Facts:
Genre: Sci-Fi, Thriller
Regie: Alian Gsponer
Cast: Jannis Niewöhner, Fahri Yardım, Emilia Schüle
Laufzeit: 114 Minuten
FSK: ab 12
Jahre
Verleih: Constantin Filmverleih
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| (c) Constantin Filmverleih |
Inhalt:
In der Gesellschaft der nahen Zukunft ist alles auf Leistung und
Effizienz ausgerichtet, menschliche Werte und Konzepte wie Liebe und
Moral spielen keine entscheidende Rolle mehr. In dieser Welt bricht Zach
(Jannis Niewöhner) zu einem Hochleistungscamp auf, in dem die Schüler
seiner Abschlussklasse für die renommierte Rowald-Universität
vorbereitet werden sollen. Doch daran hat der einzelgängerische junge
Mann kein Interesse. Gerade auch deswegen ist die eigentlich sehr
ambitionierte Nadesh (Alicia von Rittberg) von Zach fasziniert, der
wiederum an ihr aber kein Interesse zu haben scheint und stattdessen die
geheimnisvolle Ewa (Emilia Schüle) beobachtet, die sich illegal im
nahen Wald durchschlägt. Dann verschwindet Zachs Tagebuch und ein Mord
geschieht und der nur scheinbar grundanständige Lehrer (Fahri Yardim)
versucht zu helfen. Doch dafür ist es bereits zu spät…
Bewertung:
Der Roman von Ödön von Horváth ist durchgängig aus der Perspektive des
Lehrers erzählt, dort ist er der eindeutige Protagonist. Im Film wird
der namenlose Pädagoge aber nun erst einmal zur Randfigur, stattdessen
erleben wir die Ankunft im Trainingslager und die ersten Prüfungen an
der Seite der angepassten Nadesh. An einem Wendepunkt der Handlung
erfolgt dann allerdings ein Sprung zurück in der Zeit bis vor die
Abfahrt und nun übernehmen wir die Perspektive des Außenseiters Zach,
ehe ab einem weiteren dramatischen Schlüsselmoment noch eine dritte und
letzte Sichtweise ins Spiel kommt. Die Wechsel fügen der Erzählung schon
durch die Unterschiede in der Inszenierung (so wird etwa die Unruhe
Zaches durch den Einsatz der Handkamera sichtbar gemacht) immer weitere
Facetten hinzu und steigern nebenbei durchaus die Spannung, weil sie die
Lösung der kriminalistischen Rätsel zugleich befördern und auf etwas
gezwungene Weise verzögern. Allerdings bleibt diese Spannung äußerlich,
weil wir schon allein durch die vielen Perspektivänderungen den Figuren
meist nicht sehr nahe kommen. Das gilt insbesondere für die bald
überforderte Musterschülerin Nadesh, die nur funktional im Konflikt mit
Zach und im Hinblick auf die schließlich folgende Katastrophe eingesetzt
wird. Der grüblerische Zach ist dagegen unverkennbar als zentraler Sympathieträger vorgesehen. Er entzieht sich dem strengen Regime ständigen Wettbewerbs wo er kann und möchte am liebsten nur seine Ruhe haben. Doch alleine schon durch das Verfassen eines Tagebuchs erregt er den Argwohn der alles kontrollierenden Autoritäten des Camps, denen jede Privatsphäre suspekt ist: Schließlich könne man etwaige Probleme „medikamentieren“, wie die Lagerpsychologin Loreen betont. Zach flüchtet sich schließlich in eine Liebelei mit einer Illegalen und entfernt in einer ebenso blutigen wie symbolträchtigen Operation den in seine Hand eingepflanzten Ortungschip. Meist brodelt der Außenseiter still vor sich hin, aber Jannis Niewöhner überzeugt vor allem, wenn Zach offen aufbegehren darf. Als er sich für einen benachteiligten Klassenkameraden einsetzt, ihm über die Sektorengrenze in die Welt der Armen und Ausgegrenzten folgt und ihn schließlich in einem mit chaotisch lärmenden Schülern überfüllten Klassenraum findet, die über Lautsprecher (!) mit den Lerninhalten beschallt werden, gehört das zu den Höhepunkten des Films. Dort zeigt sich zugleich aber auch, dass vieles von dem erzählerischen Potenzial des Stoffes eben nur angedeutet wird, denn wir verlassen das Elendsviertel umgehend wieder und auch Zach wird einschließlich seiner neuen Freundin schließlich ein wenig links liegengelassen.
So sinnfällig der klar herausinszenierte Gegensatz zwischen einer leicht futuristisch angehauchten, extrem sterilen Welt ständiger Überwachung (exemplarisch gruselig ist der „Big Brother“-mäßige Gastauftritt von Iris Berben) und der bei häufig schlechtem Wetter fast schon archaisch wirkenden Natur in den Bergen auch ist, erst im letzten Filmdrittel erhält „Jugend ohne Gott“ neben der schon erwähnten äußeren Spannung auch einen fühlbaren emotionalen Puls. Das liegt vor allem daran, dass dort mit dem Lehrer und dem von Jannik Schümann grandios hintergründig gespielten rücksichtslosen Titus die beiden am überzeugendsten ausgestalteten Figuren in den Fokus rücken. Fahri Yardim (bekannt vor allem als Til Schweigers Sidekick im „Tatort“) bringt einen zunächst unterdrückten Humanismus in den Film, der schließlich in die ausgedehnte Umarmung des vermeintlich Bösen mündet: Diese nachdrücklich in Szene gesetzte menschliche Geste in einer unmenschlichen Welt ist das schlagende Herz von „Jugend ohne Gott“ und in ihr ist endlich (wenn auch ein wenig spät) die von Horváth stets beschworene Wahrheit zu spüren.
Fazit:
Alain Gsponer macht aus dem antifaschistischen Romanklassiker „Jugend ohne Gott“ eine etwas unterkühlt und ein wenig umständlich erzählte Dystopie einer herz- und seelenlosen Leistungsgesellschaft. Für einen etwas leidenschaftslosen Film vergeben wir 5,5 von 10 Punkte. (mk)

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