Sonntag, 25. August 2019

Gloria - Das Leben wartet nicht

pic (c) by SquareOne Entertainment



Inhalt:

Die Mittfünfzigerin Gloria (Julianne Moore) fühlt sich seit ihrer Scheidung einsam. Ihre Kinder Anne (Caren Pistorius) und Peter (Michael Cera) haben längst ein eigenes Leben - er mit seinem neugeborenen Baby, sie mit ihren Yoga-Kursen und dem heißen neuen Surfer-Freund. Gloria, die das Tanzen liebt, beginnt deswegen, auf Single-Partys überall in Los Angeles zu gehen. Tagsüber kämpft sie sich durch ihren langweiligen Alltag im Büro und nachts schlägt sie sich die Nächte um die Ohren. Bei einer dieser nächtlichen Streifzüge lernt sie Arnold (John Turturro) kennen. Zunächst scheint es für Gloria nun bergauf zu gehen, doch sie ist sich nicht sicher, ob sie ihrem neu gefundenen Glück trauen kann – vor allem als sie herausfindet, dass der ebenfalls geschiedene Arnold sie vor seinen Töchtern verheimlicht...


Bewertung: 

Schon mit der Wahl ihrer Haarfarbe macht Sebastián Lelio bewusst deutlich: Die (hier blonde) US-Gloria ist keine Kopie der chilenischen Titelheldin, sondern eine eigenständige Figur – eine begrüßenswerte Entscheidung. Der Versuch, das markante Spiel, für das Paulina García (nicht nur) in Berlin zu Recht gefeiert wurde, einfach abzupausen, wäre wohl ohnehin zum Scheitern verurteilt gewesen und einer Schauspielerin wie Julianne Moore auch irgendwie unwürdig. Gloria Bell, wie sie nun heißt, hat zwar sehr ähnliche Probleme – vor allem mit dem entscheidungsunfähigen Pantoffelhelden, der hier Arnold heißt und von John Turturro zwar mit mehr Charisma, aber genauso wenig Rückgrat verkörpert wird. Sie erlebt auch im Wesentlichen die gleiche Geschichte wie ihre chilenische Vorgängerin, aber Gloria Bell trägt nicht einfach nur eine etwas schickere Brille, sie muss sich eben auch in einem ganz anderen Setting behaupten.

Ein Merkmal dieses Settings, das Glorias Problematik noch verschärft: Mit Los Angeles bewegt sie sich in der Hauptstadt des Jugend- und Schönheitswahns, in der dem Altern ein entsprechend hoher Bedrohungswert zukommt. Mehrmals weist Lelios Drehbuch auf diesen Umstand hin: Einmal wird Gloria an der Bar von einer anderen Frau gefragt, ob sie „etwas habe machen lassen“, in einer anderen Szene verrät ihr eine Freundin den Insider-Tipp, sie müsse sich nur zeitgleich einen neuen Haarschnitt zulegen, dann würde von der Schönheits-OP niemand etwas merken. Nicht, dass Gloria derartiges geplant hätte. Trotzdem wird dank solcher Szenen der Druck deutlich, der die Mittfünfzigerin dazu verleitet, in Arnold ihre letzte Hoffnung auf ein neues Liebesglück zu sehen. Eine der ikonischen Szenen des Films (Gloria wirft vor einer tanzenden Skelettmarionette in der Fußgängerzone Geld in einen Hut) wird hier sogar unmittelbar mit einem Telefonanruf von Arnold verknüpft, auf dessen Versöhnungsversuche sich Gloria, sozusagen im Angesicht des Todes, dann doch einlässt.

Überhaupt ist in der US-Version einiges ein wenig offensichtlicher, so auch die der Figur Gloria inhärente Tragik, die Julianne Moore mit ihrem gefühlsbetonten Spiel eindeutiger herausarbeitet als Paulina García, deren subtile Darstellung immer wieder Raum für Interpretationen ließ, wie viel Verzweiflung sich denn nun wirklich hinter der starken Fassade verbirgt. Als Moores Gloria etwa ihre auswanderungswillige Tochter am Flughafen verabschiedet, sehen wir die Verlassene ihrem Kind in Tränen aufgelöst zum Gate nachblicken – eine Szene, die im Original fehlt. Das Bekenntnis zur Fragilität der amerikanischen Gloria zeigt sich auch deutlich in Lelios Entscheidung, sie vom missglückten Liebesurlaub mit Arnold nicht wie im Original von ihrer Haushaltshilfe, sondern von ihrer Mutter abholen zu lassen. Denn wenn frau Mitte 50 zurück in Mutters Schoß kriechen muss, ist der emotionale Nullpunkt unübersehbar erreicht. Dank Moores wunderbar einfühlsamer Darstellung dieser entwürdigenden Situation hat Gloria Bell allerdings selbst dann noch alle Sympathien auf ihrer Seite.

Neben der persönlichen gibt es im chilenischen Original auch eine politische Komponente, die Lelio in seinem Remake behutsam an den kulturellen Rahmen anpasst. Bei Büro- und Tischgesprächen geht es hier zum Beispiel um das Rentensystem, Waffenbesitz und den Klimawandel, während man in Chile noch unter anderem über Klassenunterschiede und die Nachwehen der Pinochet-Diktatur reflektierte. Diese politischen Momente halten sich unaufdringlich im Hintergrund und haben immer auch schlüssige Bezüge zu Glorias privater Geschichte. Dass hier in ihren privatesten Momenten deutlich weniger nackte Haut zu sehen ist, entschärft hingegen ein anderes provokatives Moment der chilenischen Version. Ein Zugeständnis an US-Sehgewohnheiten, das angesichts der ansonsten gelungenen (sprich: nicht glattbügelnden) Amerikanisierung aber kaum negativ ins Gewicht fällt.

