Dienstag, 29. Oktober 2019

Die Addams Family

pic (c) Universal Pictures Germany



Inhalt:

Die Addams-Familie ist morbide, mysteriös und ziemlich verrückt. Dementsprechend fällt es Familienoberhaupt Gomez (Originalstimme: Oscar Isaac) und seiner Frau Morticia (Charlize Theron) nicht gerade leicht, gemeinsam mit ihrem Anhang eine neue Bleibe zu finden, die auch wirklich zu ihnen passt. Mit ihren Schützlingen Wednesday (Chloë Grace Moretz) und Pugsley (Finn Wolfhard) sowie Onkel Fester (Nick Kroll) und dem eiskalten Händchen werden sie in einer düsteren Nacht schließlich doch fündig. Doch die finstere Bude, in der sich der Addams-Klan auf Anhieb pudelwohl fühlt, steht ausgerechnet inmitten einer knallbunten Nachbarschaft, in der es vor schrägen Vögeln nur so wimmelt. Und die wollen vor allem eines: die malerische Vorstadtidylle wahren und die Neulinge so schnell wie möglich wieder loswerden!

Bewerbung:

Erzählt wird die Geschichte der Addams hier erstmals von Anfang an, beginnend mit der Hochzeit von Morticia (Charlize Theron) und Gomez (Oscar Isaac). Die Zeremonie findet, ganz ihrem morbiden Stil entsprechend, auf dem Friedhof statt, wo ein zwielichtiger Prediger die beiden Turtelkrähen in die „gähnende Leere der Ehe“ führt. Kurz darauf erscheint ein tobender Mob besorgter Bürger, der die armen Addams (mal wieder) mit Fackeln und Mistgabeln verjagt. Morticia reicht's. Sie will weg von den Menschen, dahin, „wohin es keinen, der bei normalem Verstand ist, jemals verschlagen würde“ – die logische Wahl fällt auf New Jersey. Dort lassen sich die Frischvermählten häuslich nieder, in einer (fast) verlassenen Irrenanstalt, deren einzigen verbleibenden Insassen Lurch (Regisseur Conrad Vernon) sie praktischerweise gleich als Butler einspannen.

So beginnt die neu erzählte Geschichte der Addams Family und holt damit auch die Zuschauer ab, die mit der makabren Sippe und ihren seltsamen Gepflogenheiten bislang noch nicht vertraut waren. Fans könnten allerdings mit dem neuen Look der Addams so ihre Probleme haben: Gomez ist hier zum Beispiel nicht mehr der schneidige Gentleman, den man aus der ursprünglichen TV-Serie (1964-1966) und den Kinofilmen kennt, sondern klein und ziemlich rundlich. Auch die Gestaltung von Outsider-Ikone Wednesday weicht stark ab von dem kultigen Erscheinungsbild, das Fans mit dem markanten Gesicht von Christina Ricci verbinden, die das mordlustige Mädchen in den zwei bisherigen Addams-Kinofilmen spielte.

Deshalb grummelnden Traditionsverfechtern sei allerdings direkt gesagt, dass sich der „neue“ Look in Wahrheit sehr viel enger an den von Zeichner Charles „Chas“ Addams für den New Yorker entwickelten Original-Cartoons orientiert, die erstmals 1938 erschienen sind. Jener Addams stammte übrigens auch aus New Jersey – nur eine von zahlreichen liebevollen Anspielungen auf den Schöpfer der legendären Schauerfamilie, die Nerds und Kenner der Ur-Addams hier entdecken können. Aber auch für Liebhaber der Original-Fernsehserie und der Kinofilme aus den 90ern gibt es viele kleine Anspielungen und Details, die für einige Wiedersehensfreude sorgen dürften.

Gewöhnungsbedürftig ist neben dem neuen Look womöglich auch der Umstand, die Addams erstmals in einem Setting zu erleben, das auch so unromantische Dinge wie Handys und Social Media beherbergt. Aber da es den bekennend altmodischen Zivilisationsverweigerern in Schwarz da nicht anders geht, liegt in der unfreiwilligen Kollision mit der modernen Welt natürlich eine Goldgrube für Gags, die man allerdings auch noch ergiebiger hätte ausbeuten können. Dennoch gibt es für Jung und Alt genug zu lachen…

… wobei sich die Macher auch eine kleine politische Spitze erlauben. Die trotz ihrer makabren Interessen und Vorlieben ja doch sehr netten Sonderlinge werden hier mit einem echten amerikanischen Alptraum konfrontiert, der, nicht nur der toupierten Frisur nach zu urteilen, offensichtlich ein reales Vorbild hat: In ihrem rücksichtslosen Größenwahn und mit der Verbreitung von fiesen Fake News über die unerwünschten „Andersartigen“ erinnert die quotengeile TV-Moderatorin Margeaux Needler nicht nur ganz entfernt an einen gewissen amerikanischen Präsidenten. In dem von ihr entworfenen Plastik-Habitat mit dem vielsagenden Namen „Assimilation“ haben Außenseiter mit fremdartigen Gebräuchen keinen Platz.


Aber so leicht lässt sich die Addams-Family natürlich nicht einfach vertreiben! Aucn nicht aus dem Kino! Schließlich stand schon nach dem Startwochenende in den USA (mit sehr überzeugenden 35 Millionen Dollar Einspiel) fest, dass es mit einem Animations-Sequel weitergehen soll. Bereits 2021 kommt deshalb „Die Addams Family 2“ in die Kinos und vielleicht trauen sich die Macher ja dann, noch ein bisschen fieser und schwarzhumoriger an die Sache heranzugehen. Aber als (Wieder-)Einstieg ist der kurzweilige „Die Addams Family“ jedenfalls schon mal gelungen.

Fazit: 
Die Addams im neuen Gewand! Nicht ganz so schräg und makaber, wie von Fans vielleicht erhofft, aber dank vieler schöner Gags und (pop-)kultureller Zitate doch ein kurzweiliger Spaß für die ganze Familie, der als solcher durchaus das Potenzial hat, eine neue Generation von Addams-Fans heranzuzüchten. (mk)

Samstag, 26. Oktober 2019

Terminator 6: Dark Fate

pic (c) Fox Deutschland



Inhalt:

Vor wenigen Tagen war das Leben von Dani Ramos (Natalia Reyes) noch in bester Ordnung – und dann änderte sich alles: Denn plötzlich befindet sich die junge Frau in einem Kampf um Leben und Tod, inmitten eines unerbittlichen Krieges zwischen den Menschen und den Maschinen. Glücklicherweise ist sie dabei allerdings nicht auf sich allein gestellt. Unterstützung bekommt sie nicht nur von der kampferprobten Sarah Connor (Linda Hamilton), sondern auch von der kybernetisch weiterentwickelten Grace (Mackenzie Davis). Und die kann sie auch gut gebrauchen, denn ein weiterentwickelter Terminator des Modells Rev-9 (Gabriel Luna) hat es auf die junge Frau abgesehen. Zwischen den Fronten steht ein alter Bekannter (Arnold Schwarzenegger) von Sarah, der ihr Leben einst für immer veränderte...


Bewertung: 

Schon die mit einer altbekannten Filmszene in VHS-Optik verwobenen Logos der Produktionsfirmen machen deutlich, wie sehr sich Tim Miller mit „Terminator: Dark Fate“ auf die ersten beiden Teile von James Cameron bezieht. Der folgende, im Jahr 1998 spielende Einstieg knüpft dann auch an das Finale von „Tag der Abrechnung“ an. Und die eigentliche Handlung im Jahr 2020 verweist wiederum direkt auf „Terminator“ von 1984: Ein Mensch und eine Maschine werden aus der Zukunft zurückgeschickt, um eine junge Frau zu beschützen bzw. zu töten. Dass die von fünf Autoren entwickelte Story im Kern fast eins-zu-eins dem allerersten Film entspricht, mag auf den Blick einfallslos wirken, es hat aber nach den teils verquer-komplizierten Ideen der vorherigen Teile (ja, wir meinen dich, „Terminator: Genisys“) auch etwas Erfrischendes.

Vor allem gerät der im Zentrum stehende, simpel zugespitzte Kampf einer übermächtigen Maschine gegen völlig unterlegene Sympathieträger auch 35 Jahre nach dem ersten Teil noch mitreißend. So ist „Terminator: Dark Fate“ eine größtenteils spannend in Szene gesetzte, atemberaubende Hatz, bei der – wie in den beiden übergroßen Vorbildern - auch einige tiefergehende Fragen aufgeworfen werden. Regisseur Miller und sein Team sind zugleich aber auch so sehr auf ihre Geradlinigkeit bedacht, dass sie eine Menge möglicher Mysterien allzu leicht herschenken. Warum hat Grace übermenschliche Kräfte? Warum kommen trotz der Zerstörung von Skynet wieder Killermaschinen aus der Zukunft? Woher weiß Sarah von Danis Notlage und taucht plötzlich aus dem Nichts auf? All diese Fragen werden recht schnell, nachdem sie sich stellen, auch schon breit beantwortet. Da hätte man viel mehr Spannung rausholen können.

Nicht nur den Plot hat Miller von „Terminator“ übernommen, auch sonst zitiert er Camerons Originalfilme immer wieder mehr oder weniger deutlich. Einige Anspielungen sind natürlich fast schon Pflicht, aber Miller findet oft nicht das rechte Maß. Nicht nur die Zeitlupen, die Cameron einst so wohlüberlegt nutzte, um Momente unglaublich effektiv zu unterstreichen, streut der „Deadpool“-Regisseur nun etwas zu beliebig in seinen Film. Auch das berühmte „I’ll Be Back!“ wirkt diesmal einfach nur erzwungen. Immerhin verkneifen sich die Macher gen Ende ein „Hasta La Vista, Baby“, obwohl es so überdeutlich vorbereitet wird, dass man es schon fast hört, selbst wenn es nie ausgesprochen wird. Zum Glück: Denn es hätte einen emotionalen Moment nur unpassend-komisch gemacht. Viele andere Referenzen funktionieren aber auch – allen voran die Rückkehr des ikonischsten Schauspielers der Reihe.

Endlich wurde ein inhaltlich interessanter Kniff gefunden, um Arnold Schwarzenegger trotz grauer Haare (und massivem Vollbart) in einer prägenden Rolle zurück zur „Terminator“-Reihe zu bringen. Wir wollen aus Spoiler-Gründen an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber so viel können wir sagen: Schwarzeneggers Beteiligung ist umfangreich (nicht nur ein Mini-Cameo), großartig gespielt und saulustig. Ja! Saulustig! Das meinen wir ernst. Denn der Humor passt als konsequente Weiterentwicklung seiner trockenen Oneliner in „Tag der Abrechnung“ perfekt. Vor allem setzt es Schwarzenegger aber auch mit dem nötigen Ernst und Charisma um, weshalb seine Figur zu keinem Zeitpunkt ins Alberne abgleitet.


Neben der weiteren Rückkehrerin Linda Hamilton als getriebene, vom Leben gezeichnete Einzelkämpferin steht zudem ein neues Darstellertrio im Vordergrund, das überzeugen kann – auch wenn Shootingstar Natalia Reyes („Birds Of Passage“) ein wenig darunter zu leiden hat, dass das Drehbuch etwas zu nervig mit dem „Jungfrau in Nöten“-Rollenklischee spielt und eine Vorblende ihr unglaublich platte Dialoge beschert. Die stark auftrumpfende Mackenzie Davis („Blade Runner 2049“) ist eine überzeugende Action-Amazone – auch wenn einer der vielen Kleinigkeiten, die immer wieder verhindern, dass „Terminator: Dark Fate“ nicht nur ein solider, sondern ein großartiger Film wird, ihre Rolle betrifft: Denn dass ihr die Technik-Verbesserungen in ihrem Körper nicht nur Superkräfte verleihen, sondern auch Nebenwirkungen haben, wird nur genutzt, um partiell die Spannung zu erhöhen, aber darüber hinaus nicht wirklich ergründet.

Gabriel Lunas Killermaschine erinnert mit der stoischen Geradlinigkeit und völligen Fokussierung auf sein Ziel zu Beginn an Robert Patricks T-1000 in „Tag der Abrechnung“ – verfügt aber gleich über zwei technische Weiterentwicklungen. Gelungen ist dabei vor allem jene, die vielen Zuschauern vielleicht gar nicht so auffällt, weil sie nur unterschwellig Thema ist und nie geradeheraus erklärt wird: Ein Terminator ist bekanntlich neben dem Töten perfekt dafür ausgebildet, die Umgebung zu infiltrieren. So konnte schon der T-1000 das Antlitz anderer Menschen annehmen und Stimmen imitieren kann sogar schon der T-800. Doch Lunas REV-9 geht weiter. Als er das allererste Mal einen anderen Menschen kopiert, agiert er noch unglaublich steif, findet nicht die richtigen Worte. Im späteren Verlauf macht er dann aber plötzlich lockeren Small-Talk und sogar Witzchen mit Kollegen des kopierten Menschen. Schön subtil.

