Sonntag, 16. Juni 2019

Men in Black - International


(c) Sony Pictures Germany



Inhalt:

Als junges Mädchen beobachtete Molly (Tessa Thompson) einen Einsatz der Men In Black. Seitdem ist sie fest entschlossen, die Wahrheit über Aliens und die mysteriösen Männer in den schwarzen Anzügen herauszufinden. Sie verbringt ihre Freizeit damit, nach Antworten zu suchen und entdeckt schließlich das Hauptquartier der MIB in New York. Dort ist Agent O (Emma Thompson) von Mollys Intelligenz und detektivischen Fähigkeiten beeindruckt und macht aus Molly Agent M. Ihr erster Auftrag führt sie nach London, wo sie gemeinsam mit dem legendären Agent H (Chris Hemsworth) Vungus, einen Angehörigen eines außerirdischen Königshauses, treffen und ihm während seines Aufenthalts eine gute Zeit bereiten soll. Doch bereits kurz nach seiner Ankunft wird er in einem noblen Nachtclub ermordet, gibt aber vor seinem Tod noch eine mächtige Waffe an M weiter. Die beiden Geheimagenten vermuten einen Maulwurf innerhalb der MIB-Organisation, der die Information über Vungus' Aufenthaltsort weitergegeben haben muss. Sie setzen nun alles daran, den Mörder und Verräter zu finden, bevor die mächtige Waffe in die falschen Hände gelangt ...


Bewertung:

Zur Orientierung im neuen Teil des „Men In Black“-Universums beginnt F. Gary Gray mit einem Prolog, der Chris Hemsworth („Thor“) und Liam Neeson („96 Hours - Taken“) als neue Kräfte einführt und ihre Fähigkeiten im Kampf gegen außerirdische Invasoren zeigt – gleichzeitig wird ironisch vermittelt, dass man selbst 2016 noch blitzdingst, wenn Zivilisten zu viel gesehen haben. Auch die folgende Rückblende, der die beschriebene Kindheitsepisode von Agentin M erzählt und ihre Motivation verdeutlicht, ist charmant erzählt und eine gelungene Einführung der neuen Figur (während Hemsworths Vorstellung nur rudimentär ausfällt). Da meint man glatt, den Einfluss des Ausführenden Produzenten Steven Spielberg zu spüren. Es ist durchaus unterhaltsam, Tessa Thompson („Creed“, „Auslöschung“) dabei zu beobachten, wie sie sich als ehrgeizige Molly staunend beim Eintauchen in die Men-In-Black-Welt schlägt, selbst wenn die Feminismus-Anspielungen, die ihre Figur permanent begleiten, gern weniger gewollt hätten ausfallen dürfen. Auch einige Gadgets sind mit Liebe zum Franchise kreiert, wenn zum Beispiel die Agenten M und H in ein Taxi steigen und sich das Gefährt plötzlich als schwindelerregender Fahrstuhl in ein unterirdisches Geheimquartier erweist. Doch nach dieser grundsoliden Exposition fällt „Men In Black: International“ kontinuierlich ab.

Schon die beiden akrobatischen Antagonisten sind ein Ausfall. Laurent Bourgeois und Larry Bourgeois, im wahren Leben Tänzer, Choreografen und YouTube-Stars, fehlt es merklich an Leinwandcharisma, das sie den Helden entgegensetzen könnten. Von einem seltsamen Effektgewitter begleitet und mit blaufunkelnden Augen ausgestattet strahlen sie trotz ihrer Kampfkunst kaum etwas Diabolisches aus. Ist die Chemie zwischen Chris Hemsworth und Liam Neeson als Lieblingsschüler und Vaterfigur noch in Ordnung, fällt die Verbindung von M und H schon deutlich holpriger aus. Während Hemsworth zum x-ten Male seine Lustiger-Thor-Nummer abzieht (inklusiv des unvermeidlichen Hammer-Zitats), setzen die Drehbuchautoren konsequent auf mittlerweile müde wirkende ironische Anspielungen auf Hemsworths makelloses Äußeres, was das gesamte weibliche MIB-Personal anzieht wie die Motten das Licht. Der „Avengers“-Star hat seiner etablierten Masche in „Men In Black: International“ einfach nichts Neues mehr hinzuzufügen – und mitunter geht die ständige Selbstironie sogar auf Kosten der emotionaleren Momente. 

New York, London, Marrakesch und später Italien: Ein Blockbuster der größeren Kategorie muss einfach exotische Schauplätze rund um die Welt auffahren. Doch die Bilanz ist auch hier durchwachsen. Während die Marrakesch-Szenen sehr künstlich aussehen und kaum Atmosphäre verströmen, wird der Ausflug von H und M in die Wüste endgültig zum visuellen Desaster, weil die Aufnahmen der dort Gestrandeten so kristallklar als Green-Screen zu entlarven sind, dass es eines 110 Millionen Dollar teuren Films einfach nicht würdig ist. Überhaupt sind die Spezialeffekte selten auf der Höhe der Zeit, man bekommt vielmehr das Gefühl, in einem mittelprächtig gealterten 90er-Jahre-Film zu sitzen. Die modernen optischen Möglichkeiten nutzt „Men In Black: International“ zu selten aus – allein die Sequenz auf einer Neapel vorgelagerten Festungsinsel ist visuell voll überzeugend und wirkt wie aus einem James-Bond-Film. Schade nur, dass das große Talent von Rebecca Ferguson („Mission: Impossible – Rogue Nation“) verschenkt wird, weil ihr Auftritt nur von kurzer Dauer und trotz drei Armen nicht sonderlich erinnerungswürdig ausfällt.

Erzählerisch bleibt vieles Stückwerk, das nicht recht zusammenpasst. Doch „Men In Black: International“ hat noch eine weitere eklatante Schwäche: Nicht nur der Film als Ganzes ist in seiner Dynamik berechenbar, sondern auch nahezu jede einzelne Szene. Man weiß immer, worauf es am Ende des Dialogs hinauslaufen wird - von einigen der vorhersehbarsten und lahmsten Twists der jüngeren Blockbuster-Geschichte mal ganz zu schweigen. Der frische Witz fehlt, der Unterhaltungswert ist überschaubar.

