Mittwoch, 6. September 2017

The Circle OV



Facts:
Genre: Thriller, Drama
Regie: James Ponsoldt
Cast:  Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega
Laufzeit: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih:  Universum Film GmbH

 
(c) Universum Film GmbH


Inhalt:
Als Mae Holland (Emma Watson) durch die Vermittlung ihrer Freundin Annie (Karen Gillan) einen Job bei dem weltweit dominierenden Internet-Unternehmen „Circle“ bekommt, ist sie überglücklich. Für sie ist es eine einmalige Gelegenheit. Das Ziel der Firma: sämtliche Aktivitäten der User verknüpfen und in einer Online-Identität vereinen. Mit immer neuen technologischen Fortschritten soll eine Welt der völligen Transparenz geschaffen werden. Mae ist begeistert von den Visionen des charismatischen Firmengründers Eamon Bailey (Tom Hanks) und kann Bedenken, wie die ihres Ex-Freundes Mercer (Ellar Coltrane), nicht verstehen. Das Firmengelände, wo die Mitarbeiter rundum versorgt werden, und ihre Arbeit werden nach und nach zu Maes Lebensmittelpunkt. Nur der mysteriöse Ty (John Boyega) bringt sie zum Stutzen. Er behauptet, auch ein Mitarbeiter zu sein, doch Mae kann ihn im Computer, der zu jeder Zeit anzeigt, wo sich die Mitarbeiter gerade befinden, nicht finden. Trotzdem kennt Ty auf dem Gelände Türen und Gänge, die nirgends verzeichnet sind. Und er versucht, Mae zu warnen...

Bewertung:
Dave Eggers  begibt sich mit „Der Circle“ thematisch in das Fahrwasser der ganz Großen der dystopischen Romankunst. Aber während Aldous Huxley mit „Schöne neue Welt“ (1932) und George Orwell mit „1984“ (1949) ihrer Entstehungszeit weit voraus waren und auch heute noch brandaktuell sind, arbeitet sich Eggers wenig visionär am sozial-medialen Status der frühen 2010er Jahre ab und mischt seinen zeitgeistigen Erkenntnissen ein paar Allmachtsfantasien bei, die er indirekt – immerhin recht plausibel – den Lenkern von Google, Facebook, Microsoft und Co. unterschiebt. Der Circle will den Staat ersetzen und sanft ein totalitäres System etablieren, von dem die User (natürlich nur zu ihrem Besten) unausweichlich abhängig sind. Alle ihre Aktivitäten sollen mit ihrer Online-Identität verknüpft werden, um völlige Transparenz zu erhalten.

Mit Slogans wie „Teilen ist heilen“ und vor allem „Geheimnisse sind Lügen, die Verbrechen möglich machen“ ist „The Circle“ am provokantesten, denn in Zeiten des Terrors gibt es ja tatsächlich deutliche Tendenzen, Freiheitsrechte zugunsten von (vermeintlich) mehr Sicherheit einzuschränken. Über sich den hier auftuenden grundsätzlichen Konflikt findet jedoch weder im Buch noch im Film ein tiefgreifender Diskurs statt. Die angesichts der Handlung sehr naheliegende Frage, wie etwa die lückenlose und permanente Kameraüberwachung mit den Menschenrechten zusammengehen soll, wird beispielsweise gar nicht wirklich gestellt. Zwar werden die Hemmungen der Menschen, ihre Privatsphäre aufzugeben und sich vollkommen der Technik und dem Konzern auszuliefern, durchaus aufgegriffen, aber das skizzierte Unbehagen und die Paranoia übertragen sich eben nicht auf das Publikum, dafür verläuft hier alles viel zu glatt und reibungslos: Streckenweise scheinen sich die Filmemacher ähnlich wie die Hauptfigur Mae selbst einfach den Verlockungen der schicken neuen Online-Welt hinzugeben. Ecken, Kanten und Widersprüche finden sich in „The Circle“ jedenfalls kaum.

Mae erlebt einen kometenhaften Aufstieg, aber der Machtrausch und das Schwindelgefühl überwältigender Aufmerksamkeit, die ihr das Leben als „transparente Person“ mit Aber-Millionen von Followern bescheren, wird in Emma Watsons  recht verhaltener Darstellung genauso wenig lebendig wie die Beklemmungen der Skeptiker. Mae nimmt das Ganze im Gegensatz zu ihrer zynischen Freundin Annie einfach hin, die Figur bleibt blass und eigenschaftslos. Und mit einer solch passiven Protagonistin hat auch der Film kaum Dynamik: „The Circle“ steht am Ende etwas unentschlossen zwischen Drama, Satire und Dystopie da - ohne den letzten Biss und ohne einen einheitlichen Erzählton. Und zu schlechter Letzt wird dann durch eine radikale Änderung des Schlusses gegenüber dem Buch auch noch die warnende Aussage Eggers‘ auf den Kopf gestellt und weichgespült.

Bei allen erzählerischen Schwächen im großen Ganzen (die sind überdeutlich) gibt es doch im Einzelnen auch überzeugend Gelungenes. Positiv hervorzuheben ist Regisseur Ponsoldts feines Gespür für die Highlights der Vorlage. Er klappert die wichtigsten Stationen und Schlüsselstellen sorgfältig ab und setzt hier und da Variationen. So erhält Maes gutmütiger Ex-Freund Mercer, ein verschrobener, Hirschgeweih-Kronleuchter bastelnder Technik-Schrat, mehr Spielraum, um als standhaft-moralischer Mahner Akzente zu setzen - ein willkommenes Wiedersehen mit „Boyhood“-Sympathieträger Ellar Coltrane. John Boyegas mysteriöser Unkenrufer Kalden dagegen weckt mit seinem Insiderwissen die Neugier des Publikums, nur um dann bis zum Finale aus der Erzählung verbannt zu werden. Und Tom Hanks ? Der wirkt als Circle-Guru Eamon Bailey (eine Art netter Steve Jobs) in seiner überschaubaren Leinwandzeit charismatisch und smart. Von ihm hätte man gern eine echte Charakterstudie gesehen, aber zu der bekommt er keine Gelegenheit.

Fazit: 
James Ponsoldts gediegene Bestseller-Verfilmung „The Circle“ unterhält bis zum desaströsen Finale zumindest szenenweise gefällig, der potenziell spannende Blick in die mediale Zukunft fällt insgesamt aber arg oberflächlich aus. Enttäuscht den Kinosaal verlassend vergeben wir nur 4 von 10 möglichen Punkten. (mk)

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