Fazit: 

Keine bloße Kopie, sondern die nicht weniger überzeugende Geschichte einer etwas anderen Gloria, die von Julianne Moore einfühlsam und mit mehr Mut zur Tragik zum Leben erweckt wird – wenn der US-Version auch ein Stück weit das Geheimnisvolle fehlt, das die chilenische Gloria zum subtilen Faszinosum machte.   (mk)


Sonntag, 18. August 2019

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

pic (c) Walt Disney Germany



Inhalt:

Mittlerweile ist Andy aus dem Alter raus, in dem er noch mit seinen Spielzeugen spielt. Also hat er den Cowboy Woody (Originalstimme: Tom Hanks) und den Space-Ranger Buzz Lightyear (Tim Allen) an seine kleine Freundin Bonnie (Madeleine McGraw) weitergereicht, damit sie fortan ihre Fantasie mit ihnen ausleben kann. Dann aber bastelt sie in der Vorschule aus einer Gabel ein neues Spielzeug und die harmonische Idylle im Kinderzimmer ist dahin. Denn Forky (Tony Hale), so der Name des Gefährten, ist alles andere als glücklich mit seinem Leben als Spielzeug-Gabel. Er ist sich sicher, dass er kein Spielzeug ist, sondern Müll! Als die ganze Familie einen Ausflug macht, springt er kurz entschlossen aus dem Auto. Woody kann und will Forky nicht seinem Schicksal überlassen und eilt ihm hinterher. Der Cowboy will der Gabel aus seiner Identitätskrise helfen und macht sich mit ihm auf den Weg in ein aufregendes Abenteuer, bei dem sie auch auf die alte Bekannte, Bo Peep (Annie Potts) treffen. Doch Buzz will nicht auf seinen Freund Woody verzichten und begibt sich währenddessen selber auf eine Reise, um das ungewöhnliche Duo aufzuspüren...

Bewertung:

„A Toy Story“ beginnt mit einem Blick neun Jahre zurück in die Vergangenheit: In einer stürmischen Nacht muss Woody mit ansehen, wie die Schäferin Bo Peep (die in „Toy Story 3“ gar nicht vorgekommen ist, aber jetzt wieder eine ganz zentrale Rolle spielt) in einem Umzugskarton abtransportiert wird. Allerdings legt diese Rückblende nicht nur den emotionalen Grundstein für das neue Abenteuer, sie lässt auch direkt zum Auftakt keinerlei Zweifel daran, dass Pixar in animationstechnischer Hinsicht auch diesmal wieder mit der Konkurrenz den Boden aufwischt. Wenn sich hier ein ferngesteuertes Auto mit aller Kraft dagegen wehrt, vom Schlamm und Laub davongeschwemmt zu werden, dann ist das zwar schon ziemlich dramatisch – aber der Mund steht einem nicht wegen der waghalsigen Rettungsaktion offen, sondern wegen der puren visuellen Brillanz. Immer wenn man glaubt, dass Ende der Fahnenstange sei aber langsam mal erreicht, kommt Pixar daher und macht noch einmal einen riesigen Sprung nach vorne.


Aber gut, alles andere wäre speziell der für ihre tricktechnischen Quantensprünge berüchtigten „Toy Story“-Reihe auch einfach nicht würdig gewesen. Die viel drängendere Frage war dann im Vorfeld auch, ob die Macher nach dem Abschluss der Andy-Trilogie tatsächlich noch etwas Neues zu erzählen haben – zumal es in „A Toy Story“ um einen Roadtrip geht und Roadtrips ja auch gerne mal als dramaturgisches Allheilmittel verwendet werden, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Aber keine Sorge, „A Toy Story“ ist bis obenhin vollgestopft mit weisen, cleveren, inspirierenden und zu Herzen gehenden Themen und Subplots, die auch locker für eine ganze Handvoll Filme gereicht hätten – von Forkys existenzieller Sinnkrise über Bo Peeps selbstbestimmte Lebensweise bis hin zu einem tragischen Bösewicht, dem man am Ende tatsächlich beide Daumen drückt.

Sowieso erweisen sich speziell die neuen Figuren als absolute Knaller: Die Pläne von Bunny (Jordan Peele) und Ducky (Keegan-Michael Key), mit denen sie eine greise Antiquitätenkrämerin überwältigen wollen, sind etwa dermaßen genial-gaga, dass man den leicht psychotischen, an den Händen zusammengenähten Jahrmarktstofftieren einfach nicht böse sein kann. Der andauernd posende kanadische Stuntman Duke Caboom (großartig: Keanu Reeves) ist ein ebenso zuverlässiger Gaglieferant wie Forky, nur dass die Pointen mit der lebensmüden Plastikgabel naturgemäß eine ganze Ecke trockener ausfallen. Nachdem die Reihe speziell in „Toy Story 2“ ja schon auf allerlei Western- und Science-Fiction-Einflüsse gesetzt hat, lassen die aus den 1950ern stammende Gabby Gabby (Christina Hendricks) und ihre Bauchrednerpuppen-Armee „A Toy Story“ zudem immer mal wieder in Richtung eines betont altmodischen Horrorkinos kippen. Das Ergebnis sind einige vor allem auch visuell herausragende Sequenzen (der torkelnde Gang der Bauchrednerpuppen ist göttlich).

Trotz der zahlreichen neuen Figuren erzählt „A Toy Story“ – noch viel mehr als die Vorgänger – aber in erster Linie die Geschichte von Woody. Bisher wusste der geborene Anführer immer, was zu tun ist – nämlich alles, um Andy beziehungsweise Bonnie glücklich zu machen und vor Unheil zu bewahren. Wie es eben die Aufgabe eines Spielzeugs ist. Aber was kommt danach? Auch in dieser Hinsicht erweist sich „A Toy Story“ als erstaunlich weise, angenehm tiefe Erzählung – und so kullern einem dann in den finalen 20 Minuten, nachdem sich der Film im Mittelteil vor allem als temporeicher Spaß erwiesen hat, doch noch die von der Reihe gewohnten Tränen über die Wange. Da lässt es sich dann auch gleich viel leichter verkraften, dass dafür einige der alten Stars (allen voran natürlich Buzz Lightyear, der sich diesmal mit einem Running Gag über seine innere Stimme zufriedengeben muss) ins zweite Glied zurücktreten müssen.

