Sonntag, 29. Oktober 2017

God's Own Country OmU



Facts:
Genre: Drama
Regie: Francis Lee
Cast:  Josh O´Connor, Alec Secareanu, Gemma Jones
Laufzeit: 104 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Salzgeber & Company Medien


 
(c) Salzgeber & Company Medien

Inhalt:
Der 24-jährige Johnny Saxby (Josh O’Connor) führt kein glückliches Leben: Das Leben auf der Schafsfarm seiner Familie ist karg, die Arbeit hart und eintönig und das Verhältnis zu seinem kranken Vater Martin (Ian Hart) und seiner unnahbaren Großmutter Deirdre (Gemma Jones) schlecht. Aus Frustration betrinkt sich Johnny jeden Abend in einem Pub in der Nähe seiner Heimat und hat ab und zu unverbindlichen Sex mit anderen Männern. Daran ändert sich zunächst auch nichts, als im Frühling der Saisonarbeiter Gheorghe (Alec Secareanu) aus Rumänien auf der Farm anfängt. Doch nach und nach kommen sich die beiden jungen Männer näher und verlieben sich ineinander. Vor allem Johnny fühlt sich zu Gheorghe hingezogen, doch ihre Beziehung wird dadurch beeinträchtigt, dass dieser am Ende der Saison eigentlich nach Rumänien zurückkehren muss…

Bewertung:
Natürlich denkt man bei der Männer-Romanze „God‘s Own Country“ an den oscargekrönten Erfolg „Brokeback Mountain“. Und das ist auch völlig in Ordnung. Die beiden Filme sind ähnlich gelagert. Sie haben schweigsame schwule Liebende. Und sie spielen in einsamen Landschaften, deren Reiz sich nicht sofort erschließt. Der große Unterschied zwischen den Filmen: „God‘s Own Country“ ist viel persönlicher als der große amerikanische Bruder.

„Country“-Regisseur Francis Lee ist in Yorkshire aufgewachsen. Gedreht wurde im Haus seiner Kindheit und Jugend. In seinem sehr zärtlichen Film, der manchmal wie eine extrem präzise beobachtete Dokumentation wirkt,  geht es auch um die Frage des Regisseurs, was aus ihm wohl geworden wäre, hätte er nicht beizeiten diesen Landstrich verlassen und wäre nach London gegangen.

Der zweite große Unterschied zu „Brokeback Mountain“: Francis Lee ist ein sehr stiller Unterhalter. Ihm geht es - anders als „Brokeback“-Regisseur Ang Lee - darum, den Alltag möglichst alltäglich wiederzugeben. Die emotionalen Momente überraschen den Zuschauer nicht. Sie kommen wie beiläufig. Dadurch entsteht hin und wieder der Eindruck, Francis Lee könnte in einigen Szenen schneller zum Punkt kommen. Aber dann wäre die ganze Poesie weg.

 
Fazit:
Berührender Liebesfilm zwischen einem Jungbauern aus Yorkshire und einem sanften Saisonarbeiter aus Rumänien, ein Essay über Landschaften und Körperlichkeit: das alles ist Francis Lees Debüt »God's Own Country«. Gutes Queer Cinema. Dafür gibts von uns 7,5 von 10 Punkte. (mk)

Freitag, 13. Oktober 2017

Blade Runner 2049 OV 3D




Facts:
Genre: SciFi, Thriller
Regie: Denis Villeneuve
Cast: Ryan Gosling, Harrison Ford, Jared Leto
Laufzeit:  164 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Sony Pictures Germnany

