Samstag, 2. September 2017

Jugend ohne Gott



Facts:
Genre: Sci-Fi, Thriller
Regie:  Alian Gsponer
Cast: Jannis Niewöhner, Fahri Yardım, Emilia Schüle


Laufzeit: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih:  Constantin Filmverleih

(c) Constantin Filmverleih


Inhalt:
In der Gesellschaft der nahen Zukunft ist alles auf Leistung und Effizienz ausgerichtet, menschliche Werte und Konzepte wie Liebe und Moral spielen keine entscheidende Rolle mehr. In dieser Welt bricht Zach (Jannis Niewöhner) zu einem Hochleistungscamp auf, in dem die Schüler seiner Abschlussklasse für die renommierte Rowald-Universität vorbereitet werden sollen. Doch daran hat der einzelgängerische junge Mann kein Interesse. Gerade auch deswegen ist die eigentlich sehr ambitionierte Nadesh (Alicia von Rittberg) von Zach fasziniert, der wiederum an ihr aber kein Interesse zu haben scheint und stattdessen die geheimnisvolle Ewa (Emilia Schüle) beobachtet, die sich illegal im nahen Wald durchschlägt. Dann verschwindet Zachs Tagebuch und ein Mord geschieht und der nur scheinbar grundanständige Lehrer (Fahri Yardim) versucht zu helfen. Doch dafür ist es bereits zu spät…

Bewertung:
Der Roman von Ödön von Horváth ist durchgängig aus der Perspektive des Lehrers erzählt, dort ist er der eindeutige Protagonist. Im Film wird der namenlose Pädagoge aber nun erst einmal zur Randfigur, stattdessen erleben wir die Ankunft im Trainingslager und die ersten Prüfungen an der Seite der angepassten Nadesh. An einem Wendepunkt der Handlung erfolgt dann allerdings ein Sprung zurück in der Zeit bis vor die Abfahrt und nun übernehmen wir die Perspektive des Außenseiters Zach, ehe ab einem weiteren dramatischen Schlüsselmoment noch eine dritte und letzte Sichtweise ins Spiel kommt. Die Wechsel fügen der Erzählung schon durch die Unterschiede in der Inszenierung (so wird etwa die Unruhe Zaches durch den Einsatz der Handkamera sichtbar gemacht) immer weitere Facetten hinzu und steigern nebenbei durchaus die Spannung, weil sie die Lösung der kriminalistischen Rätsel zugleich befördern und auf etwas gezwungene Weise verzögern. Allerdings bleibt diese Spannung äußerlich, weil wir schon allein durch die vielen Perspektivänderungen den Figuren meist nicht sehr nahe kommen. Das gilt insbesondere für die bald überforderte Musterschülerin Nadesh, die nur funktional im Konflikt mit Zach und im Hinblick auf die schließlich folgende Katastrophe eingesetzt wird.

Der grüblerische Zach ist dagegen unverkennbar als zentraler Sympathieträger vorgesehen. Er entzieht sich dem strengen Regime ständigen Wettbewerbs wo er kann und möchte am liebsten nur seine Ruhe haben. Doch alleine schon durch das Verfassen eines Tagebuchs erregt er den Argwohn der alles kontrollierenden Autoritäten des Camps, denen jede Privatsphäre suspekt ist: Schließlich könne man etwaige Probleme „medikamentieren“, wie die Lagerpsychologin Loreen betont. Zach flüchtet sich schließlich in eine Liebelei mit einer Illegalen und entfernt in einer ebenso blutigen wie symbolträchtigen Operation den in seine Hand eingepflanzten Ortungschip. Meist brodelt der Außenseiter still vor sich hin, aber Jannis Niewöhner überzeugt vor allem, wenn Zach offen aufbegehren darf. Als er sich für einen benachteiligten Klassenkameraden einsetzt, ihm über die Sektorengrenze in die Welt der Armen und Ausgegrenzten folgt und ihn schließlich in einem mit chaotisch lärmenden Schülern überfüllten Klassenraum findet, die über Lautsprecher (!) mit den Lerninhalten beschallt werden, gehört das zu den Höhepunkten des Films. Dort zeigt sich zugleich aber auch, dass vieles von dem erzählerischen Potenzial des Stoffes eben nur angedeutet wird, denn wir verlassen das Elendsviertel umgehend wieder und auch Zach wird einschließlich seiner neuen Freundin schließlich ein wenig links liegengelassen.

