Handlung etwas zu viel vorgenommen hat, wäre auch bei der optischen Inszenierung manchmal weniger mehr gewesen! „Maleficent 2“ fährt in seinem fulminanten Action-Showdown die ganz großen Geschütze auf und wird zur wilden Materialschlacht. Doch bei diesem überladenen Effekt-Gewitter hat man irgendwann eher das Gefühl, ein konfuses Computerspiel zu beobachten.

Fazit: 
„Maleficent 2: Mächte der Finsternis“ ist groß gedachtes Fantasy-Spektakel, das sich mit spannenden neuen Ideen gekonnt von seiner Märchen-Vorlage trennt, auch wenn es sich – erzählerisch und visuell – manchmal einfach zu viel vornimmt. (mk)

Dienstag, 15. Oktober 2019

Dora und die goldene Stadt

pic (c) Paramount Pictures Germany



Inhalt:

Nachdem sie den größten Teil ihres Lebens damit verbrachte, mit ihrer Mutter Elena (Eva Longoria) und ihrem Vater Cole (Michael Peña) den Dschungel zu erkunden, konnte sich Dora (Isabela Moner) nicht auf das gefährlichste Abenteuer aller Zeiten vorbereiten - die High School. Eine Exkursion zum Naturkundemuseum scheint für die junge Entdeckerin eigentlich vertrautes Gebiet zu sein, allerdings nur so lange, bis sie, Diego (Jeffrey Wahlberg) und zwei ihrer Freunde von Dieben entführt werden. Dora soll den Gaunern dabei helfen, ihre Eltern ausfindig zu machen, da die gerade auf der Suche nach Parapata, einer alten untergegangenen Stadt sind. Die Stadt wäre ein bedeutender archäologischer Fund und die Banditen wollen sich daran bereichern. Also werden alle nach Peru gebracht. Kurz nach der Ankunft werden die Freunde von Alejandro Gutierrez (Eugenio Derbez), einem geheimnisvollen Bewohner des Dschungels, gerettet. Von nun an führen Dora und ihre Begleiter eine Wanderung ins Unbekannte, um ihre Eltern zu retten und das mysteriöse Geheimnis hinter der verschollenen Inka-Zivilisation zu lösen.


Bewertung:

Es ist nachvollziehbar, dass die Macher Dora ein wenig älter gemacht haben. Schließlich sind die meisten Fans von damals mittlerweile selbst im Teenageralter oder haben sogar selbst schon Kinder. Da kann die zunächst mit einer siebenjährigen Dora (Madelyn Miranda) beginnende, dann aber schnell vorwärtsspringende Story inhaltlich schon ein wenig anspruchsvoller daherkommen, um wirklich abend- oder zumindest nachmittagsfüllend zu sein. Auch die Entscheidung für einen Realfilm liegt auf der Hand, schließlich ist die Serie eben doch recht schlicht animiert. Der Stil ist zwar für das ganz kleine Publikum vor der Mattscheibe perfekt, auf der großen Leinwand wäre er allerdings gerade im Vergleich zur Konkurrenz von Pixar & Co. wahrscheinlich chancenlos.

Trotzdem wurde sich sichtlich Mühe gegeben, viele kleine Eigenheiten des Formats zu übernehmen – mal mehr ausgeprägt, mal klugerweise nur angedeutet. Die von Isabela Moner („Plötzlich Familie“) sympathisch und mit spürbarem Enthusiasmus verkörperte Dora etwa ist ausgesprochen intelligent, aber zugleich auch immer noch kindlich unbekümmert. Sie singt und tanzt in jeder Umgebung einfach drauflos, ohne sich einen Kopf darüber zu machen, was andere über sie denken könnten. Auch spricht sie weiterhin gelegentlich direkt mit dem Publikum. Sie bittet uns um gedankliche Mithilfe oder fragt augenzwinkernd, ob wir ausgewählte, besonders komplizierte Worte laut nachsprechen können. Dieser kurios anmutende, die vierte Wand durchbrechende Aspekt der Figur wird aber nicht überbeansprucht. Deshalb dürften selbst Zuschauer, die im Serien-Universum nicht so bewandert sind, dies nicht als nervigen, sondern als durchaus liebenswerten Spleen der Hauptfigur hinnehmen.

Der gerade bei vielen sehr jungen Fans so beliebte Affe Boots (im Original gesprochen von B-Film-Legende Danny Trejo) ist als Computeranimation ebenso prominent dabei wie Doras Rucksack. Die scheinbar bodenlose, hier allerdings stumme Wundertüte spuckt erneut alle möglichen, im Dschungel bitternötigen Werkzeuge und Utensilien aus – worüber sich Freund und Feind immer mal wieder kräftig wundern. Sogar der in diversen TV-Folgen als Doras Widersacher agierende Fuchs Swiper ist involviert. Swiper wird im Original von Benicio Del Toro („Sicario“) mit hörbarem Spaß an dessen gleichzeitiger Verschlagenheit und Dusseligkeit gesprochen. Kleinere Nebencharaktere wie das Eichhörnchen Tico, der Bulle Benny oder das Iguana Isa sind lediglich kurz in traditionell gezeichneter Form im Abspann zu sehen. Eine gute Entscheidung, denn sonst gäbe es wohl doch zu viel CGI-Gewusel auf der Leinwand.

Für kleine Kinofans, die vom Alter her immer noch der Zielgruppe der TV-Serie entsprechen, dürfte die visuell wie atmosphärisch als Mix aus „Jumanji: Willkommen im Dschungel“ und „Alice im Wunderland“  auch ganz schön aufregend sein. So gibt es ein paar wirklich fiese Männer, die die Titelheldin und ihre Eltern glaubhaft bedrohen. Später folgt dann noch die verhältnismäßig spannende und verzwickte Hatz nach dem Inka-Gold. Speziell in diesem Segment tobt sich Bobin mit Reminiszenzen an Klassiker wie „Quatermain II - Auf der Suche nach der geheimnisvollen Stadt“, „Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“ oder natürlich die „Indiana Jones“-Reihe nach Herzenslust aus. Das macht dann auch den Erwachsenen im Saal eine Menge Spaß.

Den hatte ganz offenbar auch „Ant-Man“-Star Michael Peña, obwohl er speziell im Mittelteil nicht allzu viel zu tun bekommt. Aber gerade eine Sequenz zu Beginn, als Doras Vater seine Tochter vor Rave-Partys warnen will und deshalb minutenlang auf wirklich jämmerliche Weise die Manierismen eines Club-DJs zu imitieren versucht, zählt zu den lustigsten Momenten aus Peñas gesamter Karriere. Sein köstlich übertriebener, finaler Auftritt an der Seite von Ex-„Desperate Housewives“-Star Eva Longoria ist ebenfalls noch einmal zum Wiehern. Freunde des Meta-Humors werden hingegen speziell eine Passage mögen, in der Dora und ihre Freunde aufgrund von giftigem Blütenstaub zu halluzinieren beginnen. Denn die nächsten Minuten sind dann plötzlich komplett animiert. Und das dann doch wieder – zur Freude aller Puristen! – ziemlich nah am klassischen Stil der TV-Serie.

Fazit: 
Als Teenie-Version von „Tomb Raider“ ist „Dora und die goldene Stadt“ sicher kein Meisterwerk des Genres – dafür sind die Spezialeffekte zu unspektakulär, die Kulissen nicht aufwändig genug, die Leistungen einiger Jungschauspieler zu unbeständig und der Ausgang zu absehbar. Dank witziger Einschübe und cleverer Überraschungen macht das temporeiche Dschungel-Abenteuer aber dennoch überraschend viel Laune.  (mk)

Samstag, 31. August 2019

Angel Has Fallen

pic (c) Universum Film GmbH



Inhalt:

Secret-Service-Agent Mike Banning (Gerard Butler) hat seine ganze Karriere damit verbracht, sein Leben in den Dienst von US-Präsidenten zu stellen und diese zu beschützen - koste es, was es wolle. Zweimal musste er bereits an seine Grenzen gehen, um die Pläne kompromissloser Terroristen zu durchkreuzen und die Welt zu retten. Doch nun gerät er selbst ins Visier: Als bei einem bis ins kleinste Detail geplanten Angriff auf den Präsident Trumbull (Morgan Freeman) nämlich halb Washington in Schutt und Asche gelegt werden soll, spielt nicht nur das Flugzeug des Präsidenten - die Air Force One mit dem Codenamen „Angel“ - eine entscheidende Rolle, sondern auch Banning. Ausgerechnet ihm schieben die Angreifer die Schuld in die Schuhe, als der Vogel vom Himmel geholt wird. Und plötzlich muss Mike nicht nur fliehen, sondern auch noch die wahren Übeltäter finden, um seine Unschuld zu beweisen - denn selbst seine Kollegen glauben, dass er was mit der Sache zu tun hat.

Bewertung: 

Das Mike-Banning-rettet-den-Präsidenten-und-die-Welt-Konzept nach „London Has Fallen“ noch ein zweites Mal quasi ohne Änderungen zu wiederholen, wäre der Einfallslosigkeit zu viel. Das war offensichtlich allen Beteiligten klar. Deshalb bringt Regisseur und Co-Drehbuchautor Ric Roman Waugh eine neue Struktur mit – die ist nicht unbedingt besser, aber zumindest anders. Sein „Auf der Flucht“-Plot sorgt allerdings kaum für Spannung, weil von Beginn an viel zu offensichtlich ist, wer als Bösewicht hinter den Angriffen der Super-Hacker steckt (dass der bis in den Tod loyale Mike Banning natürlich nichts damit zu tun hat, versteht sich von selbst und wird vom Film auch gar nicht erst als Möglichkeit angebracht). So ist das Publikum zwar schon irgendwie auf seiner Seite, wenn der Angeklagte in Dr.-Kimble-Manier den wahren Täter aufzuspüren versucht, während ihn der gesamte Sicherheitsapparat der USA verfolgt. Aber zugleich ist das auch alles superplump: Das Weiße Haus, CIA, FBI – die schnelle und medial ausgestellte Festlegung auf Banning als (Einzel-)Täter wirkt albern-simpel! Schnell bekommt man den Eindruck, dass hier sowieso nur altbekannte Versatzstück zusammengesetzt werden – und zwar ganz egal, ob sie an der Stelle gerade passen oder nicht.