Fazit: 

Das vierte Meisterwerk in Folge. Das hat auf diesem immens hohen Niveau wohl noch keine andere Filmreihe zuvor geschafft. (mk)

Samstag, 17. August 2019

Once Upon A Time... In Hollywood

pic (c) Sony Pictures Germany



Inhalt: 

1969: Die große Zeit der Western ist in Hollywood vorbei. Das bringt die Karriere von Western-Serienheld Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) ins Straucheln. Der Ruhm seiner Hit-Serie „Bounty Law“ verblasst mehr und mehr. Gemeinsam mit seinem Stuntdouble, persönlichen Fahrer und besten Freund Cliff Booth (Brad Pitt) versucht Dalton, in der Traumfabrik zu überleben und als Filmstar zu neuem Ruhm zu gelangen. Als ihm Filmproduzent Marvin Schwarz (Al Pacino) Hauptrollen in mehreren Spaghetti-Western anbietet, lehnt Rick ab – er will partout nicht in Italien drehen und von dem Sub-Genre hält er auch nichts. Stattdessen lässt er sich als Bösewicht-Darsteller in Hollywood verheizen und wird regelmäßig am Ende des Films von jüngeren, aufstrebenden Stars vermöbelt. Während die eigene Karriere stockt, zieht nebenan auch noch der durch „Tanz der Vampire“ und „Rosemaries Baby“ berühmt gewordene neue Regiestar Roman Polanski (Rafal Zawierucha) mit seiner Frau, der Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie), ein. Derweil will Cliff seinem alten Bekannten George Spahn (Bruce Dern) einen Besuch in seiner Westernkulissenstadt abstatten. Dort hat sich inzwischen die Gemeinde der Manson-Familie eingenistet. Mit Pussycat (Margaret Qualley) hat der Stuntman schon Bekanntschaft gemacht…

Bewertung:

Stand am Anfang der Berichterstattung über das Projekt die Geschichte des Manson-Kults im Fokus, entpuppt sich dieses vermeintliche Zentrum des Films nun als Nebenhandlung. „Once Upon A Time In… Hollywood“ ist so auch viel weniger spannend, als es zu erwarten war, sondern vor allem sehr, sehr lustig. Tarantino teilt mächtig aus, vor allem gegen die „Fucking Hippies“ (Zitat Rick Dalton), die bei jeder Gelegenheit ihr Fett wegbekommen und beschimpft werden. Die gewohnt brillant-lässigen Dialoge sind derbe, aber es schwingt durchweg ein entwaffnender und trockener Humor mit. Und dafür braucht der für seine kultigen Dialoge bekannte Tarantino gar nicht immer große Worte. Wenn ein neuer Regisseur Rick Dalton altes Image als Westernheld unter einer Hippie-Matte verschwinden lassen will, reicht ein kurzer Blick auf DiCaprios mürrisches Gesicht: Das ist nämlich einfach nur köstlich.

Meist ist für den Humor aber Brad Pitt („Inglourious Basterds“) zuständig. Als schlagkräftiger Stuntman Cliff Booth, der nicht nur seinen Boss beschützt, sondern auch für seinen zwielichtigen Ruf gefürchtet wird, avanciert er sofort zum absoluten Publikumsliebling. Pitt hat die meisten Lacher auf seiner Seite, weil er lakonisch über den Dingen steht und austeilt, wenn es nötig ist. Eine bereits in den Trailern angedeutete Begegnung von Booth mit Kampfsportlegende Bruce Lee (Mike Moh) ist dann auch das Highlight in diesem an Highlights nicht armen Film – eine schlicht herausragend lustige Sequenz. Leonardo DiCaprio („Django Unchained“) hat als weinerlicher Rick Dalton zwar die undankbarere, weil weniger coole Rolle, meistert diese aber ebenso überragend, weil er eine größere Bandbreite an Emotionen zeigen darf. Sein Rick Dalton ist ein zerbrechlicher, manischer Charakter mit Selbstzweifeln, die er immer wieder zur Seite schieben will.

Die beiden herausragenden Hauptdarsteller haben einen großen Anteil daran, dass es keinen großen Plot braucht, sondern es auch einfach so einen Heidenspaß macht, zwei Jungs zuzusehen, wie sie auf der Suche nach einer Zukunft durch Hollywood irrlichtern und dabei einfach nicht von ihrer Vergangenheit loskommen. Dazu kommt natürlich Quentin Tarantinos meisterliche Inszenierung: Ohne Rücksicht auf historische Genauigkeit erschafft er mit exquisiten Sets seine ganz eigene Version der Traumfabrik im Jahr 1969, die er - mit einem tollen 60er-Jahre-Soundtrack unterlegt - von seinem Stammkameramann Robert Richardson zum Leben erwecken lässt. Die eleganten 35mm-Bilder des dreifachen Oscarpreisträgers passen perfekt zur damaligen Zeit. Und natürlich dürfen ein paar der für den Regisseur so typischen inszenatorischen Kabinettstückchen wie kurz-knackige Rückblenden, die auf den Punkt Argumente in einem Dialog unterstreichen, nicht fehlen.

„Once Upon A Time... In Hollywood“ ist so natürlich auch die Liebeserklärung eines Kinoverrückten. Und ein solcher Film über das große Hollywood braucht selbstverständlich eines der größten Staraufgebote, das nur denkbar ist. Deswegen bietet der Cast neben den zentralen und alles bestimmenden DiCaprio und Pitt sowie Margot Robbie („I, Tonya“), die auch noch etwas mehr Leinwandzeit hat und optisch perfekt Sharon Tate verkörpert, noch eine lange Liste namhafter Akteure. Teilweise laufen diese Top-Schauspieler nur einmal kurz durchs Bild. Das mag wie ein reiner Marketinggag oder pure Dekadenz wirken, doch oft haben gerade diese Mini-Auftritte, in denen zum Beispiel Kurt Russell eine Szene stiehlt oder Damian Lewis („Homeland“) die Leinwandikone Steve McQueen spielt, schon ihren Sinn, weil so selbst Kleinigkeiten an Wichtigkeit gewinnen. 