Offensichtlicher, aber weniger gelungen eingesetzt ist die andere Weiterentwicklung: Der neue Terminator kann sich nämlich aufspalten, indem er seine menschlich-wirkende Hülle von seinem Roboter-Skelett trennt und sich so quasi im Doppelpack seinen Feinden gegenüberstellt. Das erhöht natürlich die Gefahr für Dani, Grace und Sarah, aber eben auch nicht mehr. Es ist ein reines Gimmick, um Action-Szenen beeindruckender zu machen und die Spannung zu erhöhen. Doch zu mehr wird es nicht genutzt. Ähnlich wie bei den erwähnten Kräften von Grace geht es immer nur um den einzelnen Effekt, interessante inhaltliche Ansatzpunkte darüber hinaus bleiben auf der Strecke. Ihr Superkörper und seine Zwillingsfähigkeit sind so am Ende reine Vehikel, um dem üblichen Sequel-Mantra zu folgen: Alles muss noch eine Spur größer sein!

Das trifft natürlich auf die gesamte Action zu: Dabei sind die Kämpfe (mit der Wiederholung einiger aus den Vorgängern bekannter Szenarien) erst einmal erfrischend geradlinig, kompromisslos und so angemessen blutig, wie es gerade für den jeweiligen Moment nötig ist. In der zweiten Hälfte schlägt dann aber doch der übertreibende Gigantismus zu. Eine ausufernde Sequenz rund um ein Militärflugzeug läuft gleich aus mehreren Gründen aus dem Ruder. Zum einen fehlt dieser Szene mit ihrem absoluten CGI-Overkill jegliches Herz. Zum anderen geht teilweise auch die Übersichtlichkeit flöten, so dass man sich als Zuschauer mehr als einmal wundert, woher diese Figur denn jetzt plötzlich gerade wieder herkommt. Und schließlich ist der Moment so langgezogen, dass er irgendwann langweilig wird.

Fazit: 
„Dark Fate“ hat sicherlich seine Schwächen. Aber die überzeugenden Darsteller und eine Rückbesinnung auf die Stärken der beiden Originalteile sorgen für einen immerhin soliden Actionfilm, der die Weichen für eine bessere „Terminator“-Zukunft stellt.   (mk)

Samstag, 19. Oktober 2019

Maleficent 2: Mächte der Finsternis

pic (c) Walt Disney Germany



Inhalt:

Prinzessin Aurora (Elle Fanning) ist kein kleines Mädchen mehr, sondern eine erwachsene Frau, die bald Prinz Philipp (Harris Dickinson) von Ulstead heiraten soll. Zusammen mit der Fee Maleficent (Angelina Jolie) pflegt und schützt sie die magischen Moore und kümmert sich um das Waldkönigreich, um es so zu erhalten, wie es immer war. Die Fee ist glücklich und hat mit ihrer schrecklichen Vergangenheit abgeschlossen. Als allerdings Königin Ingrith (Michelle Pfeiffer), Auroras zukünftige Schwiegermutter, ins Leben von Maleficent tritt, ist das friedliche Miteinander im Königreich in Gefahr. Denn obwohl durch die bevorstehende Hochzeit das Königreich Ulstead mit dem Reich der Moore zusammengeführt werden soll, besteht zwischen den Menschen und den Feen noch immer Konfliktpotenzial. Maleficent und Aurora steht ein großer Kampf bevor, der alles zerstören könnte, was sie sich aufgebaut haben ...

Bewertung: 

„Maleficent – Die dunkle Fee“ muss man zumindest dafür loben, dass sich die Macher an das Update eines Disney-Klassikers herangewagt haben, ohne den alten Film einfach Szene für Szene nachzudrehen. Immerhin gehört einiges an Mut dazu, ausgerechnet die böse Fee aus „Dornröschen“ zur Hauptfigur und Sympathieträgerin zu erheben. So handelte es sich bei dem ersten Film über die dunkle Zauberin aus dem Jahr 2014 eben nicht um eine simple Neuauflage von „Dornröschen und der Prinz“, stattdessen vollzieht das Projekt einen interessanten Perspektivwechsel. Das bekannte Märchen um die schlafende Schönheit wurde um eine ausführliche Hintergrundgeschichte erweitert, die die teuflische Maleficent plötzlich allzu menschlich erscheinen ließ. Und angesichts des weltweiten Erfolgs des Films (mehr als 750 Millionen Dollar Einnahmen) ist es wenig überraschend, dass die (vielleicht doch gar nicht so) böse Fee noch einmal auf die Leinwand zurückkehren darf.

Für „Maleficent 2: Mächte der Finsternis“ wurde nun statt Robert Stromberg der Regisseur Joachim Rønning angeheuert, der zuvor u. a. auch schon den fünften „Pirates Of The Caribbean“-Teil „Salazars Rache“ inszenieret hat. In dem augenzwinkernden Piraten-Abenteuer konnte er bereits ein durchaus gutes Händchen für bildgewaltige Action beweisen – und das wird nun auch in „Maleficent 2“ dringend benötigt, denn mit einem Märchen für Kinder hat diese Fortsetzung tatsächlich nur noch wenig zu tun. Wo der Vorgängerfilm in Deutschland noch für die Kinoauswertung um 56 Sekunden geschnitten wurde, um eine FSK ab 6 Jahren zu erreichen, hätte man im zweiten Teil wohl noch sehr viel mehr für eine niedrigere Altersfreigabe schneiden müssen – und so kommt der düstere Fantasy-Blockbuster mit krachendem Bombast-Finale nun ungekürzt mit einer gerade für einen Disney-Film durchaus überraschenden FSK-12-Freigabe in die Kinos.

Nachdem Aurora (Elle Fanning) zur Königin der Moore gekrönt wurde, scheint zunächst alles friedlich im Feenreich. Doch dann macht ihr ihr Jugendfreund Prinz Phillip (Harris Dickinson) einen Heiratsantrag, womit die böse Fee Maleficent (Angelina Jolie) wiederrum so gar nicht einverstanden ist. Um ihr Patenkind nicht zu enttäuschen und den Frieden mit dem benachbarten Königreich nicht zu gefährden, gibt sie der Beziehung dennoch eine Chance. Widerwillig begleitet sie Aurora aufs Königsschloss zum Festmahl, das die Feindschaft zwischen Menschen und Fabelwesen beenden soll. Doch Auroras künftige Schwiegermutter, die Königin Ingrith (Michelle Pfeiffer), verfolgt ganz eigene Pläne, um das Feenreich auszulöschen und die Macht an sich zu reißen. Es kommt zum Krieg…

Oft passiert es leider nicht mehr, dass man Angelina Jolie als Schauspielerin auf der großen Leinwand zu sehen bekommt. Für „Maleficent 2“ hat sie sich aber glücklicherweise ein weiteres Mal ins schwarze Gewand geworfen. Ihr Auftritt in dem Disney-Film ist (abgesehen von einem Ausflug ins Synchronstudio für „Kung Fu Panda 3“) tatsächlich ihre erste Leinwand-Rolle seit dem mäßig überzeugenden Ehedrama „By The Sea“ aus dem Jahr 2015. Nach dieser vierjährigen Schauspielpause darf sie es allerdings auch eher ruhig angehen lassen, denn die titelgebende dunkle Fee bekommt in diesem Sequel erstaunlich wenig zu tun. 

Selbst für Maleficents berühmtes diabolisches Lachen bleibt dieses Mal kaum Zeit, auch wenn Jolie in den Momenten, in denen sie dann groß aufspielen darf, wieder glänzt und begeistert. Wenn sie über ihrem Spiegelbild im Teich das Lächeln übt, um bei der neuen Verwandtschaft einen freundlichen Eindruck zu hinterlassen, oder wenn sie Aurora über die Fallstricke der Liebe aufklärt, dann gelingt es der Schauspielerin, ihrer Figur wieder eine ungeheure emotionale Tiefe und Ambivalenz zu verleihen. Und das, obwohl der Film zum Glück darauf verzichtet, noch einmal den ganzen inneren Konflikt der Figur vorzukauen. Teil 1 sollte man also vorher unbedingt gesehen haben!

In Gestalt der durchtriebenen Königin Ingrith bekommt Maleficent eine Gegenspielerin spendiert, die es in sich hat. Michelle Pfeiffer füllt die Rolle der bösen Intrigantin mit einer bemerkenswerten, eiskalten Präsenz. Welche Pläne sie für die Zukunft des Märchenreichs verfolgt, ist teilweise so düster und abgründig, dass recht schnell deutlich wird, warum „Maleficent 2“ für kleine Kinder keinesfalls geeignet ist. Wenn Ingrith ihren Feinden hinterlistige Fallen stellt, dann fühlt man sich besonders in einer großen Szene sogar fast etwas an „Game Of Thrones“ erinnert. Schade, dass die dunkle Fee und ihre Widersacherin so selten direkt miteinander konfrontiert werden, denn das erste frostige Zusammentreffen dieser beiden großartigen Schauspielerinnen gehört eindeutig zu den Höhepunkten des Films.

Mit dem Clinch der beiden Frauen verlässt „Maleficent 2“ endgültig die bekannten Märchengefilde. Joachim Rønning steht hier (anders als sein Vorgänger) nicht mehr vor der Herausforderung, auch noch einer berühmten Vorlage gerecht werden zu müssen. Er kann sich in dem etablierten Märchenland voll und ganz austoben und das tut er in dieser Fortsetzung verdammt gut. Soviel kann bereits festgehalten werden: „Maleficent 2“ ist spannender als der erste Teil! Das liegt in erster Linie auch daran, dass man dieses Mal nicht sofort das Gefühl hat, jede einzelne Entwicklung der Geschichte vorhersehen zu können. Zugleich gibt es hier so viele neue inhaltliche Versatzstücke, dass der Film selbst mitunter damit überfordert ist, sie alle stimmig unter einen Hut zu bekommen.

Der Trailer zum Film hat es zwar bereits vorweggenommen, aber um an dieser Stelle größere Spoiler zu umgehen, sei nur so viel gesagt: „Maleficent 2“ begibt sich noch einmal in eine ganz neue Welt mit neuen Figuren und Fabelwesen. Das erweitert das aus Teil 1 bekannte Universum um einen spannenden neuen Mythos, der sich jedoch durchweg wie ein Fremdkörper in der Geschichte anfühlt. Der Film springt immer wieder zwischen den Schauplätzen hin- und her und ist oft nur damit beschäftigt, die allernötigsten Erklärungen zu liefern, damit zum Schluss alles in einen Topf geworfen werden kann. Nachvollziehbar wirkt da vieles kaum noch und trotz des Übermaßes an neuen Informationen hat man im Mittelteil selten das Gefühl, dass wirklich etwas Wichtiges passiert, das die Handlung voranbringt.

Aus dem ersten Teil bekannte Figuren wie die drei tollpatschigen Feen Fittle, Thistlewit und Knotgrass verkommen zu Randerscheinungen, mit denen der Film nicht wirklich mehr etwas anzufangen weiß. Die große Ausdehnung dieser Welt ist schließlich Segen und Fluch zugleich. All die kleinen, spannenden Charaktermomente kommen zu kurz, da sie am Ende der etwas platten Ökobotschaft rund um Naturzerstörung und friedvoller Koexistenz der Arten zum Opfer fallen. Gut gemeint wirkt das alles, aber leider eben auch etwas bemüht und überambitioniert. Wenn Rønning diesem Kosmos mehr Raum zum Atmen gegeben hätte, würde man sogar gerne eine längere Laufzeit in Kauf nehmen. Interessant genug ist er nämlich auf jeden Fall!

Bei all den inhaltlichen Problemen, die dieses Sequel mit sich bringt: Optisch ist es eine Wucht! Am beeindruckendsten sind die Momente, in denen die Computereffekte auf ein Minimum reduziert werden. Vor allem die prunkvollen Kostüme sind schlichtweg preisverdächtig und eine Augenweide. Für alle Cosplay-Fans ist „Maleficent 2“ wieder eine wahre Fundgrube! Wie schon der Vorgängerfilm ist alles so detailverliebt in Szene gesetzt, dass die groß ausstaffierten Bilder und die ganze märchenhafte Atmosphäre über so manche erzählerische Schwäche hinwegtrösten können.

Das Feenreich ist mit all den Tieren, lebendigen Gewächsen und Fabelwesen dieses Mal noch aufwendiger animiert. Da schwirrt und flimmert so viel über die Leinwand, dass man teilweise kaum weiß, wo man zuerst hinschauen soll. Doch wo sich bereits die Handlung etwas zu viel vorgenommen hat, wäre auch bei der optischen Inszenierung manchmal weniger mehr gewesen! „Maleficent 2“ fährt in seinem fulminanten Action-Showdown die ganz großen Geschütze auf und wird zur wilden Materialschlacht. Doch bei diesem überladenen Effekt-Gewitter hat man irgendwann eher das Gefühl, ein konfuses Computerspiel zu beobachten.

