Montag, 30. September 2019

Everest - Ein Yeti will hoch hinaus

pic (c) Universal Pictures Germany



Inhalt:

Als das Teenager-Mädchen Yi (Stimme im Original: Chloe Bennet) auf dem Dach ihrer Wohnung in Shanghai auf einen verängstigten Yeti trifft, kann sie ihren Augen kaum trauen. Doch nachdem sie sich das Vertrauen des magischen Geschöpfs erarbeiten konnte, tauft sie ihn schließlich auf den Namen Everest. Immerhin ist das gleichzeitig auch die Heimat der Kreatur - und genau dorthin will diese auch unbedingt wieder zurück. Gemeinsam mit ihren Freunden Jin (Tenzing Norgay Trainor) und Peng (Albert Tsai) begeben sich Yi und Everest auf eine abenteuerliche Reise durch ganz China, um ihren neuen Gefährten wieder mit seiner Familie zu vereinen. Dabei müssen sie sich unter anderem mit dem stinkreichen Laborleiter Burnish (Eddie Izzard) und der Zoologin Dr. Zara (Sarah Paulson) herumschlagen. Denn die haben es auf das Fabelwesen abgesehen, um dessen Fähigkeit, die Natur zu beeinflussen, für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Bewertung:

In der ersten Szene sehen wir durch die Augen von Everest, wie er aus dem von Dr. Zara geleiteten Knast für seltene Spezies ausbricht und verschreckt durch die Straßen flüchtet – hinter ihm die SUVs und Hubschrauber der sich wie Sturmtruppen gebärdenden Schergen des Labors. Der Versuch, dem Zuschauer die hektisch-verwirrende, vielleicht sogar beängstigend fremde Welt der Menschen aus dem Blickwinkel des vermeintlichen Fabelwesens zu zeigen, gelingt gut und speziell Kinder dürften sich bereits hier mit Everest identifizieren können. Westlichen Kinozuschauern hilft dabei sicher auch, dass wir uns nicht wie sonst üblich in Paris, London oder einer US-Großstadt sofort zurechtfinden, sondern von unleserlichen Schriftzeichen und zumindest ungewöhnlich anmutenden Gebäuden und Pflanzen umgeben sind.

Die nachdenkliche und kluge Yi ist – ebenso wie Everest – ein Einzelgänger. Mit ihr wird auch das etwas ältere Publikum „abgeholt“. Wer selbst kein Teenager mehr ist, dürfte sich zumindest an das Gefühl erinnern, einmal von seiner Umgebung unverstanden dazustehen. Yi drückt ihre Emotionen mit der Geige aus, die sie einst auch eng mit ihrem Vater verband. Mit Hilfe des Instruments beruhigt sie den nach der wilden Flucht angeschlagenen Everest und erfährt, dass er magische Kräfte hat, die ihr auf der gefährlichen Reise noch helfen werden. Da Everest und Yi sich nicht mit Worten verständigen können, wird Musik zu ihrer gemeinsamen Sprache – das Mädchen fiedelt, der Yeti summt und brummt. Für den mal episch-bombastischen, dann wieder ganz intimen Score zeichnet „Aquaman“- und „Wonder Woman“-Komponist Rupert Gregson-Williams verantwortlich. Wobei die leisen Stücke um einiges besser funktionieren als die schon mal arg schwülstig geratenen und kurioserweise leicht keltisch anmutenden „großen Momente“.

Nachdem die beiden Hauptfiguren so effektiv eingeführt wurden, beginnt auch schon ihr abenteuerlicher Trip. Der Story-Verlauf ist relativ klar – die Protagonisten müssen von A nach B gelangen, was die Gegenspieler zu verhindern versuchen. Das Ganze ist natürlich nicht sonderlich originell und weist einige Parallelen etwa zu „Findet Dorie“ auf. Trotzdem wirkt der Film schon allein aufgrund der Figurenkonstellation eigenständig genug. Dabei machen nicht nur Everest und Yi eine gewaltige Entwicklung durch, sondern auch einige andere Charaktere. Der im selben Haus wie die junge Heldin lebende, zunächst schnöselig-oberflächliche Jin (erstaunlich vielschichtig gesprochen von YouTuber Julien Bam) hilft dem Mädchen erst widerwillig, beginnt dann aber, sie zu verstehen. Die Antagonisten Dr. Zara und Mr. Burnish verändern sich im Laufe der Handlung ebenfalls – und das erfreulicherweise in eine durchaus überraschende und interessante Richtung, die man zu Beginn so wohl eher nicht vermutet hätte. Dazu gesellen sich weitere witzige Charaktere wie Yis kauzige Großmutter oder der von Basketball besessene Peng, die ebenfalls nicht nur bloße Stereotype bleiben.

Wer jetzt befürchtet, der Film wäre aufgrund der Trauer um Yis Papa oder der teilweise ziemlich spannenden Flucht für seine Kinder vielleicht zu dramatisch oder aufregend, den können wir beruhigen. Es gibt diverse auflockernde, ausgesprochen niedlich-lustige Segmente wie die Szene, in der Everest auf ungewöhnliche Weise Bekanntschaft mit einer Klimaanlage macht – und eine nette „King Kong“-Referenz wird auch eingestreut. Die Qualität der 3D-Animationen ist erstklassig. Besonders schön anzusehen sind die Momente, in denen die Macher ihrem Publikum gewaltige Panoramen zeigen – egal ob in der Stadt, in der grünen Natur oder den majestätischen, schneebedeckten Gebirgen. Allein deshalb lohnt es sich schon, den Film auf einer größtmöglichen Leinwand zu sehen. Der Detailreichtum ist streckenweise atemberaubend. Die großen Action-Sequenzen sind ebenfalls durchdacht konzipiert und exzellent bebildert. Hier merkt man dem Projekt seine neunjährige Produktionszeit positiv an.

Fazit: 
Ein mitreißend erzähltes, visuell starkes, wenn auch handlungstechnisch nicht superoriginelles Animations-Abenteuer mit viel chinesischem Lokalkolorit, das man sich in jedem Alter gut anschauen kann.   (mk)

Freitag, 27. September 2019

Shaun das Schaf 2: UFO-Alarm

pic (c) StudioCanal Deutschland



Inhalt:

Da tut sich was in Mossingham! Als eines Tages, wie aus dem Nichts, merkwürdige Lichter am Himmel auftauchen, wissen die Bewohner des verschlafenen Städtchens gar nicht, wie ihnen geschieht. Was ist das bloß dort oben? Shaun das Schaf hat dafür allerdings keinen Kopf, stattdessen muss der sich nämlich mit  Bitzer herumschlagen, der all seine tollen Streiche vereitelt. Als Shaun jedoch auf ein außerirdisches Mädchen trifft, das hinter den merkwürdigen Ereignissen am Himmel steckt und mit ihrem Raumschiff nahe der Mossy Bottom Farm bruchlandete, sieht er seine große Chance gekommen: Gemeinsam mit seiner neuen Bekanntschaft aus einer weit entfernten Galaxis tun sich völlig neue Möglichkeiten auf, um den Bewohnern von Mossingham geniale Streiche zu spielen! Gemeinsam erleben die beiden jede Menge Abenteuer, auch wenn gleichzeitig klar ist, dass ihre Zufallsbegegnung nicht von Dauer ist. Oberstes Ziel der gestrandeten Alien-Dame ist es nämlich, wieder nach Hause zu kommen...