 
(c) Sony Pictures Germnany


Inhalt:
Im Jahr 2023 wird die Herstellung von Replikanten – künstlichen Menschen, die zum Einsatz in den Weltall-Kolonien gezüchtet werden – nach mehreren schwerwiegenden Vorfällen verboten. Als der brillante Industrielle Niander Wallace (Jared Leto) ein neues, verbessertes Modell, den „Nexus 9“, vorstellt, wird die Produktion 2036 jedoch wieder erlaubt. Um ältere und somit nicht zugelassene Replikanten-Modelle, die sich auf der Erde verstecken, aufzuspüren und zu eliminieren, ist weiterhin die sogenannte „Blade Runner“-Einheit des LAPD im Einsatz, zu der auch K (Ryan Gosling) gehört. Bei seiner Arbeit stößt K auf ein düsteres, gut gehütetes Geheimnis von enormer Sprengkraft, das ihn auf die Spur eines ehemaligen Blade Runners bringt: Rick Deckard (Harrison Ford), der vor 30 Jahren aus Los Angeles verschwand…


Bewertung:
Schon die erste Film-Sequenz auf einer Farm in der Nähe von Los Angeles macht zwei Dinge ganz klar: Nach 13 erfolglosen Nominierungen muss Kamera-Gott Roger Deakins endlich seinen ersten Oscar bekommen! Vom grauen Grau des Auftakts über die orangestrahlende Wüste von Las Vegas bis zum spektakulär-minimalistischen Showdown in einer nächtlichen Brandung – „Blade Runner 2049“ ist Deakins‘ absolutes Meisterstück! (Selbst die ruhigsten Szenen sind derart spektakulär gefilmt, dass einem erst hinterher auffällt, dass der Film trotz seiner stolzen Laufzeit von 163 Minuten völlig ohne ausufernde Action-Sequenzen auskommt.) Zum anderen ist der Film von Anfang an ein emotionaler Volltreffer – und das, obwohl sich hier mit Ryan Gosling und Dave Bautista zwei eher als störrisch bekannte Schauspieler gegenüberstehen. Denis Villeneuve peilt die größtmögliche Tragik an – und bei einem weniger stilsicheren Regisseur hätte derselbe Plot womöglich sogar ins Seifenopernhafte abgleiten können. Aber „Blade Runner 2049“ ist insgesamt derart behutsam und subtil erzählt, dass die zwischenzeitlichen Schläge in die Magengrube des Publikums umso wirkungsvoller ihr Ziel treffen…

… woran übrigens auch Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch einen gehörigen Anteil haben. Nachdem der ursprünglich vorgesehene Villeneuve-Stammkomponist Johann Johannsson noch auf der Zielgeraden gefeuert wurde, weil seine Kompositionen laut Aussage des Regisseurs einfach nicht mehr dem Geist der unvergessenen Vangelis-Klänge des Originals entsprachen, haben Zimmer und Wallfisch trotz der knappen Zeit einen pointierten Score  zwischen geheimnisumwobenem Grollen und sphärischer Melancholie geschrieben. Damit decken sie genau die beiden Extreme ab, zwischen denen auch „Blade Runner 2049“ als Ganzes immer wieder pendelt – entweder raubt uns der Film mit seiner visionären Bildgewalt den Atem oder er zerreißt uns mit seiner tiefen Tragik das Herz (gerade weil die Protagonisten selbst auf die fiesesten Schicksalsschläge meist mit einer stoischen Resignation und einer einzelnen Träne reagieren). 

Mit der Art, wie sich in „Blade Runner 2049“ der Rassismus gegenüber Replikanten oft nur in vermeintlich harmlosen Alltagsformulierungen bemerkbar macht , trifft Villeneuve den Nerv unserer Zeit. Noch eindringlicher ist allerdings, wie konsequent er fast wie nebenbei die Gedanken zur digitalen Liebe aus Spike Jonzes „Her“ weiterspinnt: Ryan Goslings K ist nämlich mit dem als Hologramm auftretenden Computerprogramm Joi zusammen. Zunächst ist Joi noch an das an der Decke des Apartments entlangfahrende Kamerasystem gebunden, aber dann schenkt ihr K zum Jubiläum ein tragbares Modell – und allein die kindliche Freude in ihren Augen, als sie nach oben guckt und sich zum ersten Mal in ihrem „Leben“ ohne Kamera über sich frei bewegen kann, lässt einen ganz anders über die Natur künstlicher Intelligenz nachdenken.