Immer wieder streut Tarantino nicht nur solche überraschenden Auftritte, sondern auch andere, einfach aus der Hüfte geschossen kleine amüsante Gimmicks ein. Diese Momente, in denen zum Beispiel der durchtrainierte Cliff Booth seine Fähigkeiten unter Beweis stellt, tragen oft überhaupt nichts zur Handlung bei, sind aber unerwartet, lässig und vor allem lustig. Das daraus resultierende Aufbrechen einer klassischen storygetriebenen Narration ist in dem satte 161 Minuten langen „Once Upon A Time... In Hollywood“ Konzept: Der Filmemacher schafft durch solche Momente eine außergewöhnliche Atmosphäre, die immer ein bisschen drüber ist, gerade dadurch aber eine rauschhafte Wirkung entfaltet, der man sich nicht entziehen kann.


 
Fazit: 

Quentin Tarantino enttäuscht mit „Once Upon A Time... In Hollywood“ eine ganze Reihe von Erwartungen und liefert gerade deswegen seinen überraschendsten Film. Brad Pitt und Leonardo DiCaprio brillieren dabei als jetzt schon ikonisches Duo in einer mit Filmzitaten gespickten, superlustigen, grandios gespielten, meisterhaften Thriller-Groteske, bei der 161 nostalgische Minuten wie im Flug vergehen - und die letzten 15 davon sind so ziemlich das Unterhaltsamste, was es seit längerem zu sehen gab. (mk)

Freitag, 9. August 2019

Photograph - Ein Foto verändert ihr Leben für immer

pic (c) by NFP


Inhalt: 

Der arme Straßenfotograf Rafi (Nawazuddin Siddiqui) ist immer an Mumbais berühmtesten Wahrzeichen dem „Gate to India“ anzutreffen. Dort fotografiert er nichts ahnende Touristen, schüchterne, frisch verliebte Paare und glückliche Familien. Mit seinen wenigen Ersparnissen unterstützt er seine Großmutter, die ihn ständig dazu drängt, endlich eine Frau zum Heiraten zu finden. Eines Tages droht sie, ihre Medikamente abzusetzen, sofern er weiter alleine bleibt. Als Antwort darauf schickt Rafi ihr das Foto einer jungen Frau, das er auf der Speicherkarte seiner Kamera gefunden hat. Es dauert nicht lange und seine Großmutter lässt ihn wissen, dass sie sich darauf freue, seine Freundin bald kennenzulernen. Somit bleibt dem Fotografen nicht viel Zeit, um die unbekannte Frau zu finden. Miloni (Sanya Malhotra) ist eine ausgezeichnete Studentin und lebt das völlig gegenteilige Leben von Rafi. Denn sie wohnt nicht im Mumbai der Arbeiterklasse, sondern in der aufstrebenden Mittelklasse der Stadt. Auch sie soll bald heiraten, doch bei dem Unterfangen stellt sich Miloni nicht sehr geschickt an. Als sich die Wege der beiden Außenseiter kreuzen, entwickelt sich eine Liebesgeschichte, wie sie nicht stattfinden dürfte ...


Bewertung: 

In der großartigen „Die Simpsons“-Episode „Hochzeit auf Indisch“ von 1997 gerät der dauerschuftende Kwik-E-Mart-Verkäufer Apu Nahasapeemapetilon in Bedrängnis: Seine in Indien lebende Mutter, die die Heirat von Apu und seiner späteren Gattin Manjula schon vor vielen Jahren festgelegt hat, kommt überraschend zu Besuch nach Springfield – der Workaholic hat aber (noch) gar keine Lust darauf, sein Junggesellendasein aufzugeben und auf Drängen seiner Mutter eine Frau zu heiraten, die er zuletzt im Kindesalter gesehen hat. Ob Regisseur und Drehbuchautor Ritesh Batra die spaßige Folge aus der neunten Staffel der US-Zeichentrickserie inspiriert hat, ist nicht überliefert, doch seine Geschichte schlägt zunächst einen ganz ähnlichen Kurs ein: Während bei den „Simpsons“ Homers Frau Marge der angereisten Mutter als vermeintliche Lebensgefährtin präsentiert wird, ist es in „Photograph“ die junge Miloni, die die störrische Großmutter Dadi (köstlich: Farrukh Jaffar, „Was werden die Leute sagen“) hinters Licht führen soll. Die Basis für ein amüsantes Verwirrspiel ist damit gelegt – doch lässt sich Dadi ebenso wenig täuschen wie ihr Zeichentrickpendant und stiehlt mit ihrer herrisch-dominanten, aber doch liebenswerten Art anfangs jede Szene, in der sie zu sehen ist.

„Photograph“ ist aber keiner dieser (auch im Hollywood-Kino häufig zu findenden) Filme, die pausenlos Gags aus dem fortgeschrittenen Alter einer Figur generieren und bis zum Schluss nur auf leicht verdiente Lacher abzielen: Im Mittelteil der Geschichte rückt die knuffige Dadi zunehmend in den Hintergrund, weil Batra gekonnt die ungleichen Lebensumstände von Rafi und Milona herausarbeitet und sich auf deren ungewöhnliche Beziehung zueinander konzentriert. Dabei prallen im Herzen von Mumbai zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite der mit allen Wassern gewaschene Rafi, der am Gateway Of India täglich Touristen anquatscht und seine eigene Großmutter belügt, auf der anderen Seite die in behüteten Verhältnissen aufwachsende Miloni, die auf Wunsch ihrer Eltern die Universität besuchen soll – obwohl sie sich eigentlich nach einem ruhigen Leben fernab der Metropolen sehnt, in die heutzutage nicht nur nicht nur im bevölkerungsreichsten Land der Welt so viele Menschen ziehen, weil dort besser bezahlte Jobs und eine moderne Infrastruktur winken.