Fazit: 
„Maleficent 2: Mächte der Finsternis“ ist groß gedachtes Fantasy-Spektakel, das sich mit spannenden neuen Ideen gekonnt von seiner Märchen-Vorlage trennt, auch wenn es sich – erzählerisch und visuell – manchmal einfach zu viel vornimmt. (mk)

Dienstag, 15. Oktober 2019

Dora und die goldene Stadt

pic (c) Paramount Pictures Germany



Inhalt:

Nachdem sie den größten Teil ihres Lebens damit verbrachte, mit ihrer Mutter Elena (Eva Longoria) und ihrem Vater Cole (Michael Peña) den Dschungel zu erkunden, konnte sich Dora (Isabela Moner) nicht auf das gefährlichste Abenteuer aller Zeiten vorbereiten - die High School. Eine Exkursion zum Naturkundemuseum scheint für die junge Entdeckerin eigentlich vertrautes Gebiet zu sein, allerdings nur so lange, bis sie, Diego (Jeffrey Wahlberg) und zwei ihrer Freunde von Dieben entführt werden. Dora soll den Gaunern dabei helfen, ihre Eltern ausfindig zu machen, da die gerade auf der Suche nach Parapata, einer alten untergegangenen Stadt sind. Die Stadt wäre ein bedeutender archäologischer Fund und die Banditen wollen sich daran bereichern. Also werden alle nach Peru gebracht. Kurz nach der Ankunft werden die Freunde von Alejandro Gutierrez (Eugenio Derbez), einem geheimnisvollen Bewohner des Dschungels, gerettet. Von nun an führen Dora und ihre Begleiter eine Wanderung ins Unbekannte, um ihre Eltern zu retten und das mysteriöse Geheimnis hinter der verschollenen Inka-Zivilisation zu lösen.


Bewertung:

Es ist nachvollziehbar, dass die Macher Dora ein wenig älter gemacht haben. Schließlich sind die meisten Fans von damals mittlerweile selbst im Teenageralter oder haben sogar selbst schon Kinder. Da kann die zunächst mit einer siebenjährigen Dora (Madelyn Miranda) beginnende, dann aber schnell vorwärtsspringende Story inhaltlich schon ein wenig anspruchsvoller daherkommen, um wirklich abend- oder zumindest nachmittagsfüllend zu sein. Auch die Entscheidung für einen Realfilm liegt auf der Hand, schließlich ist die Serie eben doch recht schlicht animiert. Der Stil ist zwar für das ganz kleine Publikum vor der Mattscheibe perfekt, auf der großen Leinwand wäre er allerdings gerade im Vergleich zur Konkurrenz von Pixar & Co. wahrscheinlich chancenlos.

Trotzdem wurde sich sichtlich Mühe gegeben, viele kleine Eigenheiten des Formats zu übernehmen – mal mehr ausgeprägt, mal klugerweise nur angedeutet. Die von Isabela Moner („Plötzlich Familie“) sympathisch und mit spürbarem Enthusiasmus verkörperte Dora etwa ist ausgesprochen intelligent, aber zugleich auch immer noch kindlich unbekümmert. Sie singt und tanzt in jeder Umgebung einfach drauflos, ohne sich einen Kopf darüber zu machen, was andere über sie denken könnten. Auch spricht sie weiterhin gelegentlich direkt mit dem Publikum. Sie bittet uns um gedankliche Mithilfe oder fragt augenzwinkernd, ob wir ausgewählte, besonders komplizierte Worte laut nachsprechen können. Dieser kurios anmutende, die vierte Wand durchbrechende Aspekt der Figur wird aber nicht überbeansprucht. Deshalb dürften selbst Zuschauer, die im Serien-Universum nicht so bewandert sind, dies nicht als nervigen, sondern als durchaus liebenswerten Spleen der Hauptfigur hinnehmen.

Der gerade bei vielen sehr jungen Fans so beliebte Affe Boots (im Original gesprochen von B-Film-Legende Danny Trejo) ist als Computeranimation ebenso prominent dabei wie Doras Rucksack. Die scheinbar bodenlose, hier allerdings stumme Wundertüte spuckt erneut alle möglichen, im Dschungel bitternötigen Werkzeuge und Utensilien aus – worüber sich Freund und Feind immer mal wieder kräftig wundern. Sogar der in diversen TV-Folgen als Doras Widersacher agierende Fuchs Swiper ist involviert. Swiper wird im Original von Benicio Del Toro („Sicario“) mit hörbarem Spaß an dessen gleichzeitiger Verschlagenheit und Dusseligkeit gesprochen. Kleinere Nebencharaktere wie das Eichhörnchen Tico, der Bulle Benny oder das Iguana Isa sind lediglich kurz in traditionell gezeichneter Form im Abspann zu sehen. Eine gute Entscheidung, denn sonst gäbe es wohl doch zu viel CGI-Gewusel auf der Leinwand.

Für kleine Kinofans, die vom Alter her immer noch der Zielgruppe der TV-Serie entsprechen, dürfte die visuell wie atmosphärisch als Mix aus „Jumanji: Willkommen im Dschungel“ und „Alice im Wunderland“  auch ganz schön aufregend sein. So gibt es ein paar wirklich fiese Männer, die die Titelheldin und ihre Eltern glaubhaft bedrohen. Später folgt dann noch die verhältnismäßig spannende und verzwickte Hatz nach dem Inka-Gold. Speziell in diesem Segment tobt sich Bobin mit Reminiszenzen an Klassiker wie „Quatermain II - Auf der Suche nach der geheimnisvollen Stadt“, „Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“ oder natürlich die „Indiana Jones“-Reihe nach Herzenslust aus. Das macht dann auch den Erwachsenen im Saal eine Menge Spaß.

Den hatte ganz offenbar auch „Ant-Man“-Star Michael Peña, obwohl er speziell im Mittelteil nicht allzu viel zu tun bekommt. Aber gerade eine Sequenz zu Beginn, als Doras Vater seine Tochter vor Rave-Partys warnen will und deshalb minutenlang auf wirklich jämmerliche Weise die Manierismen eines Club-DJs zu imitieren versucht, zählt zu den lustigsten Momenten aus Peñas gesamter Karriere. Sein köstlich übertriebener, finaler Auftritt an der Seite von Ex-„Desperate Housewives“-Star Eva Longoria ist ebenfalls noch einmal zum Wiehern. Freunde des Meta-Humors werden hingegen speziell eine Passage mögen, in der Dora und ihre Freunde aufgrund von giftigem Blütenstaub zu halluzinieren beginnen. Denn die nächsten Minuten sind dann plötzlich komplett animiert. Und das dann doch wieder – zur Freude aller Puristen! – ziemlich nah am klassischen Stil der TV-Serie.

Fazit: 
Als Teenie-Version von „Tomb Raider“ ist „Dora und die goldene Stadt“ sicher kein Meisterwerk des Genres – dafür sind die Spezialeffekte zu unspektakulär, die Kulissen nicht aufwändig genug, die Leistungen einiger Jungschauspieler zu unbeständig und der Ausgang zu absehbar. Dank witziger Einschübe und cleverer Überraschungen macht das temporeiche Dschungel-Abenteuer aber dennoch überraschend viel Laune.  (mk)

Samstag, 12. Oktober 2019

Joker

pic (c) Warner Bros GmbH



Inhalt:

1981 in Gotham City: Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) fristet ein trostloses Leben. Wenn er nicht gerade auf den Straßen von Gotham City als Clown verkleidet Werbeschilder für Schlussverkäufe herumwirbelt oder von jugendlichen Schlägern verprügelt wird, kümmert er sich zuhause um seine kranke Mutter Penny (Frances Conroy). Flecks Geisteskrankheit wird durch die ständigen Demütigungen immer schlimmer. Mittlerweile schluckt er sogar sieben Psychopharmaka gleichzeitig. Sein Leben nimmt eine dramatische Wendung, als er von seinem Kollegen Randall (Glenn Flesher) einen Revolver geschenkt bekommt, für den er kurz danach auch Verwendung findet: Als in der U-Bahn drei betrunkene Yuppies für Stunk sorgen, knallt er sie kurzerhand ab – und löst damit unbeabsichtigt eine Bewegung aus, die gegen die Oberschicht aufbegehrt. Trotz seiner instabilen psychischen Verfassung verfolgt Arthur seine Karriere als Stand-up-Comedian dennoch weiter und landet schließlich bei seinem großen Idol, dem Late-Night-Talker Murray Franklin (Robert DeNiro). Der hat für das Nachwuchstalent jedoch nichts als Spott übrig und führt ihn als unlustigsten Komiker aller Zeit vor...

Bewertung:

Dass es DC und Warner Bros. bisher nicht gelungen ist, ein eigenes Kinouniversum nach dem Vorbild von Disney und Marvel aufzubauen, hat natürlich auch seine guten Seiten. Denn wäre das ständig stotternde DCEU genauso eine nimmermüde Gelddruckmaschine wie das MCU, dann hätten die Verantwortlichen für einen so völlig aus dem Rahmen fallenden Konkurrenz-Film wie „Joker“ bestimmt kein grünes Licht gegeben. Das Risiko wäre einfach viel zu groß, dass er die Marke beschädigt - und die Gelegenheitszuschauer nicht verstehen, warum es plötzlich zwei Joker parallel im Kino zu sehen gibt. Leider ist die Freude über die Existenz eines Films wie „Joker“ aber größer als die Freude über „Joker“ selbst. „Hangover“-Mastermind Todd Phillips hat sich an einen New-Hollywood-Retro-Comicfilm gewagt – und dann doch nur eine schwache Kopie von zwei der Meisterwerke seines Beinahe-Produzenten Martin Scorsese abgeliefert, die dem Joker, einem der großartigsten, faszinierendsten und abgründigsten Comic-Bösewichte überhaupt, zudem auch noch mit platter Küchenpsychologie zu Leibe rückt.

Martin Scorsese ist zwar wegen anderer Verpflichtungen dann doch nicht als Produzent mit an Bord gekommen, aber es liegt natürlich auf der Hand, warum man ihn überhaupt gefragt hat, obwohl der „GoodFellas“-Regisseur ja eigentlich nicht die offensichtlichste Wahl für einen Comic-Blockbuster zu sein scheint: „Joker“ ist schließlich ein Quasi-Mash-Up aus dem titelgebenden „Batman“-Bösewicht sowie den Scorsese-Meisterwerken „Taxi Driver“ (in dem Robert De Niro am zunehmenden Schmutz und Wahnsinn der Stadt zerbricht und schließlich Amok läuft) und „The King Of Comedy“ (in dem Robert De Niro an seinen unrealistischen Stand-up-Ambitionen zerbricht und schließlich Amok läuft). Da macht auch niemand ein Geheimnis draus. Es zu leugnen würde ja ohnehin keinen Sinn ergeben, schließlich wurden zum Teil ganze Handlungsstränge nahezu eins zu eins aus den beiden Klassikern übernommen. Fast jede Szene aus „Joker“ lässt sich direkt einem der Vorbilder zuordnen (und eine Prise „Hexenkessel“ ist auch noch drin).

Aber um es mal gleich zu Beginn auf den Punkt zu bringen: Todd Phillips ist nun mal kein Martin Scorsese! Zwar reproduziert er gemeinsam mit seinem Kameramann Lawrence Sher („Godzilla 2“) kompetent den körnig-rauen Look des Siebzigerjahre-Scorsese, aber darüber hinaus liefert er mit seinem „Joker“ nur eine zwar unglaublich düstere, aber weitestgehend seelen- und ideenlose Kopie. Wenn Arthur gleich in der ersten Szene zusammengetreten wird, läuft ihm nicht das Blut aus dem Mund, sondern das Wasser aus der zu seinem Clowns-Kostüm gehörenden Ansteck-Spritzblume. Das ist zugleich das letzte Mal, dass „Joker“ sein Publikum wirklich überrascht. Abgesehen davon kommt alles genau so, wie man es von Anfang an erwartet – nur der emotionale Einschlag fällt enttäuschend gedämpft aus.


In Gotham City, das hier sogar noch mehr als sonst wie Scorseses auch filmische Heimatstadt New York aussieht, streikt seit Längerem die Müllabfuhr, die Nachrichten berichten bereits von Super-Ratten. Aber im Gegensatz zu den Scorsese-Vorbildern bleibt das Brodeln auf den Straßen der Stadt in „Joker“ bloße Behauptung. Im Plot selbst wird es zwar (über-)deutlich ausformuliert, etwa wenn Arthurs Sozialarbeiterin ihm erklärt, dass sie ihn wegen neuerlicher Budgetstreichungen in Zukunft nicht mehr unterstützen könne und von denen da oben sich ohnehin niemand für jemanden wie ihn interessieren würde. Aber man spürt es nicht. Phillips gelingt es einfach nicht, die fiebrige, kurz vor der Explosion stehende Atmosphäre der Stadt auch im Kinosaal hochkochen zu lassen (das ist DC zuletzt in der ersten Viertelstunde von „Batman v Superman“ noch sehr viel besser gelungen).