Und wenn Später im Film auch noch die KI-Sexszenen-Idee aus „Her“ aufgegriffen und weitergeführt wird, dürfte nebenbei ziemlich abschließend geklärt sein, welcher Film als Favorit für die Besten visuellen Effekte in die anstehende Oscar-Saison gehen wird.

Der Moment, in dem die emotional-berührende und die visuell-visionäre Ebene von „Blade Runner 2049“ am kongenialsten zusammenkommen, ist Ks Besuch bei der Erinnerungs-Programmiererin Dr. Ana Stelline. Sie lebt wegen einer Krankheit allein in einer großen Glaskuppel und entwirft dort Erinnerungsfetzen, die dann den Replikanten eingepflanzt werden. Mit einem an eine Spiegelreflexkamera erinnernden Gerät füllt Stelline den isolierten Raum langsam erst mit einer Torte, dann mit Kerzen und schließlich mit lachenden Kindern, die die Kerzen ausblasen. Jedes Lächeln, jedes Pusten passt sie solange an, bis der Moment absolut perfekt ist – als würde sie in einer Art Zukunfts-Photoshop ein dreidimensionales Video bearbeiten. Wie sie nur aus ihrem abgeschirmten Glaskasten heraus, ohne die reale Welt zu erleben und zu spüren, solche vollendeten Erinnerungen kreieren kann, ist für uns Normalsterbliche ebenso unerklärlich wie die Herkunft der immer stimmigen und immer überraschenden Bilder, die Villeneuve und Deakins hier zwei Stunden und 43 Minuten lang auf die Leinwand zaubern. Und ehrlich gesagt wollen wir es auch gar nicht verstehen – es einfach nur zu genießen reicht vollkommen. „Blade Runner“ ist ein Film zum Staunen und Bewundern. „Blade Runner 2049“ ist ein Film zum Staunen, zum Bewundern und noch viel mehr…

Fazit: 
Nur selten hatte ich derart früh in einem Film das Gefühl, nicht einfach nur einen verdammt guten Blockbuster, sondern einen zeitlosen Klassiker zu sehen – und in den folgenden zweieinhalb Stunden gab es keine einzige Sekunde, die mich an meinem anfänglichen Gefühl zweifeln ließ. Daher vergebe ich 9,5 von 10 replikatorenfreie Punkte. (mk)

Samstag, 30. September 2017

ES (OV)



Facts:
Genre: Horror
Regie:  Andy Muschietti
Cast: Bill Skarsgård, Jaeden Lieberher, Finn Wolfhard

Laufzeit: 135 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
Verleih:  Warner Bros GmbH


(c) Warner Bros GmbH


Inhalt:
Die Kinder Bill Denbrough (Jaeden Lieberher), Richie Tozier (Finn Wolfhard), Eddie Kaspbrak (Jack Dylan Grazer), Beverly Marsh (Sophia Lillis), Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor), Stanley Uris (Wyatt Oleff) und Mike Hanlon (Chosen Jacobs) leben in einer Stadt namens Derry im US-Bundesstaat Maine, in der immer wieder Menschen verschwinden – sowohl Erwachsene, als auch vor allem Minderjährige. Im Laufe eines Sommers erfahren die Kinder schließlich von einer monströsen Kreatur, die Jagd auf Menschen macht und sich in die schlimmsten Alpträume ihrer Opfer verwandeln kann. Meistens tritt das Biest jedoch in Form des sadistischen Clowns Pennywise (Bill Skarsgård) auf. Die sieben Kinder wachsen nach und nach zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammen, dem „Club der Loser“, und schwören, die Kreatur zu vernichten, die Bills Bruder Georgie (Jackson Robert Scott) auf dem Gewissen hat...

