Samstag, 30. September 2017

ES (OV)



Facts:
Genre: Horror
Regie:  Andy Muschietti
Cast: Bill Skarsgård, Jaeden Lieberher, Finn Wolfhard

Laufzeit: 135 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
Verleih:  Warner Bros GmbH


(c) Warner Bros GmbH


Inhalt:
Die Kinder Bill Denbrough (Jaeden Lieberher), Richie Tozier (Finn Wolfhard), Eddie Kaspbrak (Jack Dylan Grazer), Beverly Marsh (Sophia Lillis), Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor), Stanley Uris (Wyatt Oleff) und Mike Hanlon (Chosen Jacobs) leben in einer Stadt namens Derry im US-Bundesstaat Maine, in der immer wieder Menschen verschwinden – sowohl Erwachsene, als auch vor allem Minderjährige. Im Laufe eines Sommers erfahren die Kinder schließlich von einer monströsen Kreatur, die Jagd auf Menschen macht und sich in die schlimmsten Alpträume ihrer Opfer verwandeln kann. Meistens tritt das Biest jedoch in Form des sadistischen Clowns Pennywise (Bill Skarsgård) auf. Die sieben Kinder wachsen nach und nach zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammen, dem „Club der Loser“, und schwören, die Kreatur zu vernichten, die Bills Bruder Georgie (Jackson Robert Scott) auf dem Gewissen hat...

Bewertung:
 Abgesehen von Pennywise ist das größte Alleinstellungsmerkmal sowohl des Romans als auch des TV-Zweiteilers die parallele Erzählweise: Die Handlung springt immer wieder zwischen den 1950ern und 1980ern hin und her, während abwechselnd geschildert wird, wie Bill und seine Freunde als Kinder und 27 Jahre später noch einmal als Erwachsene gegen Es antreten. In der Kinoadaption fällt dieser Aspekt nun ersatzlos weg, die erwachsenen Ichs der Kinder werden maximal noch in der bereits angekündigten Fortsetzung auftauchen. Stattdessen will Regisseur Muschietti „das Publikum in die Kindheit dieser Figuren eintauchen lassen, ohne die Erfahrung durch zeitliche Sprünge oder Rückblenden zu vergiften“. Nun waren auch wir im Vorfeld schon ein bisschen enttäuscht, dass ausgerechnet diese faszinierende Seite des Stoffes ausgespart wird: Glattbügeln für ein modernes Hollywoodpublikum und so… Aber im Nachhinein müssen wir zurückrudern und zugeben: Die Entscheidung war absolut richtig! „Es“ von 1990 mag ein dramaturgisch außergewöhnliches TV-Projekt sein, nur überzeugt es eben leider nicht so recht (gerade die Sachen mit den Erwachsenen enttäuschen). „Es“ von 2017 ist hingegen ein im Vergleich gewöhnlicher erzählter Horrorfilm, der dafür aber herausragend gut funktioniert.

Das liegt zunächst einmal an der hervorragenden Besetzung: Natürlich steht Tim Currys Pennywise als einer der ganz großen ikonischen Horrorfilm-Bösewichte fast schon auf einer Stufe neben Mike Myers und Jason Voorhees. Aber Bill Skarsgård  findet mit seiner Hasenzahnprothese trotzdem einen spannenden eigenen Zugang zu der Figur – sehr viel weniger campy und ironisch, dafür aber geradeheraus grauenerregend. Noch wichtiger ist allerdings der jugendliche Cast, der hier ein eingeschworenes Cliquen-Gefühl heraufbeschwört, wie wir es glaubhafter seit der ebenfalls herausragenden Stephen-King-Verfilmung „Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers“ nicht mehr auf der Leinwand erlebt haben: Neben dem längst etablierten Jaeden Lieberher beeindruckt vor allem Sophia Lillis als langsam gegen ihren Vater aufbegehrende Beverly Marsh.