Batra lässt seine beiden Hauptfiguren diese Diskrepanz jedoch selten verbalisieren – wenn die schüchterne Miloni Abend für Abend gedankenverloren mit traurigem Blick am Schreibtisch sitzt und schon nach ihrem ersten Straßensnack Magenprobleme bekommt, sind aber auch gar keine weiteren Worte nötig. Dieser zurückgenommene Erzählstil, der über weite Strecken auch „Lunchbox“ kennzeichnete, ist ebenso charakteristisch für „Photograph“, weil der Filmemacher seine Botschaften zwischen den Zeilen transportiert und statt entlarvender Dialoge lieber auf leise Töne, fast beiläufig eingeflochtene One-Liner und präzise Beobachtungen setzt. Die Trennung zwischen Indiens Ober- und Unterschicht wird für den Zuschauer dennoch konkret greifbar, wenn Dadi bei ihrem pausenlosen Gemecker über ihren noch unverheirateten Enkel auch dessen dunklen Teint thematisiert, die Haushälterin in Milonis Familie wortlos ihre Schlafmatte auf dem Fußboden ausrollt oder Rafi mit einer unbedachten Äußerung einen allzu redseligen Taxifahrer verletzt, der sich in seiner Ehre als Navigator durch den Verkehrsdschungel gekränkt fühlt.

Ein wirklich mitreißender Film ist „Photograph“ unter dem Strich aber nicht geworden, weil sich das ganz große Gefühlskino nicht einstellen will und Batra an einigen Stellschrauben der Handlung den Faktor Zufall etwas überstrapaziert. Dafür überzeugt sein Film aber als feinfühlige Kreuzung aus bittersüßer Romanze und humorvoll angehauchtem Großstadtporträt, das Indiens Alltag ähnlich scharf ablichtet wie die Bilder aus Rafis Sofortbildkamera – und zugleich noch riesige Neugier darauf weckt, wie wohl die „Campa Cola“ schmeckt, die durch die übermächtige Brausekonkurrenz aus den USA nach der Jahrtausendwende vom indischen Markt verschwunden ist. Zwischen hupenden Rollerfahrern, dampfenden Garküchen und quietschbunt ausgestatteten Einkaufsläden löst sich „Photograph“ von den ausgetretenen Pfaden des Genres und überzeugt als sympathischer Gegenentwurf zum kitschigen Bollywood-Kino oder Hollywoodschnulzen nach Schema F – ein dramaturgischer Ansatz, der in der letzten Filmszene sogar noch ironisch aufgegriffen wird.

Fazit: 

Mit der Rückkehr nach Mumbai knüpft der indische Filmemacher Ritesh Batra erfolgreich an sein vielgelobtes Debüt „Lunchbox“ an – „Photograph“ ist eine präzise beobachtete Kreuzung aus feinfühliger Romanze und sozialkritischem Großstadtporträt. (mk)

Freitag, 19. Juli 2019

Der König der Löwen (2019)


(c) Walt Disney Germany




Inhalt:

Die Tiere Afrikas sind überglücklich, als mit dem Löwenjungen Simba (im Original gesprochen von JD McCrary) der zukünftige König der Savanne geboren wird. Als Sohn von Mufasa (James Earl Jones) gehört diesem nämlich der rechtmäßige Thron. Doch Mufasas Bruder Scar (Chiwetel Ejiofor) erhebt seinen Anspruch und erschleicht ihn sich auf tückische Weise, woraufhin Simba ins Exil verbannt wird und seine Freundin Nala (Beyoncé Knowles-Carter) verlassen muss. Mit dem quirligen Erdmännchen Timon (Billy Eichner) und dem lebensfrohen Warzenschwein Pumbaa (Seth Rogen) findet Simba aber neue Freunde und Wegbegleiter, die ihm helfen, trotz der schweren Zeit unbeschwert heranzuwachsen. Doch seine Vergangenheit lässt ihn nicht los und als junger Löwenmann erkennt Simba (nun gesprochen von Donald Glover), dass er in die Steppe zurückkehren und den Kampf mit Scar aufnehmen muss, um seinen rechtmäßigen Platz auf dem Thron zurückzuerobern.


Bewertung:

Mal ganz ohne die rosarote Brille der nostalgischen Verklärung betrachtet: Disneys „Der König der Löwen“ war im Grunde ja schon 1994 ein erzählerischer Anachronismus, schließlich lautet die erzkonservative Moral des Märchens doch, seinen von der gesellschaftlichen Ordnung vorbestimmten Platz im Leben einzunehmen, statt – wie der heranwachsende Löwe Simba – auf die Verantwortung zu pfeifen und lieber mit seinen tierischen Hippie-Freunden „Hakuna Matata“ trällernd durch die Savanne zu streunen. Auch ein Vierteljahrhundert später bleibt die Ordnung im Tierreich stabil: Was Tradition ist, wird schon stimmen, individuelle Freiheit kann hingegen nur eine vorübergehende Phase sein. Scar ist und bleibt der unbestrittene Verlierer und Bösewicht, Simba und Mufasa bewegen sich mit unbestreitbarem Recht auf der Sonnenseite der Macht, weil sie nicht nur die Starken, sondern auch die Guten sind.

Das alles störte damals (fast) niemanden und das wird es auch heute nicht tun. Denn ihre beruhigende Zeitlosigkeit zieht die Geschichte nicht zuletzt daraus, dass sie ausschließlich im Tierreich spielt, wo eben trotz aller realen gesellschaftlichen Umbrüche, die sich in der Welt der Menschen über die Jahre so abspielen, zumindest scheinbar alles beim Alten bleibt. Und so hält sich Jon Favreau in seiner Neuauflage sehr zur Freude der Disney-Nostalgiker-Front ganz eng an die Originalstory und meidet mit allen Mitteln, sich auf das Glatteis einer erzählerischen Modernisierung zu begeben. Hier wird Nala ganz sicher keinen Song über die Gleichberechtigung der Löwinnen anstimmen, wie es zuletzt noch in ganz ähnlicher Form Prinzessin Jasmin im „Aladdin“-Update getan hat.