Der Ansatz, dem Film ein wenig mehr charakterliche Tiefe zu verleihen, mag löblich sein, lässt die Handlung aber auch nicht weniger haarsträubend unglaubwürdig erscheinen. Was „Angel Has Fallen“ allerdings tatsächlich merklich aufwertet, ist der völlig durchgeknallte Auftritt von Nick Nolte („Head Full Of Honey“) als Mike Bannings verschollener Vater, eine Art herzensguter Una-Bomber, der wie Kai aus der Kiste in den Plot geschmissen wird. Der dreifach oscarnominierte Star macht einen Riesenspaß und ist komplett over the top. Schade nur, dass Waugh dem Wahnsinn noch ein halbgares Vater-Sohn-Drama beimischt, das an der Stelle natürlich eh niemanden ernsthaft interessiert. Zudem ist Gerard Butler („300“) beim Rumballern einfach besser als im Verhandeln von familiären Konflikten. Etwas griffiger ist da schon ein kurzer Diskussions-Exkurs, wenn Banning und sein Vater Clay über die Gleichheit der Kriege in Korea, Vietnam und dem Irak philosophieren – wobei das im selben Moment auch ein bisschen schizophren ist, weil „Angel Im Fallen“ trotz seiner Anti-Kriegs- und Anti-Söldner-Message im selben Moment eben auch eine Menge idiotischen Brüderschafts-Bullshit („Wir sind Löwen!“) und Michael-Bay-Gedächtnis-Zeitlupen von Militärgerätschaften zelebriert.
Kernkompetenz von „Angel Has Fallen“ ist und bleibt aber die Gaga-Action um kernige Typen, die abends mit Bier in der Hand riesige Steaks auf den Grill schmeißen. Wurde die extreme Brutalität von „Olympus Has Fallen“ schon in „London Has Fallen“ etwas zurückgefahren, bleibt auch der dritte Film diesem neuen „sanfteren“ Kurs treu. Es geht schon zur Sache (FSK: ab 16 Jahren), aber allzu bestialisch fallen die Tötungen visuell nicht aus. Nach einem packenden Beginn in einem Trainings-Parcours, wo nebenbei kurz eine schicke Ego-Shooter-Perspektive präsentiert wird, ist die zentrale Drohnenattacke die eindeutig innovativste Action-Sequenz, selbst wenn sie in Sachen CGI-Technik nur mittelmäßig ausgeführt wird. Eine dynamische Truckverfolgungsjagd und weitere Explosionsfestivals sorgen neben dem donnernden Score von David Buckley („Jason Bourne“) für das nötige Krawall-Grundrauschen, das die Actionreihe seit jeher auszeichnet. Nichts, was ewig im Gedächtnis bleibt, aber alles mit ordentlich Schmackes. Passt schon und dann ist jetzt auch gut.

Fazit: 

„Angel Has Fallen“ ist ein klobiger Action-Thriller, der zwar ebenso hanebüchen wie vorhersehbar ist, aber dank kompetent-geradlinig inszenierter Action-Szenen und einem grandios über die Stränge schlagenden Nick Nolte streckenweise trotzdem ganz ansprechend unterhält. (mk)

Sonntag, 18. August 2019

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

pic (c) Walt Disney Germany



Inhalt:

Mittlerweile ist Andy aus dem Alter raus, in dem er noch mit seinen Spielzeugen spielt. Also hat er den Cowboy Woody (Originalstimme: Tom Hanks) und den Space-Ranger Buzz Lightyear (Tim Allen) an seine kleine Freundin Bonnie (Madeleine McGraw) weitergereicht, damit sie fortan ihre Fantasie mit ihnen ausleben kann. Dann aber bastelt sie in der Vorschule aus einer Gabel ein neues Spielzeug und die harmonische Idylle im Kinderzimmer ist dahin. Denn Forky (Tony Hale), so der Name des Gefährten, ist alles andere als glücklich mit seinem Leben als Spielzeug-Gabel. Er ist sich sicher, dass er kein Spielzeug ist, sondern Müll! Als die ganze Familie einen Ausflug macht, springt er kurz entschlossen aus dem Auto. Woody kann und will Forky nicht seinem Schicksal überlassen und eilt ihm hinterher. Der Cowboy will der Gabel aus seiner Identitätskrise helfen und macht sich mit ihm auf den Weg in ein aufregendes Abenteuer, bei dem sie auch auf die alte Bekannte, Bo Peep (Annie Potts) treffen. Doch Buzz will nicht auf seinen Freund Woody verzichten und begibt sich währenddessen selber auf eine Reise, um das ungewöhnliche Duo aufzuspüren...

Bewertung:

„A Toy Story“ beginnt mit einem Blick neun Jahre zurück in die Vergangenheit: In einer stürmischen Nacht muss Woody mit ansehen, wie die Schäferin Bo Peep (die in „Toy Story 3“ gar nicht vorgekommen ist, aber jetzt wieder eine ganz zentrale Rolle spielt) in einem Umzugskarton abtransportiert wird. Allerdings legt diese Rückblende nicht nur den emotionalen Grundstein für das neue Abenteuer, sie lässt auch direkt zum Auftakt keinerlei Zweifel daran, dass Pixar in animationstechnischer Hinsicht auch diesmal wieder mit der Konkurrenz den Boden aufwischt. Wenn sich hier ein ferngesteuertes Auto mit aller Kraft dagegen wehrt, vom Schlamm und Laub davongeschwemmt zu werden, dann ist das zwar schon ziemlich dramatisch – aber der Mund steht einem nicht wegen der waghalsigen Rettungsaktion offen, sondern wegen der puren visuellen Brillanz. Immer wenn man glaubt, dass Ende der Fahnenstange sei aber langsam mal erreicht, kommt Pixar daher und macht noch einmal einen riesigen Sprung nach vorne.


Aber gut, alles andere wäre speziell der für ihre tricktechnischen Quantensprünge berüchtigten „Toy Story“-Reihe auch einfach nicht würdig gewesen. Die viel drängendere Frage war dann im Vorfeld auch, ob die Macher nach dem Abschluss der Andy-Trilogie tatsächlich noch etwas Neues zu erzählen haben – zumal es in „A Toy Story“ um einen Roadtrip geht und Roadtrips ja auch gerne mal als dramaturgisches Allheilmittel verwendet werden, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Aber keine Sorge, „A Toy Story“ ist bis obenhin vollgestopft mit weisen, cleveren, inspirierenden und zu Herzen gehenden Themen und Subplots, die auch locker für eine ganze Handvoll Filme gereicht hätten – von Forkys existenzieller Sinnkrise über Bo Peeps selbstbestimmte Lebensweise bis hin zu einem tragischen Bösewicht, dem man am Ende tatsächlich beide Daumen drückt.

Sowieso erweisen sich speziell die neuen Figuren als absolute Knaller: Die Pläne von Bunny (Jordan Peele) und Ducky (Keegan-Michael Key), mit denen sie eine greise Antiquitätenkrämerin überwältigen wollen, sind etwa dermaßen genial-gaga, dass man den leicht psychotischen, an den Händen zusammengenähten Jahrmarktstofftieren einfach nicht böse sein kann. Der andauernd posende kanadische Stuntman Duke Caboom (großartig: Keanu Reeves) ist ein ebenso zuverlässiger Gaglieferant wie Forky, nur dass die Pointen mit der lebensmüden Plastikgabel naturgemäß eine ganze Ecke trockener ausfallen. Nachdem die Reihe speziell in „Toy Story 2“ ja schon auf allerlei Western- und Science-Fiction-Einflüsse gesetzt hat, lassen die aus den 1950ern stammende Gabby Gabby (Christina Hendricks) und ihre Bauchrednerpuppen-Armee „A Toy Story“ zudem immer mal wieder in Richtung eines betont altmodischen Horrorkinos kippen. Das Ergebnis sind einige vor allem auch visuell herausragende Sequenzen (der torkelnde Gang der Bauchrednerpuppen ist göttlich).

Trotz der zahlreichen neuen Figuren erzählt „A Toy Story“ – noch viel mehr als die Vorgänger – aber in erster Linie die Geschichte von Woody. Bisher wusste der geborene Anführer immer, was zu tun ist – nämlich alles, um Andy beziehungsweise Bonnie glücklich zu machen und vor Unheil zu bewahren. Wie es eben die Aufgabe eines Spielzeugs ist. Aber was kommt danach? Auch in dieser Hinsicht erweist sich „A Toy Story“ als erstaunlich weise, angenehm tiefe Erzählung – und so kullern einem dann in den finalen 20 Minuten, nachdem sich der Film im Mittelteil vor allem als temporeicher Spaß erwiesen hat, doch noch die von der Reihe gewohnten Tränen über die Wange. Da lässt es sich dann auch gleich viel leichter verkraften, dass dafür einige der alten Stars (allen voran natürlich Buzz Lightyear, der sich diesmal mit einem Running Gag über seine innere Stimme zufriedengeben muss) ins zweite Glied zurücktreten müssen.