Bewertung:
 Abgesehen von Pennywise ist das größte Alleinstellungsmerkmal sowohl des Romans als auch des TV-Zweiteilers die parallele Erzählweise: Die Handlung springt immer wieder zwischen den 1950ern und 1980ern hin und her, während abwechselnd geschildert wird, wie Bill und seine Freunde als Kinder und 27 Jahre später noch einmal als Erwachsene gegen Es antreten. In der Kinoadaption fällt dieser Aspekt nun ersatzlos weg, die erwachsenen Ichs der Kinder werden maximal noch in der bereits angekündigten Fortsetzung auftauchen. Stattdessen will Regisseur Muschietti „das Publikum in die Kindheit dieser Figuren eintauchen lassen, ohne die Erfahrung durch zeitliche Sprünge oder Rückblenden zu vergiften“. Nun waren auch wir im Vorfeld schon ein bisschen enttäuscht, dass ausgerechnet diese faszinierende Seite des Stoffes ausgespart wird: Glattbügeln für ein modernes Hollywoodpublikum und so… Aber im Nachhinein müssen wir zurückrudern und zugeben: Die Entscheidung war absolut richtig! „Es“ von 1990 mag ein dramaturgisch außergewöhnliches TV-Projekt sein, nur überzeugt es eben leider nicht so recht (gerade die Sachen mit den Erwachsenen enttäuschen). „Es“ von 2017 ist hingegen ein im Vergleich gewöhnlicher erzählter Horrorfilm, der dafür aber herausragend gut funktioniert.

Das liegt zunächst einmal an der hervorragenden Besetzung: Natürlich steht Tim Currys Pennywise als einer der ganz großen ikonischen Horrorfilm-Bösewichte fast schon auf einer Stufe neben Mike Myers und Jason Voorhees. Aber Bill Skarsgård  findet mit seiner Hasenzahnprothese trotzdem einen spannenden eigenen Zugang zu der Figur – sehr viel weniger campy und ironisch, dafür aber geradeheraus grauenerregend. Noch wichtiger ist allerdings der jugendliche Cast, der hier ein eingeschworenes Cliquen-Gefühl heraufbeschwört, wie wir es glaubhafter seit der ebenfalls herausragenden Stephen-King-Verfilmung „Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers“ nicht mehr auf der Leinwand erlebt haben: Neben dem längst etablierten Jaeden Lieberher beeindruckt vor allem Sophia Lillis als langsam gegen ihren Vater aufbegehrende Beverly Marsh.

Der aus Argentinien stammende Regisseur Andrés Muschietti hat seinen ersten Hollywood-Job bekommen, weil die Traumfabrik-Produzenten das titelgebende Monster in seinem Kurzfilm „Mamá“ derart beeindruckend fanden, dass sie ihm direkt eine Langfilmversion desselben Stoffes finanziert haben. Dieses Händchen für aufregend andere Kreaturendesigns zeigt sich nun auch in „Es“. Während uns die Riesenspinne aus dem TV-„Es“ allenfalls noch aufgrund ihrer miserablen Animation Albträume bereitet, begeistert die Neuauflage mit etlichen abgefahrenen Effekt-Ideen – vor allem wenn es um die Visualisierung der Kinderängste geht: So bekommt es Stan Uris etwa mit einer Kreatur zu tun, die genauso aussieht wie das gruselige impressionistische Gemälde im Büro seines strengen Rabbiner-Vaters, während Ben Hanscom von einem kopflosen Mann gejagt wird, dessen Animationen absichtlich ein wenig „stottern“, um so auf die Stop-Motion-Effekte der 1990er-Version zurückzuverweisen.

Gleich in der Eröffnungsszene mit Georgie und seinem Papierschiffchen gibt es einen abgerissenen Arm – da fragt man sich schon kurzzeitig, ob die Neuauflage jetzt ausgerechnet auf eine Extraportion Gore setzt, um die Spannungssequenzen aufzupeppen. Aber zum Glück werden solche Gewaltspitzen auch anschließend nie zum bloßen Selbstzweck eingesetzt, was wiederum nicht heißt, dass Muschietti vor ihnen zurückschrecken würde (die fontänenartige Menstruations-Metapher im Badezimmer fällt dieses Mal sogar gleich ein paar Nummern größer aus und begeistert zugleich als eine der stärksten Szenen des Films). Letztlich darf man „Es“ in Sachen (Schock-)Handwerk - von der hochwertigen Ausstattung über das effektive Sounddesign bis hin zum kreativen Design der wahr werdenden Albträume - so ruhigen Gewissens auf einer Stufe mit den bisherigen beiden „Conjuring“-Filmen von James Wan ansiedeln.

