Samstag, 14. September 2019

Synonymes

pic (c) Grandfilm



Inhalt:

Als der junge Israeli Yoav (Tom Mercier) nach Paris kommt, laufen die Dinge erst mal richtig schlecht für ihn. Er kommt in einer leerstehenden und bitterkalten Altbauwohnung unter und als er gerade im Badezimmer ist, werden ihm seine Sachen gestohlen. Nun steht er nackt da und hat nichts mehr außer seinem Traum, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und Franzose zu werden. Doch da bekommt er unerwartet Hilft von dem Nachbarpärchen Caroline (Louise Chevillotte) und Emile (Quentin Dolmaire), die Yoav nicht nur einkleiden, sondern ihm sogar noch Geld und ein Handy geben. Er zieht in eine heruntergekommene Wohnung und verfolgt sein Vorhaben weiter, Bürger des Landes zu werden, sucht sich einen Job und lernt für den Einbürgerungstest. Doch es ist nicht leicht, neue Wurzeln zu schlagen, immer wieder gibt es neue Ärgernisse und Probleme, und auch die Geister der Vergangenheit lassen Yoav nicht ganz los.

Bewertung: 

„Synonymes“ ist ein ungewöhnlicher, unbequemer Film, bei dem ausufernd geredet, aber nicht immer auch viel gesagt wird. Dass bei der Pressevorführung anlässlich der Weltpremiere auf der Berlinale 2019, wo es die Auszeichnung mit dem Goldenen Bären für den Besten Film gab, der eine oder andere Kollege den Saal vorzeitig verließ, verwundert daher nicht. Es wäre auch ein Leichtes, alles zu zerpflücken. Da ist zum Beispiel die Kamera, die oft schief gehalten wird, immer wieder den Boden statt der Menschen filmt und in einer Disco-Szene so zwischen tanzenden Leibern herumstolpert, dass man zwischenzeitig gar nichts mehr erkennt. Doch ist das wirklich schlecht? Ist es nicht viel mehr brillant, wie die Kamera in diesem Tanzgetümmel plötzlich doch den Protagonisten des Films in den Fokus bekommt, um dann bei ihm zu bleiben? Ja, „Synonymes“ macht es seinem Publikum nicht einfach. Aber es lohnt sich ungemein, sich auf das ungewöhnliche Kinoerlebnis einzulassen.

Ein junger Mann läuft mit einem Rucksack durch Paris. Erst später erfahren wir, dass er Yoav (richtig stark: Tom Mercier) heißt und aus Israel stammt. Er kommt in eine schicke, aber komplett leere und bitterkalte Altbauwohnung. Während er im Bad onaniert, verschwinden alle seine Sachen. Er läuft nackt durch das Haus, klingelt an anderen Wohnungen, aber niemand öffnet. Schließlich findet ihn das junge Nachbarpärchen Emile (Quentin Dolmaire) und Caroline (Louise Chevillotte) und rettet ihn vor dem Erfrieren. Emile gibt ihm nicht nur neue Klamotten, sondern auch ohne jede weitere Erklärung einen schicken Mantel, ein Handy und ein dickes Bündel Geld. Yoav zieht weiter in eine heruntergekommene Wohnung, wo er jeden Tag exakt das gleiche Billigessen kocht. Er bleibt mit Emile und Caroline in Kontakt, lernt aber auch einen ziemlich eigenwilligen Landsmann kennen und arbeitet für kurze Zeit als Sicherheitsmann in der israelischen Botschaft. Da fliegt er allerdings schnell wieder raus, als er eines Tages einfach die Tore öffnet und jeden hereinlässt...