Bewertung:

 In den ersten Szenen sieht es ganz so aus, als habe sich auf der Mossy Bottom Farm seit unserem letzten Besuch nicht viel getan. Während der Farmer die meiste Zeit teetrinkend vor dem TV-Gerät hockt, glaubt Schäferhund Bitzer weiterhin, der Chef zu sein und die Schafe von morgens bis abends herumkommandieren zu können. Was Shaun natürlich nicht daran hindert, erneut jede Menge Unfug zu treiben. Die mit viel Liebe zu den Figuren und erstaunlichem Tempo in Szene gesetzten Slapstick-Einlagen, in denen der Titelheld und der Köter zu Beginn immer wieder versuchen, sich gegenseitig auszutricksen, zählen zu den Highlights des Sequels. Der Einstieg erinnert noch mehr an „Tom & Jerry“ als der erste Teil (oder eben an die deutlich kürzeren Segmente der TV-Serie, auf der beide Kinofilme basieren). Dankenswerterweise sind die Kontrahenten hier aber weder so brutal noch so bösartig zueinander wie ihre Vorbilder von William Hanna und Joseph Barbera. Shaun und Bitzer sind nämlich nicht nur dann Verbündete, wenn es um die Abwendung außerhöfischer Gefahren geht. Selbst kleine Zuschauer werden an ihrem Verhalten schnell bemerken, dass sie im Grunde dicke Kumpels sind, die sich im Stall-Alltag allerdings schon mal gewaltig auf den Wecker gehen können.
Im Verlauf der Geschichte bekommen auch die restlichen Herdenmitglieder wie die Zwillinge, der exzentrische Nuts, Lämmchen Timmy oder die noch pummeliger gewordene Shirley immer wieder kleine, individuelle Glanzlichter, mit denen sie das Publikum zum Lachen bringen. Jeder dieser Momente wirkt organisch und nicht einfach nur reingezwängt, um wirklich alle beliebten Figuren irgendwie unterzubringen. Etwas weniger gelungen sind hingegen die zahlreichen Zitate an das Sci-Fi-Kino, so erinnert etwa die Geheimdienst-Truppe nicht von ungefähr an die „Men In Black“. Derlei Persiflagen hat es in den letzten Jahrzehnten aber wirklich schon zur Genüge gegeben. Da hätte man sich gern etwas Originelleres für die Antagonisten in dieser klar an Steven Spielbergs „E.T. - Der Außerirdische“ angelehnten Story einfallen lassen dürfen.

Auch die mal visuellen, mal musikalischen Anspielungen auf Sci-Fi-Klassiker wie Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“, „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ oder die Kult-Serie „Akte X - Die unheimlichen Fälle des FBI“ sind allzu offensichtlich untergebracht. Der etwas geschultere Zuschauer sieht jede von ihnen meilenweit kommen, während die Kids ja ohnehin nicht wissen, wo da gerade die Pointe steckt. So ist das Ergebnis im Höchstfall ein müdes Grinsen. Da machen eine köstlich-alberne Szene mit Shaun und Lu-La, die im Supermarkt reichlich Schabernack treiben, oder die Aktivitäten des Farmers, der auf dummdreiste Art versucht, aus dem schnell um sich greifenden UFO-Fieber so viel Kapital wie möglich zu schlagen, schon sehr viel mehr Spaß. Hier konzentriert sich Aardman auf seine eigentlichen Stärken, nämlich einen clever-trockenen, wunderbar britischen Humor. Sci-Fi-Parodien hingegen können eben auch viele andere (und das zum Teil sogar besser).

Dazu gibt es – speziell in der zweiten Hälfte – einige kleine Durchhänger. Dem Sequel gehen insgesamt die Frische und der kreative Enthusiasmus des Vorgängers ein wenig ab. Das soll aber nicht heißen, dass „Shaun das Schaf 2: UFO-Alarm“ eine glatte Enttäuschung wäre. Wer hier mit seinem Nachwuchs oder auch als erwachsener Animations-Fan ohne Anhang ins Kino geht, macht ganz sicher keinen Fehler. Dafür sorgen neben der brillanten technischen, herrlich detailverliebten und schön atmosphärischen Umsetzung schon der flotte, umwerfend witzige Start und das stimmige, für nah am Wasser gebaute Fans jeden Alters dazu noch schwer ans Herz gehende Finale. Die wunderbare, natürlich wieder wortlos funktionierende Chemie zwischen Shaun und der mit ein paar überraschenden Alien-Superkräften ausgestatteten, liebenswert naiven Lu-La, die sich erstaunlich schnell wie eine echte Freundschaft anfühlt, trägt ebenfalls viel zum hohen Sympathiefaktor des Films bei.

 
Fazit: 
Das zweite Kino-Abenteuer des vorwitzigen Bauernhof-Helden fällt im Vergleich zum grandiosen Vorgänger zwar etwas holpriger aus, trotzdem werden junge wie ältere Shaun-Fans auch diesmal wieder eine Menge Spaß im Kino haben. Gegen einen dritten „Shaun“-Film hätten wir jedenfalls absolut nichts einzuwenden.   (mk)

Montag, 23. September 2019

Ad Astra - Zu den Sternen

pic (c) Fox Deutschland



Inhalt:

Astronaut und Raumfahrt-Ingenieur Major Roy McBride (Brad Pitt) ist ein Einzelgänger, bei der Arbeit immer hochkonzentriert und gelassen, doch im Privaten kaum zu einer echten Bindung fertig. Vor 30 Jahren brach sein Vater Clifford McBride (Tommy Lee Jones) zu einer Mission ins All auf, um nach außerirdischem Leben zu forschen – doch nach einigen Jahren brach der Kontakt ab, niemand kann mit Gewissheit sagen, was aus Clifford und seiner Crew wurde, die zuletzt Neptun umkreisten. Als die Erde von gefährlichen elektromagnetischen Stürmen aus dem All heimgesucht wird, wendet sich die zuständige Weltraum-Behörde an Roy und eröffnet ihm, dass ein Zusammenhang zwischen diesen Stürmen und der eigentlich verloren geglaubten Forschungsstation seines Vaters vermutet wird. Roy soll eine Botschaft ins All senden, in der Hoffnung, dass sein Vater auf diese reagiert, sollte er noch leben. Dafür muss Roy aber erst einmal selbst in den Weltraum aufbrechen, denn die Nachricht kann nicht von der Erde aus gesendet werden…