Fazit: 
Die Kino-Neuauflage von „Es“ ist nicht nur sehr viel besser als die TV-Verfilmung von 1990, sondern eine der besten Stephen-King-Adaptionen überhaupt. Jetzt sind wir extrem gespannt, ob Andrés Muschietti im zweiten Teil dann auch noch das mit der parallelen Erzählung ähnlich überzeugend hinbekommt. Dafür gibts erschreckende 8,5 von 10 Punkte. (fs)

Freitag, 22. September 2017

Kingsman 2: The Golden Circle



Facts:
Genre: Action, Komödie
Regie:  Matthew Vaughn
Cast:  Taron Egerton, Mark Strong, Colin Firth
Laufzeit: 141 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
Verleih: Fox Deutschland

 
(c) Fox Deutschland

Inhalt:
 Nachwuchsspion Gary "Eggsy" Unwin (Taron Egerton) und sein Kollege Merlin (Mark Strong) werden mit einer neuen Gefahr konfrontiert: Die skrupellose Poppy (Julianne Moore) zerstört das Hauptquartier ihrer Geheimorganisation Kingsman und hält die ganze Welt als Geisel. Doch glücklicherweise machen sie die Entdeckung, dass es noch eine weitere Spionageagentur wie die ihre gibt, die parallel in den USA gegründet wurde. Also verbünden sie sich mit der von Agent Champagne (Jeff Bridges) geleiteten Organisation Statesman, um Poppy das Handwerk zu legen und einmal mehr die Welt zu retten. Dafür müssen die britischen Spione mit ihren amerikanischen Kollegen Agent Tequila (Channing Tatum) und Agent Whiskey (Pedro Pascal) zusammenarbeiten und ihr ganzes Können aufbringen, aber zum Glück hat Eggsy ja schon jede Menge Erfahrung darin, die Welt zu retten...

Bewertung:
 „Kingsman: The Secret Service“ ist DER Meta-Spionagefilm schlechthin! „Kick-Ass“-Regisseur Matthew Vaughn stopfte seine Agentenfilm-Hommage bis zum Bersten voll mit augenzwinkernden Referenzen und doppelbödigen Sprüchen, paarte trockenen britischen Humor mit saftiger Brutalität und landete dazu den größten Besetzungscoup der jüngsten Zeit: Er machte aus Colin Firth einen überzeugenden Actionhelden - der Oscarpreisträger galt bisher förmlich als Inbegriff des stocksteifen Briten, der in „Bridget Jones“ legendär-unfähig als verkrampfter Bürohengst ausgerechnet gegen Hugh Grant im Romanzen-Duell antrat. Aber nicht nur auf diesen Überraschungseffekt muss Vaugh in seinem Sequel verzichten - vieles, was „Kingsman: The Secret Service“ so frisch und vital gemacht hat, verliert beim zweiten Mal etwas von seinem Schwung. Aber genug geschimpft: Auch wenn bei „Kingsman: The Golden Circle“ die Neuerfindung des Rades ausbleibt, gibt Vaughn seinem Publikum nach altbewährtem Fortsetzungsprinzip mehr von (fast) allem. Mehr Action, mehr Tempo, mehr Gaga-Figuren! Aber eben weniger Charme!