So sinnfällig der klar herausinszenierte Gegensatz zwischen einer leicht futuristisch angehauchten, extrem sterilen Welt ständiger Überwachung (exemplarisch gruselig ist der „Big Brother“-mäßige Gastauftritt von Iris Berben) und der bei häufig schlechtem Wetter fast schon archaisch wirkenden Natur in den Bergen auch ist, erst im letzten Filmdrittel erhält „Jugend ohne Gott“ neben der schon erwähnten äußeren Spannung auch einen fühlbaren emotionalen Puls. Das liegt vor allem daran, dass dort mit dem Lehrer und dem von Jannik Schümann grandios hintergründig gespielten rücksichtslosen Titus die beiden am überzeugendsten ausgestalteten Figuren in den Fokus rücken. Fahri Yardim (bekannt vor allem als Til Schweigers Sidekick im „Tatort“) bringt einen zunächst unterdrückten Humanismus in den Film, der schließlich in die ausgedehnte Umarmung des vermeintlich Bösen mündet: Diese nachdrücklich in Szene gesetzte menschliche Geste in einer unmenschlichen Welt ist das schlagende Herz von „Jugend ohne Gott“ und in ihr ist endlich (wenn auch ein wenig spät) die von Horváth stets beschworene Wahrheit zu spüren.

Fazit: 
Alain Gsponer macht aus dem antifaschistischen Romanklassiker „Jugend ohne Gott“ eine etwas unterkühlt und ein wenig umständlich erzählte Dystopie einer herz- und seelenlosen Leistungsgesellschaft. Für einen etwas leidenschaftslosen Film vergeben wir 5,5 von 10 Punkte. (mk)

Dienstag, 29. August 2017

Atomic Blonde OV



Facts:
Genre: Action
Regie:  David Leitch
Cast:  Charlize Theron, James McAvoy, Sofia Boutella
Laufzeit:  115 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
Verleih:  Universal Pictures Germany

 
(c) Universal Pictures Germany

Inhalt:
Berlin, November 1989: Kurz vor dem Fall der Berliner Mauer wird ein MI6-Offizier tot aufgefunden. Er sollte Informationen einer geheimen Quelle auf der Ostseite der Stadt in den Westen schmuggeln – genauer gesagt: eine Liste mit allen Namen der auf beiden Seiten Berlins tätigen Spione. Doch die Liste wird bei der Leiche nicht gefunden. Gebrieft von ihrem MI6-Vorgesetzten Gray (Toby Jones) und dem CIA-Chef (John Goodman) wird die erfahrene Spionin Lorraine Broughton (Charlize Theron) in das Pulverfass sozialer Unruhen, Spionageabwehr, gescheiterter Missionen und geheimer Hinrichtungen geschickt, um die streng vertrauliche Liste und damit die Identität britischer Agenten zu sichern, deren Leben davon abhängen. Lorraine trifft den Ex-Geheimdienstler David Percival (James McAvoy), der ein wichtiger Kontaktmann ist – und sie trifft die verführerische französische Agentin Delphine (Sofia Boutella)…


Bewertung:
Durch Musik, Look und Inszenierung entsteht hier ein ganz eigenes Universum, in seiner Künstlichkeit durchaus vergleichbar mit jener Gangsterschattenwelt, in die sich Keanu Reeves im von David Leitch co-inszenierten „John Wick“ begeben muss. Und ähnlich wie dort werden die ausgedehnten Actionszenen zu den Höhepunkten der Erzählung. In „Atomic Blonde“ gilt dies vor allem für eine atemberaubende Sequenz in einem Mietshaus, die in ein Versteckspiel und eine Verfolgungsjagd auf der Straße mündet und schließlich in der Spree endet. In ihr tritt die Protagonistin mit ihrem Informanten im Schlepptau gegen diverse russische Schergen an. Zunächst entfaltet sich eine schier endlose Prügelei, bei der von der Kochplatte bis zum Korkenzieher alles zum Einsatz kommt, was gerade greifbar ist. Zwischendurch werden auch noch Schuss- und Stichwaffen benutzt, aber auch damit ist es hier alles andere als leicht, seinen Gegner wirklich auszuschalten. Schwer getroffen und gezeichnet wird hier immer weitergekämpft – virtuos und versessen zugleich. Die Choreografie ist ebenso einfalls- wie abwechslungsreich, während die dynamisch-schnörkellose Inszenierung (über Minuten und mehrere Etagen hinweg gibt es keinen einzigen sichtbaren Schnitt) uns die Intensität des schweißtreibenden Tötens nahebringen. Ähnlich zugespitzt geht es auf der Straße weiter und einige spektakuläre Stunts runden die Sequenz zu einem eigenen kleinen Kunstwerk ab. Nichts anderes im Film reicht an diesen Höhepunkt heran, was auch daran liegt, dass der Kalte Krieg bei David Leitch eben nicht nur mit professioneller Brutalität ausgetragen wird, sondern auch mit extremer Emotionslosigkeit.