Bewertung:

 Knapp die erste Hälfte von „Ad Astra“ besteht praktisch nur aus Roys Reise zum Mars – bis zum Mond übrigens noch mit einem kommerziellen Linienflug, damit die Mission nicht auffliegt. Das hätte man sicherlich alles mit einem einzigen Schnitt erledigen können, auch weil kaum etwas tatsächlich Handlungsrelevantes zu Beginn des Trips geschieht. Aber zugleich sind diese Szenen vollgestopft mit etlichen kleinen Details, die zeigen, wie sehr sich Gray und sein Co-Autor Ethan Gross eben doch mit der Zukunft der Raumfahrt auseinandergesetzt haben, selbst wenn sie es einem nicht die ganze Zeit dick aufs Brot schmieren. Das geht hin bis zu dem astronomischen Preis für den Bordservice, der von der Stewardess ganz nonchalant nebenbei genannt wird – denn natürlich ist es viel, viel aufwändiger, Kissen und Decken in einer Mondrakete als in einem easyJet-Flug vorrätig zu halten. Und natürlich sticht einem auf der Mondoberfläche als erstes das unverkennbare Leuchtreklame-Logo der Familienrestaurant-Kette Applebee’s ins Auge. Denn wie sagt doch Roys anfänglicher Begleiter Colonel Pruitt (Donald Sutherland): Die Menschen wollen soweit wie möglich von der Erde weg – und tun dann alles, damit es dort genauso aussieht, wie sie es von Zuhause gewohnt sind.

Weit weniger subtil ist leider die im Zentrum von „Ad Astra“ stehende Metapher umgesetzt: Roy reist an einen der entferntesten Orte des Sonnensystems, nur um ausgerechnet dort endlich das erdrückende Vermächtnis seines Vaters zu verarbeiten. Der ist schließlich einst vor seiner Frau und seinem Sohn ins All geflüchtet – und dort entweder zum Helden oder zum Monster mutiert. Es gibt sogar eine symbolische Durchtrennung der Nabelschnur. So driftet dieser Handlungsfaden immer wieder zumindest in Richtung Küchenpsychologie – genauso wie die schwermütig-bedeutungsschwangeren Off-Kommentare von Roy mitunter an der Grenze zum unfreiwillig Komischen kratzen.

Dass „Ad Astra“ trotzdem auch auf einer emotionalen Ebene gut funktioniert, liegt deshalb vor allem an der Leistung von Brad Pitt selbst. Der Oscargewinner (als Produzent von „12 Years A Slave“) brilliert ja eigentlich immer, wenn er jemanden verkörpert, der einfach auf eine total abgeklärte Weise gut in seinem Job ist - ganz egal ob als Gauner („Ocean’s“-Trilogie), Baseball-Manager („Die Kunst zu gewinnen - Moneyball“) oder Stuntman („Once Upon A Time… In Hollywood“). Aber in „Ad Astra“ schwingt da zudem immer auch eine düster-verstörend, zutiefst tragische Note mit, die seine Performance einfach unheimlich aufregend macht – selbst bei einem Ruhepuls von 45.

Fazit: 

Einzelne Elemente von „Ad Astra – Zu den Sternen“ erinnern zwar an „Gravity“ oder „Interstellar“, aber am Ende ist der Film vor allem dank James Grays eigenwilliger Temposetzung doch durch und durch einzigartig. Sollte man als Kino- oder Sci-Fi-Fan unbedingt riskieren, selbst wenn der Film am Ende sicherlich nicht jedermanns Sache sein wird.  (mk)

Sonntag, 22. September 2019

Downton Abbey - Der Film

pic (c) Universal Pictures Germany



Inhalt:

1927 wird Downton Abbey eine große Ehre zuteil: König George V. und Königin Mary kündigen ihren Besuch auf dem Anwesen an und wirbeln damit das Leben der Familie Crawley und ihrer Bediensteten gehörig durcheinander. Denn selbst wenn Downton Abbey immer noch ein Adelssitz ist, hat sich dort doch so einiges geändert und der Earl of Grantham (Hugh Bonneville) und seine Frau Cora (Elizabeth McGovern) beschäftigen längst nicht mehr so viele Bedienstete wie früher. Eine geeignete Person muss her, um den königlichen Besuch zu organisieren und die Angestellten anzuleiten, und so wird kurzerhand der ehemalige Butler Carson (Jim Carter) aus dem Ruhestand geholt. Doch dann kommt der große Dämpfer: Das Königspaar bringt seinen eigenen royalen Haushalt mit und das Personal von Downton Abbey sieht sich plötzlich seiner Aufgaben beraubt. Und auch die Dowager Countess of Grantham (Maggie Smith) ist nicht gerade begeistert von dem Besuch, denn in dessen Gefolge ist auch ihre Cousine Lady Bagshaw (Imelda Staunton) und mit dieser ist sich die Dowager Countess nicht gerade grün…

Bewertung:

Im ersten Drittel des zweistündigen „Downton Abbey“ -Films beschleicht einen ein wenig das Gefühl, dass die Macher hier zwanghaft versuchen würden, den Sprung der kultisch verehrten ITV-Serie auf die große Leinwand zu rechtfertigen. Regisseur Michael Engler, der neben etlichen anderen TV-Serien auch vier Folgen von „Downton Abbey“ inszeniert hat, lässt sich gerade zu Beginn immer wieder zu eigentlich unnötigen dramatischen Kamerafahrten hinreißen, als müsste er auf Teufel komm raus unbedingt imposante Kinobilder liefern. Dabei bestach die TV-Serie ja eben gerade nicht in erster Linie durch ihre visuelle Opulenz. Denn trotz der prunkvollen Sets und stilvollen Kostüme war „Downton Abbey“ vor allem ein klassisches Dialogdrama, eine exzellent geschriebene und gespielte Schauspielerserie mit facettenreichen Figuren, in der auch bei großen persönlichen Dramen vor allem die kleinen subtilen Momente den Ausschlag gaben.


Vor allem ein auf Action abzielender Nebenhandlungsstrang um ein mögliches Attentat auf den König wirkt reichlich überflüssig und bläht die Handlung nur auf. Aber zum Glück besinnen sich Engler und sein Autor Julian Fellows, der für sein Skript zu dem in einem ähnlichen Milieu angesiedelten Krimi-Drama „Gosford Park“ von Robert Altman mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, nach einem holprigen Start auf die eigentlichen Qualitäten der Serien-Vorlage. Die unnötigen Elemente, die offensichtlich nur dazu da sind, um den Film „leinwandtauglicher“ zu machen, fallen weitestgehend weg, sobald die Haupthandlung des Films mit der Ankunft des Königs und seiner unsympathischen Gefolgschaft immer mehr an Fahrt aufnimmt.