 
Fazit: 
„Men In Black: International“ ist ein halbgares Spin-Off, das mit seiner wenig stimmigen Story und teils mäßigen Effekten wie aus der Zeit gefallen wirkt. 


Text (c) by MK

Freitag, 7. Juni 2019

X-Men - Dark Phoenix


(c) Fox Deutschland



Inhalt:

Etwa zehn Jahre nachdem sie es mit dem ebenso mächtigen wie machthungrigen Mutanten Apocalypse aufgenommen haben, sind die X-Men rund um Charles Xavier (James McAvoy) zu Helden geworden. Doch der damit einhergehende Ruhm steigt dem an den Rollstuhl gefesselten Telepathen zu Kopf, so dass er seine Schützlinge auf immer gefährlichere Missionen schickt. Für ihren jüngsten Auftrag schickt er Mystique (Jennifer Lawrence), Beast (Nicholas Hoult), Storm (Alexandra Shipp), Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) und Quicksilver (Evan Peters) ins Weltall, wo sie einige verunglückte Astronauten retten sollen. Doch dabei wird ihr Raumschiff von einer Sonneneruption getroffen, die Jean Grey (Sophie Turner) zwar absorbieren und umlenken kann. Aber durch die enorme Energie erwacht eine mysteriöse Macht in ihr: die Phoenix Force. Jeans neue Kräfte lassen sich nur schwer kontrollieren und rufen schließlich auch eine außerweltliche Gestaltwandlerin (Jessica Chastain) auf den Plan, die Jagd auf sie macht...


Bewertung:

Dass Jean Grey zur mächtigsten aller Mutanten wird, ist eine berühmte Comic-Geschichte, die Simon Kinberg schon für „X-Men: Der letzte Widerstand“ mit Famke Janssen als Nebenplot verwurstete. Damals reagierten viele Fans enttäuscht – und das wird diesmal kaum anders sein, selbst wenn die Wandlung zu Dark Phoenix diesmal im Mittelpunkt des Films steht. Denn auch wenn einige visuell starke Momente dabei herausspringen, wenn Jean Grey ihre unglaubliche Kraft zur Schau stellt, gelingt es Kinberg viel zu selten, die emotionale Wucht der Veränderung der jungen Teenagerin zu zeigen. Da darf Sophie Turner zwar mal im Regen heulen oder ihren Geliebten Scott (Tye Sheridan) wehmütig einen letzten Blick zuwerfen, aber Kinberg gibt solchen Momenten zu wenig Raum. Zudem ruiniert er sie oft mit zu dick aufgetragenen, mitunter sogar regelrecht peinlichen Dialogen, in denen dem Zuschauer dann auch noch wiederholt eingebläut wird, wie gefährlich es nun wirklich wird, wie zerrissen eine Figur ist oder was die Fieslinge planen.

Daneben tut sich Kinberg keinen Gefallen damit, die eigentliche Story zu breit aufzustellen. Dass verschiedene Gruppierungen unterschiedlicher Auffassung sind, ob man Jean noch retten kann oder töten muss, ist ein interessanter Konflikt. Wie Mutanten gegen Mutanten kämpfen, hat man ja aber in den vorherigen Filmen schon gesehen, also wird bereits in den ersten Filmminuten noch eine Alien-Rasse eingeführt, die die Erde als mögliche neue Heimat ausgemacht hat und Jeans Macht für ihre Invasion nutzen will. Diese, in den Comic-Vorlagen verwurzelte, hier aber komplett anders eingesetzte zusätzliche Bedrohung sorgt immerhin für die größte und beste Actionsequenz des Films, trägt aber sonst wenig bei. Vielmehr stören die Einschübe mit diesen Fieslingen das viel interessantere Drama zwischen den einzelnen Mutanten-Fraktionen. Da kann auch Jessica Chastain („Zero Dark Thirty“) als neuester prominenter Name im hochkarätigen Cast nichts ausrichten. Dafür ist ihre Antagonistin viel zu belanglos. 

„X-Men: Dark Phoenix“ zeigt zudem, dass „Game Of Thrones“-Star Sophie Turner noch keinen Kinoblockbuster tragen kann. So stark sie eine kühle, unnahbare Figur wie Sansa Stark spielen kann, so wenig eröffnet ihre Darbietung den Raum für Sympathie und damit für Mitgefühl. Da verwundert es nicht, dass in einer Schlüsselszene des Films durch einen Drehbuchkniff plötzlich eine andere Schauspielerin zum Einsatz kommt. Auf seine eindrucksvolle Darstellerriege kann sich Kinberg sonst aber verlassen – und weiß sie auch in Szene zu setzen. In einer der wenigen gelungenen emotionalen Szenen des Films (die ist dafür aber auch wirklich herausragend) nutzt er die komplette (!) Kinoleinwand, um nur Michael Fassbenders Gesicht in Großaufnahme zu zeigen und dort die ganze Trauer und Wut seiner Figur zu illustrieren. James McAvoy und Nicholas Hoult bekommen in einer der schon obligatorischen Küchenszenen der Reihe auch einen ruhigeren Moment, der ihnen Raum gibt, ihren Figuren zum letzten Mal in der mit „Dark Phoenix“ zu Ende gehenden Abenteuer dieser „X-Men“-Generation etwas Tiefe zu geben.

Genau daran fehlt es sonst aber meist, weswegen die stärkste Actionszene des Films zwar viel Bombast bietet, aber nicht wirklich mitreißend ist. Wenn es hier wirklich um das Leben einzelner Mutanten geht, fiebert man selbst mit dem seit einigen Filmen etablierten Nachwuchs wie Storm (Alexandra Shipp) oder Quicksilver (Evan Peters) nicht mit – von den neuen Figuren wollen wir erst gar nicht reden. In der übrigens nicht von Kinberg, sondern von Action-Routinier Brian Smrz (seit „X-Men 2“ als Second Unit Director dabei) inszenierten Sequenz wird zudem so schnell von einer Auseinandersetzung zur nächsten gewechselt, dass man kaum mitbekommt, ob da nun jemand tatsächlich gestorben ist oder sich doch noch retten konnte – wobei es emotional ab einem gewissen Punkt eigentlich auch egal ist. Und dass Mutant Nightcrawler eine absolut charakterverändernde Entscheidung trifft, die allein einen ganzen Subplot rechtfertigen würde, muss Kodi Smit-McPhee mit nur zwei, drei Gesichtsausdrücken schnell verdeutlichen. Dann geht es auch schon weiter zur nächsten Prügelei und es wird nie wieder zum Thema. Nicht nur hier ist die Action den Machern offensichtlich wichtiger als ihre Figuren.