Fazit: 

Das vierte Meisterwerk in Folge. Das hat auf diesem immens hohen Niveau wohl noch keine andere Filmreihe zuvor geschafft. (mk)

Freitag, 19. Juli 2019

Der König der Löwen (2019)


(c) Walt Disney Germany




Inhalt:

Die Tiere Afrikas sind überglücklich, als mit dem Löwenjungen Simba (im Original gesprochen von JD McCrary) der zukünftige König der Savanne geboren wird. Als Sohn von Mufasa (James Earl Jones) gehört diesem nämlich der rechtmäßige Thron. Doch Mufasas Bruder Scar (Chiwetel Ejiofor) erhebt seinen Anspruch und erschleicht ihn sich auf tückische Weise, woraufhin Simba ins Exil verbannt wird und seine Freundin Nala (Beyoncé Knowles-Carter) verlassen muss. Mit dem quirligen Erdmännchen Timon (Billy Eichner) und dem lebensfrohen Warzenschwein Pumbaa (Seth Rogen) findet Simba aber neue Freunde und Wegbegleiter, die ihm helfen, trotz der schweren Zeit unbeschwert heranzuwachsen. Doch seine Vergangenheit lässt ihn nicht los und als junger Löwenmann erkennt Simba (nun gesprochen von Donald Glover), dass er in die Steppe zurückkehren und den Kampf mit Scar aufnehmen muss, um seinen rechtmäßigen Platz auf dem Thron zurückzuerobern.


Bewertung:

Mal ganz ohne die rosarote Brille der nostalgischen Verklärung betrachtet: Disneys „Der König der Löwen“ war im Grunde ja schon 1994 ein erzählerischer Anachronismus, schließlich lautet die erzkonservative Moral des Märchens doch, seinen von der gesellschaftlichen Ordnung vorbestimmten Platz im Leben einzunehmen, statt – wie der heranwachsende Löwe Simba – auf die Verantwortung zu pfeifen und lieber mit seinen tierischen Hippie-Freunden „Hakuna Matata“ trällernd durch die Savanne zu streunen. Auch ein Vierteljahrhundert später bleibt die Ordnung im Tierreich stabil: Was Tradition ist, wird schon stimmen, individuelle Freiheit kann hingegen nur eine vorübergehende Phase sein. Scar ist und bleibt der unbestrittene Verlierer und Bösewicht, Simba und Mufasa bewegen sich mit unbestreitbarem Recht auf der Sonnenseite der Macht, weil sie nicht nur die Starken, sondern auch die Guten sind.

Das alles störte damals (fast) niemanden und das wird es auch heute nicht tun. Denn ihre beruhigende Zeitlosigkeit zieht die Geschichte nicht zuletzt daraus, dass sie ausschließlich im Tierreich spielt, wo eben trotz aller realen gesellschaftlichen Umbrüche, die sich in der Welt der Menschen über die Jahre so abspielen, zumindest scheinbar alles beim Alten bleibt. Und so hält sich Jon Favreau in seiner Neuauflage sehr zur Freude der Disney-Nostalgiker-Front ganz eng an die Originalstory und meidet mit allen Mitteln, sich auf das Glatteis einer erzählerischen Modernisierung zu begeben. Hier wird Nala ganz sicher keinen Song über die Gleichberechtigung der Löwinnen anstimmen, wie es zuletzt noch in ganz ähnlicher Form Prinzessin Jasmin im „Aladdin“-Update getan hat.

Hypermodern dagegen sind die Methoden, mit denen die alten Lieblinge in dieser neuen Version zum Leben erweckt werden. Favreau und sein Team bedienten sich dazu einer speziellen VR-Technik, die sonst vor allem im Game-Design zum Einsatz kommt und mit der der „Iron Man“-Regisseur bereits bei der Arbeit an „The Jungle Book“ experimentierte. So ist ihm und seinen Animatoren nun das erstaunliche Kunststück gelungen, die Tiere derart fotorealistisch darzustellen, dass Kommentatoren nach den ersten veröffentlichten Bildern zunächst noch darüber spekulierten, ob es sich beim neuen „Der König der Löwen“ nicht womöglich doch um einen Realfilm handeln könnte. Die Optik ist dann auch das eine Feld, wo man sich zwar notgedrungen (lässt sich beim Fotorealismus schließlich schlicht nicht vermeiden), dann aber doch voller Selbstbewusstsein von der Vorlage entfernt hat.

Das wohl größte Wagnis ging Favreau dabei tatsächlich mit der doch sehr stark vom Zeichentrick-Original abweichenden Optik des hinterhältigen Widersachers Scar ein. Mit räudiger Mähne, dem fast leichenhaft farblosen Fell und den eingefallenen Flanken wirkt der Schurke hier kaum noch wie ein aristokratischer Antagonist, sondern vielmehr wie ein unheimlicher, unwürdiger Schatten des großen und edlen Mufasa. Und das ist es ja im Grunde auch, was die Essenz dieser Figur ausmacht, die Favreau nun mit seiner ästhetischen Entscheidung durchaus stimmig betont. Ganz nebenbei wird übrigens auch (endlich) das Geheimnis gelüftet, woher Scar eigentlich seine auffällige Narbe hat – das ist natürlich Fanservice, aber sehr gut gemachter, weil er den Charakter von Scar tatsächlich noch einmal weiter ausbaut, statt einfach nur ein vermeintliches Storyloch zu stopfen.

Auch die Sympathieträger haben nicht länger die Disney-typisch idealisierte Optik wie im Animationsfilm. Gerade den erwachsenen Löwen fehlt diesmal jeglicher süßer Kuscheltier-Anstrich, stattdessen sehen wir vor Kraft strotzende Tiere, bei denen selbst Rippen und Adern bei bestimmten Bewegungen zu erkennen sind. Besonders mutig ist Favreau bei der Darstellung der Löwinnen unter der Schreckensherrschaft Scars und seiner Hyänen-Entourage. Wenn die vorher noch so majestätischen Tiere nun völlig ausgezehrt sind und ihr Fellkleid schon ins gräuliche geht, nehmen sie selbst beinahe schon hyänenhafte Züge an und nähern sich so optisch den Fieslingen immer mehr an. Das Hyänen-Rudel um die sowohl in der deutschen als auch der englischen Fassung von „Black Panther“-Star Florence Kasumba gesprochene Shenzi selbst hätte dagegen durchaus noch konsequenter auf fies getrimmt werden können – und zwar optisch wie auch in der Sprache. Ihr irres Kichern ließ uns damals im Animationsfilm noch deutlich mehr schaudern.

Trotz des zumindest visuell naturalistischen Ansatzes bleibt „Der König der Löwen“ natürlich weiterhin ein Familienfilm – und so werden auch diesmal wieder Kinder- und Erwachsenenherzen mit knuffigen Tieren geöffnet: So verliebt man sich auch hier sofort in das Löwenbaby Simba, wenn es in der legendären Anfangssequenz von Medizinmann Rafiki (John Kani) der in Scharen zum Königsfelsen gepilgerten Tierwelt und so auch dem Zuschauer präsentiert wird. Die Tiere so darzustellen, wie sie auch in der Realität aussehen, ist nämlich zum Glück nicht der von einigen Fans befürchtete Stimmungskiller – ganz im Gegenteil: Selten hat man in einem Film (inklusive der „Phantastische Tierwesen“-Blockbuster) derart putzige Fauna gesehen.

Darunter finden sich auch einige Bewohner des afrikanischen Kontinents, die im Original nicht vorkamen, wie zum Beispiel ein überaus possierlicher Rüsselspringer. Und auch dem anarchischen Charme von Erdmännchen Timon (Billy Eichner) und Warzenschwein Pumbaa (Seth Rogen) kann das fotorealistische Fellkleid nichts anhaben. Für Fans von Publikumsliebling Pumbaa halten die Macher sogar eine besonders überraschende Neuerung bereit, von der wir hier aber nicht mehr verraten wollen, als dass sie etwas mit dem kultigen Feelgood-Ohrwurm „Hakuna Matata“ zu tun hat.

Im Vorfeld der Neuverfilmung wurde durchaus kontrovers diskutiert, dass Favreau „Der König der Löwen“ komplett am Computer wiederauferstehen lässt. So stammen nicht nur die Tiere, sondern auch alle Landschaften aus dem Rechner. Doch wer glaubt, dies würde sich als Problem erweisen, wird vom Film eindrucksvoll eines Besseren belehrt: Die überwältigend animierten Landschaften setzen neben den Figuren ebenfalls neue Maßstäbe – und dabei spielt es keine Rolle, ob Favreau und sein Team uns große Panoramaansichten präsentieren oder auch noch den kleinsten Grashalm fühlbar vibrieren lassen. So verschwindet die technische Maschinerie hinter diesem Wunder schon nach wenigen Sekunden aus der Wahrnehmung des Zuschauers. Bilder zum Staunen und große Emotionen verdrängen jeden Gedanken an irgendwelche CGI-Effekte, das hat schon den Zeichentrickklassiker von 1994 ausgemacht und diese Magie verströmt nun auch die Neuauflage.

Dass „Der König der Löwen“ einer der allerbesten Disneyfilme ist, liegt auch an der legendären Filmmusik von Hans Zimmer sowie den Songs von Elton John und Tim Rice. Beides erklingt in der Neuauflage in neuem Glanz. Die Songs des Originals sind allesamt auch hier enthalten, darunter selbstverständlich die Klassiker „Circle Of Life“, „Hakuna Matata“ und das oscarprämierte Liebeslied „Can You Feel The Love Tonight“, die allesamt nur leicht verändert wurden. Lediglich Scars Lied „Be Prepared“ wurde etwas zusammengeschrumpft, was durchaus ein kleiner Wermutstropfen ist. Mit „Spirit“ gibt es derweil einen zusätzlichen Song von Nala-Sprecherin und Pop-Superstar Beyoncé, der tatsächlich nicht unbedingt nötig gewesen wäre (außer für die kommende Oscar-Saison, wo eben nur neugeschriebene Songs nominiert werden können).

 
Fazit: 
Mit großer erzählerischer Vorsicht, aber dafür umso mehr technischem Mut setzt Jon Favreau mit dem bisher besten der aktuellen Disney-Remakes neue Maßstäbe im Animationskino, ohne dabei (allzu viel) vom unerreichbaren Charme des Originals einzubüßen.  