Und tatsächlich sind die letzten zwei Dritteln des Films dann so gut wie die besten Folgen der Serie. Sobald Fellowes sein üppiges Ensemble für eine Nacht in Downton Abbey zusammenbringt und die persönlichen Geschichten der Figuren virtuos parallel ablaufen und dabei immer wieder kollidieren lässt, sprühen endlich die Funken zwischen Skript, Regie und Darstellern. Das kulminiert schließlich in einem klassischen „Downton Abbey“-Moment, in dem die starren Grenzen zwischen den adligen Herrschaften und den bürgerlichen Bediensteten auf höchst amüsante Art aufgesprengt werden. Ein grandios gespielter und inszenierter Moment, der nur noch von den erneut unbezahlbaren Sprüchen von Gräfin Violet Crawley überboten wird. Maggie Smith (Professor McGonagall in den „Harry Potter“-Filmen) spielt die Rolle erneut mit einer solch staubtrockenen Schlagfertigkeit, dass sie nach drei Emmys und einem Golden Globe nun zumindest auch eine Nominierung für den Oscar als Beste Nebendarstellerin mehr als verdient hätte.

Natürlich kommen einige der zentralen Figuren aus der „Downton Abbey“-Serie zu kurz, das liegt bei einem nur zweistündigen Spielfilm einfach in der Natur der Sache (die Serie umfasst schließlich 52 einstündige Folgen). Allein auf dem offiziellen Werbeplakat zum Film tummeln sich 20 Figuren plus Hund. Deshalb wird auch gerade für neue Zuschauer, die die Serie nicht kennen, mitunter nicht ganz klar, welche bewegten Schicksale eigentlich hinter einigen dieser Figuren stecken, die im Film nur ein paar kurze Szenen bekommen. Aber der Film weckt nichtsdestotrotz genug Interesse für jede einzelne Figur, dass man sich die Serie nach dem Rollen des Abspanns sofort (noch mal) ganz angucken will. Und das emotional ergreifende Ende des Films verspricht noch viele spannende Geschichten danach. Vielleicht ist ja doch noch nicht Schluss – wir wären bei einer weiteren Fortsetzung jedenfalls sofort wieder mit dabei.

Fazit: 

Mit dem „Downton Abbey“-Film bereitet Serienschöpfer Julian Fellowes den Fans der britischen Hit-Serie ein wunderbar charmantes, witziges und zum Ende hin sehr rührendes Geschenk. Wenn am Ende noch einmal alle Hauptfiguren zusammenkommen, merkt man erst, wie sehr einem diese Figuren ans Herz gewachsen sind und wie sehr man sie in den vergangenen fünf Jahren vermisst hat. Aber auch „Downton Abbey“-Neulinge werden an den cleveren Dialogen, charismatischen Stars und eigenwilligen Figuren sicherlich ihren Spaß haben.  (mk)


Samstag, 21. September 2019

Rambo 5: Last Blood

pic (c) Universum Film GmbH



Inhalt:

John Rambo (Sylvester Stallone) erfährt, dass Gabriella (Yvette Monreal), die Tochter seiner Haushälterin Maria (Adriana Barraza), von einem Menschenhändlerring entführt wurde, der Teil eines mexikanischen Kartells ist und junge Frauen zur Prostitution zwingt. Rambo, der sich eigentlich nach langen Jahren fern der Heimat, nach all dem Leid, dem Totschlag und den geliebten verstorbenen Menschen, einfach nur in den USA auf einer Ranch zur Ruhe setzen wollte und Gabriella wie ein Vater aufgezogen hat, reist ohne zu zögern nach Süden und schließt sich mit der freien Journalistin Carmen Delgado (Paz Vega) zusammen, deren Schwester ebenfalls von dem Kartell entführt wurde. Mutig nimmt er den Kampf mit den Gangstern auf und muss dabei einiges einstecken. Seiner Vergangenheit und seinen schlimmen Erinnerung kann Rambo einfach nicht entkommen. Er wird keine Gnade zeigen, denn Gabriella ist für ihn ein unglaublich wichtiger Mensch, die Tochter und die Familie, die er nie hatte...


Bewertung: 

Fünf „Rambo“-Filme, fünf verschiedene Regisseure. Die einzige Konstante bleibt Sylvester Stallone als Hauptfigur und Co-Drehbuchautor. Das führt ganz zwangsläufig zu weniger erzählerischer und vor allem inszenatorischer Konsistenz – und auch Adrian Grünberg kocht nun sein eigenes Süppchen, das aber zumindest auf einem ähnlichen Rezept basiert wie „John Rambo“, der ebenfalls schon unerhört brutal unterwegs war. Der Versuch, den Vietnam-Veteranen auf einer abgelegenen Pferdefarm in sich ruhen zu lassen (was zumindest mild an den herausragenden ersten Teil gemahnt), gelingt vielleicht auf der visuellen Ebene, weil sich Rambo als relaxter, Pillen einschmeißender, altersweiser Pferdefarmer gut in die Umgebung einpasst.

Aber inhaltlich ist dieser Auftakt-Part mit Dialogen und Handlungssträngen garniert, die man in dieser Qualität normalerweise in einer Daily Soap erwartet. Der absolute Tiefpunkt ist das kurze Türgespräch zwischen Gabrielle und ihrem nutzlosen Vater. Seine Abfuhr ist so überzogen herzlos, dass man glaubt, in einer Parodie zu sitzen. Aber auch die Unterhaltungen zwischen Rambo und seiner Haushälterin sowie dessen Enkelin kommen nicht über Glückskeksniveau hinaus. Kein Wunder: Die Geschichte zu „Rambo: Last Blood“ sollte eigentlich die Grundlage zu „John Rambo“ (2008) bilden, wurde dann aber als zu schwach verworfen. Zudem wurde sie anschließend sogar zum Teil schon in Stallones Skript zum Jason-Statham-Reißer „Homefront“ (2013) verwendet. Deswegen wirkt die Story nicht von ungefähr wie von der Resterampe.