Der aus Argentinien stammende Regisseur Andrés Muschietti hat seinen ersten Hollywood-Job bekommen, weil die Traumfabrik-Produzenten das titelgebende Monster in seinem Kurzfilm „Mamá“ derart beeindruckend fanden, dass sie ihm direkt eine Langfilmversion desselben Stoffes finanziert haben. Dieses Händchen für aufregend andere Kreaturendesigns zeigt sich nun auch in „Es“. Während uns die Riesenspinne aus dem TV-„Es“ allenfalls noch aufgrund ihrer miserablen Animation Albträume bereitet, begeistert die Neuauflage mit etlichen abgefahrenen Effekt-Ideen – vor allem wenn es um die Visualisierung der Kinderängste geht: So bekommt es Stan Uris etwa mit einer Kreatur zu tun, die genauso aussieht wie das gruselige impressionistische Gemälde im Büro seines strengen Rabbiner-Vaters, während Ben Hanscom von einem kopflosen Mann gejagt wird, dessen Animationen absichtlich ein wenig „stottern“, um so auf die Stop-Motion-Effekte der 1990er-Version zurückzuverweisen.

Gleich in der Eröffnungsszene mit Georgie und seinem Papierschiffchen gibt es einen abgerissenen Arm – da fragt man sich schon kurzzeitig, ob die Neuauflage jetzt ausgerechnet auf eine Extraportion Gore setzt, um die Spannungssequenzen aufzupeppen. Aber zum Glück werden solche Gewaltspitzen auch anschließend nie zum bloßen Selbstzweck eingesetzt, was wiederum nicht heißt, dass Muschietti vor ihnen zurückschrecken würde (die fontänenartige Menstruations-Metapher im Badezimmer fällt dieses Mal sogar gleich ein paar Nummern größer aus und begeistert zugleich als eine der stärksten Szenen des Films). Letztlich darf man „Es“ in Sachen (Schock-)Handwerk - von der hochwertigen Ausstattung über das effektive Sounddesign bis hin zum kreativen Design der wahr werdenden Albträume - so ruhigen Gewissens auf einer Stufe mit den bisherigen beiden „Conjuring“-Filmen von James Wan ansiedeln.

Fazit: 
Die Kino-Neuauflage von „Es“ ist nicht nur sehr viel besser als die TV-Verfilmung von 1990, sondern eine der besten Stephen-King-Adaptionen überhaupt. Jetzt sind wir extrem gespannt, ob Andrés Muschietti im zweiten Teil dann auch noch das mit der parallelen Erzählung ähnlich überzeugend hinbekommt. Dafür gibts erschreckende 8,5 von 10 Punkte. (fs)

Freitag, 22. September 2017

Kingsman 2: The Golden Circle



Facts:
Genre: Action, Komödie
Regie:  Matthew Vaughn
Cast:  Taron Egerton, Mark Strong, Colin Firth
Laufzeit: 141 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
Verleih: Fox Deutschland

 
(c) Fox Deutschland

Inhalt:
 Nachwuchsspion Gary "Eggsy" Unwin (Taron Egerton) und sein Kollege Merlin (Mark Strong) werden mit einer neuen Gefahr konfrontiert: Die skrupellose Poppy (Julianne Moore) zerstört das Hauptquartier ihrer Geheimorganisation Kingsman und hält die ganze Welt als Geisel. Doch glücklicherweise machen sie die Entdeckung, dass es noch eine weitere Spionageagentur wie die ihre gibt, die parallel in den USA gegründet wurde. Also verbünden sie sich mit der von Agent Champagne (Jeff Bridges) geleiteten Organisation Statesman, um Poppy das Handwerk zu legen und einmal mehr die Welt zu retten. Dafür müssen die britischen Spione mit ihren amerikanischen Kollegen Agent Tequila (Channing Tatum) und Agent Whiskey (Pedro Pascal) zusammenarbeiten und ihr ganzes Können aufbringen, aber zum Glück hat Eggsy ja schon jede Menge Erfahrung darin, die Welt zu retten...