 
Text (c) by MK

Freitag, 5. Juli 2019

Spider-Man - Far from Home


(c) Sony Pictures Germany




Inhalt:

Peter Parker (Tom Holland) a. k. a. Spider-Man geht zusammen mit seinen besten Freunden Ned (Jacob Batalon) und MJ (Zendaya), dem nervigen Flash (Tony Revolori) und dem Rest der Bande auf Klassenfahrt nach Europa. Peters Plan, den Superhelden für ein paar Wochen hinter sich zu lassen, wird jedoch schnell wieder verworfen, als der Trip von Nick Fury (Samuel L. Jackson) und seinen Agenten unterwandert und gekapert wird. Spider-Man soll ihnen dabei helfen, die mysteriösen Angriffe gefährlicher, aus Elementen bestehender Monster aufzuklären. Fury und seine rechte Hand Maria Hill (Cobie Smulders) haben für den Kampf bereits außerirdische Verstärkung im Gepäck: Mysterio (Jake Gyllenhaal), der seinem Namen alle Ehre macht, hat seine Heimat an die Kreaturen verloren und schwört Rache. Außerdem nimmt er den nach den Ereignissen aus "Avengers 4" noch immer aufgewühlten und führungslosen Peter Parker unter seine Fittiche. Gemeinsam verfolgen sie die Angreifer quer durch Europa und landen dabei unter anderem in Venedig, Prag, London und Berlin.


Bewertung:

Das MCU ist ja bekannt dafür, immer mal wieder die verschiedensten Genres aufzugreifen – vom klassischen Kriegsfilm („The First Avenger“) über einen 70er-Jahre-Politthriller („The Return Of The First Avenger“) bis hin zu postmodernem Sci-Fi-Klamauk („Thor 3“). Und jetzt ist eben das ur-amerikanische Genre der Highschool-Komödie an der Reihe – nur dass der Lümmel aus der ersten Bank hier eben zugleich mit der schweren Last der Verantwortung ringt, ob er nun um seine große Liebe kämpfen oder doch besser (schon wieder) den Planeten retten sollte. Das fühlt sich natürlich längst nicht so welterschütternd an wie manch früherer MCU-Film, funktioniert aber trotzdem erstaunlich gut. Das liegt vor allem an a) der herausragenden Chemie zwischen Tom Holland und Zendaya sowie b) den umwerfend komischen Co-Stars von Jacob Batalon und Angourie Rice als unwahrscheinliche Turteltäubchen bis Martin Starr und J.B. Smoove als überforderte Pädagogen.

Zu den immer wieder im Sekundentakt zündenden Pointen kommen ein paar ikonische Schauplätze vom Markusplatz in Venedig bis zu einer Berghütte in den österreichischen Alpen, gewürzt mit einer Handvoll grundsolider Actionsequenzen, in denen Spider-Man (in Europa undercover als Night Monkey) und Mysterio gemeinsam gegen Wassermonster und Feuerungeheuer kämpfen. Kann man alles absolut so machen. Sagen wir mal: Gute 3,5 FILMSTARTS-Sterne und etwas, über das sich nach dem „Endgame“-Paukenschlag wohl niemand nachdrücklich beschweren würde. Ein charmanter MCU-Spaß für zwischendurch, ein Superheld auf romantischer Mission; ein bisschen was fürs Herz mit der Action, die in einem Comic-Blockbuster eben einfach nicht fehlen darf. Ein guter, aber längst nicht an der Spitze mitspielender MCU-Film. Aber Pustekuchen!

Denn nach einem „Twist“, von dem ab der ersten Minute jeder weiß, dass er kommt, den wir an dieser Stelle aber natürlich trotzdem nicht verraten werden, feuert „Far From Home“ plötzlich aus allen Zylindern. Zwar fällt das Lüften des Plans noch etwas ausführlich aus (er ist aber auch wirklich kompliziert), doch dann folgt auch sofort eine echte Überraschung auf die nächste. Die (alptraumartigen) Actionsequenzen inklusive einem gleichermaßen kreativen wie epischen Finale an der Londoner Tower Bridge stellen nicht nur alles in der ersten Hälfte Dagewesene locker in den Schatten, sondern zählen sogar zu den bisher stärksten Set-Pieces des gesamten MCU. Gab es zuvor doch die eine oder andere kleine Länge, gerade wenn man auf die romantische Liaison zwischen Peter und MJ nicht hundertprozentig einsteigt, bleibt einem ab hier überhaupt keine Zeit mehr zum Luftholen. Uns fällt jetzt zumindest kein zweiter Marvel-Blockbuster ein, der sich über seine Laufzeit hinweg derart krass gesteigert hat.

Und dann gleich noch die nächste positive Überraschung: Auch mit seinen zwei Abspannsequenzen setzt „Spider-Man: Far From Home“ einen völlig neuen Standard: Wo normalerweise der nächste MCU-Film angeteasert oder noch ein netter kleiner Gag nachgeschoben wird, nutzen die Marvel-Masterminds die zwei kurzen Extraszenen dieses Mal, um alles gerade Gesehene in Frage zu stellen und im selben Moment das „Spider-Man“-Universum in seinen Grundfesten zu erschüttern. Vor „Far From Home“ mag man sich mehr Zeit gewünscht haben, um sich erst einmal angemessen von den Auswirkungen von „Avengers 4: Endgame“ zu erholen. Nach den Abspannszenen kann man es hingegen kaum noch abwarten, endlich MCU-„Spider-Man 3“ auf der großen Leinwand zu sehen. Dass man darauf jetzt volle zwei Jahre warten soll, ist eine wahre Horrorvorstellung.

 
Fazit: 
Auf eine charmant-unterhaltsame erste folgt in „Spider-Man: Far From Home“ eine mit hochtourigen Überraschungen und kreativen Einfällen bis zum Rand vollgestopfte zweite Hälfte. So fühlt sich selbst der 23. MCU-Blockbuster absolut frisch an.


Text (c) by MK

Freitag, 24. Mai 2019

Aladdin (2019)


(c) Walt Disney Germany



Inhalt:

Der Straßendieb Aladdin (Mena Massoud) macht am liebsten mit seinem Affen Abu die Straßen von Agrabah unsicher. Auf den Basaren der Stadt ist kein noch so wertvoll aussehender Gegenstand vor ihm sicher. Doch er möchte dieses Leben als kleiner Gauner gerne hinter sich lassen, da er der festen Überzeugung ist, zu etwas Größerem bestimmt zu sein. Bei seinen Streifzügen lernt er eines Tages die Prinzessin Jasmin (Naomi Scott) kennen. Um sich in der Öffentlichkeit unerkannt bewegen zu können, verkleidet sich die Prinzessin und hat so auch die Möglichkeit, mit den Bewohnern ihrer Stadt in Kontakt zu treten. Nachdem sich Aladdin unsterblich in sie verliebt, setzt er alles daran, sie wiederzusehen - und das ist gar nicht so einfach. Er wird schließlich bei dem Versuch, die Mauern ihres Palastes zu überbrücken, erwischt und landet kurzerhand im Kerker. Da tritt der zwielichtige Jafar (Marwan Kenzari) auf den Plan. Denn der bietet Aladdin an, ihn zu befreien, wenn er ihm im Gegenzug die berühmte Wunderlampe aus einer sagenumwobenen Höhle stiehlt. Doch der Großwesir denkt gar nicht daran, sein Versprechen einzuhalten. Er will nur an die Lampe kommen, damit sie ihm die nötige Macht verleiht, um das Land an sich zu reißen und als alleiniger Herrscher darüber regieren zu können.


Bewertung:

Als ausgerechnet Guy Ritchie von Disney für „Aladdin“ angeheuert wurde, durfte man schon ein wenig mit der Stirn runzeln. Der einst als „britischer Tarantino“ mit den Gangsterkomödien „Bube, Dame, König, grAs“ und „Snatch“ bekannt gewordene Filmemacher hat einen unverkennbaren Stil, den er gerne auch seinen Blockbuster-Produktionen wie „Sherlock Holmes“ oder „Codename: U.N.C.L.E.“ aufdrückt. Aber wie passt das zu einer Orient-Erzählung aus Tausundeiner Nacht, die zugleich auch noch dem Stil und dem Geist des Zeichentrickklassikers von 1992 huldigen soll? Ganz einfach: Indem sich Ritchie unterordnet, wie schon im Lauf der ersten großen Actionszene klar wird...

Die von Gesangseinlagen begleitete Flucht von Aladdin, seinem Affen Abu und Jasmin durch die Straßen von Agrabah ähnelt ganz klar der entsprechenden Szene aus der Vorlage – und nicht etwa anderen Werken des Filmemachers. Wo Ritchie in „King Arthur: Legend Of The Sword“ die Kamera noch auf der Schulter seiner Protagonisten platzierte, um mit den Großaufnahmen ihrer gehetzten Gesichter (An-)Spannung zu transportieren, dominiert hier eine heitere Leichtigkeit. Dass Aladdin seinen nicht allzu hellen Verfolgern am Ende entkommen wird, steht sowieso außer Frage, spannend ist hier vielmehr, wie er sie immer wieder aufs Neue narrt. Ritchie-Fans mögen es beklagen, dass der Regisseur hier für Disney den Auftragsarbeiter gibt. Aber er stellt sich eben klar in den Dienst der Erzählung, zu der weder britischer Gangster-Slang noch seine Zeitlupen-Spielereien passen würden.

Trotz der vielen, auch bewusst in den Vordergrund gestellten Verweise auf das Original kopieren Ritchie, sein Co-Autor John August und vor allem Komponist Alan Menken (der auch 1992 schon für die Songs zuständig war) aber nicht einfach nur. Stattdessen verbinden sie die bekannten Elemente stimmig mit neuen Ideen. Das machte schon ein gelungenes Update für den im Klassiker doch problematisch-klischeetriefenden Auftakterzähler deutlich. Aber der Höhepunkt ist die neu hinzugefügte Musical-Nummer: Mit der kraftvollen Doppel-Nummer „Speechless“ (deutscher Titel: „Ich werd niemals schweigen“) verleiht Naomi Scott der in der Zeichentrickversion zwar vorhandenen, aber nur oberflächlich verhandelten Selbstbestimmungsgeschichte der Prinzessin, die gegen ihre vorbestimmte Rolle als dienende Ehefrau rebelliert, einen starken emotionalen Unterbau. Sowieso wird Aladdin und Jasmin dank vieler kurzer ernsthafterer Szenen insgesamt mehr Charakter zugestanden. Manchmal geht das allerdings auch auf Kosten des Tempos der sonst so beschwingt-rasanten Komödie.