Passend dazu gibt es in „Atomic Blonde“ zwar (ein bisschen) Nacktheit mit Charlize Theron im Eisbad und später bei ihrer mäßig leidenschaftlichen lesbischen Sexszene mit „Die Mumie“-Star Sofia Boutella, aber keinerlei Intimität. Genauso wie die Frage, wer hier eigentlich wen hinters Licht führt, lassen einen auch die potenziell tragischen oder melodramatischen Wendungen ziemlich kalt, die ganz wie die Aktionen der Agenten im Film wie kaltschnäuzig kalkulierte Manöver erscheinen. Viele Nebenfiguren aus dem bunt zusammengewürfelten internationalen Cast wie der gleichsam „unkaputtbare“ Ivan-Drago-Verschnitt (Daniel Bernhardt) auf sowjetischer Seite, der findige Nerd-Handlanger Merkel (Bill Skarsgård) oder der von Til Schweiger („Tschiller: Off Duty“) gespielte Uhrmacher, der als eine Art Datenhehler in der Spionagewelt agiert, sind reine Agentenfilmstereotypen. Der ungehemmt drauflos polternde James McAvoy wirkt hier hingegen ein wenig, als wäre er in einer der unangenehmeren der multiplen Persönlichkeiten seines psychisch gestörten Protagonisten aus „Split“ hängengeblieben. Dagegen kann es Charlize Theron in Sachen Coolness locker mit James Bond aufnehmen und im Nahkampf wäre sie wohl selbst gegen Jason Bourne nicht chancenlos – aber an solche herausragenden weibliche Action-Heldinnen wie die von Theron selbst verkörperte Furiosa aus „Mad Max: Fury Road“ oder Gal Gadots Wonder Woman reicht Lorraine trotzdem nicht heran. Dafür fehlen ihr das Herz und die Seele.

Fazit: 
 „Atomic Blonde“ bietet eine Menge verführerischer Oberflächenreize und eine der besten Actionszenen der jüngeren Vergangenheit, aber die emotionslose Spionagehandlung und die zahlreichen austauschbaren Figuren enttäuschen. Dafür vergeben wir abhörfreie 6 von 10 Punkte. (mk)

Montag, 21. August 2017

Bullyparade - Der Film



Facts:
Genre: Komödie
Regie: Michael Bully Herbig
Cast: Michael Bully Herbig, Christian Tramitz, Rick Kavanian
Laufzeit: 100 Minuten 
FSK: ab 6 Jahre
Verleih:  Warner Bros GmbH

(c) Warner Bros GmbH



Inhalt:
Aus mehreren Episoden bestehender Kinofilm, in dem einige der beliebtesten Figuren aus der Sketch-TV-Sendung "bullyparade" zurückkehren. In „Winnetou in Love“ will Old Shatterhand (Christian Tramitz) seinen Blutsbruder, den Indianer-Häuptling Winnetou (Michael Bully Herbig) davor bewahren, leichtsinnig und vorschnell eine Ehe einzugehen, was jedoch dadurch erschwert wird, dass er selbst sich mit schurkischen Kopfgeldjägern herumschlagen muss. In „Wechseljahre einer Kaiserin“ besucht das österreichische Kaiserehepaar Franz (Tramitz) und Sissi (Herbig) ein Geisterschloss in Bayern und erlebt dabei jede Menge gruselige Abenteuer. Captain Kork (Tramitz), Mr. Spuck (Herbig) und Schrotty (Rick Kavanian) landen hingegen auf dem „Planet der Frauen“ und müssen dessen ausschließlich weibliche Bevölkerung retten. Jens und Jörg Kasirske (Tramitz und Kavanian) wollen ihrer 90-jährigen Tante den größten Wunsch erfüllen und reisen daher „Zurück in die Zone“. Lutz (Herbig) und Löffler (Kavanian) versuchen sich in „Lutz of Wall Street“ mit Hilfe von Mr. Moneymaker (Tramitz) in der New Yorker Börsenwelt. 
 