Bewertung:
 „Kingsman: The Secret Service“ ist DER Meta-Spionagefilm schlechthin! „Kick-Ass“-Regisseur Matthew Vaughn stopfte seine Agentenfilm-Hommage bis zum Bersten voll mit augenzwinkernden Referenzen und doppelbödigen Sprüchen, paarte trockenen britischen Humor mit saftiger Brutalität und landete dazu den größten Besetzungscoup der jüngsten Zeit: Er machte aus Colin Firth einen überzeugenden Actionhelden - der Oscarpreisträger galt bisher förmlich als Inbegriff des stocksteifen Briten, der in „Bridget Jones“ legendär-unfähig als verkrampfter Bürohengst ausgerechnet gegen Hugh Grant im Romanzen-Duell antrat. Aber nicht nur auf diesen Überraschungseffekt muss Vaugh in seinem Sequel verzichten - vieles, was „Kingsman: The Secret Service“ so frisch und vital gemacht hat, verliert beim zweiten Mal etwas von seinem Schwung. Aber genug geschimpft: Auch wenn bei „Kingsman: The Golden Circle“ die Neuerfindung des Rades ausbleibt, gibt Vaughn seinem Publikum nach altbewährtem Fortsetzungsprinzip mehr von (fast) allem. Mehr Action, mehr Tempo, mehr Gaga-Figuren! Aber eben weniger Charme!

Das Problem der vermeintlich toten Hauptfigur bleibt über weite Strecken des Films absichtsvoll ungelöst. Colin Firth ist quasi als Geist mit gebremstem Schaum in neuer Gestalt unterwegs, während Taron Egerton als einstige Nummer zwei an vorderster Front die Kastanien aus dem Feuer holen muss. Auch äußerlich wird der neue Agent Galahad seinem Vorgänger immer ähnlicher. Obwohl die Fußstapfen schon gehörig groß sind, gibt Regisseur Vaughn die schnörkellose Flucht nach vorn als Devise aus, denn „Kingsman: The Golden Circle“ beginnt mit einer Taxiverfolgungssequenz, die sinnbildlich für den Film steht: Die Action ist atemlos knackig und wie im ersten „Kingsman“ überzogen und abgehoben, aber eben auch ein wenig zäh und zu lang - bis das innovative Ende der Taxihatz dann wieder voll überzeugt! Zumindest hier hat der Film wieder etwas Überraschendes, aus der Hüfte Geschossenes – von solcher Chuzpe kann sich selbst James Bond eine Scheibe abschneiden. Überhaupt tauchen in der Parallelwelt von Kingsman immer wieder 007-Referenzen auf - exemplarisch dafür steht das schräge Setting des Poppy-Hauptquartiers in Südamerika, das auch aus einem alten Bond-Film der 60er oder 70 Jahre hätte stammen können.

Die große Neuerung für die Fortsetzung ist die Ausweitung des (britischen) Agenten-Universums auf das US-amerikanische Pendant in Kentucky. Kingsman Goes America ist ein Culture Clash der allerfeinsten Sorte, denn die edelbezwirnten Gentlemen von der Insel müssen sich mit den hemdsärmeligen Cowboys aus Übersee zusammenraufen, was im Seite an Seite bestrittenen Weltenrettungskampf für etliche amüsante Momente sorgt - besonders befeuert von Pedro Pascal als Statesman-Agent Whiskey, der als schlagkräftiger, der 70er-Ikone Burt Reynolds verdammt ähnlich sehender neuer Partner von Eggsy für Furore sorgt. Den hintersinnigsten und gewagtesten Gag erlaubt sich Matthew Vaughn allerdings mit einem Superstar, den der Regisseur in bester „Einsame Entscheidung“-Manier genüsslich verheizt.