 
Fazit: 
In „X-Men: Dark Phoenix“ verschenkt Simon Kinberg seine hochkarätige Besetzung für ein inhaltlich flaues und deshalb auch in den Action-Sequenzen nur selten mitreißendes Comic-Drama. Die „X-Men“-Generation um Michael Fassbender, James McAvoy und Jennifer Lawrence hätte ein besseres letztes Abenteuer verdient gehabt.



Text (c) by MK

Freitag, 31. Mai 2019

Godzilla 2 - King of the Monsters


(c) Warner Bros GmbH



Inhalt:

Fünf Jahre nach dem ersten Auftauchen von Godzilla und den „Muto“ getauften Titanen lebt die Welt in ständiger Angst vor weiteren Urzeit-Monstern. Die Wissenschaftsorganisation Monarch, die sich bislang autark um sämtliche Vorkommnisse rund um die Titanen kümmerte, wird von der Regierung vor die Wahl gestellt: Entweder sie begibt sich unter staatliche Aufsicht, oder Godzilla und alle weiteren bekannten Titanen werden getötet, um weitere Katastrophen zu vermeiden. Dr. Emma Russell (Vera Farmiga) hat derweil ein Bio-Sonar-System namens Orca entwickelt, mit dessen Hilfe sie mit den Urzeit-Riesen kommunizieren und ihnen sogar Anweisungen geben kann. Dafür benötigt sie jedoch die jeweils passende Frequenz der Titanen. Das Gerät fällt schließlich in die Hände des Öko-Terroristen Alan Jonah (Charles Dance), der Emma und ihre Tochter Madison (Millie Bobby Brown) entführt und sämtliche auf der Erde schlummernden Titanen aufwecken will. Als schließlich Godzillas Erzfeind, der dreiköpfige Drache King Ghidorah aus seinem Schlaf erwacht, bricht die Hölle los…


Bewertung:

Schon im Vorspann hört man das Stapfen von Godzilla, der mit seiner gewaltigen Masse selbst die Logos von Warner Bros. und Legendary Pictures erzittern lässt. Damit geben die Macher selbstbewusst ein Versprechen ab, das sie im weiteren Verlauf tatsächlich einhalten. Eine erste Arktis-Konfrontation zwischen der Riesenechse und dem zweiten Alpha-Predator Monster Zero (ein dreiköpfiger, Blitze speiender Drache, den wahre Fans natürlich sofort als Godzilla-Erzfeind König Ghidorah identifizieren) erweist sich zwar noch als nicht mehr als ein erster Appetithappen. Aber spätestens, wenn sich Rodan aus einem Vulkan in Mexiko erhebt, nimmt die Monster-Action gewaltig an Fahrt auf: Während der Aschevogel mit seinen brennenden Flügeln in allen bisherigen Verfilmungen noch ziemlich lächerlich anmutete, sieht es in „King Of The Monsters“ einfach nur verdammt cool aus, wenn er die Kampfjets aus der Luft pflückt wie ein Adler hilflose Spatzen. 

Mit der Zerstörung einzelner Gebäude wird sich dabei gar nicht groß aufgehalten, hier werden meist ganze Städte in einem Rutsch platt gemacht – und immer mal wieder streut Michael Dougherty („Krampus“) gigantische Totalen ein, die aus der Ferne eines der Monster als Silhouette inmitten einer völlig zerstörten Skyline zeigen. Das ist ebenso episch wie ikonisch – und zu diesem Zeitpunkt hat der Film mit dem noch immer unter einem Wasserfall verpuppten Mothra sogar noch einen extra Trumpf in der Hand, den er sich bis zum ausufernden Endkampf aufspart. Apropos Finale: Wie in „Godzilla 2“ mit dem alten Klischee des totgeglaubten Bösewichts, der sich plötzlich doch noch einmal erhebt, gespielt wird, ist schlichtweg genial – schon jetzt eine der kultigsten Einstellungen der „Godzilla“-Historie!

Dazu kommen jede Menge Anspielungen direkt für Fans, die angenehm subtil eingebaut sind. So können sich Kenner freuen, dass sie die Zitate mitbekommen haben, obwohl sie ihnen nicht allzu dick aufs Brot geschmiert wurden, während sich durchschnittliche Kinogänger gar nicht groß ärgern werden, weil sie gar nicht erst mitbekommen, dass es da überhaupt was zu verstehen gab. So kriegt man etwa die Anspielung auf die vor allem aus den japanischen „Mothra“-Filmen bekannten Cosmos-Zwillinge nur mit, wenn einem in einer bestimmten Szene auffällt, dass Ziyi Zhang („The Cloverfield Paradox“) plötzlich etwas längere Haare trägt.

Das klingt jetzt alles erst mal super. Aber über weite Strecken ist „Godzilla 2“ dennoch auch eine frustrierende Erfahrung. Denn wenn Öko-Bösewicht Jonah Alan die Titanen loslässt, um der „Infektion Mensch“ Herr zu werden, hätte man locker die Hälfte der menschlichen Figuren aus dem Drehbuch streichen dürfen. Das zentrale Mutter-Vater-Tochter-Gespann ist zwar okay, aber das liegt vor allem an den starken Schauspielern Vera Farmiga („Conjuring“), Kyle Chandler („Manchester By The Sea“) und Millie Bobby Brown („Stranger Things“). Für ihre Familienkonflikte interessiert man sich trotzdem nie wirklich: Selbst wenn sich relativ zu Beginn in einer Szene überraschend die Allianzen verschieben, zaubert eine der Figuren plötzlich eine an Spendenaufrufvideos erinnernde PowerPoint-Präsentation aus dem Hut, womit der eigentlich spannende Moment sofort wieder kaputtgemacht wird.

