Sonntag, 24. Juli 2016

BFG - Big Friendly Giant 2D



Facts:

Genre: Kinderfilm, Animation
Regie: Steven Spielberg
Cast: Mark Rylance, Ruby Barnhill, Penelope Wilton
Laufzeit:  117 Minuten
FSK:  ab 0 Jahre
Verleih: Constantin Filmverleih


(c) Constantin Filmverleih

Inhalt: 
Die Geisterstunde beginnt nicht um 0 Uhr nachts, so wie alle denken, sie beginnt um 3 Uhr morgens! Waisenkind Sophie (Ruby Barnhill) weiß das, denn sie kann in ihrem Kinderheim nicht schlafen und geht deswegen nachts auf Streifzug. Dabei beobachtet sie eines Morgens, wie eine über sieben Meter große Gestalt eine umgefallene Mülltonne wieder aufstellt – und wird von dem fremden, gigantisch großen Mann alsbald ins Reich der Riesen verschleppt. Zum Glück für Sophie ist sie in Obhut des Big Friendly Giant geraten, der ihr nichts Böses will, sondern sie stattdessen lieber auf Traumjagd mitnimmt. Doch es gibt noch andere Riesen, die sind größer als der BFG und die fressen Menschen. Sophie und ihr neuer Freund schmieden also einen Plan – der hat mit dem Buckingham Palace und der Königin von England (Penelope Wilton) zu tun… 

Bewertung:
Die CGI-Effekte der Riesen, allgemein die Kameraarbeit von Janusz Kaminski – „BFG“ ist visuell schlichtweg atemberaubend. Noch beeindruckender als die pure technische Brillanz ist die scheinbar unerschöpfliche Kreativität, mit der Spielberg sein riesenhaftes Abenteuer in Szene setzt: Das geht schon los mit dem ersten Auftritt des BFG, wenn der Riese mit Hilfe allerlei geschickter Schattenspielereien unbemerkt durchs nächtliche London schleicht – da verschwinden plötzlich ganze Seitenstraßen oder auf der anderen Seite der Allee steht mit einmal ein Baum mehr. Apropos Schatten: In einer der berührendsten Szenen des Films pusten Sophie und der BFG einem kleinen Jungen einen Traum durchs Fenster – und während der schlafende Junge im Vordergrund zu lächeln beginnt, sehen wir als Schattenspiel auf der Zimmerwand, wie der US-Präsident den verblüfften Vater anruft und ihm erzählt, dass er unbedingt und ganz dringend mit seinem Sohn sprechen müsse, denn nur der könne die Situation jetzt noch retten.

Spielberg spielt – jedenfalls was die inszenatorische Finesse angeht - einmal mehr in seiner ganz eigenen Liga: Wie er innerhalb einzelner Kamerafahrten immer wieder zwischen den Größenmaßen der Menschen und der Riesen hin und her wechselt, ist nicht weniger als ganz, ganz große Kinokunst. Das ist mal ein bewusst auffälliger Effekt, etwa wenn die Brille von Sophie in Nahaufnahme gezeigt wird, während der klein weit im Hintergrund stehende BFG sie aufhebt – und plötzlich seine gigantischen Finger von oben ins Bild ragen. Noch öfter sind diese Perspektivverschiebungen aber auch ganz subtil und natürlich in den Filmfluss eingewoben. Spätestens bei der Traumjagd und dem folgenden Traumbrauen wird mancher Spielberg-Verächter wieder laut „Kitsch!!!“ schreien – aber auch hier ist der Einfallsreichtum verblüffend: Braucht der Traum noch ein wenig mehr „Armee“, dann gibt man einfach noch etwas aus der grünen Flasche dazu, aus der dann Mini-Soldaten-Träume mit Fallschirmen in den Traummixer gleiten.

Mitunter droht die zentrale Freundschaft und damit der eigentliche Kern des Außenseiter-Märchens ein wenig hinter dem visuellen Rausch zurückzustehen – aber letztendlich wird das durch die schiere Präsenz der beiden überragenden Hauptdarsteller verhindert: Der zwölfjährigen Ruby Barnhill steht definitiv eine große Karriere als Kinderstar ins Haus – abseits der klassischen Hollywood-Vorstellungen von „süß“ agiert sie mit keckem Selbstbewusstsein und großer emotionaler Intelligenz. Hätte Spielberg „BFG“ wie einst geplant bereits vor 15 Jahren verfilmt, hätte Robin Williams die Titelrolle spielen sollen. Aber so sehr wir den 2014 verstorbenen Komiker auch schätzen, mit Mark Rylance ist der Film nicht nur ein ganz anderer, sondern sehr wahrscheinlich auch ein besserer geworden: Der frischgebackene Oscarpreisträger verleiht dem BFG mit seiner gewohnt subtilen Performance eine tiefe Tragik und kraftvolle Ernsthaftigkeit. Trotzdem ist er in den explosiven Pupsszenen und mit seiner Interpretation der Dahl’schen Fantasiesprache Gobblefunk immer wieder auch urkomisch.