Macht aber nichts, auf einen Topstar in der zweiten Reihe mehr oder weniger kommt es nicht an, weil „Kingsman: The Golden Circle“ ohnehin eine halbe Busladung davon am Start hat (bis hin zu einem cool-selbstironischen Cameo von Elton John). Da ist zum Beispiel Oscarpreisträgerin Julianne Moore, die als sinistre Bösewichtin chargiert wie nie zuvor in ihrer glorreichen Karriere. Sie sitzt inmitten ihrer bonbonbunten, künstlichen 50er-Jahre-Welt im Dschungel und strebt skrupellos nach der Weltherrschaft (was sonst?!). Das ist in dieser oft makabren Überzeichnung pure Ironie. Da lässt sie einen unfähigen Lakaien am Anfang schnell mal von dessen Nachfolger wortwörtlich durch den Fleischwolf drehen und serviert dem so Beförderten anschließend einen saftigen Vorgänger-Burger als Willkommenshappen!

Bei den Schauwerten hat Matthew Vaughn noch einmal aufgesattelt, er hetzt sein Personal nach dem Start in London um die halbe Welt – über Schweden, Südamerika, die USA bis nach Italien, wo das spektakulärste Set Piece entstanden ist. In der verschneiten Winterlandschaft des Monte Bianco führt eine Seilbahn auf 3.500 Meter Höhe zu einer futuristisch erbauten (aber realen) Bergstation. Diese Szenen erinnern an das Spektakel von „James Bond 007 - Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ am Schweizer Schilthorn. Garniert wird der Seilbahn-Kampf mit einem Gaga-Moment einer irre rotierenden Gondel - in diesen mit Anlauf von jeglicher Realität losgelösten Passagen, von denen es so einige gibt, macht der Film am meisten Spaß.

Fazit: 
Während Matthew Vaughn in „Kingsman: The Secret Service“ die gängigen Agenten-Archetypen noch konsequent und mit höchster Lust pulverisiert hat, bleiben in der Fortsetzung auch ein paar Klischees unangetastet. Ein satter schwarzhumoriger Action-Kracher ist „Kingsman: The Golden Circle“ aber trotzdem allemal, was uns explosionsartige 8 von 10 Punke wert ist. (mk)


Sonntag, 17. September 2017

Logan Lucky OV



Facts:
Genre: Komödie, Krimi, Drama
Regie:  Steven Soderbergh
Cast:  Daniel Craig, Channing Tatum, Adam Driver
Laufzeit:  118 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih:  StudioCanal Deutschland


 
(c) StudioCanal Deutschland


Inhalt:
Die Brüder Jimmy (Channing Tatum) und Clyde Logan (Adam Driver) haben es wirklich nicht leicht: Der impulsive Jimmy neigt zu Gefühlsausbrüchen und verliert dadurch einen Job nach dem anderen, Clyde hingegen hat zwar einen festen Job als Barkeeper, wird aber von den Gästen schikaniert, weil er einen Arm verlor und er eine Prothese trägt. Ihre zunehmenden Geldsorgen wollen die Brüder beenden, indem sie beim bekanntesten NASCAR-Rennen der Welt, dem Coca-Cola 600, einen genialen Raubüberfall durchführen. Ihre Schwester Mellie (Riley Keough) soll helfen, weitere Unterstützung für seinen Coup erhofft sich das vom Pech verfolgte Duo vom legendären Bankräuber Joe Bang (Daniel Craig) – der allerdings erst befreit werden muss, weil er momentan hinter Gittern sitzt. Und auch nachdem das vollbracht ist, geht der Plan natürlich nicht so reibungslos über die Bühne, wie Jimmy und Clyde sich das vorgestellt haben…

Bewertung:
 „Logan Lucky“ steckt voller Herzblut, Aufrichtigkeit und Eigenwilligkeit. Soderbergh versprüht ganz einfach einen besonderen Spirit, der den Film von so mancher klinischen Hollywood-Produktion abhebt. Das beginnt schon mit einer amüsanten Scharade: Das Drehbuch stammt offiziell von einer gewissen Rebecca Blunt, in Wahrheit schrieb es aber (wie The Playlist enthüllte) Soderberghs Frau Jules Asner. Der Regisseur ist bekannt für solche neckischen Spielchen und servierte im Presseheft sogar noch eine rührselige Geschichte zur imaginären Rebecca Blunt. Auch in der Vergangenheit gab Soderbergh seine eigenen Credits für Kamera und Schnitt schon an Fantasiepersonen wie Peter Andrews oder Mary Ann Bernard – und im Abspann von „Logan Lucky“ heißt es augenzwinkernd „… and introducing Daniel Craig“ (ein Credit, der eigentlich Schauspielern in ihrer ersten Kinorolle vorbehalten ist).