Darüber hinaus gibt es eine regelrechte Armada an Nebenfiguren, die zwar oft von bekannten Darstellern verkörpert werden, aber trotzdem keinen bleibenden Eindruck hinterlassen (und zwar selbst dann nicht, wenn sie sich zum pathetisch anschwellenden Score von Bear McCreary zum Wohle der Menschheit opfern). Die einzige Aufgabe des Plots ist es dabei, mehrere Monster an einem Ort zusammenzubringen. Das klingt simpel, aber geschieht hier – auch wegen der vielen Figuren – meist auf derart umständliche Weise, dass am Ende einer Sequenz oft ein Charakter aus der dritten Reihe das gerade Gesagte für die ganz Doofen kurz zusammenfasst. Das ist unnötig kompliziert – und dabei nicht etwa komplex, sondern einfach nur langatmig.

Ein weiteres Problem ist der oft unpassende (und dann noch nicht mal sonderlich lustige) Humor. Vor allem die von „Get Out“-Star Bradley Whitford verkörperte Figur des Wissenschaftlers Dr. Stanton fällt dabei immer wieder negativ auf: Mit seinen trocken-zynischen Bemerkungen macht er ständig die gerade aufgebaute Spannung oder Atmosphäre zunichte. Etwa als Godzilla auf die riesige Scheibe einer Unterwasserstation zuschwimmt, während er mit seinen atomar aufgeladenen Rückenstacheln immer wieder kurz den ansonsten pechschwarzen Ozean erhellt. Eine echt coole Szene, bis Stanton den Mund aufmacht und ´ne gelangweilte Pointe rauspresst. Es gibt Momente, da sollte man auch einfach mal die Klappe halten können.

 
Fazit: 
Die Monster sind top, die Menschen ein Flop.


Text (c) by MK

Donnerstag, 30. Mai 2019

Rocketman


(c) Paramount Pictures Germany



Inhalt:

Mitte der 60er Jahre in einem Vorort von London: Reginald Dwight (Taron Egerton) ist ein ganz normaler Junge – ein bisschen kräftiger gebaut und ziemlich schüchtern. Nur wenn er am Klavier sitzt, kommt er so richtig aus sich heraus. Seine wahre Leidenschaft allerdings gilt dem Rock’n’Roll, den er aber erst nach seinem Umzug in die englische Hauptstadt ausleben kann. Gemeinsam mit Texter Bernie Taupin (Jamie Bell) mischt er die Londoner Szene schon bald auf, nur der richtige Name fehlt ihm noch. Mit seiner Umbenennung in Elton John beginnt für ihn schließlich der Aufstieg zu einer der schillerndsten Figuren, die die britische Unterhaltungsbranche jemals hervorbrachte. Er fällt mit seinen aufwändigen Kostümen auf, in denen er einen Nummer-1-Hit nach dem anderen abliefert – bis er eines Tages feststellt, dass nach einem raketenhaften Aufstieg ein tiefer Fall droht. Er kann nicht auf ewig Rocketman bleiben...


Bewertung:

Die alte Rock’n‘Roller-Maxime „Live fast, die young“ hat Elton John, der in seinem Leben mehr als 450 Millionen Platten verkaufte, nur zur ersten Hälfte erfüllt. Dass die zweite überraschenderweise ausblieb, hat ein wenig mit Glück, aber vor allem mit der irgendwann erfolgten Einsicht zu tun, sein Leben radikal ändern zu müssen. Doch davon handelt „Rocketman“ nur in den Schlussszenen, im Vordergrund stehen der Aufstieg und die Selbstzerstörung des Exzentrikers Elton John. Das macht schon der Auftakt deutlich. In einem seiner berühmten, extravaganten Bühnenkostüme schneit John mitten in eine Therapiesitzung herein, wo er sich zum Konsum von allen erdenklichen Drogen bekennt. Er fängt an zu erzählen und so entfaltet sich aus dieser Rehab-Perspektive die eigentliche Geschichte. Die startet im Kindesalter, denn dort macht Regisseur Dexter Fletcher die Grundlagen für Elton Johns Charakterentwicklung aus.

Obwohl Elton hier noch Reggie heißt und nicht auf der Bühne steht, kommt die Musik nicht zu kurz. Besonders im ersten Drittel wechseln die Figuren immer wieder mitten in den Dialogen in Gesangseinlagen, um so ihre Gefühle auszudrücken. Nicht nur dieser Musical-Ansatz unterscheidet das Elton-John-Biopic von „Bohemian Rhapsody“, sondern Regisseur Dexter Fletcher entfesselt immer wieder einen surrealen Rausch und verabschiedet sich aus der Realitätsebene in höhere Sphären. Da heben Elton John und sein gesamtes Publikum auch einfach mal mitten im Konzert ab und schweben nun zur Musik durch den Saal. Diese Momente sind schlicht großartig als bunter Reigen und berauscht von der energetischen Musik des Superstars inszeniert. Und der Rhythmus dieser ekstatischen Szenen fügt sich wunderbar geschmeidig in das künstlerische Konzept der Überhöhung ein.

Nicht nur in den Musical-Einlagen, sondern auch in klassisch arrangierten Szenen sorgen Elton Johns Klassiker mehrere Male für pure Gänsehaut. Wenn der Künstler wieder bei seiner Mutter einziehen muss, was ziemlich demütigend für ihn ist, und dann am heimischen Piano „Your Song“ improvisiert, entsteht ein unglaublich schöner und ehrlicher Moment. Ein weiteres musikalisches und inszenatorische Highlight kreiert Fletcher rund um das Titelstück „Rocketman“, in dem er einen Selbstmordversuch am Grund eines Swimmingpools in einer unwirklichen Welt ansiedelt. Der junge Elton John beginnt den Song am Unterwasserpiano und nach einem Umschnitt beendet der erwachsene Star die Sequenz in einer triumphalen Stadionkonzertaufnahme vor zehntausenden Zuschauern.