Das Problem der vermeintlich toten Hauptfigur bleibt über weite Strecken des Films absichtsvoll ungelöst. Colin Firth ist quasi als Geist mit gebremstem Schaum in neuer Gestalt unterwegs, während Taron Egerton als einstige Nummer zwei an vorderster Front die Kastanien aus dem Feuer holen muss. Auch äußerlich wird der neue Agent Galahad seinem Vorgänger immer ähnlicher. Obwohl die Fußstapfen schon gehörig groß sind, gibt Regisseur Vaughn die schnörkellose Flucht nach vorn als Devise aus, denn „Kingsman: The Golden Circle“ beginnt mit einer Taxiverfolgungssequenz, die sinnbildlich für den Film steht: Die Action ist atemlos knackig und wie im ersten „Kingsman“ überzogen und abgehoben, aber eben auch ein wenig zäh und zu lang - bis das innovative Ende der Taxihatz dann wieder voll überzeugt! Zumindest hier hat der Film wieder etwas Überraschendes, aus der Hüfte Geschossenes – von solcher Chuzpe kann sich selbst James Bond eine Scheibe abschneiden. Überhaupt tauchen in der Parallelwelt von Kingsman immer wieder 007-Referenzen auf - exemplarisch dafür steht das schräge Setting des Poppy-Hauptquartiers in Südamerika, das auch aus einem alten Bond-Film der 60er oder 70 Jahre hätte stammen können.

Die große Neuerung für die Fortsetzung ist die Ausweitung des (britischen) Agenten-Universums auf das US-amerikanische Pendant in Kentucky. Kingsman Goes America ist ein Culture Clash der allerfeinsten Sorte, denn die edelbezwirnten Gentlemen von der Insel müssen sich mit den hemdsärmeligen Cowboys aus Übersee zusammenraufen, was im Seite an Seite bestrittenen Weltenrettungskampf für etliche amüsante Momente sorgt - besonders befeuert von Pedro Pascal als Statesman-Agent Whiskey, der als schlagkräftiger, der 70er-Ikone Burt Reynolds verdammt ähnlich sehender neuer Partner von Eggsy für Furore sorgt. Den hintersinnigsten und gewagtesten Gag erlaubt sich Matthew Vaughn allerdings mit einem Superstar, den der Regisseur in bester „Einsame Entscheidung“-Manier genüsslich verheizt.

Macht aber nichts, auf einen Topstar in der zweiten Reihe mehr oder weniger kommt es nicht an, weil „Kingsman: The Golden Circle“ ohnehin eine halbe Busladung davon am Start hat (bis hin zu einem cool-selbstironischen Cameo von Elton John). Da ist zum Beispiel Oscarpreisträgerin Julianne Moore, die als sinistre Bösewichtin chargiert wie nie zuvor in ihrer glorreichen Karriere. Sie sitzt inmitten ihrer bonbonbunten, künstlichen 50er-Jahre-Welt im Dschungel und strebt skrupellos nach der Weltherrschaft (was sonst?!). Das ist in dieser oft makabren Überzeichnung pure Ironie. Da lässt sie einen unfähigen Lakaien am Anfang schnell mal von dessen Nachfolger wortwörtlich durch den Fleischwolf drehen und serviert dem so Beförderten anschließend einen saftigen Vorgänger-Burger als Willkommenshappen!

Bei den Schauwerten hat Matthew Vaughn noch einmal aufgesattelt, er hetzt sein Personal nach dem Start in London um die halbe Welt – über Schweden, Südamerika, die USA bis nach Italien, wo das spektakulärste Set Piece entstanden ist. In der verschneiten Winterlandschaft des Monte Bianco führt eine Seilbahn auf 3.500 Meter Höhe zu einer futuristisch erbauten (aber realen) Bergstation. Diese Szenen erinnern an das Spektakel von „James Bond 007 - Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ am Schweizer Schilthorn. Garniert wird der Seilbahn-Kampf mit einem Gaga-Moment einer irre rotierenden Gondel - in diesen mit Anlauf von jeglicher Realität losgelösten Passagen, von denen es so einige gibt, macht der Film am meisten Spaß.

Fazit: 
Während Matthew Vaughn in „Kingsman: The Secret Service“ die gängigen Agenten-Archetypen noch konsequent und mit höchster Lust pulverisiert hat, bleiben in der Fortsetzung auch ein paar Klischees unangetastet. Ein satter schwarzhumoriger Action-Kracher ist „Kingsman: The Golden Circle“ aber trotzdem allemal, was uns explosionsartige 8 von 10 Punke wert ist. (mk)