Yoav ist zwar in jeder Szene von „Synonymes“ zu sehen, aber er steht nicht immer im Zentrum. Wie zum Beispiel in der beschriebenen Prügelei bleibt er manchmal auch nur am Rand. Doch meist folgt die Kamera ihm und wenn sie ihn mal verliert, dann findet sie ihn zeitnah wieder. Oft nimmt sie sogar den subjektiven Blick von Yoav ein, nur um sich dann noch in derselben Einstellung rauszudrehen und doch plötzlich wieder den Protagonisten zu beobachten. Nadav Lapid lässt uns so durch die Augen von Yoav schauen, hält uns aber gleichzeitig auch wieder auf ein Stück weit auf Distanz. Das macht es dem Zuschauer ganz sicher nicht einfacher, sich mit dem Israeli zu identifizieren. Aber es zwingt den Zuschauer, sich mit dem unnahbaren und schwer durchschaubaren Mann auseinanderzusetzen.

Warum guckt Yoav zu Beginn die ganze Zeit auf den Boden? Warum sehen wir als Zuschauer ebenfalls nur den Gehweg und nicht die Sehenswürdigkeiten von Paris? Solche Fragen muss sich der Zuschauer selbst beantworten, sich während des Schauens eigene Gedanken machen und nicht einfach nur konsumieren. Nur dann schält sich nach und nach auch heraus, wer dieser Yoav wohl ist. Er hasst Israel, holt sich zu Beginn ein französisches Wörterbuch, nur um möglichst viele verschiedene Synonyme für die Abneigung gegenüber seinem Heimatland zu lernen. Er weigert sich, auch nur eine Silbe Hebräisch zu sprechen (und steckt sich lieber einen Finger in den Arsch). Frankreich ist jetzt sein neues Zuhause – und das will er auch damit klarmachen, dass er Paris nicht bewundert, wie es ein Tourist tun würde. Er ist schließlich Teil dieser Stadt, es ist seine Stadt...

… was es aber natürlich nicht ist. Yoav bleibt auch in Frankreich fremd. Seine neuen Freunde sind auf den ersten Blick zwar – unglaublich – gute Samariter. Doch auch hier lohnt sich die Auseinandersetzung, der zweite Blick. Sind sie das wirklich? Nutzen sie Yoav nicht nur aus, um Lebendigkeit in ihre bourgeoise Langeweile zu bringen? Nicht umsonst sind sie eine Karikatur, eine Ansammlung von Klischees. Natürlich ist Emile (erfolgloser) Autor, der trotzdem viel Geld hat, stehen in der schicken Altbauwohnung die Schallplatten in der Ecke, hängen die Gemälde an der Wand und wird japanischer Whiskey getrunken. Und natürlich trägt Emile immer Rollkragen. Trotzdem macht sich Lapid nicht über die jungen Franzosen lustig, schält auch ihren Schmerz heraus. Alle Figuren, alle Szenen fordern mit ihrer Ambivalenz heraus.

Dabei ist es absolut kein Problem, dass sich nicht ansatzweise jede Szene erschließt. Wenn Yoavs israelischer Kurzzeitbekannter sich die Kippa aufsetzt und in der Pariser Metro andere Fahrgäste aggressiv ansummt (!) und keiner sich wehrt (man will ja nicht als Antisemit gelten), ist der Gedanke dahinter relativ leicht zu durchschauen. Wenn Yoav aber absurde (erfundene?) Geschichten aus seiner Militärzeit erzählt und wir dann in einer „Rückblende“ gezeigt bekommen, wie er mit dem Maschinengewehr im Takt zu einem Chanson feuert, muss man sich schon ein paar Gedanken mehr machen. Manche Momente werden sich wahrscheinlich selbst beim dritten Schauen noch nicht erschließen. Doch das ist keine Schwäche, ganz im Gegenteil, lädt „Synonymes“ doch so nicht nur zur intensiven Auseinandersetzung ein, sondern ist auch ein Erlebnis weit über den Kinobesuch hinaus. Vor allem aber ist jede Szene entweder lustig, mitreißend, dramatisch oder sieht auch einfach nur verdammt gut aus. Wir wollen zumindest keine von ihnen missen, egal ob wir sie „kapiert“ haben oder auch nicht.

Fazit: 
„Synonymes“ ist schräg, sperrig, besonders und absolut herausragend. (mk)

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