Fazit: 
Ein vor allem visuell bahnbrechendes Kinomärchen. Dennoch halte ich die Freigabe ab 0 Jahren für falsch, was gerade den Teil der Story um die Queen und die Armee Invasion ins Riesenland anbelangt. Damit kann keiner unter 10 Jahren etwas anfangen. Daher vergebe ich märchenhafte 7 von 10 Punkte.

Sonntag, 26. Juni 2016

Warcraft: The Beginning 3D



Facts:
Genre: Fantasy, Action, Abenteuer
Regie: Duncon Jones
Cast: Travis Fimmel, Toby Kebbell, Paula Patton
Laufzeit: 124 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Universal Pictures Germany


(c) Universal Pictures Germany

Inhalt: 
Im Reich der Menschen namens Azeroth verbringen die Bewohner schon seit vielen Jahren in friedliches Leben. Doch von einem Tag zum nächsten bricht großes Unheil in Form einer furchteinflößenden Rasse über sie: Kampferprobte Orcs haben ihre Heimat Draenor verlassen, weil diese dem Untergang geweiht ist und nun sind sie auf der Suche nach einem neuen Ort, um sich niederzulassen. Als die Orcs ein Portal öffnen, das beide Welten miteinander verbindet, wird ein erbitterter und unbarmherziger Krieg um Azeroth entfesselt, der jede Menge Opfer auf beiden Seiten fordert. Um ihren Untergang abzuwenden, streben der Mensch Anduin Lothar (Travis Fimmel) und der Orc Durotan (Toby Kebbell) ein gemeinsames Bündnis für ihre Rassen an...

Bewertung:
Bei dem immensen Tempo, das Duncan Jones anschlägt, bleibt allerdings auch gar keine Zeit, einen Konflikt mal richtig zu vertiefen. Nach der kurzen Einführung bei den Orcs, die im Vergleich zum Folgenden fast schon entschleunigt wirkt, geht es Schlag auf Schlag: Zahlreiche Figuren und Schauplätze folgen einander in so rasantem Wechsel, dass nur Hardcore-Fans alles sofort einordnen können, während unbefleckte Neueinsteiger erst mal nur Bahnhof verstehen. Das Spektakel „Warcraft: The Beginning“ erschließt sich dagegen jedem sofort, so werden Orte wie die Wolkenstadt Dalaran oder das in vereisten Bergen gelegene Eisenschmiede nur kurz aufgesucht, doch das reicht, um das Publikum nach mehr gieren zu lassen. Immer wieder begeistern Duncan Jones und sein Kameramann Simon Duggan mit eindrucksvollen Panoramaschwenks über Städte und Landschaften oder mit virtuosen Fahrten durch Orcmassen. Mit viel Liebe zum Detail, wie zum Beispiel bei den unterschiedlichen Kampfinsignien und Schmuckstücken der Orckrieger, sorgen sie dafür, dass vor den Augen des Zuschauers wirklich eine fantastische Welt entsteht.

Die Orcs sind ohnehin ein Prunkstück des Films. Die größtenteils per Motion-Capture-Verfahren zum Leben erweckten Krieger wirken schlicht gigantisch, ihre riesigen Körper und ihre beeindruckenden Muskeln werden immer wieder wirkungsvoll ins Bild gerückt. Dabei spielen die Filmemacher mit den Größenverhältnissen und setzen die Orcs geschickt in Relation zu den im Vergleich geradezu schmächtigen Menschen. Das ergibt vor allem in den Schlachten eindrucksvolle Aufnahmen und wenn die mächtigen Orcwaffen auf die Schilder der Menschen krachen, meint man im Kinosessel zu spüren, wie der Boden bebt. Ansonsten verläuft das Kampfgetöse weitgehend in vertrauten Fantasy-Bahnen – ganz nach dem schlichten Motto „Mehr Kraft gegen mehr Cleverness“. An den epischen Sog einer „Herr der Ringe“-Trilogie kommt „Warcraft: The Beginning“ daher bei weitem (noch) nicht heran, dem steht auch entgegen, dass hier Figuren wiederholt innehalten, um mitten im Schlachtengetümmel „bedeutsame“ Dialoge auszutauschen, während die Widersacher in dieser Zeit freundlicherweise von ihnen ablassen. Das wirkt nicht episch, sondern bisweilen unfreiwillig komisch.