„Joker“ lässt einen in Anbetracht all der angestauten Wut erstaunlich kalt – und daran kann auch eine plötzliche, ultrabrutale Gewaltspitze nichts ändern. Zumal eben auch die Zeichnung der Hauptfigur erschreckend platt gerät. „Taxi Driver“ Travis Bickle ist eben auch deshalb einer der legendärsten Anti-Helden der Filmgeschichte, weil Scorsese und sein Autor Paul Schrader den Mut hatten, immer wieder psychologische Leerstellen und Brüche zuzulassen. Nicht so aber Phillips und sein Co-Autor Scott Silver („The Fighter“): An dem erratischen, (selbst-)zerstörerischen Verhalten von Arthur Fleck wird wirklich ALLES erklärt – und wenn nach zwei Dritteln noch ein paar kleine Punkte offen sind, dann latscht Arthur eben selbst in eine psychiatrische Klinik und liest dort in einer Akte einfach nach, warum er so ist, wie er ist.

Dass es sich bei Arthur Fleck aber eben nicht um einen austickenden Jedermann handelt, sondern in „Joker“ eine Origin Story für einen der großartigsten Bösewichte aller Zeiten erzählt wird, macht die Sache nur noch schlimmer: Statt Geheimnis und Mysterium bleibt hier am Ende nur jede Menge Küchenpsychologie. Selbst die Herkunft seines Namens wird erklärt – und die Auflösung ist nur minimal besser als der Passkontrollen-Nonsens in „Solo: A Star Wars Story“. Arthur Fleck wäre wahrscheinlich eine vollkommen platte Figur, wenn er nicht von dem dreifach oscarnominierten Joaquin Phoenix verkörpert werden würde.

Joaquin Phoenix gibt – mit seinem offenbar speziell für die Rolle erneut ungesund ausgemergelten Körper – auch diesmal wieder buchstäblich alles. Aber als getriebener Antiheld haben wir ihn eben auch erst im vergangenen Jahr im sehr viel besseren „A Beautiful Day“ gesehen – und als „Joker“ hat er dieser Performance abseits vom Clowns-Make-up und einem wahrhaft verstörenden falschen Lachen leider nicht allzu viel hinzuzufügen. Trotzdem ist es ein großes Glück, dass Phoenix hier für die erste große Blockbuster-Hauptrolle seiner Karriere zugesagt hat - ohne seine zugleich tragische und erratische Energie würde „Joker“ vermutlich gar nicht mehr funktionieren.


Abseits der Scorsese-Anleihen gibt es auch eine Reihe von Verbindungen zum „Batman“-Universum, die über die Titelfigur hinausreichen. Aber auch die dürften kaum einen Comic-Fan großartig hinter dem Ofen hervorlocken – gerade der Einbau der legendären Theatergassen-Szene ist fast schon gelangweilt offensichtlich. Alles an den Auftritten von Thomas Wayne (Brett Cullen) und seinem Sohn Bruce (Dante Pereira-Olson) wirkt wie eine Pflichtübung – mit einer Ausnahme: Wenn Thomas Wayne die rebellierenden Aufständigen nach den U-Bahn-Morden als „Clowns“ bezeichnet, ist das eine klare Anspielung auf Hillary Clinton, die Trumps Wählerschaft einst als „Deplorables“ bezeichnete und ihnen damit nur eine noch stärkere gemeinsame Identität gestiftet hat. Weiter ausgelotet wird dieser Ansatz jedoch nicht.

Ähnlich verschwendet wird auch der Auftritt von Robert De Niro, der natürlich vor allem dabei ist, weil er in beiden großen Vorbildern selbst die Hauptrolle gespielt hat. Hier übernimmt er als Late-Show-Moderator nun quasi den Part seines „The King Of Comedy“-Gegenspielers Jerry Lewis – und liefert dabei eine ziemlich nichtssagende Performance. Aber seine Figur arbeitet eben auch für einen Sender mit dem ach so kreativen Namen „NCB“ (statt dem tatsächlich in New York ansässigen NBC). Das ist allgemein das Niveau der Zitate und Anspielungen in „Joker“. Immerhin kann man sich von den regelmäßigen Einsätzen hipper Retromucke wachrütteln (und womöglich sogar mitreißen) lassen – zumindest wenn sie einen nicht zu sehr an einen Tarantino für Arme erinnern.

Fazit: 
Der Retro-Look ist kompetent umgesetzt und ein sichtlich ausgemergelter Joaquin Phoenix gibt mal wieder alles – und trotzdem entpuppt sich dieser „Joker“ als ziemliche Niete. Dass sich ein großes Hollywood-Studio auf ein solches Wagnis einlässt, ist eine Einmal-in-100-Jahren-Chance – und da hätte man so, so viel mehr draus machen können.  (mk)   

Freitag, 11. Oktober 2019

Dem Horizont so nah

pic (c) StudioCanal Deutschland



Inhalt:

Jessica (Luna Wedler) ist eine junge Frau, die ein unkompliziertes Leben lebt und beste Aussichten für die Zukunft hat. Doch als sie eines Abends vor die Tür geht, ahnt sie nicht, dass sie ihre große Liebe kennenlernen wird. Ihr gesamtes Weltbild wird sich ändern und schon bald steht sie vor der schwerwiegendsten Entscheidung ihres Lebens. Denn Danny (Jannik Schürmann) ist nicht nur gut aussehend, charmant und selbstbewusst, sondern verbirgt vor allem ein dunkles Geheimnis. Die gemeinsame Zukunft, von der Jessica träumt, wird immer unwahrscheinlicher. Doch die 18-Jährige glaubt an Danny und an ihre Liebe und dafür ist sie bereit zu kämpfen. Schließlich kommt es für die beiden nicht darauf an, wie lange sie sich noch lieben können, sondern wie intensiv sie ihre gemeinsame Zeit genossen und gelebt haben...

Bewertung: 

Im Herbst 2018 gelang der jungen Zürcherin Luna Wedler mit der Titelrolle in der Coming-Of-Age-Liebeskomödie „Das schönste Mädchen der Welt“ der Durchbruch in Deutschland. Ein gutes halbes Jahr zuvor war sie bereits im Rahmen der Berlinale zu einem der European Shooting Stars gekürt worden. Grundlage für die Ehrung war ihre noch nicht sehr umfangreiche, dennoch bereits beeindruckende Arbeit in der Schweiz, wo sie unter anderen mit der Komödie „Flitzer“ und dem atmosphärischen, fantastisch angehauchten Jugenddrama „Blue My Mind“ für Furore sorgte. Wedlers herausragendes, vielseitiges und bislang immer natürlich-sympathisches Auftreten ist der Grund, warum wir darauf hoffen, dass wir sie in naher Zukunft noch viel, viel öfter im Kino sehen – gerne auch in künstlerisch herausragenden Filmen. Das ist das von Regisseur Tim Trachte inszenierte Young-Adult-Romantikdrama „Dem Horizont so nah“ nämlich leider nicht.

„Dem Horizont so nah“ beginnt mit der Feier zu Jessicas 18. Geburtstag. Die strahlend hellen Bilder vom familiären Garten mit den fröhlich schnatternden Freundinnen und den leicht stoffeligen Eltern lassen das Ganze wie eine Sitcom oder fast schon wie einen Ableger von Detlev Bucks „Bibi & Tina“-Reihe (minus der Hexerei) erscheinen. Dieser Eindruck soll sich bald ändern – vor allem was die Stimmung betrifft. Regisseur Tim Trachte, der sich mit dem missratenen „Benjamin Blümchen“ oder der grottigen „Abschussfahrt“ bis dato nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, liefert hier seine zumindest visuell mit Abstand reifste Leistung ab. Das liegt größtenteils an den Breitbildformat-Kompositionen seines Stamm-Kollaborateurs Fabian Rösler. Dem Chef-Kameramann gelingt es, Drehorte wie die Umgebung von Köln oder die portugiesische Atlantikküste (wo in den USA spielende Szenen aufgenommen wurden) nicht nur mit Hollywood-Optik ins Kino zu holen, sondern ihnen gen Ende sogar eine epische Dimension zu verpassen.

Das Prunkstück ist aber – wie schon in der Einleitung verraten – Luna Wedler. Die Eidgenossin spielt Jessica nicht, sie ist Jessica – ob sie verliebt schmachtet, verzweifelt schluchzt, sich streitet oder lacht. Sie macht den Film mit ihrer fesselnden Leistung fast im Alleingang gerade so noch sehenswert. Wedler ragt auch aus dem prominenten Cast heraus, bei dem sonst noch am ehesten Denis Moschitto („Chiko“) als Dannys Ersatzvater und Betreuer sowie Frederick Lau („Victoria“) als sein Kickboxtrainer es schaffen, das Bestmögliche aus ihren wenigen Szenen und eher eindimensionalen Figuren zu holen. Jungstar Jannik Schümann gibt nach Streifen wie „Jugend ohne Gott“, „Niemandsland - The Aftermath“ oder „High Society - Gegensätze ziehen sich an“ hier mal keinen Fiesling, sondern einen schönen Rebellen in bester James-Dean-Manier. Warum er trotzdem durchweg so verschlagen schaut, als würde er etwas Hinterhältiges aushecken, bleibt dagegen offen.

Doch nicht nur deswegen bleibt Danny blass. Ebenso wie übrigens auch Hauptfigur Jessica fällt es dem Zuschauer schwer, ihn als Todgeweihten zu erleben. Er treibt Kampfsport auf hohem Niveau, modelt für Unterhosen-Anbieter und fährt mit Jessica in den USA-Urlaub. Die über seinem Haupt schwebende Gefahr bleibt bis zum Ende wenig akut. Sie ist die meiste Zeit nur abstrakt, was die Dramatik mindert. Ungeachtet der feinen Optik und der starken Hauptdarstellerin erreicht „Dem Horizont so nah“ daher nie länger als für kurze Augenblicke die berührende Intensität und nahezu greifbare Dringlichkeit eines zumindest ansatzweise in ähnlichen Gefühls- und Gedankenwelten verankerten „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“.

Am Ende wirkt „Dem Horizont so nah“ so, als wäre eine der US-Verfilmungen, die auf einem manipulativen Herzschmerz-Roman von Schnulzenpapst Nicholas Sparks („Nur mit Dir“) beruhen, eher plump für Teens umgemünzt worden – so ähnlich formelhaft und durchschaubar wird die Geschichte über weite Strecken abgewickelt. In Wirklichkeit basiert der Film auf der wahren Geschichte von Jessica Koch, die diese selbst in Romanversion (mittlerweile gibt es eine ganze Danny-Trilogie) aufschrieb. Drehbuchautorin Ariane Schröder („Hin und weg“) packt in ihre Verknappung dieser knapp 500 Seiten umfassenden Buchvorlage auf fast zwei Stunden Laufzeit zwar genug Herz und Schmerz, damit bei der Teen-Zielgruppe hin und wieder in einzelnen Szenen die Augen feucht werden dürften, aber am Ende bleibt die Story dann zu platt und vorhersehbar, um wirklich nachhaltig zu berühren.


Fazit: 
Das Beste an der zu formelhaften und vorhersehbaren Liebes-Tragödie für jugendliche Kino-Fans ist Hauptdarstellerin Luna Wedler.  (mk)

Sonntag, 6. Oktober 2019

Skin

pic (c) 24 Bilder



Inhalt:

Bryon Widner (Jamie Bell) gehört zu den Hammerskins, einer neonazistischen Vereinigung, die vom FBI beobachtet wird. Von Kopf bis Fuß mit rassistischen Tätowierungen bedeckt, die er sich durch Hassverbrechen „verdiente“, führt er ein zerstörerisches Leben und geht damit einen Weg, den er nicht wieder rückgängig machen kann. Als er Julie (Danielle MacDonald) und deren drei Töchter trifft, weckt das in ihm den Wunsch nach einem anderen Leben. Doch als er sich anschickt, die Bewegung zu verlassen, erhält er Todesdrohungen von seinen ehemaligen Verbündeten. Und auch sein neues Leben lässt sich wegen der Tätowierungen, die ihn für jeden klar als Neonazi kennzeichnen, nur schwer in Angriff nehmen. Mithilfe des FBI und des Southern Poverty Law Centers unterzieht er sich 25 harten Tattooentfernungssitzungen. Als Gegenleistung dürfen die Beamten seine Tätowierungen entschlüsseln, was in Verhaftungen und Verurteilungen von Hammerskins-Mitgliedern mündet.