In der ohnehin schon knapp bemessenen Spielzeit von 101 Minuten legt Rambo selbst erst erstaunlich spät los. Stattdessen dreht sich erst einmal alles um Gabrielles Papa-Suche, die dann für den Film aber absolut überhaupt keine Rolle spielt. Sie hätte auch einfach direkt in der ersten Szene beim Spring Break in Mexiko entführt werden können, der Effekt wäre derselbe gewesen. Dann hätte es im Gegenzug nämlich auch mehr Platz für eine halbwegs differenzierte Zeichnung der Bösewichte gegeben, die hier einfach nur abgrundtief böse sind und lediglich eine Story-Funktion ausfüllen. Blickt man unbedarft auf die Situation, könnte ihre brutale, menschenverachtende Einstellung klischeehaft wirken, was sie in der Verkürzung sicherlich auch ist. Doch der Kern stimmt. Wer tief abtauchen möchte in diese Thematik, liest am besten Don Winslows hochkomplexe Roman-Meisterwerke „Tage der Toten“ und „Das Kartell“, die die Arbeit und Funktionsweise der mexikanischen Drogenkartelle sezieren und zeigen, mit welch bestialischen Methoden dort gearbeitet wird. Die Spitze dieses Eisbergs aus Brutalität, Menschenverachtung und Überlebenskampf zeigt „Rambo: Last Blood“ zwar, aber der unfassbare Schrecken und Schmerz kommt trotzdem nicht beim Zuschauer an, dafür ist das alles viel zu platt in Szene gesetzt.

Der Story-Schlenker mit der Erzeuger-Suche ist zwar überflüssig, aber davon abgesehen reduziert Grünberg die Handlung auf der Allernötigste. Das Wichtigste: Man muss Rambo abnehmen, was er für Gabrielle empfindet, sonst steht sein beispielloser Rachefeldzug, den er schließlich vom Zaun bricht, komplett auf tönernen Füßen. Denn wenn John Rambo nach der systematischen Zerstörung seiner Nichte (sie nennt ihn Onkel John) den Hammer auspackt (in ähnlicher Mission und Pose wie Joaquin Phoenix in „A Beautiful Day“), ist das wörtlich zu nehmen und nur der „harmlose“ Anfang. Nachdem die erste Hälfe noch komplett ohne Blutvergießen auskommt, ist der finale Akt von solch grotesker Brutalität, dass Liam Neesons Bryan Mills in „96 Hours – Taken“ dagegen wie ein unschuldiger Chorknabe wirkt und man ernsthaft um eine Freigabe ab 18 Jahren bangen musste. Rambo will nicht nur Rache und Vergeltung, sondern seine verhassten Gegner köpfen, filetieren oder zumindest mit spitzen Gegenständen durchbohren. Das geschieht zudem in einer solch wahnsinnigen Geschwindigkeit, dass man die einzelnen kills (mit Ausnahme des allerletzten) gar nicht genießen kann und vielleicht auch gar nicht soll…

… schließlich schmeißt einem „Rambo: Last Blood“ seine im Hollywood-Mainstreamkino so noch nicht erlebte Gewalt regelrecht lieblos vor die Füße. Das passt zu Rambo, der in diesem Moment längst völlig desillusioniert ist und bei dem grotesken Gemetzel ebenfalls kaum noch etwas zu empfinden scheint. Die Inferno-Szenerie selbst ist natürlich völlig realitätsfern, wenn ein 73-Jähriger eine kleine Armee gut ausgestatteter Drogengangster aufmischt. Doch Stallone sieht zwar im Gesicht tatsächlich altersgerecht aus, aber sein muskulöser Brustkorb scheint noch immer förmlich vor Kraft zu bersten, sodass die Illusion auf der Leinwand funktioniert und man nicht wie bei den Actionszenen von Liam Neeson in „96 Hours – Taken 3“ Angst haben muss, dass der Altstar bei den Verfolgungsjagden gleich zusammenbricht.

Dazu wählt Grünberg den Kniff, Rambo zuvor als eine Art MacGyver eifrig „A-Team“-Fallen (der FSK-18-Bauart) anfertigen zu lassen, um sein Rache-Kunstwerk nicht ausschließlich auf Muskelkraft basieren zu lassen. Diesen Guerilla-Feldzug inszeniert Grünberg dann derart splatterig over the top, dass einem minutenlang der Atem wegbleibt. Daran werden sich – wie schon bei dem ähnlich grotesk herausstechenden, aber sehr viel kürzeren Gewalt-Finale von „Once Upon A Time… In Hollywood“ – selbstverständlich die Geister scheiden. Hardcore-„Rambo“-Fans werden aber bestimmt ihren „Spaß“ daran haben – selbst wenn es Grünberg mit dem Einsatz von CGI übertreibt und gern mehr handgemachte Splattereffekte hätte einsetzen dürfen.


 
Fazit: 

Sylvester Stallone untermauert in dem so simpel gestrickten wie ultrabrutalen Rache-Gemetzel „Rambo: Last Blood“ seine Stellung als unbestrittener Alterspräsident unter den Actionstars – allerdings auch nur im den Gewaltgrad der vorherigen „Rambo“-Filme wie Vorschulfernsehen anmuten lassenden Schlussdrittel. Die erste Stunde vor dem transgressiven Exzess des Finales ist hingegen überwiegend inakzeptabel. (mk)

Samstag, 14. September 2019

Synonymes

pic (c) Grandfilm



Inhalt:

Als der junge Israeli Yoav (Tom Mercier) nach Paris kommt, laufen die Dinge erst mal richtig schlecht für ihn. Er kommt in einer leerstehenden und bitterkalten Altbauwohnung unter und als er gerade im Badezimmer ist, werden ihm seine Sachen gestohlen. Nun steht er nackt da und hat nichts mehr außer seinem Traum, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und Franzose zu werden. Doch da bekommt er unerwartet Hilft von dem Nachbarpärchen Caroline (Louise Chevillotte) und Emile (Quentin Dolmaire), die Yoav nicht nur einkleiden, sondern ihm sogar noch Geld und ein Handy geben. Er zieht in eine heruntergekommene Wohnung und verfolgt sein Vorhaben weiter, Bürger des Landes zu werden, sucht sich einen Job und lernt für den Einbürgerungstest. Doch es ist nicht leicht, neue Wurzeln zu schlagen, immer wieder gibt es neue Ärgernisse und Probleme, und auch die Geister der Vergangenheit lassen Yoav nicht ganz los.

Bewertung: 

„Synonymes“ ist ein ungewöhnlicher, unbequemer Film, bei dem ausufernd geredet, aber nicht immer auch viel gesagt wird. Dass bei der Pressevorführung anlässlich der Weltpremiere auf der Berlinale 2019, wo es die Auszeichnung mit dem Goldenen Bären für den Besten Film gab, der eine oder andere Kollege den Saal vorzeitig verließ, verwundert daher nicht. Es wäre auch ein Leichtes, alles zu zerpflücken. Da ist zum Beispiel die Kamera, die oft schief gehalten wird, immer wieder den Boden statt der Menschen filmt und in einer Disco-Szene so zwischen tanzenden Leibern herumstolpert, dass man zwischenzeitig gar nichts mehr erkennt. Doch ist das wirklich schlecht? Ist es nicht viel mehr brillant, wie die Kamera in diesem Tanzgetümmel plötzlich doch den Protagonisten des Films in den Fokus bekommt, um dann bei ihm zu bleiben? Ja, „Synonymes“ macht es seinem Publikum nicht einfach. Aber es lohnt sich ungemein, sich auf das ungewöhnliche Kinoerlebnis einzulassen.