Naomi Scott („Power Rangers“) und Newcomer Mena Massoud harmonieren von der ersten Sekunde als ebenbürtiges Paar, die beide mit hoher Schlagfertigkeit punkten können. Einmal mehr schafft es Disney daneben auch seine nicht-menschlichen Protagonisten glaubwürdig mit humanen Seiten zu bereichern. Schon einzelne Blicke von Aladdins Affe Abu sind einfach köstlich und der Fliegende Teppich entpuppt sich ohnehin als großartiger Szenendieb. Dschafars böser Papagei Jago steuert derweil wunderbare One-Liner bei und hilft so dabei, zu übersehen, dass sein Herr nicht nur komplett blass und eindimensional geschrieben ist, sondern Darsteller Marwan Kenzari („Ben Hur“) es auch zu fast keiner Sekunde schafft, dem Antagonisten eine bedrohliche Aura zu verleihen.

Über allem thront aber ohnehin Will Smith. Der Superstar gibt den Dschinni im wahrsten Sinne des Wortes in Über-Über-Lebensgröße – und das mit unglaublich viel Witz und Herz. Seit den Zeiten von „Bad Boys“, „Independence Day“ und „Men In Black“ hat man keinen so kraftvollen Smith mehr auf der Leinwand gesehen. Er zieht Grimassen, chargiert wild, rappt, singt, tanzt - und wirkt dabei trotz nacktem blauem Oberkörper und (selbstironisch kommentierter) Zopffrisur zu keiner Zeit lächerlich. In den entsprechenden Momenten ist es nämlich gerade Smiths Darstellung, die den mächtigen Geist erdet und seine tragische Seite nach außen kehrt. Daneben versteht es der zweifach oscarnominierte Schauspieler auch, sich in einzelnen Szenen zurückzunehmen und die Momente anderer Figuren mit reduzierterem Minenspiel aus dem Hintergrund zu unterstützen.

Smith überspielt es auch locker, wenn in einzelnen Momenten die CGI-Animationen mal nicht perfekt sind, wobei die Macher sich im Umgang mit der Technik scheinbar auch selbst Beschränkungen aufgelegt haben: So ist etwa eine bestimmte Verwandlung viel weniger bedeutend als im Original. Deutlich störender als die kleinen Dschinni-Unschärfen sind aber ohnehin die Kulissen, denn Guy Ritchie schafft es leider nicht, den Zuschauer in den Orient zu entführen. Stattdessen fühlt sich das eher nach Disney-Freizeitpark mit 1001-Nacht-Thema an.

Sowohl Aladdins pfiffige Behausung als auch die Straßen von Agrabah wirken zu sehr wie ein steriles Filmset, nie wähnt man sich in einer lauten, bevölkerten Metropole im Morgenland. Da ist es ein Glück, dass schon bald die Mehrheit der Szenen in der Höhle und dem Palast spielen und dass eine gewisse Entrücktheit den wunderbar choreographierten Musical-Nummern sowieso ganz gut zu Gesicht steht. Denn wenn Klassiker wie „Schnell weg“, „Einen Freund wie mich“, „Prinz Ali“ oder „Ein Traum wird wahr“ mit passenden und meist fantasievollen Bildern kombiniert werden, möchte man am liebsten im Kinosaal mitschwingen, so großartig werden sie in der englischen Originalfassung* neu interpretiert.

 
Fazit: 
„Aladdin“ macht vor allem in den starken Gesangszenen und bei jedem Auftritt von Will Smith großen Spaß.




Text (c) by MK

Mittwoch, 24. April 2019

Avengers - Endgame


(c) Walt Disney Germany



Inhalt:

Thanos (Josh Brolin) hat also tatsächlich Wort gehalten, seinen Plan in die Tat umgesetzt und die Hälfte allen Lebens im Universum ausgelöscht. Die Avengers? Machtlos. Iron Man (Robert Downey Jr.) und Nebula (Karen Gillan) sitzen auf dem Planeten Titan fest, während auf der Erde absolutes Chaos herrscht. Doch dann finden Captain America (Chris Evans) und die anderen überlebenden Helden auf der Erde heraus, dass Nick Fury (Samuel L. Jackson) vor den verheerenden Ereignissen gerade noch ein Notsignal absetzen konnte, um Verstärkung auf den Plan zu rufen. Die Superhelden-Gemeinschaft bekommt mit Captain Marvel (Brie Larson) kurzerhand tatkräftige Unterstützung im Kampf gegen ihren vermeintlich übermächtigen Widersacher. Und dann ist da auch noch Ant-Man (Paul Rudd), der wie aus dem Nichts auftaucht und sich der Truppe erneut anschließt, um die ganze Sache womöglich doch noch zu einem guten Ende zu bringen...


Bewertung:

Nach dem ungläubigen Schock, der einem beim Beobachten des allgemeinen Superhelden-Verwehens am Ende von „Infinity War“ unweigerlich in die Glieder gefahren ist, wird das Fingerschnipsen von Thanos in „Endgame“ noch einmal aus einer anderen Perspektive beleuchtet: Gleich in der perfekt gewählten Auftaktszene auf dem Bauernhof von Hawkeye (Jeremy Renner) und seiner Familie wird auf eindringliche Art verdeutlicht, was für ein niederschmetternder Schicksalsschlag wirklich für jeden einzelnen hinter dieser kosmischen Katastrophe steckt. Die erste halbe Stunde von „Endgame“ entpuppt sich dann auch als reine Trauerarbeit. Mit einem emotionalen, das letzte bisschen Hoffnung vaporisierenden Tiefpunkt für die Avengers, den in dieser Form wirklich niemand hat kommen sehen: Nach all der Vorarbeit entpuppt sich ausgerechnet der „Sieg“ über Thanos als der wohl unrühmlichste Moment in der Geschichte der Avengers, in dem sich selbst ein Thor trotz wütend geschwungener Riesenaxt als armes hilfloses Würstchen erweist.

Da bekommt man nach dem mit Action vollgestopften „Infinity War“ halt mal ein paar Minuten Zeit zum Durchatmen. Zeit genug ist ja, schließlich ist „Endgame“ der bisher klar längste Film im MCU (und es ist auch nicht davon auszugehen, dass dieser Rekord so bald gebrochen werden wird). Aber mit der Einschätzung, es handle sich bei der ersten Stunde bestimmt nur um die Ruhe vor dem Sturm, liegt man ganz schön daneben, denn die Russo-Brüder wahren auch anschließend eine gewisse, ebenso angenehme wie unerwartete Zurückhaltung. Statt sich dem puren Schauwerte-Bombast hinzugeben, hat „Endgame“ gemessen an der Gesamtlaufzeit so wenige Actionszenen wie kaum ein anderer Film aus dem MCU. Wir schätzen, dass man insgesamt nur auf eine gute halbe Stunde kommt, kurze Prügeleien inklusive.

Trotz der Trostlosigkeit der Situation haben die Macher übrigens keine Scheu davor, einige der Avengers in Sachen Humor endgültig völlig von der Leine zu lassen. Allen voran den Hulk Bruce Banner (Mark Ruffalo), der in seiner neuen, dauerhaften Zwitter-Identität die bisher beste Form für einen zuverlässigen Gag-Lieferanten gefunden hat: Statt mal genialer Wissenschaftler, mal grünes Muskelmonster, ist er jetzt beides auf einmal – und dieser wandelnde Widerspruch wird von den Autoren auch konsequent für trockenhumorige Pointen ausgeschlachtet. Besonders köstlich: Banners Versuch, sich als wütender Hulk auszugeben – woraufhin er am Rande der Schlacht von New York grandios-gelangweilt auf ein paar parkende Autos „einprügelt“. Mark Ruffalo versteht es halt, selbst in der Rolle eines grünen Riesen mit einem herrlichen Understatement zu glänzen. Wahrscheinlich sollte man ihm wirklich keinen eigenen MCU-Film widmen, denn er ist einfach der perfekte Sidekick und als solchen wollen wir ihn auch in Zukunft nicht missen.

Dabei sind viele der Gags gar nicht mal sonderlich anspruchsvoll, stattdessen geht es vornehmlich um Selfies, Popos und Plauzen. Aber was soll’s, solange die Pointen derart zuverlässig ihr Ziel treffen, ist das ja völlig egal. Und eine solche Trefferquote bei den Gags erreichen eben selbst die meisten ausgewiesenen Komödien nicht mal ansatzweise. Der schwierigste Spagat gelingt dabei übrigens Thor-Darsteller Chris Hemsworth: Der Donnergott ist nach seinem dreifachen Scheitern im Finale von „Thor 3“, im Finale von „Infinity War“ und nun bei der erneuten Konfrontation mit Thanos von Schuldgefühlen durchfressen. Aber im selben Moment präsentiert sich Comedy-Profi Hemsworth („Vacation, „Ghostbusters“) als saufende Superhelden-Parodie auf Jeff Bridges‘ Coen-Brüder-Kultfigur The Dude. Klingt nach keiner guten Kombination, aber selbst seine an Mobbing grenzenden Wutausbrüche beim „Fortnite“-Daddeln tun der tiefen Tragik seiner Figur keinen Abbruch. Eine gelungene Gratwanderung, die bei einem Absturz aber auch den ganzen Film ins Lächerliche hätte ziehen können.