Bewertung:

Als vor gut 20 Jahren „American History X“ mit Edward Norton ins Kino kam, mutete ein amerikanischer Neonazi mit tätowiertem Hakenkreuz auf der Brust noch exotisch an. Inzwischen hat sich die Wahrnehmung von sogenannten White supremacists speziell in den USA jedoch gewandelt, zeigen Anschläge wie der in Charlottesville 2017 doch, dass sich diese Ewiggestrigen immer stärker fühlen, nicht zuletzt dank US-Präsident Donald Trump, der sie nur oberflächlich kritisiert. Da kommt ein Film wie „Skin“ eigentlich gerade recht, der mit Bildern einer Demonstration beginnt, bei der Neonazis America-First-Plakate schwenken, Shirts mit Blut-und-Ehre-Aufdruck tragen und sich mit Gegendemonstranten eine brutale Schlacht liefern. Wie man in so eine Szene reinrutscht, erzählt Guy Nattiv etwas unbeholfen über eine Nebenfigur, einen jungen Typen von der Straße, der vom Versprechen auf etwas Essen und vor allem eine Art Familie verführt wird. Man darf vermuten, dass es Bryon Widner einst ebenso ging, doch vom Entstehen seines Hasses und auch vom Innenleben der Szene erfährt man wenig.

Stattdessen konzentriert sich der Israeli Nattiv, der hier seinen ersten in englischer Sprache gedrehten Film vorlegt, ganz auf den schwierigen Prozess des Ausstiegs. Warum es ausgerechnet diese Frau ist, die Bryon dazu veranlasst, sein bisheriges Leben zu überdenken, bleibt dabei wie so vieles offen. Man muss es wohl hinnehmen, ebenso wie den Wunsch Bryons, seine Familie hinter sich zu lassen, auch wenn sie ihn – wie er selbst oft betont – einst gerettet hat. Was dabei hilft, diese Drehbuchschwächen zu übersehen, ist vor allem die Performance des einstigen Kinderstars Jamie „Billy Elliot“ Bell. Mit ganzem Körpereinsatz, geschorenem Schädel und einem Gesicht, das großflächig mit martialischen Tattoos bedeckt ist, spielt sich Bell bisweilen in einen beeindruckenden Rausch aus Zweifeln und Selbsthass.

Dass unter der harten Schale immer auch das zarte, verletzliche Wesen zu erkennen ist, das Bell zuletzt etwa auch in „Film Stars Don‘t Die In Liverpool“ zeigte, macht die Zerrissenheit Bryons spürbar und glaubwürdig. Wie der langwierige und offenbar sehr schmerzhafte Prozess des Entfernens der Tattoos ablief, der in „Skin“ nur angedeutet wir, kann man sich stattdessen besser in Bill Brummels „Hass auf der Haut“ ansehen. Diese Dokumentation ist eine sehenswerte Ergänzung zu „Skin“, der sich am Ende einfach zu sehr auf die Entwicklung seiner Hauptfigur beschränkt, um wirkliche Einblicke in die Neonazi-Szene liefern zu können.

Fazit: 
Vor allem Jamie Bells Performance als von Zweifeln und Selbsthass geplagter Ex-Neonazi macht Guy Nattivs Aussteigerdrama „Skin“ sehenswert, selbst wenn es erzählerisch dann doch arg konventionell geraten ist. (mk)

Samstag, 5. Oktober 2019

Gemini Man


pic (c) Paramount Pictures Germany



Inhalt:

Henry Brogan (Will Smith) ist ein Weltklasse-Attentäter, der sich in den Ruhestand begeben will. Da setzt sein ehemaliger Vorgesetzter Clay Verris (Clive Owen) plötzlich einen gefährlichen Assassinen auf ihn an, der sich als Henrys eigener, im Geheimen erzeugter und vor allem viel jüngerer Klon (ebenfalls Smith, aber aus dem Computer) entpuppt. Es entbrennt ein ebenbürtiges Duell zwischen dem menschlichen Original und seiner Kopie, in dem beide immer den nächsten Schritt des jeweils anderen zu kennen scheinen. Brogan wird dabei von der Regierungsagentin Danny Zakarweski (Mary Elizabeth Winstead) und seinem Kollegen Baron (Benedict Wong) beim Überleben unterstützt, während sein Klon in eine Identitätskrise stürzt. Werden die Profi-Killer den tödlichen Teufelskreis durchbrechen können, den der undurchsichtige Verris in Gang gesetzt hat?

Bewertung:

Als James Cameron 2009 mit „Avatar“ Filmgeschichte schrieb, war es die revolutionäre Technik mit bahnbrechenden, nie zuvor gesehenen 3D-Bildern, die seinen Science-Fiction-Action-Thriller auf ein ganz eigenes Level katapultierte. Das Ergebnis: Bis zur kürzlich erfolgten Wachablösung durch „Avengers: Endgame“ war der Ausflug nach Pandora mit 2,79 Milliarden Dollar der kommerziell erfolgreichste Film aller Zeiten. Eine Nummer kleiner, aber von der Blaupause her nach gleichem Muster funktioniert Ang Lees „Gemini Man“, mit dem sich der taiwanesische Meisterregisseur weiter als Vorreiter der noch umstrittenen High Frame Rate etabliert.

Der futuristische Action-Thriller ist in 120 Bildern pro Sekunde (Frames per second) gedreht. Mit glasklarer Tiefenschärfe bis in den allerletzten Winkel der Leinwand wirkt das Geschehen so noch realistischer, fast wie „live dabei“, wie im Theater. Dieses Gimmick, das Lee bereits in „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ ausprobierte, perfektioniert der zweifache Oscarpreisträger (für „Brokeback Mountain“ und „Life Of Pi“) in „Gemini Man“. Das ergibt einen optisch grandiosen Film, der jedoch genauso wie „Avatar“ inhaltlich nicht mit der technischen Brillanz mithalten kann. Die Gedankenspiele um Klonen, Unsterblichkeit und den ultimativen Soldaten wirken etwas halbherzig in einer Old-School-Geschichte, die schon seit den 90er Jahren in Hollywood kursiert.

Immer wieder erblicken Filme nach Jahrzehnten in der Produktionshölle Hollywoods doch noch das Licht der Welt – weil zum Beispiel wie zuletzt bei „Passengers“ gerade angesagte Stars (dort: Jennifer Lawrence und Chris Pratt) endlich den nötigen Anschub geben. Bei „Gemini Man“ waren über die Jahre Regisseure wie Tony Scott, Curtis Hanson und Joe Carnahan am Ball, mit Darstellern wie Harrison Ford, Mel Gibson, Nicolas Cage, Clint Eastwood und Sean Connery gab es sogar reichlich Prominenz für die Hauptrolle. Es ist hier also nicht allein die Star-Power von Will Smith („Aladdin“), sondern vor allem die sich rasant weiterentwickelnde Technik, dank derer der Sci-Fi-Action-Thriller nun endlich in die Kinos kommt. Denn nun war es möglich, einen hochgradig realistischen Leinwandklon des Superstars am Computer zu erzeugen.

Doch Ang Lee beeindruckt technisch nicht nur mit den zwei Will Smith zum Preis von einem. „Gemini Man“ ist herausragend gefilmt – mit überragenden Aufnahmen und innovativen Einstellungen von Kameramann Dion Beebe („Mary Poppins‘ Rückkehr“), der auch die volle Pracht der High Frame Rate ausnutzt. Die Bilder sind so von gestochen scharfer Brillanz. Ja, es braucht zunächst ein wenig Gewöhnungszeit ob der ungewöhnlichen Seherfahrung, doch nach kurzer Zeit ist man voll drin. Dann befeuert das Gefühl, wie im Theater ganz nah dran am Geschehen zu sein, „Gemini Man“ sogar permanent, was von einem treibend-hypnotischem Action-Score noch verstärkt wird.

In einer Handvoll großer, rund um den Erdball verteilter Actionszenen, die auch an repräsentativen Schauplätzen (besonders der Tourismusverband der ungarischen Hauptstadt Budapest wird erfreut sein) gefilmt wurden, zischen einem die Kugeln im Kinosessel förmlich um die Ohren. 3D wird hier (und das können wir gar nicht genug unterstreichen) jederzeit sinnvoll eingesetzt, sodass die Auswahl einer entsprechenden Kinovorführung ein MUSS ist. Natürlich liefern eine Motorrad-Verfolgungsjagd in Kolumbien, eine Katakomben-Klopperei in Budapest und der finale Showdown in Georgia ein spektakuläres Action-Gerüst, doch „Gemini Man“ bietet immer wieder Verschnaufpausen, um die Figuren greifbar zu machen. Diese Rhythmuswechsel geben dem Film ein angenehmes Tempo.

Erzählerisch kann „Gemini Man“ mit der technischen Revolution nicht schritthalten. Hinter dem vielleicht ein paar Jährchen in die Zukunft gedachten, sich aber ansonsten wie in der Gegenwart geerdet anfühlenden Action-Thriller steckt im Kern dann doch eine sehr simple Old-School-Story, die in dieser Art wohl schon in den 1990er Jahren geplant war. Die gleich zu Beginn angeleierte Verschwörung ist so ein nicht allzu schwer zu durchschauendes, recht oberflächliches Story-Vehikel. Gerade von einem begnadeten Erzähler wie Ang Lee durften wir uns da durchaus noch deutlich mehr erwarten.

Doch die Geschichte ist am Ende nur Mittel zum Zweck, um Henry Brogan und seinen Klon Junior in Bewegung zu bringen. Schließlich sind ihre Duelle in vielfacher Hinsicht das Highlight des Films – auch wenn sich irgendwann die Logikfrage stellt, warum Junior darauf beharrt, seinen DNA-Spender weiterhin umzubringen, als er mehr Informationen bekommt. Mit der Auseinandersetzung der beiden Killer bringen Lee und seine Drehbuchautoren dann auch eine zusätzliche emotionale Ebene ein. Schließlich fechten sie einen zweiten Kampf aus, der auch tiefer gehende Gedanken in diesen Actionfilm einwebt. Was passiert, wenn ich meinem eigenen Ich in einer Kopie begegne? Was macht das mit mir selbst und der Nachahmer-Version? Leider sind die Antworten auf diese Fragen nicht sonderlich revolutionär. Sie sind nicht nur ein Stück weit berechenbar, sondern erfüllen vor allem zu deutlich eine Story-Funktion.

Doch über solche Schwächen hilft am Ende vor allem der Hauptdarsteller hinweg. Ein Hauch Melancholie, physische Präsenz und Charisma: Will Smith dominiert „Gemini Man“ und verleiht Profikiller Henry Brogan mit seiner bekannten, natürlichen Aura etwas Grundsympathisches. Schließlich spielt der Superstar nicht plötzlich durchweg einen eiskalten Attentäter (was er deswegen nur einmal am Anfang ist, wo er zudem für die scheinbar gute Sache tötet), sondern ist das Opfer, mit dem man mitfühlen soll. Tröstlich für Nostalgiker: Obwohl der CGI-Will-Smith physisch sehr überzeugend umgesetzt, praktisch nicht von einem echten Schauspieler zu unterscheiden ist, spielt der echte Will Smith den Klon trotzdem an die Wand, weil er schlicht mehr Seele in seine Rolle bringt.

An der Seite eines Will Smiths selbst ein gutes Bild abzugeben, ist nicht die einfachste Aufgabe. Mary Elizabeth Winstead („10 Cloverfield Lane“) ist als weiblicher Sidekick eine ordentliche Wahl. Nach einer überaus charmanten Enttarnung zu Beginn, bei der ihre Deckung als DIA-Agentin auffliegt, wird sie zur souveränen Spielpartnerin (nicht Gespielin!) des Superstars. Selten ist sie aber selbst eine handelnde Person, etwas mehr aktive Beschäftigung hätte ihrer Rolle gutgetan. Das launige Trio komplettiert Benedict Wong („Doctor Strange“) als Flieger-Haudegen Baron, der die Sprüche klopft, als sei er direkt aus den 90er eingeflogen.

Clive Owen („Children Of Men“) macht als Supersoldaten züchtender Bösewicht Clay Verris eine passable Figur, selbst wenn sein Charakter nicht der originellste ist. Verris‘ Motivation steht das ein oder andere Mal auf tönernen Füßen. Viel spannender ist da die Beziehung zu seinem Sohn Junior, den er als echter Vater aufgezogen hat. Denn hier offenbaren sich die kniffligsten moralischen Fragen, weil immer in der Schwebe ist, ob Verris tatsächlich väterliche Gefühle für Junior hegt oder diese nur vorspielt, um den perfekten Soldaten zu züchten. Es ist einer von vielen spannenden inhaltlichen Diskussionspunkten, die „Gemini Man“ hat, auch wenn am Ende die starke Optik im Vordergrund steht.