Hypermodern dagegen sind die Methoden, mit denen die alten Lieblinge in dieser neuen Version zum Leben erweckt werden. Favreau und sein Team bedienten sich dazu einer speziellen VR-Technik, die sonst vor allem im Game-Design zum Einsatz kommt und mit der der „Iron Man“-Regisseur bereits bei der Arbeit an „The Jungle Book“ experimentierte. So ist ihm und seinen Animatoren nun das erstaunliche Kunststück gelungen, die Tiere derart fotorealistisch darzustellen, dass Kommentatoren nach den ersten veröffentlichten Bildern zunächst noch darüber spekulierten, ob es sich beim neuen „Der König der Löwen“ nicht womöglich doch um einen Realfilm handeln könnte. Die Optik ist dann auch das eine Feld, wo man sich zwar notgedrungen (lässt sich beim Fotorealismus schließlich schlicht nicht vermeiden), dann aber doch voller Selbstbewusstsein von der Vorlage entfernt hat.

Das wohl größte Wagnis ging Favreau dabei tatsächlich mit der doch sehr stark vom Zeichentrick-Original abweichenden Optik des hinterhältigen Widersachers Scar ein. Mit räudiger Mähne, dem fast leichenhaft farblosen Fell und den eingefallenen Flanken wirkt der Schurke hier kaum noch wie ein aristokratischer Antagonist, sondern vielmehr wie ein unheimlicher, unwürdiger Schatten des großen und edlen Mufasa. Und das ist es ja im Grunde auch, was die Essenz dieser Figur ausmacht, die Favreau nun mit seiner ästhetischen Entscheidung durchaus stimmig betont. Ganz nebenbei wird übrigens auch (endlich) das Geheimnis gelüftet, woher Scar eigentlich seine auffällige Narbe hat – das ist natürlich Fanservice, aber sehr gut gemachter, weil er den Charakter von Scar tatsächlich noch einmal weiter ausbaut, statt einfach nur ein vermeintliches Storyloch zu stopfen.

Auch die Sympathieträger haben nicht länger die Disney-typisch idealisierte Optik wie im Animationsfilm. Gerade den erwachsenen Löwen fehlt diesmal jeglicher süßer Kuscheltier-Anstrich, stattdessen sehen wir vor Kraft strotzende Tiere, bei denen selbst Rippen und Adern bei bestimmten Bewegungen zu erkennen sind. Besonders mutig ist Favreau bei der Darstellung der Löwinnen unter der Schreckensherrschaft Scars und seiner Hyänen-Entourage. Wenn die vorher noch so majestätischen Tiere nun völlig ausgezehrt sind und ihr Fellkleid schon ins gräuliche geht, nehmen sie selbst beinahe schon hyänenhafte Züge an und nähern sich so optisch den Fieslingen immer mehr an. Das Hyänen-Rudel um die sowohl in der deutschen als auch der englischen Fassung von „Black Panther“-Star Florence Kasumba gesprochene Shenzi selbst hätte dagegen durchaus noch konsequenter auf fies getrimmt werden können – und zwar optisch wie auch in der Sprache. Ihr irres Kichern ließ uns damals im Animationsfilm noch deutlich mehr schaudern.

Trotz des zumindest visuell naturalistischen Ansatzes bleibt „Der König der Löwen“ natürlich weiterhin ein Familienfilm – und so werden auch diesmal wieder Kinder- und Erwachsenenherzen mit knuffigen Tieren geöffnet: So verliebt man sich auch hier sofort in das Löwenbaby Simba, wenn es in der legendären Anfangssequenz von Medizinmann Rafiki (John Kani) der in Scharen zum Königsfelsen gepilgerten Tierwelt und so auch dem Zuschauer präsentiert wird. Die Tiere so darzustellen, wie sie auch in der Realität aussehen, ist nämlich zum Glück nicht der von einigen Fans befürchtete Stimmungskiller – ganz im Gegenteil: Selten hat man in einem Film (inklusive der „Phantastische Tierwesen“-Blockbuster) derart putzige Fauna gesehen.

Darunter finden sich auch einige Bewohner des afrikanischen Kontinents, die im Original nicht vorkamen, wie zum Beispiel ein überaus possierlicher Rüsselspringer. Und auch dem anarchischen Charme von Erdmännchen Timon (Billy Eichner) und Warzenschwein Pumbaa (Seth Rogen) kann das fotorealistische Fellkleid nichts anhaben. Für Fans von Publikumsliebling Pumbaa halten die Macher sogar eine besonders überraschende Neuerung bereit, von der wir hier aber nicht mehr verraten wollen, als dass sie etwas mit dem kultigen Feelgood-Ohrwurm „Hakuna Matata“ zu tun hat.

Im Vorfeld der Neuverfilmung wurde durchaus kontrovers diskutiert, dass Favreau „Der König der Löwen“ komplett am Computer wiederauferstehen lässt. So stammen nicht nur die Tiere, sondern auch alle Landschaften aus dem Rechner. Doch wer glaubt, dies würde sich als Problem erweisen, wird vom Film eindrucksvoll eines Besseren belehrt: Die überwältigend animierten Landschaften setzen neben den Figuren ebenfalls neue Maßstäbe – und dabei spielt es keine Rolle, ob Favreau und sein Team uns große Panoramaansichten präsentieren oder auch noch den kleinsten Grashalm fühlbar vibrieren lassen. So verschwindet die technische Maschinerie hinter diesem Wunder schon nach wenigen Sekunden aus der Wahrnehmung des Zuschauers. Bilder zum Staunen und große Emotionen verdrängen jeden Gedanken an irgendwelche CGI-Effekte, das hat schon den Zeichentrickklassiker von 1994 ausgemacht und diese Magie verströmt nun auch die Neuauflage.