Crossover haben speziell im Comic-Genre eine lange Tradition. Aber wer hätte gedacht, dass sich „Avengers 4“ letztendlich als Quasi-Crossover aus „Zurück in die Zukunft“ und „The Big Lebowski“ entpuppen wird? Denn nach dem emotionalen Wundenlecken mit beißendem Galgenhumor in der ersten Stunde entwickelt sich „Endgame“ in seinem Mittelteil zu einer intergalaktischen, interdimensionalen Superhelden-Version von „Ocean’s Eleven“. Um an die Infinity-Steine zu kommen, bevor sie sich Thanos an seinen Handschuh stecken kann, reisen die in Teams aufgeteilten Avengers zu verschiedenen Orten und Situationen aus früheren MCU-Filmen zurück. Hier zahlt sich die immense Vorarbeit in den bisherigen 21 Filmen der Reihe am deutlichsten aus.

Die Regie-Russos können hier eine schier unglaubliche Masse an bekannten Figuren und Situationen einsetzen, ohne sich dabei auch nur einen Deut um Exposition kümmern zu müssen. Wer gar keinen MCU-Film kennt, erlebt deshalb zumindest mal die Blockbuster-Version des Gefühls, in seine erste Folge „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ reinzuschalten. Da kommt man als Marvel-Kenner aus dem Staunen kaum noch raus, welche Stars und Figuren aus dem MCU noch alles für einen Cameo-Auftritt vorbeischauen. Der ultimative Fanservice: Nachdem das Finale von „Infinity War“ noch jedem Zuschauer gleichermaßen den Boden unter den Füßen weggezogen hat, wendet sich der Mittelteil von „Endgame“ nun speziell an die treuen Fans des MCU. Aber auch wenn man sich über jeden der kurzen Gastauftritte im ersten Moment freut, sind nicht alle für die Handlung des Films gleichermaßen wichtig. Manche kratzen zumindest an der Grenze zum bloßen Selbstzweck.

In diesem leider etwas ausgefransten Abschnitt, bei dem das Tempo – auch wegen der vielen Cameos - mitunter doch deutlich nachlässt, halten die Russos die etlichen Storyfäden zwar mit einer erstaunlichen Sicherheit zusammen. Aber eigentlich steht das Bangen um den positiven Ausgang der Mission hier eh nur an zweiter Stelle. Stattdessen gibt es viele starke Einzelmomente, die in jedem anderen MCU-Film als Höhepunkt durchgehen würden, aber hier fast schon im Minutentakt auf den Zuschauer einprasseln. Selbst wenn das ständige Hin-und-Her-Springen es nicht ganz leicht macht, überall gleichermaßen emotional involviert zu bleiben, sind die Figuren, Schauplätze und Genres in diesem Abschnitt einfach derart divers, dass trotz der MCU-Rekordlaufzeit dennoch nie Langeweile aufkommt.

Natürlich geht es dabei vordergründig darum, die Verwehten zurückzuholen. Aber den eigentlichen emotionalen Kern bilden dennoch die drei Stark-Generationen Tony Stark, sein Vater Howard (John Slattery) und seine Tochter Morgan. Dabei wird für Tony zu Beginn ein klassisches philosophisches Dilemma (ähnlich dem berühmten Trolley-Problem) eingeführt: Es sieht zunächst nämlich ganz so aus, als müsse er sich zwischen dem Leben seiner Tochter (wenn alles rückgängig gemacht wird, dann ja auch sie) und dem Leben der Trillionen von Thanos-Opfern (repräsentiert durch ein Foto von Peter Parker) entscheiden. Aber dann wird dieses etablierte Dilemma einfach fallengelassen – denn die Art und Weise, wie die Zeitreisemechanik schließlich funktioniert, hat eben auch zur Folge, dass sich Tony überhaupt nicht mehr entscheiden muss und der vorherige Aufbau ungenutzt verpufft. Es ist verständlich, dass den Russos dieser Aspekt am Ende womöglich doch zu düstern wurde und sie ihn deshalb ein wenig entschärft haben. Aber sie gehen an so vielen Stellen große Risiken ein, dann hätten sie es ruhig auch hier tun können.

Die einzige größere Action-Sequenz in „Avengers 4“ ist schließlich die finale Schlacht. Aber statt dort dann alles bisher im MCU Gesehene in den Schatten zu stellen, verursacht die Aufstellung der Kontrahenten (ein starkes Bild vor allem dank den feurigen Portalen von Dr. Strange und Wong) mehr Gänsehaut als das anschließende Superhelden-Gekloppe. Die eigentliche Schlacht ist nämlich auch nicht epischer als im Vorgänger und deshalb durchaus eine kleine Enttäuschung. Aber zu diesem Zeitpunkt ist man gedanklich eh schon halb bei den Abschlüssen, die die Russos für ihre mehr als 20 Superhelden bereithalten. Und auch wenn es auf den ersten Blick den Anschein haben mag, als leide „Avengers 4“ an einem ähnlichen Zu-viele-Enden-Problem wie etwa „Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs“, muss man zurückschauend doch sagen: Wenn jedes einzelne Ende solch einen emotionalen Punch entwickelt wie hier, dann dürfen die Russos davon gerne beliebig viele aneinanderreihen.

„Avengers 4“ hinterlässt das MCU trotz der hochkarätigen Abgänge von Robert Downey Jr. und Chris Evans (Scarlett Johansson ist ja zumindest noch in ihrem eigenen Solo-Prequel dabei) in einem phänomenalen Zustand für die ungewisse Zukunft nach dem offiziell noch zu Phase 3 zählenden „Spider-Man: Far From Home“. Aber der Film selbst bringt tatsächlich erstmal, wie im Vorfeld ja auch schon vollmundig angekündigt, alle bisherigen 22 MCU-Filme zu einem gemeinsamen, großartigen Abschluss. Das Gefühl des Films spiegeln deshalb auch die vorab erschienenen Story-Trailer gar nicht so gut wider. Viel näher dran ist da schon die Vorschau, in der erst einmal auf die vorherigen 21 Filme zurückgeschaut und ihre Bedeutung für das MCU als Ganzes unterstrichen wird. Bei den Einblendungen der Avengers im Abspann ist deshalb auch noch einmal minutenlange Gänsehaut angesagt – und selbst der Post-Credit-Moment ist für diesen Anlass einfach perfekt gewählt.

 
Fazit: 
Joe und Anthony Russo haben mit „Avengers 4: Endgame“ einen Film geschaffen, wie es ihn noch nie zuvor gegeben hat – sie bringen 22 Filme auf einmal zu einem Abschluss, sicher nicht frei von Schwächen, aber trotzdem höchstbefriedigend.



Text (c) by MK

Freitag, 29. März 2019

Dumbo (2019)


(c) Walt Disney Germany



Inhalt:

In der Manege machte dem Zirkusstar Holt Farrier (Colin Farrell) keiner so schnell etwas vor – doch dann kam der Krieg und plötzlich war nichts mehr, wie es einmal war. Nach seiner Heimkehr findet er dennoch zurück zu seinen Wurzeln, als ihn der Zirkusdirektor Max Medici (Danny DeVito) einstellt, um sich um einen kleinen Elefanten zu kümmern, der aufgrund seiner großen Ohren zur Zielscheibe fieser Witzeleien wird. Sein Name: Dumbo. Als Holts Kinder Milly (Nico Parker) und Joe (Finley Hobbins) jedoch herausfinden, dass ihr dickhäutiger Freund fliegen kann, wendet sich das Blatt: Der Unternehmer V.A. Vandevere (Michael Keaton) wird auf den außergewöhnlichen Vierbeiner aufmerksam und holt ihn prompt an Bord seines erfolgreichen Vergnügungsparks Dreamland, wo Dumbo an der Seite von Akrobatin Colette Marchant (Eva Green) schnell zur großen Nummer wird. Doch er muss sich in Acht nehmen, im Dreamland ist nämlich nicht alles so perfekt, wie es auf den ersten Blick scheint...


Bewertung:

Als Tim Burton Anfang der 1980er Jahre seine ersten Schritte in Hollywood machte, arbeitete er in verschiedensten Funktionen bei Walt Disney und durfte dort seine ersten Kurzfilme inszenieren. Doch 1984 feuerte das Maushaus Burton. Seine Werke seien zu düster und furchteinflößend für Kinder, er habe die Gelder des Konzerns verschwendet. Erst viele Jahre später schlossen beide Seiten wieder Frieden: Mit „Alice im Wunderland“ bescherte Burton 2010 Disney schließlich einen Mega-Hit und durfte schließlich sogar mit „Frankenweenie“ gerade den düsteren Kurzfilm zum Leinwandabenteuer ausbauen, wegen dem er einst entlassen wurde. Doch nach „Dumbo“ bleibt der leise Verdacht, dass Burton doch noch ein wenig Groll hegt. Bösewicht V.A. Vandevere und sein Dreamland sind offensichtlich nur eine schlecht versteckte Allegorie auf Walt Disney und dessen Disneyland-Themenparks. Per se ist das ein vielversprechender Subtext, dabei bleibt es aber nicht: Insbesondere die dominanten Darsteller rücken dieses Thema viel zu sehr in den Vordergrund.

Burton gibt seinem einstigen „Batman“-Star Michael Keaton viel zu viel Freiraum, den der Bösewicht zum genüsslichen, vogelwilden Chargieren nutzt. Dazu noch mit lächerlicher Frisur ausgestattet, spitzt er immer wieder auf seine ganz eigene, unverkennbare Art die Lippen, verzieht das Gesicht und adressiert den Zuschauer schon mal direkt in die (sich dann fast schon spöttisch wegdrehende) Kamera. Keaton und Burton machen den Entrepreneur zur Lach- und vor allem Luftnummer. Nach und nach legt Burton frei, wie dieser sich als bewunderter und gefeierter Mega-Mogul inszeniert, in Wirklichkeit aber nur auf Pump lebt.