Diese ästhetisch außergewöhnlichen Kabinettstückchen haben allerdings auch eine Schattenseite. Sie sind zwar immer superhübsch anzusehen, echte Gefühle entstehen aber nicht in allen Fällen. Besonders deutlich wird dies bei „Tiny Dancer“ – gerade im Vergleich zum berühmten Einsatz in Cameron Crowes Band-Trip-Klassiker „Almost Famous“. Wenn bei Crowe die gerade niedergeschlagenen Protagonisten einer nach dem anderen den fantastisch-atmosphärischen Song anstimmen, gibt das sofort Gänsehaut. Wenn dagegen Taron Egerton in „Rocketman“ das Liebeslied an die „kleine Tänzerin“ zu revueartigen Bildern singt, während Elton Johns Text-Partner Bernie mit einer Frau in einem Tipi verschwindet, ist der Moment einfach nur künstlich und kalt.

Dabei gibt „Kingsman“-Star Taron Egerton als Elton John physisch alles, was er hat und überzeugt mit einer ekstatischen Performance. Der britische Jungstar singt die Songs auch selbst und bringt so eine enorme Vitalität in sein Spiel, zeigt seine Figur aber gleichzeitig verwundbar und im Kern schüchtern und unsicher. Von den Sidekicks gefällt besonders Jamie „Billy Elliot“ Bell als treuer Schreibpartner Bernie Taupin, der über die Jahre der wahre Freund des Musikers ist. Bell verkörpert diese unbedingte Loyalität unaufgeregt und berührend. Als Kontrapunkt der Erzählung dient dagegen Richard Madden („Game Of Thrones“) als Elton Johns cleverer wie knallharter Manager John Reed. Er ist kein eindimensionales Arschloch, das seinen Ex-Lover Elton John disziplinieren will, sondern ein Geschäftsmann, der sein Gut schützt – allerdings, und das ist interessant, aus purem Eigeninteresse und nicht, weil er sich noch um den Menschen dahinter schert.

So stark „Rocketman“ gespielt ist und so bombastisch Dexter Flechters Musical aussieht, so enttäuschend ist es, dass der Zuschauer nach den Kindheitsszenen zu Beginn kaum etwas mehr über den wahren Menschen Reginald Dwight erfährt, sondern lediglich über die selbsterschaffene Kunstfigur Elton John. Die ist quietschbunt, trägt absurd-lustige Kostüme und knallt sich gern mit Drogen bis unter die Schädeldecke voll. Mit einem Näschen Koks und Alkohol zu jeder Tages- und Nachtzeit illustriert Fletcher die Exzesse. Während „Bohemian Rhapsody“ vorgeworfen wird, die Homosexualität Freddie Mercurys zu züchtig zu zeigen, geht Dexter Fletcher auch hier ein wenig weiter. Am Ende wirkt es aber auch ein bisschen pflichtschuldig, weil das Thema quasi mit einer einzigen, nur einigermaßen freizügigen Sexszene zwischen Egerton und Madden abgefrühstückt wird.

Zu Drugs und Rock’n’Roll gehört halt auch zwingend Sex. Das ist das Musiker-Klischee. Und die Schilderung von Elton Johns Wirken ist dann auch oft ein Abhaken solcher Klischees: der überraschende Durchbruch gegen alle Erwartungen, erster Ruhm, das öffentliche Abheben und Verleugnen von guten Freunden, Drogen, Absturz, Einsamkeit, Isolation … und Läuterung! Und zwischen all der knallbunten Inszenierung schwingt mal unterschwellig, mal vordergründig immer Fletchers Fazit über Elton Johns Show-Leben mit: Er ist ein einsamer Mann, der Zeit seines Lebens auf der Suche nach Liebe ist, die ihm aber niemand gewähren will. Dieses Glück findet Elton John erst später, wenn der Abspann des Films schon längst gerollt ist.

 
Fazit: 
Nachdem Dexter Fletcher bei „Bohemian Rhapsody“ erst kurz vor Schluss eingesprungen ist, gibt der Regisseur in seinem Elton-John-Biopic nun selbst nach eigenem Gusto Vollgas und schafft so eine exzentrische Musical-Hommage, die dem Künstler sicherlich gefallen wird – auch, weil er dafür nicht allzu viel Persönliches preisgeben musste.




Text (c) by MK

Montag, 27. Mai 2019

John Wick - Kapitel 3


(c) Concorde Filmverleih GmbH



Inhalt:

John Wick (Keanu Reeves) hat die Regeln aller Regeln gebrochen: Er hat den Mafia-Boss Santino D’Antonio (Riccardo Scamarcio) auf dem heiligen Boden des Continental Hotels getötet, weswegen sein Freund und Hotelchef Winston (Ian McShane) ihn aus der Killergemeinschaft ausschließen und ihm alle Rechte als Auftragskiller entziehen muss. Wick erhält von seinem alten Freund jedoch eine Stunde Zeit, bis sein Excommunicado offiziell ausgesprochen wird. Zeit, die der nun Ex-Auftragsmörder nutzt, um sich zu bewaffnen. Denn es sind immerhin auch 14 Millionen Dollar Kopfgeld auf ihn ausgesetzt und die Angreifer werden nicht lange auf sich warten lassen. Als Wick sich die Kopfgeldjäger tatsächlich kaum noch vom Leib halten kann, beschließt er, nicht nur die Stadt New York, sondern auch das Land zu verlassen. Indes leitet aber eine Richterin (Asia Kate Dillon) eine Untersuchung ein und beginnt Wick mithilfe des gewieften Killers Zero (Mark Dacascos) zu jagen. Doch sie jagt nicht nur den ohnehin flüchtigen Wick…


Bewertung:

John Wick Forever“ – das ist das Motto von Keanu Reeves, wie er erst kürzlich in einem Interview verkündete. Er werde den so beliebten Auftragskiller so lange spielen, wie ihn das Publikum sehen wolle. Und das kann dauern. Während „John Wick“ mit 88 Millionen Dollar weltweitem Einspiel (bei einem Budget von 20 Millionen) ein kleiner Kinohit wurde, zahlte sich der Aufbau einer treuen Fangemeinde bei „John Wick: Kapitel 2“ finanziell aus – das Sequel holte 171 Millionen Dollar (bei einen Budget von 40 Millionen) rein. Heißt: „John Wick: Kapitel 3“ wird definitiv ein Geldbringer. Der Charakter ist mittlerweile nicht nur sehr bekannt, sondern auch Kult. Und vor allem ist „John Wick: Kapitel 3“ ein richtig starker Film, der den Fans mehr von den geliebten Zutaten der Vorgänger gibt und diese dabei zumeist einfallsreich variiert. Da der Hauptdarsteller bereits 54 Jahre alt ist, hat sein Wirken als kraftstrotzender Killer zwar ein Haltbarkeitsdatum, das aber bei Reeves nicht so schnell ablaufen wird, weil der Star so wie fit ist, wie sonst wahrscheinlich in der A-Liga nur Tom Cruise (56 Jahre alt), der in seinen „Mission: Impossible“-Filmen ähnlich Vollgas gibt.

Dass sich „John Wick“ im zweiten Aufguss immer noch frisch anfühlt, hat mehrere Gründe. Chad Stahelski, der den ersten Teil gemeinsam mit „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“-Regisseur David Leitch inszenierte, und danach allein weitermachte, baut mit seinem Drehbuchautoren-Team den Mythos dieser Unterwelt, in der Goldmünzen das logische Zahlungsmittel sind und die Waffen nicht extravagant genug sein können, sorgfältig und unfassbar stilvoll und supercool immer feiner aus. Das beginnt schon mit der herrlich altmodisch kommunizierten Ankündigung des Excommunicado. Der Zuschauer fühlt sich wie in einem Parallel-Universum, das direkt vor den Augen der normalen Welt existiert – man muss nur wie bei Bahnsteig 9 ¾ in der „Harry Potter“-Saga den richtigen Eingang finden. Dann gelangt man in ein Reich voller Pracht, Gewalt und Exzess. Der Ehrenkodex hält alles zusammen – und den hat John Wick verletzt, was einen nachhaltigen Konflikt auslöst. Denn von nun an ist er nirgends mehr sicher. Der Killer hat keinen Rückzugsort mehr, wie die treibenden ersten Minuten verdeutlichen, in denen gefühlt jeder zweite Mensch auf den New Yorker Straßen es auf ihn abgesehen hat.

In Sachen Action lässt sich Stahelski als Stunt-Spezialist eine Menge einfallen und variiert reichlich. Auf den brachialen ersten Nahkampf mit einem scheinbar übermächtigen Gegner in der edlen Bibliothek folgt so wenig später eine Schießerei und Messerstecherei in einem Museum, bei der die Kontrahenten mit letztem Überlebensinstinkt Vitrinen zertrümmern, um sich mit antiken Waffen zu töten. Sogar die seit dem ersten Teil legendäre Kopfschuss-aus-nächster-Nähe-Action bekommt eine neue Seite, als Wick von so schwer gepanzerten Gegnern angegriffen wird, dass seine bewährte Taktik nicht zum Erfolg führt. Da muss Wick dann die ganz schweren Geschütze auffahren, um die Köpfe seiner Kontrahenten wegzusprengen. Auch John Wick auf einer Verfolgungsjagd zu Pferd durch New York City muss man unbedingt gesehen haben. In dieser und den meisten weiteren Momenten schwingt immer eine unverkennbare Ironie mit (Wir sagen nur: „Ich brauche mehr Feuerkraft“), ohne die „John Wick“ bei all den ultrabrutalen Gemetzeln nur schwer zu ertragen wäre.

Eine zwischenzeitliche Luftveränderung, die den Antihelden nach Casablanca ins marokkanische Hotel Continental führt, ist allerdings nur eine nette Zwischenepisode, denn eigentlich will man ihn im Dunstkreis des New Yorker Gangster-Edelhotels sehen und nicht als „John Wick von Arabien“. Im exotischen Setting Nordafrikas hinterlässt Gaststar Halle Berry („Stirb an einem anderen Tag“) als widerspenstige, alte Freundin Sofia aber einen bleibenden Eindruck – das liegt vor allem an der herausragenden „Hunde-Sequenz“ (mehr sei hier nicht verraten), die Szenenapplaus verdient. Apropos Nebenfiguren: Die sind wieder einmal großartig. Besonders Ian McShane („American Gods“) als stilbesessener Hotelchef Winston, Asia Kate Dillon („Orange Is The New Black“) als hartnäckige Hohe-Kammer-Richterin, Lance Reddick als loyaler Congierge, Anjelica Huston als Mafia-Patin sowie Laurence Fishburne („Matrix“) als Unterweltboss Bowery King stechen heraus, weil diese schillernden Figuren wunderbar die Extravaganzen der Action spiegeln und die Atmosphäre verdichten. Die härtesten Handkanten schlägt aber Mark Dacascos als John Wicks Hauptgegner, wobei hier – anders als bei den Aufgezählten – der Charakter Zero kaum eine Rolle spielt, sondern nur dessen Physis.

 
Fazit: 
Hammerharte Action, starke Figuren und viel Atmosphäre - mit dem intensiven und ideenreichen Kugelhagel „Kapitel 3“ hält Zeremonienmeister Chad Stahelski die „John Wick“-Reihe weiterhin auf der Höhe der Zeit.