Fazit: 
„Gemini Man“ ist auf technischer Ebene eine Wucht. Durch den Einsatz der hohen Bildrate wirkt der Action-Thriller plastisch, rasant, aufregend – was die etwas angestaubte Story weitgehend übertüncht. (mk)

Montag, 30. September 2019

Everest - Ein Yeti will hoch hinaus

pic (c) Universal Pictures Germany



Inhalt:

Als das Teenager-Mädchen Yi (Stimme im Original: Chloe Bennet) auf dem Dach ihrer Wohnung in Shanghai auf einen verängstigten Yeti trifft, kann sie ihren Augen kaum trauen. Doch nachdem sie sich das Vertrauen des magischen Geschöpfs erarbeiten konnte, tauft sie ihn schließlich auf den Namen Everest. Immerhin ist das gleichzeitig auch die Heimat der Kreatur - und genau dorthin will diese auch unbedingt wieder zurück. Gemeinsam mit ihren Freunden Jin (Tenzing Norgay Trainor) und Peng (Albert Tsai) begeben sich Yi und Everest auf eine abenteuerliche Reise durch ganz China, um ihren neuen Gefährten wieder mit seiner Familie zu vereinen. Dabei müssen sie sich unter anderem mit dem stinkreichen Laborleiter Burnish (Eddie Izzard) und der Zoologin Dr. Zara (Sarah Paulson) herumschlagen. Denn die haben es auf das Fabelwesen abgesehen, um dessen Fähigkeit, die Natur zu beeinflussen, für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Bewertung:

In der ersten Szene sehen wir durch die Augen von Everest, wie er aus dem von Dr. Zara geleiteten Knast für seltene Spezies ausbricht und verschreckt durch die Straßen flüchtet – hinter ihm die SUVs und Hubschrauber der sich wie Sturmtruppen gebärdenden Schergen des Labors. Der Versuch, dem Zuschauer die hektisch-verwirrende, vielleicht sogar beängstigend fremde Welt der Menschen aus dem Blickwinkel des vermeintlichen Fabelwesens zu zeigen, gelingt gut und speziell Kinder dürften sich bereits hier mit Everest identifizieren können. Westlichen Kinozuschauern hilft dabei sicher auch, dass wir uns nicht wie sonst üblich in Paris, London oder einer US-Großstadt sofort zurechtfinden, sondern von unleserlichen Schriftzeichen und zumindest ungewöhnlich anmutenden Gebäuden und Pflanzen umgeben sind.

Die nachdenkliche und kluge Yi ist – ebenso wie Everest – ein Einzelgänger. Mit ihr wird auch das etwas ältere Publikum „abgeholt“. Wer selbst kein Teenager mehr ist, dürfte sich zumindest an das Gefühl erinnern, einmal von seiner Umgebung unverstanden dazustehen. Yi drückt ihre Emotionen mit der Geige aus, die sie einst auch eng mit ihrem Vater verband. Mit Hilfe des Instruments beruhigt sie den nach der wilden Flucht angeschlagenen Everest und erfährt, dass er magische Kräfte hat, die ihr auf der gefährlichen Reise noch helfen werden. Da Everest und Yi sich nicht mit Worten verständigen können, wird Musik zu ihrer gemeinsamen Sprache – das Mädchen fiedelt, der Yeti summt und brummt. Für den mal episch-bombastischen, dann wieder ganz intimen Score zeichnet „Aquaman“- und „Wonder Woman“-Komponist Rupert Gregson-Williams verantwortlich. Wobei die leisen Stücke um einiges besser funktionieren als die schon mal arg schwülstig geratenen und kurioserweise leicht keltisch anmutenden „großen Momente“.

Nachdem die beiden Hauptfiguren so effektiv eingeführt wurden, beginnt auch schon ihr abenteuerlicher Trip. Der Story-Verlauf ist relativ klar – die Protagonisten müssen von A nach B gelangen, was die Gegenspieler zu verhindern versuchen. Das Ganze ist natürlich nicht sonderlich originell und weist einige Parallelen etwa zu „Findet Dorie“ auf. Trotzdem wirkt der Film schon allein aufgrund der Figurenkonstellation eigenständig genug. Dabei machen nicht nur Everest und Yi eine gewaltige Entwicklung durch, sondern auch einige andere Charaktere. Der im selben Haus wie die junge Heldin lebende, zunächst schnöselig-oberflächliche Jin (erstaunlich vielschichtig gesprochen von YouTuber Julien Bam) hilft dem Mädchen erst widerwillig, beginnt dann aber, sie zu verstehen. Die Antagonisten Dr. Zara und Mr. Burnish verändern sich im Laufe der Handlung ebenfalls – und das erfreulicherweise in eine durchaus überraschende und interessante Richtung, die man zu Beginn so wohl eher nicht vermutet hätte. Dazu gesellen sich weitere witzige Charaktere wie Yis kauzige Großmutter oder der von Basketball besessene Peng, die ebenfalls nicht nur bloße Stereotype bleiben.

Wer jetzt befürchtet, der Film wäre aufgrund der Trauer um Yis Papa oder der teilweise ziemlich spannenden Flucht für seine Kinder vielleicht zu dramatisch oder aufregend, den können wir beruhigen. Es gibt diverse auflockernde, ausgesprochen niedlich-lustige Segmente wie die Szene, in der Everest auf ungewöhnliche Weise Bekanntschaft mit einer Klimaanlage macht – und eine nette „King Kong“-Referenz wird auch eingestreut. Die Qualität der 3D-Animationen ist erstklassig. Besonders schön anzusehen sind die Momente, in denen die Macher ihrem Publikum gewaltige Panoramen zeigen – egal ob in der Stadt, in der grünen Natur oder den majestätischen, schneebedeckten Gebirgen. Allein deshalb lohnt es sich schon, den Film auf einer größtmöglichen Leinwand zu sehen. Der Detailreichtum ist streckenweise atemberaubend. Die großen Action-Sequenzen sind ebenfalls durchdacht konzipiert und exzellent bebildert. Hier merkt man dem Projekt seine neunjährige Produktionszeit positiv an.

Fazit: 
Ein mitreißend erzähltes, visuell starkes, wenn auch handlungstechnisch nicht superoriginelles Animations-Abenteuer mit viel chinesischem Lokalkolorit, das man sich in jedem Alter gut anschauen kann.   (mk)

Freitag, 27. September 2019

Shaun das Schaf 2: UFO-Alarm

pic (c) StudioCanal Deutschland



Inhalt:

Da tut sich was in Mossingham! Als eines Tages, wie aus dem Nichts, merkwürdige Lichter am Himmel auftauchen, wissen die Bewohner des verschlafenen Städtchens gar nicht, wie ihnen geschieht. Was ist das bloß dort oben? Shaun das Schaf hat dafür allerdings keinen Kopf, stattdessen muss der sich nämlich mit  Bitzer herumschlagen, der all seine tollen Streiche vereitelt. Als Shaun jedoch auf ein außerirdisches Mädchen trifft, das hinter den merkwürdigen Ereignissen am Himmel steckt und mit ihrem Raumschiff nahe der Mossy Bottom Farm bruchlandete, sieht er seine große Chance gekommen: Gemeinsam mit seiner neuen Bekanntschaft aus einer weit entfernten Galaxis tun sich völlig neue Möglichkeiten auf, um den Bewohnern von Mossingham geniale Streiche zu spielen! Gemeinsam erleben die beiden jede Menge Abenteuer, auch wenn gleichzeitig klar ist, dass ihre Zufallsbegegnung nicht von Dauer ist. Oberstes Ziel der gestrandeten Alien-Dame ist es nämlich, wieder nach Hause zu kommen...


Bewertung:

 In den ersten Szenen sieht es ganz so aus, als habe sich auf der Mossy Bottom Farm seit unserem letzten Besuch nicht viel getan. Während der Farmer die meiste Zeit teetrinkend vor dem TV-Gerät hockt, glaubt Schäferhund Bitzer weiterhin, der Chef zu sein und die Schafe von morgens bis abends herumkommandieren zu können. Was Shaun natürlich nicht daran hindert, erneut jede Menge Unfug zu treiben. Die mit viel Liebe zu den Figuren und erstaunlichem Tempo in Szene gesetzten Slapstick-Einlagen, in denen der Titelheld und der Köter zu Beginn immer wieder versuchen, sich gegenseitig auszutricksen, zählen zu den Highlights des Sequels. Der Einstieg erinnert noch mehr an „Tom & Jerry“ als der erste Teil (oder eben an die deutlich kürzeren Segmente der TV-Serie, auf der beide Kinofilme basieren). Dankenswerterweise sind die Kontrahenten hier aber weder so brutal noch so bösartig zueinander wie ihre Vorbilder von William Hanna und Joseph Barbera. Shaun und Bitzer sind nämlich nicht nur dann Verbündete, wenn es um die Abwendung außerhöfischer Gefahren geht. Selbst kleine Zuschauer werden an ihrem Verhalten schnell bemerken, dass sie im Grunde dicke Kumpels sind, die sich im Stall-Alltag allerdings schon mal gewaltig auf den Wecker gehen können.
Im Verlauf der Geschichte bekommen auch die restlichen Herdenmitglieder wie die Zwillinge, der exzentrische Nuts, Lämmchen Timmy oder die noch pummeliger gewordene Shirley immer wieder kleine, individuelle Glanzlichter, mit denen sie das Publikum zum Lachen bringen. Jeder dieser Momente wirkt organisch und nicht einfach nur reingezwängt, um wirklich alle beliebten Figuren irgendwie unterzubringen. Etwas weniger gelungen sind hingegen die zahlreichen Zitate an das Sci-Fi-Kino, so erinnert etwa die Geheimdienst-Truppe nicht von ungefähr an die „Men In Black“. Derlei Persiflagen hat es in den letzten Jahrzehnten aber wirklich schon zur Genüge gegeben. Da hätte man sich gern etwas Originelleres für die Antagonisten in dieser klar an Steven Spielbergs „E.T. - Der Außerirdische“ angelehnten Story einfallen lassen dürfen.

Auch die mal visuellen, mal musikalischen Anspielungen auf Sci-Fi-Klassiker wie Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“, „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ oder die Kult-Serie „Akte X - Die unheimlichen Fälle des FBI“ sind allzu offensichtlich untergebracht. Der etwas geschultere Zuschauer sieht jede von ihnen meilenweit kommen, während die Kids ja ohnehin nicht wissen, wo da gerade die Pointe steckt. So ist das Ergebnis im Höchstfall ein müdes Grinsen. Da machen eine köstlich-alberne Szene mit Shaun und Lu-La, die im Supermarkt reichlich Schabernack treiben, oder die Aktivitäten des Farmers, der auf dummdreiste Art versucht, aus dem schnell um sich greifenden UFO-Fieber so viel Kapital wie möglich zu schlagen, schon sehr viel mehr Spaß. Hier konzentriert sich Aardman auf seine eigentlichen Stärken, nämlich einen clever-trockenen, wunderbar britischen Humor. Sci-Fi-Parodien hingegen können eben auch viele andere (und das zum Teil sogar besser).

Dazu gibt es – speziell in der zweiten Hälfte – einige kleine Durchhänger. Dem Sequel gehen insgesamt die Frische und der kreative Enthusiasmus des Vorgängers ein wenig ab. Das soll aber nicht heißen, dass „Shaun das Schaf 2: UFO-Alarm“ eine glatte Enttäuschung wäre. Wer hier mit seinem Nachwuchs oder auch als erwachsener Animations-Fan ohne Anhang ins Kino geht, macht ganz sicher keinen Fehler. Dafür sorgen neben der brillanten technischen, herrlich detailverliebten und schön atmosphärischen Umsetzung schon der flotte, umwerfend witzige Start und das stimmige, für nah am Wasser gebaute Fans jeden Alters dazu noch schwer ans Herz gehende Finale. Die wunderbare, natürlich wieder wortlos funktionierende Chemie zwischen Shaun und der mit ein paar überraschenden Alien-Superkräften ausgestatteten, liebenswert naiven Lu-La, die sich erstaunlich schnell wie eine echte Freundschaft anfühlt, trägt ebenfalls viel zum hohen Sympathiefaktor des Films bei.