Für diese Demontage braucht es weiteres Personal, so dass plötzlich auch noch Oscarpreisträger Alan Arkin als Wall-Street-Banker auftritt und dabei ebenfalls performt, als wäre der Veteran in seinem eigenen Film. Wenn er dann dem – übrigens ähnlich Over-the-Top agierenden – Danny DeVito im Angesicht einer gerade alles zerstörenden Feuersbrunst vorschlägt, einen Hot Dog essen zu gehen, stellt sich ernsthaft die Frage, ob der unpassende Spruch im Drehbuch stand oder Arkin dachte, dass bereits die Mittagspause ansteht. Bisweilen erinnert dies alles an Burtons ebenfalls mit Keaton und DeVito besetztem, ähnlich durchgeknallten „Batmans Rückkehr“. Wo dort aber völlig entfesselte und überdrehte Darsteller noch zur Comic-Vorlage passen, sind sie im Familienfilm „Dumbo“ immer wieder Fremdkörper.

In Tim Burtons „Dumbo“ sind die menschlichen Figuren überpräsent – schließlich wird nebenbei noch die Geschichte der Annäherung eines Vaters mit seinen Kindern und einer sich emanzipierenden Tänzerin erzählt. Wenn in dem wilden Mischmasch plötzlich der seit den Tagen von Henry Maske auch in Deutschland berühmte Box-Ansager Michael Buffer auftritt und seinen berühmten „Let’s Get Ready To Rumble“-Spruch auf den eigentlichen Protagonisten des Films abwandelt, klingt das fast schon wie Hohn. Denn „ready for Dumbooo“ dürften die meisten Zuschauer eigentlich die ganze Zeit sein, er ist schließlich der Titelheld. Doch obwohl er oft im Bild ist, kommt ausgerechnet die Geschichte des Elefantenbabys mit den Schlappohren viel zu kurz. Wie der früh von seiner Mutter getrennte Dumbo diese vermisst, erzählen uns vor allem die Kinder Milly und Joe, viel zu selten die Bilder. Obwohl Burton die berühmte Szene mit der eingesperrten Mutter aus dem Vorgänger sogar zitiert, hat kein einziger Moment in seiner Neuverfilmung nur annähernd die emotionale und erzählerische Kraft des durch die Gefängnisstäbe hängenden, sanft das Kind schaukelnden Trickfilm-Rüssels – und kein Moment ist auch nur ähnlich herzzerreißend wie der Abschied in dieser Szene von 1941.

Dabei hat „Dumbo“ seine starken Seiten – gerade wenn der kleine Elefant auftritt. Der ist größtenteils herausragend animiert (ein paar Flugszenen mit Eva Green auf seinem Rücken fallen ab) und hat mit seinen riesengroßen Kulleraugen eigentlich die Fähigkeit, mehr als viele menschliche Darsteller aus Fleisch und Blut zu berühren. Mit und um Dumbo gelingen Burton dann auch tatsächlich beeindruckende Einzelszenen. Wenn der Elefant und Trapezkünstlerin Colette bei der ersten Probe abstürzen und im Sicherheitsnetz landen, ist der Anblick der nebeneinander auf ihren Hintern sitzenden unfreiwilligen Partner zum einen einfach nur köstlich – sagt aber gleichzeitig etwas über die Figuren aus. Denn hier kommen sie sich näher, es wird gezeigt, wie der einsame Dumbo eine Bindung aufbaut (was danach aber wiederum kaum aufgegriffen wird).

Dass Tim Burton einzigartige Bilder auf die Leinwand zaubern kann, ist kein Geheimnis und zeigt sich unter anderem in den Verweisen auf den originalen Zeichentrickklassiker – von Klapperstörchen bis zur „lebenden“ Lok. Nachdem schon früh auf die berühmte Dumbo-ist-betrunken-Sequenz von 1941 in einem Dialog angespielt wird, sieht es sensationell aus, wenn Burton dann wirklich rosa Elefanten über die Leinwand schweben lässt. Da staunt dann sogar der kleine Dumbo Bauklötze und bewegt sich (selbst ohne Alkohol) beschwingt zur musikalischen Untermalung, mit der Danny Elfman hier ebenfalls auf den Klassiker verweist. An dieser Stelle schafft der Regisseur den Spagat: Burton kopiert jetzt nicht das Original, sondern schafft etwas Eigenständiges. Dabei zitiert er so gekonnt, dass Kenner sofort wissen, was gemeint ist, das übrige Publikum aber nicht ausgeschlossen wird, sondern sich einfach von der Bildpracht beeindrucken lassen kann.

Fazit: 
So visuell herausragend „Dumbo“ über weite Strecken ist, so erzählerisch unausgegoren ist Tim Burtons freie Adaption des Disney-Klassikers.


Text (c) by MK

Sonntag, 13. Januar 2019

Robin Hood (2018)

(c) StudioCanal Deutschland



Inhalt:

Der junge Adelige Robin von Locksley (Taron Egerton) verliebt sich in die ebenso schöne wie willensstarke Marian (Eve Hewson). Doch dann wird er einberufen, um in den Kreuzzügen zu kämpfen und als er in seine Heimat zurückkehrt, erkennt er das Land nicht wieder: England ist zu einer von Korruption und Intrigen gezeichneten Gesellschaft geworden, die Reichen schwelgen in Luxus, während es bei den Armen kaum zum Überleben reicht. Robin beschließt, dass er nicht länger wegschauen kann, und nimmt – ausgerüstet mit Maske, Pfeil und Bogen – den Kampf gegen die Ungerechtigkeit im Land und die tyrannische Oberschicht auf. Dabei hat er in dem arabischen Krieger John (Jamie Foxx) einen Verbündeten. Doch die herrschende Klasse will Robins Raubzüge und seinen Kampf für Gerechtigkeit nicht einfach hinnehmen und der gnadenlose Sheriff von Nottingham (Ben Mendelsohn) eröffnet die Jagd nach dem Gesetzlosen…


Bewertung:

Robin Hood führt ein Doppelleben – als Adeliger und Rebell! Robin Hood ist hier also quasi das geheime Superhelden-Alter-Ego von Robin von Locksley. Die Bogenschützen-Variante von Batman. Das ist zumindest auf dem Papier der spannendste neue Ansatz, den die Drehbuchdebütanten Ben Chandler und David James Kelly für ihren Titelhelden bereithalten. Aber selbst aus dieser frischen Idee wird zu wenig herausgeholt. Sogar die Dialogduelle auf einer Party zwischen Robin von Locksley und dem noch ahnungslosen, aber nichtsdestotrotz argwöhnischen Sherriff von Nottingham, quasi dieselbe Konstellation wie bei Clark Kent und Lex Luthor, entwickeln kaum eine Intensität. Diese fehlende Dynamik steht symptomatisch für den Film. „Robin Hood“ mangelt es insgesamt an Pfiff, da kann er noch so auf modern und kinetisch getrimmt daherkommen.

Verkörpert wird Robin Hood diesmal von Taron Egerton, der sich im Casting unter anderem gegen Dylan O’Brien, Nicholas Hoult und Jack Huston durchsetzen konnte. Regisseur Otto Bathurst war sogar so begeistert von ihm, dass er den Dreh seines Films sogar noch einmal nach hinten verschob, weil Egerton erst noch die „Kingsman“-Fortsetzung „The Golden Circle“ zu Ende drehen musste. Aber so ganz erschließt sich einem diese Begeisterung nicht. Egerton mimt zwar routiniert den stets verschmitzt dreinschauenden Actionhelden mit Vorliebe für atemberaubende Pfeil-und-Bogen-Stunts, doch eine eigene Persönlichkeit besitzt sein Robin Hood nicht. Selbst neben eigentlich deutlich weniger wichtigen Figuren wie der seines Nebenbuhlers Will Scarlett (Jamie Dornan überzeugt als sich ganz langsam zum Widersacher entwickelnder neuer Liebhaber von Marian) wirkt der Titelheld vollkommen farblos, was auch daran liegt, dass man über ihn so gut wie nichts erfährt.

Stattdessen erweisen sich Jamie Foxx als von dem unbedingten Willen nach Gerechtigkeit getriebener, hin und wieder schon mal einen kecken Spruch auf den Lippen tragender John sowie der von Ben Mendelsohn fast schon als Karikatur eines Blockbuster-Bösewichts angelegte Sherriff von Nottingham als Szenendiebe, gegen die der Titelheld so ganz ohne Ecken und Kanten einfach nicht bestehen kann. Das sehr offensichtlich auf ein Sequel hinarbeitende Finale lässt da fast schon hoffen, dass in einer etwaigen Fortsetzung möglichst nicht mehr Robin Hood, sondern eine der vielen anderen Figuren im Mittelpunkt stehen möge. (Die Produktionsfirma hat das Skript zu dem damals noch „Robin Hood: Origins“ betitelten Projekt schließlich von Anfang an als Auftakt eines ganzen Cinematic Universe in Auftrag gegeben.)

Visuell fügt sich der im kroatischen Dubrovnik gedrehte „Robin Hood“ in die seit einigen Jahren andauernde Flut modern inszenierter historischer Stoffe ein. Wobei das auf einen hochglänzenden Digitallook getrimmte Mittelaltersetting natürlich zuallererst an Guy Ritchies Neuaufguss der Arthus-Sage erinnert. Einige der Szenen und Schauplätze meint man sogar eins zu eins aus „King Arthur: Legend Of The Sword“ wiederzuerkennen, so ähnlich sind sich der Look, die Kameraarbeit und die Arrangements. Aber auch Justin Kurzels „Assassin’s Creed“ sowie das Remake von „Ben Hur“ haben hier ihre visuellen Spuren hinterlassen – und das hat sowohl positive als auch negative Seiten.