Im Zentrum von „Logan Lucky“ stehen einfache Menschen aus einem der ärmsten US-Bundesstaaten. Obwohl das Publikum meist mit und seltener auch über sie lacht, liegen diese Figuren aus Fleisch und Blut Soderbergh unbedingt am Herzen. Trotz Slapstick-Einlagen und knochentrockenen Dialog-Passagen wird nicht einer der Charaktere als Knallcharge abgekanzelt, stattdessen ist eine tiefgehende Sympathie für die Menschen des Blue-Collar-Arbeitermilieus von West Virginia in jeder Sekunde spürbar. Dass Soderbergh für „Logan Lucky“ frei von äußeren Einflüssen und Interessen inszenieren kann, ist dem Film auch sonst anzumerken. Er wirft Gag auf Gag in die Runde, pausiert dann mal eine Weile mit Lachern, bevor es wieder mit Vollgas lustig weitergeht – solche kleinen erzählerischen Unwuchten tragen hier letztendlich mehr zum Charme des Films bei als dass sie ihm schaden würden. So entwickelt „Logan Lucky“ einen regelrecht unwiderstehlichen Rhythmus, denn die Operation NASCAR-Raubzug läuft nach einer ausführlichen Einführung der Figuren ganz geschmeidig auf den Höhepunkt des Coups zu.

Soderbergh legt bei „Logan Lucky“ einen extrem hohen Wert auf spezifische Details. An einer Stelle erzählt Mellie ganz ausführlich, warum sie wo welche Autobahnabschnitte gewählt hat, um Jimmys Tochter vom Training abzuholen. Das sagt einem Zuschauer, der nicht selbst in der Gegend wohnt, erst einmal gar nichts – aber es verankert „Logan Lucky“ ganz fest an seinem Schauplatz, denn an einem anderen Ort könnte dieser Film schlicht nicht spielen. Aber selbst wenn solches Lokalkolorit sehr wichtig für die Stimmung des Films ist, hat Soderbergh kein Problem damit, seine waghalsige, etwas überkandidelte Coup-Idee schließlich zu einer regelrechten Mastermind-Räuberfantasie auswachsen zu lassen. Ganze Passagen werden herrlich launig überhöht - wie zum Beispiel eine extrem schräge, gewaltlos-effektive Gefängnisrevolte, die Jimmy und Clyde als Ablenkungsmanöver inszenieren. Wenn dort die hartgesottenen Knastbrüder von ihrem Gefängnisdirektor Burns (Dwight Yoakam) die Anschaffung der „Game Of Thrones“-Bände sechs und sieben für die Bibliothek fordern (also jener Bücher, mit denen Autor George R. Martin schon seit Jahren schwer im Verzug ist), ist das einer der komödiantischen Brüller des Films.

Ebenso wichtig wie der trockene Humor ist das Zusammenspiel der spielfreudigen Stars, die Soderbergh für sein Comeback im Dutzend vor der Kamera versammeln konnte und die sich ständig gegenseitig mit ihren Dialekten zu übertreffen versuchen: An der Spitze erledigt Soderbergh-Spezi Channing Tatum seine Arbeit als Leading Man gewissenhaft, man nimmt ihm den einfachen, im Herzen ehrlichen Malocher ab. Die Rolle ist ihm quasi auf den Leib geschrieben - körperlich hat Tatum nämlich etwas zugelegt, was ihn massig und nicht zu durchtrainiert wirken lässt. Adam Driver  bekommt weniger Raum, nutzt aber seinen Anteil als dezent spleeniger einarmiger Barkeeper für trockenen Humor, bei dem immer auch eine feine Note von Ernsthaftigkeit mitschwingt, seine Performance ist jedenfalls die nuancierteste von allen.