 
Fazit: 
Das zweite Kino-Abenteuer des vorwitzigen Bauernhof-Helden fällt im Vergleich zum grandiosen Vorgänger zwar etwas holpriger aus, trotzdem werden junge wie ältere Shaun-Fans auch diesmal wieder eine Menge Spaß im Kino haben. Gegen einen dritten „Shaun“-Film hätten wir jedenfalls absolut nichts einzuwenden.   (mk)

Montag, 23. September 2019

Ad Astra - Zu den Sternen

pic (c) Fox Deutschland



Inhalt:

Astronaut und Raumfahrt-Ingenieur Major Roy McBride (Brad Pitt) ist ein Einzelgänger, bei der Arbeit immer hochkonzentriert und gelassen, doch im Privaten kaum zu einer echten Bindung fertig. Vor 30 Jahren brach sein Vater Clifford McBride (Tommy Lee Jones) zu einer Mission ins All auf, um nach außerirdischem Leben zu forschen – doch nach einigen Jahren brach der Kontakt ab, niemand kann mit Gewissheit sagen, was aus Clifford und seiner Crew wurde, die zuletzt Neptun umkreisten. Als die Erde von gefährlichen elektromagnetischen Stürmen aus dem All heimgesucht wird, wendet sich die zuständige Weltraum-Behörde an Roy und eröffnet ihm, dass ein Zusammenhang zwischen diesen Stürmen und der eigentlich verloren geglaubten Forschungsstation seines Vaters vermutet wird. Roy soll eine Botschaft ins All senden, in der Hoffnung, dass sein Vater auf diese reagiert, sollte er noch leben. Dafür muss Roy aber erst einmal selbst in den Weltraum aufbrechen, denn die Nachricht kann nicht von der Erde aus gesendet werden…


Bewertung:

 Knapp die erste Hälfte von „Ad Astra“ besteht praktisch nur aus Roys Reise zum Mars – bis zum Mond übrigens noch mit einem kommerziellen Linienflug, damit die Mission nicht auffliegt. Das hätte man sicherlich alles mit einem einzigen Schnitt erledigen können, auch weil kaum etwas tatsächlich Handlungsrelevantes zu Beginn des Trips geschieht. Aber zugleich sind diese Szenen vollgestopft mit etlichen kleinen Details, die zeigen, wie sehr sich Gray und sein Co-Autor Ethan Gross eben doch mit der Zukunft der Raumfahrt auseinandergesetzt haben, selbst wenn sie es einem nicht die ganze Zeit dick aufs Brot schmieren. Das geht hin bis zu dem astronomischen Preis für den Bordservice, der von der Stewardess ganz nonchalant nebenbei genannt wird – denn natürlich ist es viel, viel aufwändiger, Kissen und Decken in einer Mondrakete als in einem easyJet-Flug vorrätig zu halten. Und natürlich sticht einem auf der Mondoberfläche als erstes das unverkennbare Leuchtreklame-Logo der Familienrestaurant-Kette Applebee’s ins Auge. Denn wie sagt doch Roys anfänglicher Begleiter Colonel Pruitt (Donald Sutherland): Die Menschen wollen soweit wie möglich von der Erde weg – und tun dann alles, damit es dort genauso aussieht, wie sie es von Zuhause gewohnt sind.

Weit weniger subtil ist leider die im Zentrum von „Ad Astra“ stehende Metapher umgesetzt: Roy reist an einen der entferntesten Orte des Sonnensystems, nur um ausgerechnet dort endlich das erdrückende Vermächtnis seines Vaters zu verarbeiten. Der ist schließlich einst vor seiner Frau und seinem Sohn ins All geflüchtet – und dort entweder zum Helden oder zum Monster mutiert. Es gibt sogar eine symbolische Durchtrennung der Nabelschnur. So driftet dieser Handlungsfaden immer wieder zumindest in Richtung Küchenpsychologie – genauso wie die schwermütig-bedeutungsschwangeren Off-Kommentare von Roy mitunter an der Grenze zum unfreiwillig Komischen kratzen.

Dass „Ad Astra“ trotzdem auch auf einer emotionalen Ebene gut funktioniert, liegt deshalb vor allem an der Leistung von Brad Pitt selbst. Der Oscargewinner (als Produzent von „12 Years A Slave“) brilliert ja eigentlich immer, wenn er jemanden verkörpert, der einfach auf eine total abgeklärte Weise gut in seinem Job ist - ganz egal ob als Gauner („Ocean’s“-Trilogie), Baseball-Manager („Die Kunst zu gewinnen - Moneyball“) oder Stuntman („Once Upon A Time… In Hollywood“). Aber in „Ad Astra“ schwingt da zudem immer auch eine düster-verstörend, zutiefst tragische Note mit, die seine Performance einfach unheimlich aufregend macht – selbst bei einem Ruhepuls von 45.

Fazit: 

Einzelne Elemente von „Ad Astra – Zu den Sternen“ erinnern zwar an „Gravity“ oder „Interstellar“, aber am Ende ist der Film vor allem dank James Grays eigenwilliger Temposetzung doch durch und durch einzigartig. Sollte man als Kino- oder Sci-Fi-Fan unbedingt riskieren, selbst wenn der Film am Ende sicherlich nicht jedermanns Sache sein wird.  (mk)

Sonntag, 22. September 2019

Downton Abbey - Der Film

pic (c) Universal Pictures Germany



Inhalt:

1927 wird Downton Abbey eine große Ehre zuteil: König George V. und Königin Mary kündigen ihren Besuch auf dem Anwesen an und wirbeln damit das Leben der Familie Crawley und ihrer Bediensteten gehörig durcheinander. Denn selbst wenn Downton Abbey immer noch ein Adelssitz ist, hat sich dort doch so einiges geändert und der Earl of Grantham (Hugh Bonneville) und seine Frau Cora (Elizabeth McGovern) beschäftigen längst nicht mehr so viele Bedienstete wie früher. Eine geeignete Person muss her, um den königlichen Besuch zu organisieren und die Angestellten anzuleiten, und so wird kurzerhand der ehemalige Butler Carson (Jim Carter) aus dem Ruhestand geholt. Doch dann kommt der große Dämpfer: Das Königspaar bringt seinen eigenen royalen Haushalt mit und das Personal von Downton Abbey sieht sich plötzlich seiner Aufgaben beraubt. Und auch die Dowager Countess of Grantham (Maggie Smith) ist nicht gerade begeistert von dem Besuch, denn in dessen Gefolge ist auch ihre Cousine Lady Bagshaw (Imelda Staunton) und mit dieser ist sich die Dowager Countess nicht gerade grün…

Bewertung:

Im ersten Drittel des zweistündigen „Downton Abbey“ -Films beschleicht einen ein wenig das Gefühl, dass die Macher hier zwanghaft versuchen würden, den Sprung der kultisch verehrten ITV-Serie auf die große Leinwand zu rechtfertigen. Regisseur Michael Engler, der neben etlichen anderen TV-Serien auch vier Folgen von „Downton Abbey“ inszeniert hat, lässt sich gerade zu Beginn immer wieder zu eigentlich unnötigen dramatischen Kamerafahrten hinreißen, als müsste er auf Teufel komm raus unbedingt imposante Kinobilder liefern. Dabei bestach die TV-Serie ja eben gerade nicht in erster Linie durch ihre visuelle Opulenz. Denn trotz der prunkvollen Sets und stilvollen Kostüme war „Downton Abbey“ vor allem ein klassisches Dialogdrama, eine exzellent geschriebene und gespielte Schauspielerserie mit facettenreichen Figuren, in der auch bei großen persönlichen Dramen vor allem die kleinen subtilen Momente den Ausschlag gaben.


Vor allem ein auf Action abzielender Nebenhandlungsstrang um ein mögliches Attentat auf den König wirkt reichlich überflüssig und bläht die Handlung nur auf. Aber zum Glück besinnen sich Engler und sein Autor Julian Fellows, der für sein Skript zu dem in einem ähnlichen Milieu angesiedelten Krimi-Drama „Gosford Park“ von Robert Altman mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, nach einem holprigen Start auf die eigentlichen Qualitäten der Serien-Vorlage. Die unnötigen Elemente, die offensichtlich nur dazu da sind, um den Film „leinwandtauglicher“ zu machen, fallen weitestgehend weg, sobald die Haupthandlung des Films mit der Ankunft des Königs und seiner unsympathischen Gefolgschaft immer mehr an Fahrt aufnimmt.

Und tatsächlich sind die letzten zwei Dritteln des Films dann so gut wie die besten Folgen der Serie. Sobald Fellowes sein üppiges Ensemble für eine Nacht in Downton Abbey zusammenbringt und die persönlichen Geschichten der Figuren virtuos parallel ablaufen und dabei immer wieder kollidieren lässt, sprühen endlich die Funken zwischen Skript, Regie und Darstellern. Das kulminiert schließlich in einem klassischen „Downton Abbey“-Moment, in dem die starren Grenzen zwischen den adligen Herrschaften und den bürgerlichen Bediensteten auf höchst amüsante Art aufgesprengt werden. Ein grandios gespielter und inszenierter Moment, der nur noch von den erneut unbezahlbaren Sprüchen von Gräfin Violet Crawley überboten wird. Maggie Smith (Professor McGonagall in den „Harry Potter“-Filmen) spielt die Rolle erneut mit einer solch staubtrockenen Schlagfertigkeit, dass sie nach drei Emmys und einem Golden Globe nun zumindest auch eine Nominierung für den Oscar als Beste Nebendarstellerin mehr als verdient hätte.

Natürlich kommen einige der zentralen Figuren aus der „Downton Abbey“-Serie zu kurz, das liegt bei einem nur zweistündigen Spielfilm einfach in der Natur der Sache (die Serie umfasst schließlich 52 einstündige Folgen). Allein auf dem offiziellen Werbeplakat zum Film tummeln sich 20 Figuren plus Hund. Deshalb wird auch gerade für neue Zuschauer, die die Serie nicht kennen, mitunter nicht ganz klar, welche bewegten Schicksale eigentlich hinter einigen dieser Figuren stecken, die im Film nur ein paar kurze Szenen bekommen. Aber der Film weckt nichtsdestotrotz genug Interesse für jede einzelne Figur, dass man sich die Serie nach dem Rollen des Abspanns sofort (noch mal) ganz angucken will. Und das emotional ergreifende Ende des Films verspricht noch viele spannende Geschichten danach. Vielleicht ist ja doch noch nicht Schluss – wir wären bei einer weiteren Fortsetzung jedenfalls sofort wieder mit dabei.

Fazit: 

Mit dem „Downton Abbey“-Film bereitet Serienschöpfer Julian Fellowes den Fans der britischen Hit-Serie ein wunderbar charmantes, witziges und zum Ende hin sehr rührendes Geschenk. Wenn am Ende noch einmal alle Hauptfiguren zusammenkommen, merkt man erst, wie sehr einem diese Figuren ans Herz gewachsen sind und wie sehr man sie in den vergangenen fünf Jahren vermisst hat. Aber auch „Downton Abbey“-Neulinge werden an den cleveren Dialogen, charismatischen Stars und eigenwilligen Figuren sicherlich ihren Spaß haben.  (mk)


Samstag, 21. September 2019

Rambo 5: Last Blood

pic (c) Universum Film GmbH



Inhalt:

John Rambo (Sylvester Stallone) erfährt, dass Gabriella (Yvette Monreal), die Tochter seiner Haushälterin Maria (Adriana Barraza), von einem Menschenhändlerring entführt wurde, der Teil eines mexikanischen Kartells ist und junge Frauen zur Prostitution zwingt. Rambo, der sich eigentlich nach langen Jahren fern der Heimat, nach all dem Leid, dem Totschlag und den geliebten verstorbenen Menschen, einfach nur in den USA auf einer Ranch zur Ruhe setzen wollte und Gabriella wie ein Vater aufgezogen hat, reist ohne zu zögern nach Süden und schließt sich mit der freien Journalistin Carmen Delgado (Paz Vega) zusammen, deren Schwester ebenfalls von dem Kartell entführt wurde. Mutig nimmt er den Kampf mit den Gangstern auf und muss dabei einiges einstecken. Seiner Vergangenheit und seinen schlimmen Erinnerung kann Rambo einfach nicht entkommen. Er wird keine Gnade zeigen, denn Gabriella ist für ihn ein unglaublich wichtiger Mensch, die Tochter und die Familie, die er nie hatte...


Bewertung: 

Fünf „Rambo“-Filme, fünf verschiedene Regisseure. Die einzige Konstante bleibt Sylvester Stallone als Hauptfigur und Co-Drehbuchautor. Das führt ganz zwangsläufig zu weniger erzählerischer und vor allem inszenatorischer Konsistenz – und auch Adrian Grünberg kocht nun sein eigenes Süppchen, das aber zumindest auf einem ähnlichen Rezept basiert wie „John Rambo“, der ebenfalls schon unerhört brutal unterwegs war. Der Versuch, den Vietnam-Veteranen auf einer abgelegenen Pferdefarm in sich ruhen zu lassen (was zumindest mild an den herausragenden ersten Teil gemahnt), gelingt vielleicht auf der visuellen Ebene, weil sich Rambo als relaxter, Pillen einschmeißender, altersweiser Pferdefarmer gut in die Umgebung einpasst.

Aber inhaltlich ist dieser Auftakt-Part mit Dialogen und Handlungssträngen garniert, die man in dieser Qualität normalerweise in einer Daily Soap erwartet. Der absolute Tiefpunkt ist das kurze Türgespräch zwischen Gabrielle und ihrem nutzlosen Vater. Seine Abfuhr ist so überzogen herzlos, dass man glaubt, in einer Parodie zu sitzen. Aber auch die Unterhaltungen zwischen Rambo und seiner Haushälterin sowie dessen Enkelin kommen nicht über Glückskeksniveau hinaus. Kein Wunder: Die Geschichte zu „Rambo: Last Blood“ sollte eigentlich die Grundlage zu „John Rambo“ (2008) bilden, wurde dann aber als zu schwach verworfen. Zudem wurde sie anschließend sogar zum Teil schon in Stallones Skript zum Jason-Statham-Reißer „Homefront“ (2013) verwendet. Deswegen wirkt die Story nicht von ungefähr wie von der Resterampe.