Text (c) by MK

Freitag, 24. Mai 2019

Aladdin (2019)


(c) Walt Disney Germany



Inhalt:

Der Straßendieb Aladdin (Mena Massoud) macht am liebsten mit seinem Affen Abu die Straßen von Agrabah unsicher. Auf den Basaren der Stadt ist kein noch so wertvoll aussehender Gegenstand vor ihm sicher. Doch er möchte dieses Leben als kleiner Gauner gerne hinter sich lassen, da er der festen Überzeugung ist, zu etwas Größerem bestimmt zu sein. Bei seinen Streifzügen lernt er eines Tages die Prinzessin Jasmin (Naomi Scott) kennen. Um sich in der Öffentlichkeit unerkannt bewegen zu können, verkleidet sich die Prinzessin und hat so auch die Möglichkeit, mit den Bewohnern ihrer Stadt in Kontakt zu treten. Nachdem sich Aladdin unsterblich in sie verliebt, setzt er alles daran, sie wiederzusehen - und das ist gar nicht so einfach. Er wird schließlich bei dem Versuch, die Mauern ihres Palastes zu überbrücken, erwischt und landet kurzerhand im Kerker. Da tritt der zwielichtige Jafar (Marwan Kenzari) auf den Plan. Denn der bietet Aladdin an, ihn zu befreien, wenn er ihm im Gegenzug die berühmte Wunderlampe aus einer sagenumwobenen Höhle stiehlt. Doch der Großwesir denkt gar nicht daran, sein Versprechen einzuhalten. Er will nur an die Lampe kommen, damit sie ihm die nötige Macht verleiht, um das Land an sich zu reißen und als alleiniger Herrscher darüber regieren zu können.


Bewertung:

Als ausgerechnet Guy Ritchie von Disney für „Aladdin“ angeheuert wurde, durfte man schon ein wenig mit der Stirn runzeln. Der einst als „britischer Tarantino“ mit den Gangsterkomödien „Bube, Dame, König, grAs“ und „Snatch“ bekannt gewordene Filmemacher hat einen unverkennbaren Stil, den er gerne auch seinen Blockbuster-Produktionen wie „Sherlock Holmes“ oder „Codename: U.N.C.L.E.“ aufdrückt. Aber wie passt das zu einer Orient-Erzählung aus Tausundeiner Nacht, die zugleich auch noch dem Stil und dem Geist des Zeichentrickklassikers von 1992 huldigen soll? Ganz einfach: Indem sich Ritchie unterordnet, wie schon im Lauf der ersten großen Actionszene klar wird...

Die von Gesangseinlagen begleitete Flucht von Aladdin, seinem Affen Abu und Jasmin durch die Straßen von Agrabah ähnelt ganz klar der entsprechenden Szene aus der Vorlage – und nicht etwa anderen Werken des Filmemachers. Wo Ritchie in „King Arthur: Legend Of The Sword“ die Kamera noch auf der Schulter seiner Protagonisten platzierte, um mit den Großaufnahmen ihrer gehetzten Gesichter (An-)Spannung zu transportieren, dominiert hier eine heitere Leichtigkeit. Dass Aladdin seinen nicht allzu hellen Verfolgern am Ende entkommen wird, steht sowieso außer Frage, spannend ist hier vielmehr, wie er sie immer wieder aufs Neue narrt. Ritchie-Fans mögen es beklagen, dass der Regisseur hier für Disney den Auftragsarbeiter gibt. Aber er stellt sich eben klar in den Dienst der Erzählung, zu der weder britischer Gangster-Slang noch seine Zeitlupen-Spielereien passen würden.

Trotz der vielen, auch bewusst in den Vordergrund gestellten Verweise auf das Original kopieren Ritchie, sein Co-Autor John August und vor allem Komponist Alan Menken (der auch 1992 schon für die Songs zuständig war) aber nicht einfach nur. Stattdessen verbinden sie die bekannten Elemente stimmig mit neuen Ideen. Das machte schon ein gelungenes Update für den im Klassiker doch problematisch-klischeetriefenden Auftakterzähler deutlich. Aber der Höhepunkt ist die neu hinzugefügte Musical-Nummer: Mit der kraftvollen Doppel-Nummer „Speechless“ (deutscher Titel: „Ich werd niemals schweigen“) verleiht Naomi Scott der in der Zeichentrickversion zwar vorhandenen, aber nur oberflächlich verhandelten Selbstbestimmungsgeschichte der Prinzessin, die gegen ihre vorbestimmte Rolle als dienende Ehefrau rebelliert, einen starken emotionalen Unterbau. Sowieso wird Aladdin und Jasmin dank vieler kurzer ernsthafterer Szenen insgesamt mehr Charakter zugestanden. Manchmal geht das allerdings auch auf Kosten des Tempos der sonst so beschwingt-rasanten Komödie.

Naomi Scott („Power Rangers“) und Newcomer Mena Massoud harmonieren von der ersten Sekunde als ebenbürtiges Paar, die beide mit hoher Schlagfertigkeit punkten können. Einmal mehr schafft es Disney daneben auch seine nicht-menschlichen Protagonisten glaubwürdig mit humanen Seiten zu bereichern. Schon einzelne Blicke von Aladdins Affe Abu sind einfach köstlich und der Fliegende Teppich entpuppt sich ohnehin als großartiger Szenendieb. Dschafars böser Papagei Jago steuert derweil wunderbare One-Liner bei und hilft so dabei, zu übersehen, dass sein Herr nicht nur komplett blass und eindimensional geschrieben ist, sondern Darsteller Marwan Kenzari („Ben Hur“) es auch zu fast keiner Sekunde schafft, dem Antagonisten eine bedrohliche Aura zu verleihen.

Über allem thront aber ohnehin Will Smith. Der Superstar gibt den Dschinni im wahrsten Sinne des Wortes in Über-Über-Lebensgröße – und das mit unglaublich viel Witz und Herz. Seit den Zeiten von „Bad Boys“, „Independence Day“ und „Men In Black“ hat man keinen so kraftvollen Smith mehr auf der Leinwand gesehen. Er zieht Grimassen, chargiert wild, rappt, singt, tanzt - und wirkt dabei trotz nacktem blauem Oberkörper und (selbstironisch kommentierter) Zopffrisur zu keiner Zeit lächerlich. In den entsprechenden Momenten ist es nämlich gerade Smiths Darstellung, die den mächtigen Geist erdet und seine tragische Seite nach außen kehrt. Daneben versteht es der zweifach oscarnominierte Schauspieler auch, sich in einzelnen Szenen zurückzunehmen und die Momente anderer Figuren mit reduzierterem Minenspiel aus dem Hintergrund zu unterstützen.