Die größten Lacher kassiert jedoch Bond-Darsteller Daniel Craig, der als blondierter Tresorsprengspezialist Joe Bang wirklich ein echter Knaller ist. Zumeist im absurden Streifensträflingskostüm haut er die trockenen Oneliner am Fließband raus – mit dem absoluten Highlight eines eher ungewöhnlichen Bombenbaurezepts für die Tresorsprengung. Eine Attraktion ist auch die Schar der namhaften Nebendarsteller wie Seth MacFarlane als arroganter NASCAR-Teamboss, Hilary Swank als hartgesottene FBI-Agentin, Katherine Waterston als nette Mobil-Ärztin, Katie Holmes als Jimmys vermögende Ex-Frau-Zicke oder Dwight Yoakam als eigenwilliger Gefängnischef, die zwar nur für kleine Episoden vorbeischauen, aber alle tatsächlich etwas Substanzielles beizutragen haben.

Fazit: 
Schön, dass du wieder da bist, Steven Soderbergh! Mit seinem sympathisch-unterhaltsamen Gaunerfilm „Logan Lucky“ liefert der „Ocean’s Eleven“-Regisseur die Arbeiterklassen-Antwort auf seine erfolgreiche Gentleman-Gauner-Trilogie – und ganz ehrlich hätten wir absolut nichts dagegen, wenn es auch mit „Logan Lucky“ noch weitergehen würde.Dafür vergeben wir gutunterhaltende und actiongeladene 8 von 10 Punkte. (mk)

Mittwoch, 6. September 2017

The Circle OV



Facts:
Genre: Thriller, Drama
Regie: James Ponsoldt
Cast:  Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega
Laufzeit: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih:  Universum Film GmbH

 
(c) Universum Film GmbH


Inhalt:
Als Mae Holland (Emma Watson) durch die Vermittlung ihrer Freundin Annie (Karen Gillan) einen Job bei dem weltweit dominierenden Internet-Unternehmen „Circle“ bekommt, ist sie überglücklich. Für sie ist es eine einmalige Gelegenheit. Das Ziel der Firma: sämtliche Aktivitäten der User verknüpfen und in einer Online-Identität vereinen. Mit immer neuen technologischen Fortschritten soll eine Welt der völligen Transparenz geschaffen werden. Mae ist begeistert von den Visionen des charismatischen Firmengründers Eamon Bailey (Tom Hanks) und kann Bedenken, wie die ihres Ex-Freundes Mercer (Ellar Coltrane), nicht verstehen. Das Firmengelände, wo die Mitarbeiter rundum versorgt werden, und ihre Arbeit werden nach und nach zu Maes Lebensmittelpunkt. Nur der mysteriöse Ty (John Boyega) bringt sie zum Stutzen. Er behauptet, auch ein Mitarbeiter zu sein, doch Mae kann ihn im Computer, der zu jeder Zeit anzeigt, wo sich die Mitarbeiter gerade befinden, nicht finden. Trotzdem kennt Ty auf dem Gelände Türen und Gänge, die nirgends verzeichnet sind. Und er versucht, Mae zu warnen...

Bewertung:
Dave Eggers  begibt sich mit „Der Circle“ thematisch in das Fahrwasser der ganz Großen der dystopischen Romankunst. Aber während Aldous Huxley mit „Schöne neue Welt“ (1932) und George Orwell mit „1984“ (1949) ihrer Entstehungszeit weit voraus waren und auch heute noch brandaktuell sind, arbeitet sich Eggers wenig visionär am sozial-medialen Status der frühen 2010er Jahre ab und mischt seinen zeitgeistigen Erkenntnissen ein paar Allmachtsfantasien bei, die er indirekt – immerhin recht plausibel – den Lenkern von Google, Facebook, Microsoft und Co. unterschiebt. Der Circle will den Staat ersetzen und sanft ein totalitäres System etablieren, von dem die User (natürlich nur zu ihrem Besten) unausweichlich abhängig sind. Alle ihre Aktivitäten sollen mit ihrer Online-Identität verknüpft werden, um völlige Transparenz zu erhalten.