Bewertung:
Der Erfolg der „Bullyparade“, die von 1997 bis 2002 (90 Episoden in sechs Staffeln) im deutschen Fernsehen lief, kam nicht gerade über Nacht. Zu Beginn, als Michael Herbig noch die Frisur von Grünen-Politiker Anton Hofreiter trug und sein Publikum mit Monsterkoteletten begeisterte bzw. verschreckte, war die schräge Sketch-Parade trotz des Senders Pro Sieben noch ein echter Insidertipp, der sich erst langsam eine treue Fangemeinde erspielte. Mit den ersten beiden Kinofilmen ging das Projekt der Masterminds Michael „Bully“ Herbig, Christian Tramitz und Rick Kavanian, die in der Show und auch in allen Kinofilmen immer wieder in multiplen Rollen auftreten, dann allerdings brutal durch die Decke („Der Schuh des Manitu“ ist bis heute der erfolgreichste deutsche Film seit Beginn der Zuschauerzählung). Nachdem „Lissi und der wilde Kaiser“ - überraschend als Animationsfilm umgesetzt – im Vergleich hinter den Erwartungen zurückblieb, wandten sich die drei Komiker erst einmal anderen Aufgaben zu.

Nach den drei Solofilmen ist „Bullyparade - Der Film“ das erste Werk, das das ganze BCU (Bullyparade Cinematic Universe) zusammenbringt. Die größte Herausforderung, nämlich die vielen Figuren einigermaßen sinnvoll in einer halbwegs fortlaufenden Handlung zu vereinen, hat das Team Herbig ganz gut gelöst. Die fünf Episoden sind zwar nicht ineinander verwoben, aber die Übergänge holpern auch nicht. Geschickt bindet Herbig einige weniger bedeutende Charaktere der „Bullyparade“ wie die Journalisten Pavel und Bronko oder das Kastagnetten-Trio in die Haupthandlungsstränge ein. Herbigs Bildsprache mit Drehs in Bayern und Spanien ist wie bisher weiterhin kinotauglich und die Dichte der Gags über die gesamte Spielzeit von 100 Minuten unglaublich hoch. Das Autorenquartett Herbig, Tramitz, Kavanian und Alfons Biedermann feuert aus allen Rohren nach dem Motto: „Viel hilft viel!“ Einige Pointen landen als Volltreffer im Ziel, einige verenden im Nichts und die meisten nimmt man zumindest amüsiert-schmunzelnd zur Kenntnis.

„Bullyparade - Der Film“ ist eine Mischung aus Neuem, Aufgewärmtem und ein bisschen New-Media-Zeitgeist. Die meiste Kreativität floss gleich in die erste gut gelungene Episode „Zurück in die Zone“, wo Herbig die Kasirske-Brüder, David Hasselhoff und die Wiedervereinigung in einer liebevollen „Zurück in die Zukunft“-Parodie zusammenbringt. Nicht ganz so überzeugend sind die beiden zentralen Geschichten, ein mittelprächtiger „Der Schuh des Manitu“-Aufguss (inzwischen dürfen rechtlich die Karl-May-Originalnamen verwendet werden) und eine fade „Sissi“-Episode, weil die Variationen hier kaum auffallen. Man könnte sich ebenso gut in einer alten TV-Folge wähnen. Hier wirkt „Bullyparade“ wie ein Film aus einer anderen Zeit, die weit weg scheint. „Lutz Of Wall Street“ haucht dem Unterfangen mit einer „The Wolf Of Wall Street“-Verballhornung zwar wieder ein wenig Leben ein, funktioniert aber nur teilweise, weil diese Typen Lutz und Löffler eher für kurze Sketche konzipiert sind. Erst ganz am Ende bläst in der „(T)Raumschiff Surprise“-Fortführung auf dem „Planet der Frauen“ dank vieler wirklich schräger Ideen wieder frischer Wind.

In dieser Episode verbirgt sich auch der beste der zahllosen Cameos, wenn Peter Maffay (!) einen kleinen Gag ultratrocken ins Ziel hämmert. Bei den weiteren Gastauftritten etwa von Elyas M’Barek, Til Schweiger, Matthias Schweighöfer  oder Jürgen Vogel  mangelt es zwar wahrlich nicht an Prominenz, aber bei den wenigsten erfüllen die Stars über ihre reine Präsenz hinaus eine Funktion. Sie sind einfach nur da, ohne tatsächlich wie im Fall von Maffay auch einen Gag zu präsentieren. Da hätte man deutlich mehr rausholen können.