Die haptischen Sets, die gewaltigen Explosionen und die stilsicher inszenierten Kämpfe, in denen eben nicht mit Pistolen rumgeballert, sondern eben mit Pfeil und Bogen geschossen wird, können durchaus überzeugen. Als Höhepunkt des Bogen-Spektakels gibt es sogar eine mit Pfeilen bestückte Gatling Gun! Aber daneben trüben vor allem zwei Dinge das Seherlebnis ungemein: Wenn neben den vielen handgemachten Effekten doch mal eine Szene aus dem Computer stammt, sieht diese dafür umso miserabler aus. Und auch die Kameraarbeit lässt stark zu wünschen übrig. George Steel filmt mit derart unruhiger Hand, dass man in den auf harte Gewalt verzichtenden Actionszenen schnell den Überblick verliert. In Kombination mit dem hektischen Schnitt lässt sich bisweilen kaum noch was von dem regen Treiben auf der Leinwand erkennen. Das ist schade. Denn eigentlich ist die Idee, einen modernen Actionfilm in ein einem klassischen Mittelaltersetting anzusiedeln, ja durchaus vielversprechend. Leider erfüllt sich dieses Versprechen in „Robin Hood“ aber viel zu selten.

Fazit: 
Die Neuinterpretation von „Robin Hood“ sieht dank des hohen Produktionsaufwandes hin und wieder ganz gut aus und punktet mit amüsanten Nebenfiguren. Aber ausgerechnet der Titelheld bleibt bis zum Schluss vollkommen uninteressant und die bewusst gewaltfreien Actionsequenzen sind so hektisch gefilmt und geschnitten, dass man schnell die Übersicht – und damit auch die Lust - verliert. Den Auftakt für ein komplettes Sherwood-Forest-Filmuniversum hat Otto Bathurst also schon mal in den Sand gesetzt.

Text by (mk)

Freitag, 21. Dezember 2018

Aquaman 3D

Facts:
Genre: Action, Abenteuer, Fantasy
Regie: James Wan
Cast: Jason Momoa, Amber Heard, Nicole Kidman, Willem Dafoe
Laufzeit: 144 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Warner Bros GmbH





(c) Warner Bros GmbH


Inhalt:
Aquaman (Jason Momoa), der mit bürgerlichem Namen Arthur Curry heißt, ist als Sohn seines menschlichen Vaters Tom Curry (Temuera Morrison) und seiner atlantischen Mutter Atlanna (Nicole Kidman) berechtigt, den Thron von Atlantis zu besteigen. Doch aktuell regiert sein Halbbruder Orm (Patrick Wilson) das Unterwasserkönigreich und dieser möchte auch die anderen sechs Königreiche der Meere um sich scharen, um gemeinsam einen Krieg gegen die Menschen an der Erdoberfläche zu führen, die seit vielen Jahren die Ozeane verschmutzen. Gemeinsam mit Mera (Amber Heard) macht sich Aquaman auf die Suche nach dem Dreizack des ersten Königs von Atlantis, der seinen Anspruch auf den Thron untermauern würde. Doch das kann Orm nicht zulassen und so hetzt er den beiden den Piraten David Kane alias Black Manta (Yahya Abdul-Mateen II) auf den Hals, der mit Aquaman noch eine Rechnung zu begleichen hat...

Bewertung:
„Aquaman“ ist eine Rosamunde-Pilcher-Schnulze, ein H.P.-Lovecraft-Monsterfilm, ein Indiana-Jones-Abenteuer, eine Fisch-aus-dem-Wasser-Komödie und ein Unter-der-Meeresoberfläche-„Avatar“ mit schwankender Effektqualität in einem. Den daraus fast zwingend resultierenden sehr uneinheitlichen Tonfall des Films darf man durchaus als Kritik verstehen. Trotzdem müssen wir zugeben, dass uns diese Achterbahnfahrt, so rumpelig sie zwischendrin auch sein mag, am Ende der knapp zweieinhalb Stunden doch erstaunlich viel Spaß gemacht hat. Regisseur James Wan wandelt konstant auf dem schmalen Grat zwischen augenzwinkernder Selbstironie und unfreiwilliger Komik, zwischen einer nie zuvor gesehenen Unterwasserwelt und seelenlosem CGI-Bombast, zwischen einer berührenden Geschichte und sonnendurchflutetem Kitsch. Dabei landet der „Saw“-Erfinder ganz sicher nicht immer auf der richtigen, aber fast immer auf der unterhaltsamen Seite.

Nachdem Zack Snyder in seinen drei DCEU-Filmen „Man Of Steel“, „Batman V Superman“ und eben „Justice League“ noch alles einer – je nach Sichtweise – behaupteten oder tatsächlich vorhandenen Ernsthaftigkeit untergeordnet hat, ist es regelrecht erfrischend, mit welcher Konsequenz sich Wan nun in alle noch so widersprüchlichen Elemente seines Comic-Blockbusters hineinstürzt: Bei der von Aquaman durchaus schmalzig aus dem Off kommentierten Liebesgeschichte zwischen „einem Leuchtturmwärter und einer Prinzessin“ dreht er den Weichzeichner auf, bis das Gesicht von Nicole Kidman im Licht der untergehenden Sonne regelrecht zerfließt. Das führt übrigens zu einem ganz wunderbaren Bruch, wenn sie plötzlich einen Trupp atlantischer Soldaten mit ordentlich Wumms im heimischen Wohnzimmer vermöbelt. Und dass im Leuchtturm unter einer süßlichen Schneekugel ausgerechnet ein Buch von H.P. Lovecraft liegt, ist natürlich auch kein Zufall, sondern ein erster Hinweis auf eine fast zwei Stunden später folgende Szene, in der Tausende von Lovecraft’schen Fischmonstern für einen der visuell beeindruckendsten Momente von „Aquaman“ sorgen.

Apropos visuell beeindruckende Momente: Davon gibt es in „Aquaman“ zwar eine ganze Menge, aber daneben finden sich leider fast genauso häufig auch Einstellungen, die zumindest in der 2D-Fassung des Films echt fragwürdig aussehen. Das gilt vor allem für den oft eher merkwürdigen als glaubhaften Unterwasser-Verschwimm-Effekt. Zudem setzt Wan zu oft einfach nur auf bloße Überwältigung, statt uns mit brillanter Qualität oder cleveren Details zu überzeugen. Das gilt etwa für das psychedelisch-schimmernde Atlantis, wo man sich viel mehr Einzelheiten über das Leben am Meeresgrund gewünscht hätte. Und für die finale epische Schlacht, in der unter anderem überdimensionierte Seepferdchen, Krebse und Haie gegeneinander ins Feld ziehen. Klingt super und bietet auch einige echt coole Momente, aber ist insgesamt so überfüllt und unübersichtlich, dass man gerade dann das Interesse zu verlieren droht, wenn Aquaman eigentlich seinen großen Auftritt haben soll. Zumal sich die tonale Uneinheitlichkeit des Films nicht nur zwischen verschiedenen Abschnitten oder Sequenzen, sondern auch innerhalb einzelner Actionszenen zeigt, wenn ein eigentlich ernsthafter Moment plötzlich durch einen unangemessenen Oneliner aufgebrochen wird.

Und mittendrin in diesem wilden Mischmasch, quasi wie der Fels in der Brandung: Jason Momoa, der seinen Mega-Muskelkörper mit einer solch bodenständig-charmanten Selbstverständlichkeit vor der Kamera präsentiert, wie es neben ihm kein zweiter Schauspieler hinbekommt. „Aquaman“ beweist einmal mehr, dass Momoa eigentlich schon längst ein Action-Superstar wie vor ihm Arnold Schwarzenegger oder Sylvester Stallone sein müsste. Dass das bis jetzt noch nicht so richtig hingehauen hat, ist wohl vor allem die Schuld von Marcus Nispel und seinem furchtbaren „Conan“-Remake. Aber egal, besser spät als nie: Es gibt in „Aquaman“ eine Menge Zeitlupe-Einstellungen, die auch aus einer Deo-Werbung stammen könnten, und es gibt eine Menge Oneliner, die auch richtig peinlich hätten ausfallen können, aber Momoa rockt beides gleichermaßen. An seiner Seite erweist sich Amber Heard („Machete 2“, „Drive Angry“) als würdiger Sparringspartner – und zwar in den komödiantischen genauso wie in den actionlastigen Szenen. Bei einer One-Shot-Actionsequenz in Sizilien, in der die Kamera wiederholt und ohne Schnitt zwischen den beiden sich prügelnden Helden hin und her wechselt, ist ihr Part sogar der interessantere: Alkohol tötet!

Von den anderen Darstellern kann sich hingegen keiner nachhaltig in den Vordergrund spielen. Während Willem Dafoe („Spider-Man“) und Patrick Wilson („Watchmen“) souverän ihren Stiefel runterspielen, ist der in „Creed 2“ triumphierende Dolph Lundgren als Xebelianer-König ein offensichtlicher Fremdkörper, der einen immer wieder aus dem Geschehen reißt und dafür im Gegenzug noch nicht mal auf trashige Weise Spaß macht. Ebenfalls blass bleibt Yahya Abdul-Mateen II  als Superpirat Black Manta – und das, obwohl Aquaman dessen Vater Jesse  absichtlich sterben lässt. Das könnte besonders deshalb noch zu einem größeren Problem werden, weil die Rolle von Black Manta nach jetzigem Kenntnisstand in „Aquaman 2“ wohl vom Edel-Handlanger zu dem (oder zumindest einem der) Hauptwidersacher des Helden ausgebaut werden soll. Seinem Auftritt in „Aquaman“ nach zu urteilen, wäre das wahrscheinlich nicht die allerbeste Idee. Sichtlich Spaß hat hingegen Nicole Kidman an ihrem kurzen Part als Schnulzenheldin, die ebenso überzeugend Soldaten den Hintern versohlt wie mit erstaunlichem komödiantischen Timing Goldfische zum Frühstück verspeist.

Fazit: 

Ein erstaunlich guter und unterhaltsamer DC Film, welcher besonders vom Hauptdarsteller lebt und Lust auf Meer macht. Wir vergeben daher tiefseetaugliche 8,5 von 10 Punkte. (mk)