Mit Slogans wie „Teilen ist heilen“ und vor allem „Geheimnisse sind Lügen, die Verbrechen möglich machen“ ist „The Circle“ am provokantesten, denn in Zeiten des Terrors gibt es ja tatsächlich deutliche Tendenzen, Freiheitsrechte zugunsten von (vermeintlich) mehr Sicherheit einzuschränken. Über sich den hier auftuenden grundsätzlichen Konflikt findet jedoch weder im Buch noch im Film ein tiefgreifender Diskurs statt. Die angesichts der Handlung sehr naheliegende Frage, wie etwa die lückenlose und permanente Kameraüberwachung mit den Menschenrechten zusammengehen soll, wird beispielsweise gar nicht wirklich gestellt. Zwar werden die Hemmungen der Menschen, ihre Privatsphäre aufzugeben und sich vollkommen der Technik und dem Konzern auszuliefern, durchaus aufgegriffen, aber das skizzierte Unbehagen und die Paranoia übertragen sich eben nicht auf das Publikum, dafür verläuft hier alles viel zu glatt und reibungslos: Streckenweise scheinen sich die Filmemacher ähnlich wie die Hauptfigur Mae selbst einfach den Verlockungen der schicken neuen Online-Welt hinzugeben. Ecken, Kanten und Widersprüche finden sich in „The Circle“ jedenfalls kaum.

Mae erlebt einen kometenhaften Aufstieg, aber der Machtrausch und das Schwindelgefühl überwältigender Aufmerksamkeit, die ihr das Leben als „transparente Person“ mit Aber-Millionen von Followern bescheren, wird in Emma Watsons  recht verhaltener Darstellung genauso wenig lebendig wie die Beklemmungen der Skeptiker. Mae nimmt das Ganze im Gegensatz zu ihrer zynischen Freundin Annie einfach hin, die Figur bleibt blass und eigenschaftslos. Und mit einer solch passiven Protagonistin hat auch der Film kaum Dynamik: „The Circle“ steht am Ende etwas unentschlossen zwischen Drama, Satire und Dystopie da - ohne den letzten Biss und ohne einen einheitlichen Erzählton. Und zu schlechter Letzt wird dann durch eine radikale Änderung des Schlusses gegenüber dem Buch auch noch die warnende Aussage Eggers‘ auf den Kopf gestellt und weichgespült.

Bei allen erzählerischen Schwächen im großen Ganzen (die sind überdeutlich) gibt es doch im Einzelnen auch überzeugend Gelungenes. Positiv hervorzuheben ist Regisseur Ponsoldts feines Gespür für die Highlights der Vorlage. Er klappert die wichtigsten Stationen und Schlüsselstellen sorgfältig ab und setzt hier und da Variationen. So erhält Maes gutmütiger Ex-Freund Mercer, ein verschrobener, Hirschgeweih-Kronleuchter bastelnder Technik-Schrat, mehr Spielraum, um als standhaft-moralischer Mahner Akzente zu setzen - ein willkommenes Wiedersehen mit „Boyhood“-Sympathieträger Ellar Coltrane. John Boyegas mysteriöser Unkenrufer Kalden dagegen weckt mit seinem Insiderwissen die Neugier des Publikums, nur um dann bis zum Finale aus der Erzählung verbannt zu werden. Und Tom Hanks ? Der wirkt als Circle-Guru Eamon Bailey (eine Art netter Steve Jobs) in seiner überschaubaren Leinwandzeit charismatisch und smart. Von ihm hätte man gern eine echte Charakterstudie gesehen, aber zu der bekommt er keine Gelegenheit.

Fazit: 
James Ponsoldts gediegene Bestseller-Verfilmung „The Circle“ unterhält bis zum desaströsen Finale zumindest szenenweise gefällig, der potenziell spannende Blick in die mediale Zukunft fällt insgesamt aber arg oberflächlich aus. Enttäuscht den Kinosaal verlassend vergeben wir nur 4 von 10 möglichen Punkten. (mk)