Dienstag, 29. August 2017

Atomic Blonde OV



Facts:
Genre: Action
Regie:  David Leitch
Cast:  Charlize Theron, James McAvoy, Sofia Boutella
Laufzeit:  115 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
Verleih:  Universal Pictures Germany

 
(c) Universal Pictures Germany

Inhalt:
Berlin, November 1989: Kurz vor dem Fall der Berliner Mauer wird ein MI6-Offizier tot aufgefunden. Er sollte Informationen einer geheimen Quelle auf der Ostseite der Stadt in den Westen schmuggeln – genauer gesagt: eine Liste mit allen Namen der auf beiden Seiten Berlins tätigen Spione. Doch die Liste wird bei der Leiche nicht gefunden. Gebrieft von ihrem MI6-Vorgesetzten Gray (Toby Jones) und dem CIA-Chef (John Goodman) wird die erfahrene Spionin Lorraine Broughton (Charlize Theron) in das Pulverfass sozialer Unruhen, Spionageabwehr, gescheiterter Missionen und geheimer Hinrichtungen geschickt, um die streng vertrauliche Liste und damit die Identität britischer Agenten zu sichern, deren Leben davon abhängen. Lorraine trifft den Ex-Geheimdienstler David Percival (James McAvoy), der ein wichtiger Kontaktmann ist – und sie trifft die verführerische französische Agentin Delphine (Sofia Boutella)…


Bewertung:
Durch Musik, Look und Inszenierung entsteht hier ein ganz eigenes Universum, in seiner Künstlichkeit durchaus vergleichbar mit jener Gangsterschattenwelt, in die sich Keanu Reeves im von David Leitch co-inszenierten „John Wick“ begeben muss. Und ähnlich wie dort werden die ausgedehnten Actionszenen zu den Höhepunkten der Erzählung. In „Atomic Blonde“ gilt dies vor allem für eine atemberaubende Sequenz in einem Mietshaus, die in ein Versteckspiel und eine Verfolgungsjagd auf der Straße mündet und schließlich in der Spree endet. In ihr tritt die Protagonistin mit ihrem Informanten im Schlepptau gegen diverse russische Schergen an. Zunächst entfaltet sich eine schier endlose Prügelei, bei der von der Kochplatte bis zum Korkenzieher alles zum Einsatz kommt, was gerade greifbar ist. Zwischendurch werden auch noch Schuss- und Stichwaffen benutzt, aber auch damit ist es hier alles andere als leicht, seinen Gegner wirklich auszuschalten. Schwer getroffen und gezeichnet wird hier immer weitergekämpft – virtuos und versessen zugleich. Die Choreografie ist ebenso einfalls- wie abwechslungsreich, während die dynamisch-schnörkellose Inszenierung (über Minuten und mehrere Etagen hinweg gibt es keinen einzigen sichtbaren Schnitt) uns die Intensität des schweißtreibenden Tötens nahebringen. Ähnlich zugespitzt geht es auf der Straße weiter und einige spektakuläre Stunts runden die Sequenz zu einem eigenen kleinen Kunstwerk ab. Nichts anderes im Film reicht an diesen Höhepunkt heran, was auch daran liegt, dass der Kalte Krieg bei David Leitch eben nicht nur mit professioneller Brutalität ausgetragen wird, sondern auch mit extremer Emotionslosigkeit.

Passend dazu gibt es in „Atomic Blonde“ zwar (ein bisschen) Nacktheit mit Charlize Theron im Eisbad und später bei ihrer mäßig leidenschaftlichen lesbischen Sexszene mit „Die Mumie“-Star Sofia Boutella, aber keinerlei Intimität. Genauso wie die Frage, wer hier eigentlich wen hinters Licht führt, lassen einen auch die potenziell tragischen oder melodramatischen Wendungen ziemlich kalt, die ganz wie die Aktionen der Agenten im Film wie kaltschnäuzig kalkulierte Manöver erscheinen. Viele Nebenfiguren aus dem bunt zusammengewürfelten internationalen Cast wie der gleichsam „unkaputtbare“ Ivan-Drago-Verschnitt (Daniel Bernhardt) auf sowjetischer Seite, der findige Nerd-Handlanger Merkel (Bill Skarsgård) oder der von Til Schweiger („Tschiller: Off Duty“) gespielte Uhrmacher, der als eine Art Datenhehler in der Spionagewelt agiert, sind reine Agentenfilmstereotypen. Der ungehemmt drauflos polternde James McAvoy wirkt hier hingegen ein wenig, als wäre er in einer der unangenehmeren der multiplen Persönlichkeiten seines psychisch gestörten Protagonisten aus „Split“ hängengeblieben. Dagegen kann es Charlize Theron in Sachen Coolness locker mit James Bond aufnehmen und im Nahkampf wäre sie wohl selbst gegen Jason Bourne nicht chancenlos – aber an solche herausragenden weibliche Action-Heldinnen wie die von Theron selbst verkörperte Furiosa aus „Mad Max: Fury Road“ oder Gal Gadots Wonder Woman reicht Lorraine trotzdem nicht heran. Dafür fehlen ihr das Herz und die Seele.

Fazit: 
 „Atomic Blonde“ bietet eine Menge verführerischer Oberflächenreize und eine der besten Actionszenen der jüngeren Vergangenheit, aber die emotionslose Spionagehandlung und die zahlreichen austauschbaren Figuren enttäuschen. Dafür vergeben wir abhörfreie 6 von 10 Punkte. (mk)

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