Dass „Der König der Löwen“ einer der allerbesten Disneyfilme ist, liegt auch an der legendären Filmmusik von Hans Zimmer sowie den Songs von Elton John und Tim Rice. Beides erklingt in der Neuauflage in neuem Glanz. Die Songs des Originals sind allesamt auch hier enthalten, darunter selbstverständlich die Klassiker „Circle Of Life“, „Hakuna Matata“ und das oscarprämierte Liebeslied „Can You Feel The Love Tonight“, die allesamt nur leicht verändert wurden. Lediglich Scars Lied „Be Prepared“ wurde etwas zusammengeschrumpft, was durchaus ein kleiner Wermutstropfen ist. Mit „Spirit“ gibt es derweil einen zusätzlichen Song von Nala-Sprecherin und Pop-Superstar Beyoncé, der tatsächlich nicht unbedingt nötig gewesen wäre (außer für die kommende Oscar-Saison, wo eben nur neugeschriebene Songs nominiert werden können).

 
Fazit: 
Mit großer erzählerischer Vorsicht, aber dafür umso mehr technischem Mut setzt Jon Favreau mit dem bisher besten der aktuellen Disney-Remakes neue Maßstäbe im Animationskino, ohne dabei (allzu viel) vom unerreichbaren Charme des Originals einzubüßen.  

 
Text (c) by MK

Freitag, 5. Juli 2019

Spider-Man - Far from Home


(c) Sony Pictures Germany




Inhalt:

Peter Parker (Tom Holland) a. k. a. Spider-Man geht zusammen mit seinen besten Freunden Ned (Jacob Batalon) und MJ (Zendaya), dem nervigen Flash (Tony Revolori) und dem Rest der Bande auf Klassenfahrt nach Europa. Peters Plan, den Superhelden für ein paar Wochen hinter sich zu lassen, wird jedoch schnell wieder verworfen, als der Trip von Nick Fury (Samuel L. Jackson) und seinen Agenten unterwandert und gekapert wird. Spider-Man soll ihnen dabei helfen, die mysteriösen Angriffe gefährlicher, aus Elementen bestehender Monster aufzuklären. Fury und seine rechte Hand Maria Hill (Cobie Smulders) haben für den Kampf bereits außerirdische Verstärkung im Gepäck: Mysterio (Jake Gyllenhaal), der seinem Namen alle Ehre macht, hat seine Heimat an die Kreaturen verloren und schwört Rache. Außerdem nimmt er den nach den Ereignissen aus "Avengers 4" noch immer aufgewühlten und führungslosen Peter Parker unter seine Fittiche. Gemeinsam verfolgen sie die Angreifer quer durch Europa und landen dabei unter anderem in Venedig, Prag, London und Berlin.


Bewertung:

Das MCU ist ja bekannt dafür, immer mal wieder die verschiedensten Genres aufzugreifen – vom klassischen Kriegsfilm („The First Avenger“) über einen 70er-Jahre-Politthriller („The Return Of The First Avenger“) bis hin zu postmodernem Sci-Fi-Klamauk („Thor 3“). Und jetzt ist eben das ur-amerikanische Genre der Highschool-Komödie an der Reihe – nur dass der Lümmel aus der ersten Bank hier eben zugleich mit der schweren Last der Verantwortung ringt, ob er nun um seine große Liebe kämpfen oder doch besser (schon wieder) den Planeten retten sollte. Das fühlt sich natürlich längst nicht so welterschütternd an wie manch früherer MCU-Film, funktioniert aber trotzdem erstaunlich gut. Das liegt vor allem an a) der herausragenden Chemie zwischen Tom Holland und Zendaya sowie b) den umwerfend komischen Co-Stars von Jacob Batalon und Angourie Rice als unwahrscheinliche Turteltäubchen bis Martin Starr und J.B. Smoove als überforderte Pädagogen.

Zu den immer wieder im Sekundentakt zündenden Pointen kommen ein paar ikonische Schauplätze vom Markusplatz in Venedig bis zu einer Berghütte in den österreichischen Alpen, gewürzt mit einer Handvoll grundsolider Actionsequenzen, in denen Spider-Man (in Europa undercover als Night Monkey) und Mysterio gemeinsam gegen Wassermonster und Feuerungeheuer kämpfen. Kann man alles absolut so machen. Sagen wir mal: Gute 3,5 FILMSTARTS-Sterne und etwas, über das sich nach dem „Endgame“-Paukenschlag wohl niemand nachdrücklich beschweren würde. Ein charmanter MCU-Spaß für zwischendurch, ein Superheld auf romantischer Mission; ein bisschen was fürs Herz mit der Action, die in einem Comic-Blockbuster eben einfach nicht fehlen darf. Ein guter, aber längst nicht an der Spitze mitspielender MCU-Film. Aber Pustekuchen!

Denn nach einem „Twist“, von dem ab der ersten Minute jeder weiß, dass er kommt, den wir an dieser Stelle aber natürlich trotzdem nicht verraten werden, feuert „Far From Home“ plötzlich aus allen Zylindern. Zwar fällt das Lüften des Plans noch etwas ausführlich aus (er ist aber auch wirklich kompliziert), doch dann folgt auch sofort eine echte Überraschung auf die nächste. Die (alptraumartigen) Actionsequenzen inklusive einem gleichermaßen kreativen wie epischen Finale an der Londoner Tower Bridge stellen nicht nur alles in der ersten Hälfte Dagewesene locker in den Schatten, sondern zählen sogar zu den bisher stärksten Set-Pieces des gesamten MCU. Gab es zuvor doch die eine oder andere kleine Länge, gerade wenn man auf die romantische Liaison zwischen Peter und MJ nicht hundertprozentig einsteigt, bleibt einem ab hier überhaupt keine Zeit mehr zum Luftholen. Uns fällt jetzt zumindest kein zweiter Marvel-Blockbuster ein, der sich über seine Laufzeit hinweg derart krass gesteigert hat.