Ein junger Mann läuft mit einem Rucksack durch Paris. Erst später erfahren wir, dass er Yoav (richtig stark: Tom Mercier) heißt und aus Israel stammt. Er kommt in eine schicke, aber komplett leere und bitterkalte Altbauwohnung. Während er im Bad onaniert, verschwinden alle seine Sachen. Er läuft nackt durch das Haus, klingelt an anderen Wohnungen, aber niemand öffnet. Schließlich findet ihn das junge Nachbarpärchen Emile (Quentin Dolmaire) und Caroline (Louise Chevillotte) und rettet ihn vor dem Erfrieren. Emile gibt ihm nicht nur neue Klamotten, sondern auch ohne jede weitere Erklärung einen schicken Mantel, ein Handy und ein dickes Bündel Geld. Yoav zieht weiter in eine heruntergekommene Wohnung, wo er jeden Tag exakt das gleiche Billigessen kocht. Er bleibt mit Emile und Caroline in Kontakt, lernt aber auch einen ziemlich eigenwilligen Landsmann kennen und arbeitet für kurze Zeit als Sicherheitsmann in der israelischen Botschaft. Da fliegt er allerdings schnell wieder raus, als er eines Tages einfach die Tore öffnet und jeden hereinlässt...

Yoav ist zwar in jeder Szene von „Synonymes“ zu sehen, aber er steht nicht immer im Zentrum. Wie zum Beispiel in der beschriebenen Prügelei bleibt er manchmal auch nur am Rand. Doch meist folgt die Kamera ihm und wenn sie ihn mal verliert, dann findet sie ihn zeitnah wieder. Oft nimmt sie sogar den subjektiven Blick von Yoav ein, nur um sich dann noch in derselben Einstellung rauszudrehen und doch plötzlich wieder den Protagonisten zu beobachten. Nadav Lapid lässt uns so durch die Augen von Yoav schauen, hält uns aber gleichzeitig auch wieder auf ein Stück weit auf Distanz. Das macht es dem Zuschauer ganz sicher nicht einfacher, sich mit dem Israeli zu identifizieren. Aber es zwingt den Zuschauer, sich mit dem unnahbaren und schwer durchschaubaren Mann auseinanderzusetzen.

Warum guckt Yoav zu Beginn die ganze Zeit auf den Boden? Warum sehen wir als Zuschauer ebenfalls nur den Gehweg und nicht die Sehenswürdigkeiten von Paris? Solche Fragen muss sich der Zuschauer selbst beantworten, sich während des Schauens eigene Gedanken machen und nicht einfach nur konsumieren. Nur dann schält sich nach und nach auch heraus, wer dieser Yoav wohl ist. Er hasst Israel, holt sich zu Beginn ein französisches Wörterbuch, nur um möglichst viele verschiedene Synonyme für die Abneigung gegenüber seinem Heimatland zu lernen. Er weigert sich, auch nur eine Silbe Hebräisch zu sprechen (und steckt sich lieber einen Finger in den Arsch). Frankreich ist jetzt sein neues Zuhause – und das will er auch damit klarmachen, dass er Paris nicht bewundert, wie es ein Tourist tun würde. Er ist schließlich Teil dieser Stadt, es ist seine Stadt...

… was es aber natürlich nicht ist. Yoav bleibt auch in Frankreich fremd. Seine neuen Freunde sind auf den ersten Blick zwar – unglaublich – gute Samariter. Doch auch hier lohnt sich die Auseinandersetzung, der zweite Blick. Sind sie das wirklich? Nutzen sie Yoav nicht nur aus, um Lebendigkeit in ihre bourgeoise Langeweile zu bringen? Nicht umsonst sind sie eine Karikatur, eine Ansammlung von Klischees. Natürlich ist Emile (erfolgloser) Autor, der trotzdem viel Geld hat, stehen in der schicken Altbauwohnung die Schallplatten in der Ecke, hängen die Gemälde an der Wand und wird japanischer Whiskey getrunken. Und natürlich trägt Emile immer Rollkragen. Trotzdem macht sich Lapid nicht über die jungen Franzosen lustig, schält auch ihren Schmerz heraus. Alle Figuren, alle Szenen fordern mit ihrer Ambivalenz heraus.

Dabei ist es absolut kein Problem, dass sich nicht ansatzweise jede Szene erschließt. Wenn Yoavs israelischer Kurzzeitbekannter sich die Kippa aufsetzt und in der Pariser Metro andere Fahrgäste aggressiv ansummt (!) und keiner sich wehrt (man will ja nicht als Antisemit gelten), ist der Gedanke dahinter relativ leicht zu durchschauen. Wenn Yoav aber absurde (erfundene?) Geschichten aus seiner Militärzeit erzählt und wir dann in einer „Rückblende“ gezeigt bekommen, wie er mit dem Maschinengewehr im Takt zu einem Chanson feuert, muss man sich schon ein paar Gedanken mehr machen. Manche Momente werden sich wahrscheinlich selbst beim dritten Schauen noch nicht erschließen. Doch das ist keine Schwäche, ganz im Gegenteil, lädt „Synonymes“ doch so nicht nur zur intensiven Auseinandersetzung ein, sondern ist auch ein Erlebnis weit über den Kinobesuch hinaus. Vor allem aber ist jede Szene entweder lustig, mitreißend, dramatisch oder sieht auch einfach nur verdammt gut aus. Wir wollen zumindest keine von ihnen missen, egal ob wir sie „kapiert“ haben oder auch nicht.

Fazit: 
„Synonymes“ ist schräg, sperrig, besonders und absolut herausragend. (mk)

Donnerstag, 12. September 2019

Idioten der Familie

pic (c) Farbfilm



Inhalt:

Fünf Geschwister stehen vor einer schweren Entscheidung: Soll die jüngste, geistig behinderte Schwester Ginnie (Lilith Stangenberg) in einem Heim leben? Die 40-jährige Heli (Jördis Triebel) hat sich viele Jahre aufopfernd um ihre kleine Schwester gekümmert, obwohl sie ihrer Arbeit als Künstlerin gerne intensiver nachgegangen wäre. Gleichwohl sie ihrer Schwester bei der Betreuung von Geli nie zur Seite standen, sind ausgerechnet ihre drei Brüder Bruno (Florian Stetter), Tommy (Hanno Koffler) und Frederick (Kai Scheve) für eine Unterbringung in einem Heim. Trotz ausufernder Diskussionen kommen sie zu keinem klaren Ergebnis und es brechen alte Konflikte neu auf, die längst begraben schienen. Gerade als alle noch einmal zusammenkommen, um vor Ginnies Umzug noch ein wenig Zeit mit ihr zu verbringen, erleben sie ihre Schwester von einer ihnen neuen, launischen Seite. Mit dieser Erfahrung kommen sich die Geschwister wieder näher und es zeichnet sich eine Entscheidung ab...