In der ohnehin schon knapp bemessenen Spielzeit von 101 Minuten legt Rambo selbst erst erstaunlich spät los. Stattdessen dreht sich erst einmal alles um Gabrielles Papa-Suche, die dann für den Film aber absolut überhaupt keine Rolle spielt. Sie hätte auch einfach direkt in der ersten Szene beim Spring Break in Mexiko entführt werden können, der Effekt wäre derselbe gewesen. Dann hätte es im Gegenzug nämlich auch mehr Platz für eine halbwegs differenzierte Zeichnung der Bösewichte gegeben, die hier einfach nur abgrundtief böse sind und lediglich eine Story-Funktion ausfüllen. Blickt man unbedarft auf die Situation, könnte ihre brutale, menschenverachtende Einstellung klischeehaft wirken, was sie in der Verkürzung sicherlich auch ist. Doch der Kern stimmt. Wer tief abtauchen möchte in diese Thematik, liest am besten Don Winslows hochkomplexe Roman-Meisterwerke „Tage der Toten“ und „Das Kartell“, die die Arbeit und Funktionsweise der mexikanischen Drogenkartelle sezieren und zeigen, mit welch bestialischen Methoden dort gearbeitet wird. Die Spitze dieses Eisbergs aus Brutalität, Menschenverachtung und Überlebenskampf zeigt „Rambo: Last Blood“ zwar, aber der unfassbare Schrecken und Schmerz kommt trotzdem nicht beim Zuschauer an, dafür ist das alles viel zu platt in Szene gesetzt.

Der Story-Schlenker mit der Erzeuger-Suche ist zwar überflüssig, aber davon abgesehen reduziert Grünberg die Handlung auf der Allernötigste. Das Wichtigste: Man muss Rambo abnehmen, was er für Gabrielle empfindet, sonst steht sein beispielloser Rachefeldzug, den er schließlich vom Zaun bricht, komplett auf tönernen Füßen. Denn wenn John Rambo nach der systematischen Zerstörung seiner Nichte (sie nennt ihn Onkel John) den Hammer auspackt (in ähnlicher Mission und Pose wie Joaquin Phoenix in „A Beautiful Day“), ist das wörtlich zu nehmen und nur der „harmlose“ Anfang. Nachdem die erste Hälfe noch komplett ohne Blutvergießen auskommt, ist der finale Akt von solch grotesker Brutalität, dass Liam Neesons Bryan Mills in „96 Hours – Taken“ dagegen wie ein unschuldiger Chorknabe wirkt und man ernsthaft um eine Freigabe ab 18 Jahren bangen musste. Rambo will nicht nur Rache und Vergeltung, sondern seine verhassten Gegner köpfen, filetieren oder zumindest mit spitzen Gegenständen durchbohren. Das geschieht zudem in einer solch wahnsinnigen Geschwindigkeit, dass man die einzelnen kills (mit Ausnahme des allerletzten) gar nicht genießen kann und vielleicht auch gar nicht soll…

… schließlich schmeißt einem „Rambo: Last Blood“ seine im Hollywood-Mainstreamkino so noch nicht erlebte Gewalt regelrecht lieblos vor die Füße. Das passt zu Rambo, der in diesem Moment längst völlig desillusioniert ist und bei dem grotesken Gemetzel ebenfalls kaum noch etwas zu empfinden scheint. Die Inferno-Szenerie selbst ist natürlich völlig realitätsfern, wenn ein 73-Jähriger eine kleine Armee gut ausgestatteter Drogengangster aufmischt. Doch Stallone sieht zwar im Gesicht tatsächlich altersgerecht aus, aber sein muskulöser Brustkorb scheint noch immer förmlich vor Kraft zu bersten, sodass die Illusion auf der Leinwand funktioniert und man nicht wie bei den Actionszenen von Liam Neeson in „96 Hours – Taken 3“ Angst haben muss, dass der Altstar bei den Verfolgungsjagden gleich zusammenbricht.

Dazu wählt Grünberg den Kniff, Rambo zuvor als eine Art MacGyver eifrig „A-Team“-Fallen (der FSK-18-Bauart) anfertigen zu lassen, um sein Rache-Kunstwerk nicht ausschließlich auf Muskelkraft basieren zu lassen. Diesen Guerilla-Feldzug inszeniert Grünberg dann derart splatterig over the top, dass einem minutenlang der Atem wegbleibt. Daran werden sich – wie schon bei dem ähnlich grotesk herausstechenden, aber sehr viel kürzeren Gewalt-Finale von „Once Upon A Time… In Hollywood“ – selbstverständlich die Geister scheiden. Hardcore-„Rambo“-Fans werden aber bestimmt ihren „Spaß“ daran haben – selbst wenn es Grünberg mit dem Einsatz von CGI übertreibt und gern mehr handgemachte Splattereffekte hätte einsetzen dürfen.


 
Fazit: 

Sylvester Stallone untermauert in dem so simpel gestrickten wie ultrabrutalen Rache-Gemetzel „Rambo: Last Blood“ seine Stellung als unbestrittener Alterspräsident unter den Actionstars – allerdings auch nur im den Gewaltgrad der vorherigen „Rambo“-Filme wie Vorschulfernsehen anmuten lassenden Schlussdrittel. Die erste Stunde vor dem transgressiven Exzess des Finales ist hingegen überwiegend inakzeptabel. (mk)

Samstag, 14. September 2019

Synonymes

pic (c) Grandfilm



Inhalt:

Als der junge Israeli Yoav (Tom Mercier) nach Paris kommt, laufen die Dinge erst mal richtig schlecht für ihn. Er kommt in einer leerstehenden und bitterkalten Altbauwohnung unter und als er gerade im Badezimmer ist, werden ihm seine Sachen gestohlen. Nun steht er nackt da und hat nichts mehr außer seinem Traum, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und Franzose zu werden. Doch da bekommt er unerwartet Hilft von dem Nachbarpärchen Caroline (Louise Chevillotte) und Emile (Quentin Dolmaire), die Yoav nicht nur einkleiden, sondern ihm sogar noch Geld und ein Handy geben. Er zieht in eine heruntergekommene Wohnung und verfolgt sein Vorhaben weiter, Bürger des Landes zu werden, sucht sich einen Job und lernt für den Einbürgerungstest. Doch es ist nicht leicht, neue Wurzeln zu schlagen, immer wieder gibt es neue Ärgernisse und Probleme, und auch die Geister der Vergangenheit lassen Yoav nicht ganz los.

Bewertung: 

„Synonymes“ ist ein ungewöhnlicher, unbequemer Film, bei dem ausufernd geredet, aber nicht immer auch viel gesagt wird. Dass bei der Pressevorführung anlässlich der Weltpremiere auf der Berlinale 2019, wo es die Auszeichnung mit dem Goldenen Bären für den Besten Film gab, der eine oder andere Kollege den Saal vorzeitig verließ, verwundert daher nicht. Es wäre auch ein Leichtes, alles zu zerpflücken. Da ist zum Beispiel die Kamera, die oft schief gehalten wird, immer wieder den Boden statt der Menschen filmt und in einer Disco-Szene so zwischen tanzenden Leibern herumstolpert, dass man zwischenzeitig gar nichts mehr erkennt. Doch ist das wirklich schlecht? Ist es nicht viel mehr brillant, wie die Kamera in diesem Tanzgetümmel plötzlich doch den Protagonisten des Films in den Fokus bekommt, um dann bei ihm zu bleiben? Ja, „Synonymes“ macht es seinem Publikum nicht einfach. Aber es lohnt sich ungemein, sich auf das ungewöhnliche Kinoerlebnis einzulassen.

Ein junger Mann läuft mit einem Rucksack durch Paris. Erst später erfahren wir, dass er Yoav (richtig stark: Tom Mercier) heißt und aus Israel stammt. Er kommt in eine schicke, aber komplett leere und bitterkalte Altbauwohnung. Während er im Bad onaniert, verschwinden alle seine Sachen. Er läuft nackt durch das Haus, klingelt an anderen Wohnungen, aber niemand öffnet. Schließlich findet ihn das junge Nachbarpärchen Emile (Quentin Dolmaire) und Caroline (Louise Chevillotte) und rettet ihn vor dem Erfrieren. Emile gibt ihm nicht nur neue Klamotten, sondern auch ohne jede weitere Erklärung einen schicken Mantel, ein Handy und ein dickes Bündel Geld. Yoav zieht weiter in eine heruntergekommene Wohnung, wo er jeden Tag exakt das gleiche Billigessen kocht. Er bleibt mit Emile und Caroline in Kontakt, lernt aber auch einen ziemlich eigenwilligen Landsmann kennen und arbeitet für kurze Zeit als Sicherheitsmann in der israelischen Botschaft. Da fliegt er allerdings schnell wieder raus, als er eines Tages einfach die Tore öffnet und jeden hereinlässt...

Yoav ist zwar in jeder Szene von „Synonymes“ zu sehen, aber er steht nicht immer im Zentrum. Wie zum Beispiel in der beschriebenen Prügelei bleibt er manchmal auch nur am Rand. Doch meist folgt die Kamera ihm und wenn sie ihn mal verliert, dann findet sie ihn zeitnah wieder. Oft nimmt sie sogar den subjektiven Blick von Yoav ein, nur um sich dann noch in derselben Einstellung rauszudrehen und doch plötzlich wieder den Protagonisten zu beobachten. Nadav Lapid lässt uns so durch die Augen von Yoav schauen, hält uns aber gleichzeitig auch wieder auf ein Stück weit auf Distanz. Das macht es dem Zuschauer ganz sicher nicht einfacher, sich mit dem Israeli zu identifizieren. Aber es zwingt den Zuschauer, sich mit dem unnahbaren und schwer durchschaubaren Mann auseinanderzusetzen.

Warum guckt Yoav zu Beginn die ganze Zeit auf den Boden? Warum sehen wir als Zuschauer ebenfalls nur den Gehweg und nicht die Sehenswürdigkeiten von Paris? Solche Fragen muss sich der Zuschauer selbst beantworten, sich während des Schauens eigene Gedanken machen und nicht einfach nur konsumieren. Nur dann schält sich nach und nach auch heraus, wer dieser Yoav wohl ist. Er hasst Israel, holt sich zu Beginn ein französisches Wörterbuch, nur um möglichst viele verschiedene Synonyme für die Abneigung gegenüber seinem Heimatland zu lernen. Er weigert sich, auch nur eine Silbe Hebräisch zu sprechen (und steckt sich lieber einen Finger in den Arsch). Frankreich ist jetzt sein neues Zuhause – und das will er auch damit klarmachen, dass er Paris nicht bewundert, wie es ein Tourist tun würde. Er ist schließlich Teil dieser Stadt, es ist seine Stadt...

… was es aber natürlich nicht ist. Yoav bleibt auch in Frankreich fremd. Seine neuen Freunde sind auf den ersten Blick zwar – unglaublich – gute Samariter. Doch auch hier lohnt sich die Auseinandersetzung, der zweite Blick. Sind sie das wirklich? Nutzen sie Yoav nicht nur aus, um Lebendigkeit in ihre bourgeoise Langeweile zu bringen? Nicht umsonst sind sie eine Karikatur, eine Ansammlung von Klischees. Natürlich ist Emile (erfolgloser) Autor, der trotzdem viel Geld hat, stehen in der schicken Altbauwohnung die Schallplatten in der Ecke, hängen die Gemälde an der Wand und wird japanischer Whiskey getrunken. Und natürlich trägt Emile immer Rollkragen. Trotzdem macht sich Lapid nicht über die jungen Franzosen lustig, schält auch ihren Schmerz heraus. Alle Figuren, alle Szenen fordern mit ihrer Ambivalenz heraus.

Dabei ist es absolut kein Problem, dass sich nicht ansatzweise jede Szene erschließt. Wenn Yoavs israelischer Kurzzeitbekannter sich die Kippa aufsetzt und in der Pariser Metro andere Fahrgäste aggressiv ansummt (!) und keiner sich wehrt (man will ja nicht als Antisemit gelten), ist der Gedanke dahinter relativ leicht zu durchschauen. Wenn Yoav aber absurde (erfundene?) Geschichten aus seiner Militärzeit erzählt und wir dann in einer „Rückblende“ gezeigt bekommen, wie er mit dem Maschinengewehr im Takt zu einem Chanson feuert, muss man sich schon ein paar Gedanken mehr machen. Manche Momente werden sich wahrscheinlich selbst beim dritten Schauen noch nicht erschließen. Doch das ist keine Schwäche, ganz im Gegenteil, lädt „Synonymes“ doch so nicht nur zur intensiven Auseinandersetzung ein, sondern ist auch ein Erlebnis weit über den Kinobesuch hinaus. Vor allem aber ist jede Szene entweder lustig, mitreißend, dramatisch oder sieht auch einfach nur verdammt gut aus. Wir wollen zumindest keine von ihnen missen, egal ob wir sie „kapiert“ haben oder auch nicht.

Fazit: 
„Synonymes“ ist schräg, sperrig, besonders und absolut herausragend. (mk)