Smith überspielt es auch locker, wenn in einzelnen Momenten die CGI-Animationen mal nicht perfekt sind, wobei die Macher sich im Umgang mit der Technik scheinbar auch selbst Beschränkungen aufgelegt haben: So ist etwa eine bestimmte Verwandlung viel weniger bedeutend als im Original. Deutlich störender als die kleinen Dschinni-Unschärfen sind aber ohnehin die Kulissen, denn Guy Ritchie schafft es leider nicht, den Zuschauer in den Orient zu entführen. Stattdessen fühlt sich das eher nach Disney-Freizeitpark mit 1001-Nacht-Thema an.

Sowohl Aladdins pfiffige Behausung als auch die Straßen von Agrabah wirken zu sehr wie ein steriles Filmset, nie wähnt man sich in einer lauten, bevölkerten Metropole im Morgenland. Da ist es ein Glück, dass schon bald die Mehrheit der Szenen in der Höhle und dem Palast spielen und dass eine gewisse Entrücktheit den wunderbar choreographierten Musical-Nummern sowieso ganz gut zu Gesicht steht. Denn wenn Klassiker wie „Schnell weg“, „Einen Freund wie mich“, „Prinz Ali“ oder „Ein Traum wird wahr“ mit passenden und meist fantasievollen Bildern kombiniert werden, möchte man am liebsten im Kinosaal mitschwingen, so großartig werden sie in der englischen Originalfassung* neu interpretiert.

 
Fazit: 
„Aladdin“ macht vor allem in den starken Gesangszenen und bei jedem Auftritt von Will Smith großen Spaß.




Text (c) by MK

Freitag, 10. Mai 2019

Pokémon - Meisterdetektiv Pikachu


(c) Warner Bros GmbH



Inhalt:

Tim (Justice Smith) arbeitet als Versicherungsvertreter und erhält die Nachricht, dass sein Vater, ein seit jeher pflichtbewusster und hochdekorierter Polizist, verstorben sei. Tim muss sich nun darum kümmern, den Haushalt seines Vaters aufzulösen, und macht sich kurzerhand auf den Weg nach Ryme City, einer Metropole, in der Menschen und Pokémon in friedlicher Koexistenz zusammenleben. Als Tim in der Wohnung seines Vaters eintrifft, entdeckt er ein verstörtes Pikachu (Stimme im Original: Ryan Reynolds), mit dem er auch noch in der Lage ist, zu kommunizieren. Obwohl Pikachu sein Gedächtnis verloren hat, ist er der festen Überzeugung, ein Meisterdetektiv zu sein und glaubt außerdem, dass Tims Vater noch am Leben ist. Also tun sich Pikachu und Tim zusammen und machen sich in Ryme City auf Spurensuche. Dabei treffen sie auf die CNM-Nachwuchsreporterin Lucy Stevens (Kathryn Newton), die mit ihrem Pokémon Enton ebenfalls einer großen Sache auf der Spur ist. Gemeinsam decken die vier eine Verschwörung auf, die das friedliche Zusammenleben zwischen Menschen und Pokémon in Ryme City für immer zerstören könnte...


Bewertung:

Die Verpflichtung von Ryan Reynolds als Stimme von Pikachu erweist sich gleich in mehrfacher Hinsicht als absoluter Glücksgriff: Dank des Social-Media-affinen Kanadiers war etwa schon das Marketing zu „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“ überaus unterhaltsam. Und Reynolds‘ gleichermaßen schnoddrige wie liebenswerte Voice-Over-Performance bildet nicht nur einen herrlichen Kontrast zur gewohnten Pikachu-Sprecherin Ikue Ôtani, sondern sorgt auch dafür, dass man das knuffige, gelbe Pokémon sofort ins Herz schließt. Dies funktioniert übrigens nicht nur in der Originalversion: Reynolds‘ gewohnter Synchronsprecher Dennis Schmidt-Foß leistet in der deutschen Fassung nicht weniger gute Arbeit.

Dass Pikachu so eine überzeugende Hauptfigur ist, ist aber auch ein Verdienst der überragenden Animation, die das Pokémon jederzeit absolut lebensecht wirken lässt. Auch die Szenendiebe Enton und Pantimos sind hervorragend gelungen, allerdings sehen längst nicht alle Taschenmonster so gut aus. Das liegt einerseits wohl daran, dass sie nicht alle mit demselben Aufwand animiert wurden. Einige der Wesen haben aber auch eine so überdeutliche Comic-Optik, dass sie sich nicht ganz glaubwürdig in die Realfilmwelt um sie herum einfügen. Während man bei Detektiv Pikachu das Gefühl hat, auf die Leinwand fassen und durch das gelbe Fell streicheln zu können, wirkt der in einem Pokémon-Duell auftretende Glurak viel mehr wie ein Fremdkörper (übrigens eine von erfreulich wenigen Szenen, bei denen man merkt, dass es sich hierbei um eine Videospielverfilmung handelt).

Wie ein Fremdkörper wirkt auch Kathryn Newton („Big Little Lies“), die bei ihren ersten Szenen noch mit jeder Menge Overacting agiert und sich damit vor allem gegenüber dem sehr zurückgenommen spielenden Justice Smith („Margos Spuren“) abhebt. Der Kontrast erscheint zunächst bizarr, doch Newtons Femme-Fatale-Performance und die von Neonlicht erhellten Seitenstraßen von Ryme City sorgen dafür, dass sich „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“ kurzzeitig wie eine Noir-Story anfühlt. Schnell schwenken Letterman und seine Autoren allerdings auf deutlich konventionellere Bahnen. „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“ entwickelt sich dann zu einer größtenteils vorhersehbaren, familiengerechten Detektivgeschichte, bei der die finale Auflösung (die wir hier natürlich nicht verraten) nicht wirklich sauber erzählt wird und nachträglich noch ein großes Logikloch in die Handlung reißt.

Fazit: 
Pokémon-Fans dürften an „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“ ihre helle Freude haben. Doch Ryan Reynolds‘ Pikachu-Performance und die größtenteils gelungene Verschmelzung von Realfilm und animierten Pokémon können nicht über die uninspiriert erzählte Story hinwegtäuschen.


Text (c) by MK