Fazit: 
Stammfans der „Bullyparade“ werden sich mit dem vierten Kinofilm durchaus anfreunden können, für den Rest wird es schwer(er), sich in die dicht getaktete (Insider-)Gagparade einzufinden. Wir geben dem Film aufgrund der starken Anfangs- und Schlusssequenz lachhafte 6,5 von 10 Punkte. (mk)

Dienstag, 15. August 2017

Planet der Affen 3: Survival 3D OV



Facts:
Genre: Sci-Fi, Abenteuer
Regie: Matt Reeves
Cast: Andy Serkies, Steve Zahn, Woody Harrelson
Laufzeit: 140 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Fox Deutschland


(c) Fox Deutschland


Inhalt: 
Der Krieg, den Koba (Toby Kebbell) mit den von der Seuche stark dezimierten Menschen angezettelt hat, ist in vollem Gange. Affen-Anführer Caesar (Andy Serkis) geht es dabei gar nicht länger ums Gewinnen, er will lediglich einen Weg finden, wie er mit seinem Stamm in Frieden leben kann. Doch eine Spezialeinheit unter Führung des brutalen Colonel (Woody Harrelson) will Caesar um jeden Preis tot sehen und so werden im Urwald vor den Toren San Franciscos weiterhin blutige Gefechte ausgetragen, die in einem heimtückischen Anschlag auf das geheime Versteck der Affen gipfeln, das ein Verräter preisgegeben hat. Nun gärt in dem sonst friedliebenden Caesar das Bedürfnis nach Rache und mit seiner rechten Hand Rocket (Terry Notary) und einigen weiteren Getreuen macht er sich auf die beschwerliche Suche nach dem Colonel, fest entschlossen, keine Gnade mehr walten zu lassen.

Bewertung:
Bereits nach den ersten beiden Teilen waren immer wieder Stimmen lautgeworden, dass man Andy Serkis doch nun als Bester Schauspieler für einen Oscar nominieren müsse. Solche Rufe dürften nach „Planet der Affen 3: Survival“ kaum leiser werden, ganz im Gegenteil. Vom Schimpansen-Baby über den großen Rebellen-Anführer bis zum gezeichnet-grauhaarigen Kriegsveteranen – die „Planet der Affen“-Trilogie ist im Kern die epische Biografie eines einzelnen Schimpansen, und welche neuen Seiten Serkis auch im dritten Teil aus seiner sowieso schon so vielschichtigen Figur herauskitzelt, ist schlichtweg atemberaubend (und die eine oder andere Träne dürfte im Kinosaal auch fließen). Gegen eine solche Oscarnominierung wird dabei ja immer ins Feld gebracht, dass das endgültige Ergebnis der Performance aus dem Computer kommt. Aber aus Caesars Augen spricht ein solches Leid, ein solches Grauen, eine solche Verzweiflung, aber eben auch eine solche Menschlichkeit – das kann nur von einem Schauspieler und nicht aus einer seelenlosen Rechenmaschine stammen.

Aber das Besondere am Motion Capturing bei „Planet der Affen“ im Vergleich zu den visuellen Effekten anderer Großproduktionen ist eben nicht nur die Präzision der Mimik, sondern auch, dass die Szenen nicht im Studio vor einer grünen Wand, sondern an Originalschauplätzen gedreht wurden – und diese Rückkehr nach draußen in die Natur verleiht den Filmen trotz Computereffekten in praktisch jeder Einstellung insgesamt ein erstaunlich geerdetes Feeling. Und „geerdet“ ist gerade in „Survival“ durchaus wörtlich zu verstehen, denn nach einem Abstecher in ein verlassenes Skigebiet spielt ein großer Teil des Films diesmal im winterlichen Matsch eines Arbeitslagers. Wenn man dermaßen viel Aufwand in die Spezialeffekte einer Blockbuster-Produktion steckt, dann will man verständlicherweise auch, dass sie anschließend auf der Leinwand möglichst hübsch glänzend rüberkommen – aber in dieser Hinsicht gehen die Macher von „Survival“ genau den entgegengesetzten Weg. Hier herrschen nicht nur an jeder Ecke Trostlosigkeit, Trauer und Verzweiflung, diese Gefühle spiegeln sich auch in den Animationen wider: Die oft schwer vernarbten Affen aus Caesars Stamm wirken abgemagert und abgewrackt, die zu den Menschen übergelaufenen Verräter sind mit herabwürdigenden Slogans verschandelt.