Und dann gleich noch die nächste positive Überraschung: Auch mit seinen zwei Abspannsequenzen setzt „Spider-Man: Far From Home“ einen völlig neuen Standard: Wo normalerweise der nächste MCU-Film angeteasert oder noch ein netter kleiner Gag nachgeschoben wird, nutzen die Marvel-Masterminds die zwei kurzen Extraszenen dieses Mal, um alles gerade Gesehene in Frage zu stellen und im selben Moment das „Spider-Man“-Universum in seinen Grundfesten zu erschüttern. Vor „Far From Home“ mag man sich mehr Zeit gewünscht haben, um sich erst einmal angemessen von den Auswirkungen von „Avengers 4: Endgame“ zu erholen. Nach den Abspannszenen kann man es hingegen kaum noch abwarten, endlich MCU-„Spider-Man 3“ auf der großen Leinwand zu sehen. Dass man darauf jetzt volle zwei Jahre warten soll, ist eine wahre Horrorvorstellung.

 
Fazit: 
Auf eine charmant-unterhaltsame erste folgt in „Spider-Man: Far From Home“ eine mit hochtourigen Überraschungen und kreativen Einfällen bis zum Rand vollgestopfte zweite Hälfte. So fühlt sich selbst der 23. MCU-Blockbuster absolut frisch an.


Text (c) by MK

Samstag, 29. Juni 2019

Pets 2


(c) Universum Pictures Germany



Inhalt:

Kaum verlassen die Menschen früh morgens ihr Zuhause, um in die Arbeit, in die Schule oder zum Einkaufen zu gehen, geht es in ihren Wohnungen auch schon drunter und drüber – denn dann haben ihre tierischen Mitbewohner sturmfrei. Hund Max (gesprochen von Jan Josef Liefers) und seine Kumpanen haben allerdings nicht nur Spaß, sondern auch neue Sorgen, als im Tumult der Großstadt sowie beim Familienurlaub auf dem Land ein Menschensprössling gehütet werden soll. Und als wäre das noch nicht genug, verliert die Spitz-Dame Gidget (Jella Haase) auch noch Quietschebienchen, Max‘ über alles geliebtes Spielzeug, an eine Horde neurotischer Katzen! Während sie sich auf eine gefährliche Undercover-Rettungsmission begibt, will auch Kaninchen Snowball (Fahri Yardım) für das Gute eintreten. Als Superheld Captain Snowball hat er es sich gemeinsam mit Shih-Tzu Daisy (Senna Gammour) zum Ziel gesetzt, einen weißen Tiger aus den Fängen eines fiesen Zirkusbesitzers zu befreien.


Bewertung:

Das Konzept der Illumination-Studios hebt sich deutlich von der schwergewichtigen Konkurrenz ab: Während bei Disney, Pixar und DreamWorks animationstechnisch herausragende Meilenstein-Werke wie „Findet Dorie“, „Vaiana“ oder „Drachenzähmen leicht gemacht 3“ für bis zu 200 Millionen Dollar und mehr produziert werden, setzt Illumination auf moderate Budgets um die 70 bis 80 Millionen Dollar. Die Filme sind aber – und das ist der Clou – an der Kinokasse oft ähnlich erfolgreich wie die doppelt bis dreifach so teuren Konkurrenzproduktionen. So spielte etwa der nur 75 Millionen Dollar teure Vorgänger „Pets“ weltweit satte 875 Millionen Dollar ein, weil es der Hauptzielgruppe der Kinder herzlich egal ist, ob der Film technisch state of the art ist und sie sich sowieso nicht um nicht die Meinung von erwachsenen Kritikern scheren (die Rezensionen zu „Pets“ waren eher durchwachsen). Die Geschichte muss knuffige Helden haben, zu Herzen gehen und vor allen Dingen einen grandios-knackigen Trailer haben. Und all das trifft auch auf „Pets 2“ zu, weshalb gerade die jüngeren Kinogänger auch hier wieder ihren Spaß haben werden.

Aber nicht nur bei den Animationen geht Illumination Kompromisse ein. Denn wo etwa Pixar oft Jahre wartet, um erst eine wirklich gute Story für eine mögliche Fortsetzung zu finden (man schaue nur auf den Abstand zwischen „Toy Story 3“ und „Toy Story 4“), ist „Pets 2“ deutlich anzumerken, dass hier einfach nur möglichst schnell ein zweiter Film mit dem Helden aus dem immens erfolgreichen ersten Teil hersollte. Ganz egal wie. Und so leidet „Pets 2“ auch merklich unter der gesplitteten Handlung. Nach der atmosphärisch gelungenen Exposition in New York (mächtig aufgepumpt durch die Big-Apple-Hymne „Empire State Of Mind“ von Alicia Keys & Jay Z), wo die Zuschauer mit den sympathischen Figuren wieder vertraut und auf den neuesten Stand der Entwicklung gebracht werden, verabschiedet sich Max samt Familie schon aufs Land. Das ist auch die weit aufregendere Story, weil der Jack-Russell-Terrier dort eine Entwicklung vom Angsthasen zum mutigen Hund durchmacht und spannende Abenteuer an der Seite von Duke und dem belebenden Neuling Rooster erlebt.

Die Episode in Manhattan, in der ein Quietscheentchen aus einer mit Katzen vollgestopften Wohnung gerettet werden muss, hat ebenfalls ihren Reiz, selbst wenn sie ziemlich für sich alleinsteht. Die Anstrengungen, nicht selbst in die Fänge des grausamen Katzenimperiums zu geraten, halten sogar für ein erwachsenes Publikum ein wenig Nervenkitzel bereit. Der Strang um die Befreiung des weißen Tigers wirkt hingegen tatsächlich mehr wie ein bloßer Lückenfüller, ein Publikumsliebling wie Snowball muss halt auch im Sequel irgendwas zu tun bekommen. Erst am Ende bringt Regisseur Renaud die Handlungsstränge wieder einigermaßen sinnvoll zusammen. So bleibt der Eindruck, dass hier etwas auf die Schnelle zusammengeschustert wurde. Wobei man zumindest von der Farm-Story durchaus gern noch mehr gesehen hätte, weil „Pets 2“ hier einfach am meisten Herz beweist.

 
Fazit: 
Die Animations-Abenteuer-Komödie „Pets 2“ ist ein turbulent-sympathischer Familienspaß vor allem für junge Kinofans.


Text (c) by MK