Donnerstag, 12. September 2019

Idioten der Familie

pic (c) Farbfilm



Inhalt:

Fünf Geschwister stehen vor einer schweren Entscheidung: Soll die jüngste, geistig behinderte Schwester Ginnie (Lilith Stangenberg) in einem Heim leben? Die 40-jährige Heli (Jördis Triebel) hat sich viele Jahre aufopfernd um ihre kleine Schwester gekümmert, obwohl sie ihrer Arbeit als Künstlerin gerne intensiver nachgegangen wäre. Gleichwohl sie ihrer Schwester bei der Betreuung von Geli nie zur Seite standen, sind ausgerechnet ihre drei Brüder Bruno (Florian Stetter), Tommy (Hanno Koffler) und Frederick (Kai Scheve) für eine Unterbringung in einem Heim. Trotz ausufernder Diskussionen kommen sie zu keinem klaren Ergebnis und es brechen alte Konflikte neu auf, die längst begraben schienen. Gerade als alle noch einmal zusammenkommen, um vor Ginnies Umzug noch ein wenig Zeit mit ihr zu verbringen, erleben sie ihre Schwester von einer ihnen neuen, launischen Seite. Mit dieser Erfahrung kommen sich die Geschwister wieder näher und es zeichnet sich eine Entscheidung ab...

Bewertung:

Es soll der gesamten westlichen Welt der Spiegel vorgehalten werden und dieser Anspruch überlagert den ganzen Film. Bruno, Tommie, Frederik und Heli sind weniger Figuren als vielmehr Platzhalter für bestimmte Typen in unserer Gesellschaft: Bruno ist der aufgeklärte Gutmensch, der nach Afrika gehen und Bildungsprojekte verwirklichen will, aber letztendlich schon mit der eigenen Schwester überfordert ist. Tommy repräsentiert den locker-lässigen Lebemann mit einem permanenten ironischen Blitzen in den Augen, aber kaum Geld auf dem Konto. Frederik wiederrum verkörpert das Klischee das wohlhabenden, aber verbissenen Arbeitstiers, an dem das Leben einfach so vorbeizieht. Heli steckt in der Midlife-Crisis und will auch einfach mal „für sich sein“. Wesentlich mehr erfährt man nicht, die Figuren kommen nicht über den Status von Schablonen hinaus.

Es gibt zwar zwei Szenen, die Untiefen andeuten, so erhält das Verhältnis zwischen Bruno und Heli eine annähernd inzestuöse Färbung und auch Frederik nähert sich Ginnie plötzlich auf unangebrachte Weise. Allerdings muten beide Momente wie kurze Ausrutscher in einem ansonsten oberflächlich gehaltenen Geplänkel an. Klier ist bemüht, seinen Film so unverfänglich wie möglich zu halten und gewinnt der Figurenkonstellation so kaum eine innere Spannung ab. Zumal sich die vier ohnehin von Anfang an relativ einig sind, dass Ginnie ins Heim soll. Selbst Bruno, der erst noch großspurige Ansprachen hält, dass man unter anderem am „Umgang mit den Schwächeren die Werte einer Gesellschaft erkennt“ schwenkt schnell um, als er merkt, dass die Handhabung seiner Schwester doch nicht ganz so leicht ist.

Man verliert jedenfalls schnell das Interesse an diesem mit dem ganz groben Pinsel gezeichneten Quartett und eigentlich könnte man das unspektakulär inszenierte Drama auch ganz zu den Akten legen, wenn da nicht die wunderbare Lilith Stangenberg („Die Lügen der Sieger“) in der Rolle der Ginnie wäre. Stangenberg liefert eine nuancierte, jederzeit glaubwürdige Vorstellung und kriegt von Klier auch mal den einen oder anderen ruhigen Solo-Moment spendiert. In diesen deutet sie allein mit Blicken und Gesten an, dass in ihren vermeintlich irrationalen Handlungen womöglich stets auch eine verschlüsselte Botschaft mitschwingen könnte. Es sind solche Szenen, die ahnen lassen, was für ein wunderbarer Film „Idioten der Familie“ auch hätte werden können.

Fazit: 

„Idioten der Familie“ will dem Über-Individualismus der heutigen Zeit den Spiegel vorhalten und das ist sicherlich alles andere als verkehrt. Nur scheitert das eherne Vorhaben an einem mutlosen, an der Oberfläche verhafteten Drehbuch, das jegliches Interesse innerhalb kürzester Zeit auf ein Minimum zusammenschrumpfen lässt. Einzig Lilith Stangenbergs Glanzvorstellung als geistig behinderte Ginnie rettet das langweilige Geschehen vor dem totalen Absturz.   (mk)

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