Bewertung:

Es soll der gesamten westlichen Welt der Spiegel vorgehalten werden und dieser Anspruch überlagert den ganzen Film. Bruno, Tommie, Frederik und Heli sind weniger Figuren als vielmehr Platzhalter für bestimmte Typen in unserer Gesellschaft: Bruno ist der aufgeklärte Gutmensch, der nach Afrika gehen und Bildungsprojekte verwirklichen will, aber letztendlich schon mit der eigenen Schwester überfordert ist. Tommy repräsentiert den locker-lässigen Lebemann mit einem permanenten ironischen Blitzen in den Augen, aber kaum Geld auf dem Konto. Frederik wiederrum verkörpert das Klischee das wohlhabenden, aber verbissenen Arbeitstiers, an dem das Leben einfach so vorbeizieht. Heli steckt in der Midlife-Crisis und will auch einfach mal „für sich sein“. Wesentlich mehr erfährt man nicht, die Figuren kommen nicht über den Status von Schablonen hinaus.

Es gibt zwar zwei Szenen, die Untiefen andeuten, so erhält das Verhältnis zwischen Bruno und Heli eine annähernd inzestuöse Färbung und auch Frederik nähert sich Ginnie plötzlich auf unangebrachte Weise. Allerdings muten beide Momente wie kurze Ausrutscher in einem ansonsten oberflächlich gehaltenen Geplänkel an. Klier ist bemüht, seinen Film so unverfänglich wie möglich zu halten und gewinnt der Figurenkonstellation so kaum eine innere Spannung ab. Zumal sich die vier ohnehin von Anfang an relativ einig sind, dass Ginnie ins Heim soll. Selbst Bruno, der erst noch großspurige Ansprachen hält, dass man unter anderem am „Umgang mit den Schwächeren die Werte einer Gesellschaft erkennt“ schwenkt schnell um, als er merkt, dass die Handhabung seiner Schwester doch nicht ganz so leicht ist.

Man verliert jedenfalls schnell das Interesse an diesem mit dem ganz groben Pinsel gezeichneten Quartett und eigentlich könnte man das unspektakulär inszenierte Drama auch ganz zu den Akten legen, wenn da nicht die wunderbare Lilith Stangenberg („Die Lügen der Sieger“) in der Rolle der Ginnie wäre. Stangenberg liefert eine nuancierte, jederzeit glaubwürdige Vorstellung und kriegt von Klier auch mal den einen oder anderen ruhigen Solo-Moment spendiert. In diesen deutet sie allein mit Blicken und Gesten an, dass in ihren vermeintlich irrationalen Handlungen womöglich stets auch eine verschlüsselte Botschaft mitschwingen könnte. Es sind solche Szenen, die ahnen lassen, was für ein wunderbarer Film „Idioten der Familie“ auch hätte werden können.

Fazit: 

„Idioten der Familie“ will dem Über-Individualismus der heutigen Zeit den Spiegel vorhalten und das ist sicherlich alles andere als verkehrt. Nur scheitert das eherne Vorhaben an einem mutlosen, an der Oberfläche verhafteten Drehbuch, das jegliches Interesse innerhalb kürzester Zeit auf ein Minimum zusammenschrumpfen lässt. Einzig Lilith Stangenbergs Glanzvorstellung als geistig behinderte Ginnie rettet das langweilige Geschehen vor dem totalen Absturz.   (mk)

Freitag, 6. September 2019

ES Kapitel 2

pic (c) Warner Bros GmbH



Inhalt:

27 Jahre sind vergangen, seit sich mehrere Kinder in der Kleinstadt Derry einem Monster in den Weg stellten und es scheinbar besiegten. Als Derry erneut von einer Mordserie heimgesucht wird, dämmert dem als Bibliothekar arbeitenden Mike Hanlon (Isaiah Mustafa), dass ES zurück ist und er beschließt, seine einstigen Freunde vom Club der Verlierer anzurufen. Sie alle haben Derry längst den Rücken gekehrt und erinnern sich nicht einmal mehr daran, was damals passiert ist. Doch als Bill Denbrough (James McAvoy), Beverly Marsh (Jessica Chastain), Ben Hanscom (Jay Ryan), Richie Tozier (Bill Hader), Eddie Kaspbrak (James Ransone) und Stanley Uris (Andy Bean) den Anruf von Mike erhalten und von ihm an ein altes Versprechen erinnert werden, wissen sie, dass sie aus irgendeinem Grund zurück nach Derry müssen. Bevor sie jedoch erneut den Kampf mit dem meist in Form des sadistischen Clowns Pennywise (Bill Skarsgård) auftretenden ES aufnehmen können, müssen sie sich erst einmal daran erinnern, was in ihrer Vergangenheit passiert ist…

Bewertung: 

Schon nach der Eröffnungssequenz ist klar, dass „ES Kapitel 2“ der im Vergleich zum Vorgänger sehr viel düsterere Film wird. Aber das ist ja auch kein Wunder. Denn wo Pennywise im Jahr 1989 noch in ein (vermeintliches) Kleinstadtidyll hereinbricht, erweist er sich im Jahr 2016 nur als weiteres Symptom einer ohnehin von Traumata gebeutelten Welt. Dazu passend beginnt Muschietti seine Verfilmung mit dem Hassverbrechen an einem schwulen Paar, das zwar bereits im Roman eine zentrale Rolle spielt, in der Mini-Serie von 1989 aber ausgespart wurde. Dabei gerät die Brutalität, mit der die homophoben Angreifer (einer von ihnen ist noch ein Kind) auf ihre Opfer eintreten, derart intensiv, dass der kurz darauf folgende Moment, in dem Pennywise dem von der Brücke geworfenen Adrian Mellon (Queer-Cinema-Wunderknabe Xavier Dolan) in den Arm beißt, vergleichsweise harmlos wirkt. Ein grandioser Downer-Einstieg ...

... nach dem man sich sofort fragt, ob Muschietti bei der Zeichnung der Verlierer wohl genauso radikal weitermachen wird. Die Antwort lautet leider: nein. Trotz der stolzen Laufzeit wird sogar erstaunlich wenig Zeit darauf verwendet (selbst im Vergleich zur insgesamt ja viel kürzeren Mini-Serie), die erwachsengewordenen Protagonisten in ihrem neuen, noch immer von den damaligen Traumata geprägten Alltag zu zeigen. Das ist vor allem bei der Figur von Beverly Marsh sehr schade – denn wo die Beziehung zwischen ihr und ihrem Mann sowohl im Buch als auch in der 89er-Verfilmung auf verstörende Weise abgefuckt war, erweist sich ihr Ehemann nun in seiner einzigen kurzen Szene als Stereotyp des krankhaft eifersüchtigen Schlägers. Das ist funktionell, aber nicht sonderlich aufregend.