Solchen Mut zur Hässlichkeit beweist Matt Reeves aber nicht nur beim Look seines zweiten „Planet der Affen“-Films (bei „Prevolution“ hatte noch Rupert Wyatt Regie geführt). Auch der Krieg selbst wird in seiner ganzen Grausamkeit ausgebreitet. Gleich in der ersten Schlacht, als sich eine Einheit des Colonels an eine von Caesars Festungen heranschleicht, gibt es nicht einen einzigen Moment, in dem Menschen und Affen tatsächlich auf Augenhöhe miteinander kämpfen. Stattdessen schlachten erst die einen die anderen ab - und dann umgekehrt. Der deutsche Titel passt da richtig gut – denn es geht in „Survival“ nie ums Gewinnen, sondern maximal ums Überleben. Es sind nach dem grassierenden Virus überhaupt nur noch ein paar Menschen auf der Erde übrig und die Affen wollen lediglich im Wald in Ruhe gelassen werden – es gibt also schon längst keinen Grund mehr für einen Krieg. Aber rationale Entscheidungen sind Schnee von gestern, denn nach all dem Leid und Verlust herrscht nur noch der blanke Wahnsinn, den gerade Woody Harrelson in seiner Marlon-Brando-Gedächtnisperformance dann auch gleich eimerweise über die Leinwand ausgießt. Als Caesars Gegenspieler ist er eine abgrundtief finstere aber zugleich auch unendlich tragische Gestalt – und das ist ja bekanntermaßen die beste Mischung für Kinobösewichte.

Obwohl die Gags des neu hinzugekommenen Sidekick-Affen Bad Ape nun so gar nicht zum sonst so extrem düsteren Tonfall des Films passen, sind die Zuschauer mehr oder weniger dankbar für jede noch so kleine Aufheiterung, gerade wenn sich „Planet der Affen 3: Survival“ in der zweiten Hälfte immer mehr zu einer kaum weniger niederschmetternden Primaten-Version von „Schindlers Liste“ wandelt. Holocaust und Vietnamkrieg – Matt Reeves nimmt sich eine Menge vor, ohne sich dabei zu verheben, die Metaphern sitzen, selbst wenn man das Graffiti Ape-Pocalypse vielleicht auch eine Nummer kleiner im Hintergrund an die Wand hätte malen können. „Survival“ geht thematisch in die Vollen – bis hin zum berührenden Schluss, mit dem sich Andy Serkis‘ Caesar endgültig seinen Platz in der Riege der ganz großen Leinwandhelden sichert. Ginge es in „Planet der Affen 3“ um Menschen, hätte er eine Oscarnominierung als Bester Film praktisch schon sicher – aber auch so bleibt die Hoffnung, dass „Survival“ stellvertretend für die ganze Trilogie die verdiente Anerkennung erhalten wird.  

Es ist ein ebenso ironischer wie genialer Twist, dass sich hier im explosiv-epischen Finale trotz des Originaltitels „War For The Planet Of The Apes“ gar nicht wie erwartet (und im Trailer durch geschickte Schnitte angedeutet) eine Menschenarmee und eine Affenarmee gegenüberstehen. Stattdessen vernichten sich die Menschen gegenseitig, während die Affen nichts anderes tun als zu überleben – bevor sich dann die Natur in Form einer Lawine ein für alle Mal den Planeten von den Menschen zurückerobert. Das ist eine sehr viel cleverere und zugleich so viel bitterere Dystopie als in der originalen „Planet der Affen“-Reihe, in der ja tatsächlich bewaffnete Affen mit Gewalt die Erde übernommen haben, was sich natürlich sehr viel leichter als weit entfernte Science-Fiction-Fantasy ohne großen Bezug zum Hier und Jetzt abtun lässt.

Fazit: 
„Ape-Pocalypse Now“ – „Planet der Affen 3: Survival“ ist ein ebenso fesselndes wie abgründiges Anti-Kriegs-Epos mit einmal mehr bahnbrechenden visuellen Effekten mit einigen tollen Anspielungen auf die Originnalfilme. Allein der Bad Ape führt zu einem minimalen Punktabzug, da er nicht in den Film passt. Am Ende bleiben 9,5 von 10 zukunftsorientierte Punkte übrig. (mk)