Die knappe Einführung der erwachsenen Figuren ist zwar schade, aber für den weiteren Film zum Glück kein Problem. Muschietti hat schließlich auch abseits der beiden Stars James McAvoy („Glass“) und Jessica Chastain („Interstellar“) eine herausragende Gruppe von Schauspielern zur Verfügung, die nicht nur allesamt sehr passend zu ihren 27 Jahre jüngeren Ichs gecastet wurden (vor allem Teach Grant ist als inzwischen in der Psychiatrie einsitzender Henry Bowers einfach perfekt), sondern auch der psychologisch-dramatischen Ebene der Geschichte eine Gewichtigkeit verleihen, die man sonst im Mainstream-Horrorkino in den allermeisten Fällen vergeblich sucht. Vor allem das im ersten Teil etablierte Zusammengehörigkeitsgefühl der Verlierer spürt man auch beim ersten Treffen der Derry-Rückkehrer in einem chinesischen Restaurant sofort wieder (und das, obwohl sich die Zahl der Rückblenden gerade in Anbetracht der Beliebtheit der Kinderdarsteller doch in Grenzen halten). Allerdings ist es auch gerade wegen dieser sofortigen Verbundenheit so schade, dass der Romanplot die Gruppe sofort wieder auseinanderreißt ...

... schließlich muss sich jeder der Verlierer zunächst einmal seinen eigenen Dämonen der Vergangenheit stellen. Aber während im Roman zum Teil viele Seiten dazwischenliegen, weil die Geschichte eben zwischen Kindern und Erwachsenen hin und her springt, folgen die fünf Episoden in der neuen Verfilmung nun Schlag auf Schlag, was dramaturgisch durchaus ein wenig redundant anmutet, zumal die ganz klar stärkste Konfrontation (aus gutem Grund) nicht nur fast vollständig als erster Trailer verwendet wurde, sondern auch als eine der ersten im Film ist. Aber letztendlich stehen dann auch in diesem Abschnitt doch klar die Qualitäten im Vordergrund – und die sind überwiegend dieselben wie beim ersten Teil: grandiose Designs, starke inszenatorische Einfälle und Bill Skarsgård („Hemlock Grove“) als Pennywise.


Vor allem die Überblendungen zwischen den Zeitebenen oder den Figuren sind etwas für Kino-Feinschmecker – wie in einem Moment das Blut von einer anderen Figur an einem anderen Ort buchstäblich in die Albträume der erwachsenen Beverly Marsh hineintropfen oder sich die Kamera den Weg hinaus aus dem pechschwarzen Dunkel von unten durch ein fast vervollständigtes Puzzle bahnt, sind nur zwei Beispiele von etlichen inszenatorischen Leckerbissen. Noch viel auffälliger als solche zum Glück nie zum Selbstzweck verkommenden, sondern immer auf die psychische Situation der Protagonisten abgestimmten Spielereien sind aber natürlich auch diesmal wieder die Kreaturen-Designs. Denen merkt man zwar immer sofort die seit seinen Kurzfilm-Durchbruch „Mama“ gepflegte Handschrift von Muschietti an, sie fallen aber trotz ihres konsequent aufeinander abgestimmten Looks wieder erfreulich abwechslungsreich aus.

Einer der ersten Höhepunkte dabei ist gleich zu Beginn die China-Restaurant-Szene, in der sich ein Teller mit Glückskeksen als Brutstätte für allerlei zunächst köstlich absurde, aber dann doch zunehmend richtig ekelhafte und grauenerregende Kreaturen entpuppt: Wenn bei einem insektenartigen Wesen die feinbehaarten Beinchen an den Augen vorbei wie bei einer pervertierten Geburt aus den Augenhöhlen hervorgekrochen kommen, merkt man den Designern ihren höllischen Spaß am Horror an. Und den haben sie – sogar noch mehr als im ersten Teil – erneut mit den Erscheinungsformen von Pennywise. Der Horror-Clown ist diesmal nämlich nicht nur noch böser (ein kleines Mädchen bei einem Baseballspiel lockt er etwa in die Falle, indem er eiskalt ihre Selbstzweifel wegen eines vermeintlich entstellenden Feuermals ausnutzt), er taucht auch noch öfter auf – und zwar auch an einigen Stellen, an denen er weder im Roman noch im TV-Zweiteiler eine Rolle gespielt hat. Vor allem im Finale ist ein Zwitterdesign zwischen Buchtreue und eigener Vision der Filmemacher besonders gut gelungen. (Wobei die grauenerregendste Pennywise-Szene in „ES Kapitel 2“ erstaunlicherweise diejenige ist, in der man ihn zur Abwechslung mal ganz kurz ohne Make-up zu sehen bekommt.) 

Und apropos Finale. Der erwachsene Bill Denbrough ist in „ES Kapitel 2“ ein erfolgreicher Horrorautor, der sich aber auch immer wieder anhören muss, dass seine Geschichten zwar großartig, seine pessimistischen Enden aber zugleich auch ziemlicher Mist seien. Sogar Stephen King selbst sagt ihm das bei seinem Cameo-Auftritt als Antiquitätenhändler geradeaus ins Gesicht – und könnte dabei natürlich genauso gut mit einem Spiegel sprechen, denn die Kritiken sind allesamt welche, die er sich auch selbst schon oft in seiner unvergleichlichen Karriere anhören müsste. Die augenzwinkernd-selbstreferenziellen Hinweise auf das Ende sind natürlich ein Spiel mit der Frage, ob dieses für die Verfilmung geändert wird. Das wollen wir natürlich nicht verraten, deshalb nur so viel: Wir sind mit dem Abschluss ebenso zufrieden wie mit dem Rest des Films – und wenn der Abspann rollt, mag man kaum glauben, dass das gerade tatsächlich 165 (!) Minuten gewesen sein sollen. Mit einem solchen sympathischen Haufen Verlierer vergeht die Zeit halt wie im Flug, Killer-Clown hin oder her.

Fazit: 

„ES Kapitel 2“ knüpft sich den im Vergleich zum Vorgänger sehr viel schwieriger zu verfilmenden Teil des Romans von Stephen King vor – und kann trotzdem auf (fast) ganzer Ebene überzeugen. Eine starke Fortsetzung mit einer angenehm ambivalenten, weil manchmal pessimistisch-abgründigen und manchmal optimistisch-anpackenden Atmosphäre irgendwo zwischen „Die Goonies“, „Stand By Me“ und einem Horror-Clown, der kleinen Kindern die Köpfe abbeißt.  (mk)