Mag „Warcraft: The Beginning“ erzählerisch vor allem Stückwerk sein, rein inszenatorisch spielt Duncan Jones in der obersten Blockbuster-Liga mit. Wie der Regisseur und sein Team etwa den Einsatz von Magie visualisieren - vor allem der mysteriöse Einsiedler Medivh tut sich da mit seinen Schutzzaubern hervor - das ist ebenso spektakulär wie sinnfällig: Statt ein oberflächliches Effektgewitter zu entfachen, integriert Jones die magischen Fähigkeiten organisch in seine Fantasy-Landschaften, aber auch in die Handlung: Da geht es dann nicht mehr nur darum, zu zeigen, was man kann, sondern auch ganz unmittelbar und dramatisch um die Folgen des Zaubers, etwa wenn sich einige Figuren plötzlich auf verschiedenen Seiten einer Schutzwand wiederfinden. Hier kommt dann auch eine echte Dramatik in den Film, die ihm sonst oft fehlt. In der Figur Garona etwa, die weder zu den Orcs noch zu den Menschen richtig gehört und die trotzdem auf beiden Seiten eine Heimat sucht, ist zwar ein zentraler Konflikt angelegt, aber der bleibt trotz der großartigen Paula Patton über zu weite Strecken reine Behauptung. Daneben stechen aus dem Cast Travis Fimmel als Krieger, der sichtbar schon einiges erlebt hat, und vor allem der wandelbare Ben Foster als Medivh heraus. Foster bringt die Zerrissenheit des Sonderlings glaubhaft rüber, auch wenn der weitere Weg der Figur schon bei seinem ersten Auftritt – übrigens eine der ganz seltenen humorvolleren Szenen – absehbar ist.

Fazit: 
Leider ist es mal wieder eine typische Videospiele-Verfilmung. Gags zünden nicht bei jedem Kinobesucher, nicht nachvollziehbare Sprünge in der Handlung und die fehlende Tiefe der Charaktere zeichnen WARCRAFT aus. Allerdings sind die Bilder oft gewaltig und erstklassig dargestellt, was noch Hoffnung für die Fortsetzungen gibt… 6 von 10 Punkte (mk)

The Jungle Book



Facts:
Genre: Abenteuer, Fantasy
Regie: John Favreau
Cast: Neel Sethi, Joachim Krol, Armin Rohde, Heike Makatsch
Laufzeit: 106 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
Verleih: Walt Disney Germany


(c) Walt Disney Germany

Inhalt: 
Der junge Mogli (Neel Sethi) ist nach einem Zwischenfall von seiner Familie getrennt und von nun an alleine im indischen Dschungel unterwegs. Er findet schon bald Zuflucht bei der Wolfsmutter Rakcha (Stimme: Lupita Nyong'o), die ihn als eines ihrer Kinder aufzieht. Allerdings hat es Schir Khan (Idris Elba) auf Mogli abgesehen. Der Tiger will alle menschliche Bedrohung vernichten, um die Gesetze des Dschungels zu wahren. Also verlässt Mogli die Wölfe und beginnt ein Abenteuer voller Gefahren, bei dem er dem fröhlichen Bären Balu (Bill Murray) und dem strengen Panther Baghira (Ben Kingsley) begegnet. Auf dem Weg durch den Dschungel bekommen es die neuen Freunde mit allerhand Gefahren zu tun, so auch mit der hinterhältigen Schlange Kaa (Scarlett Johansson) und dem verschlagenen Affenkönig Louie (Christopher Walken) – doch allen voran Schir Khan, der immer noch hinter dem Menschenjungen her ist... 

Bewertung:
Mit dem Film „The Jungle Book“ verpasst Disney dem klassischen Stoff ein zeitgemäßes Gewand. Hier gibt es keine niedlich gezeichneten Animationen mehr, sondern es wird die volle Bandbreite der technischen Möglichkeiten des Jahres 2016 vorgeführt. Gleichzeitig ist Jon Favreaus generalüberholtes Neu-„Dschungelbuch“ deutlich düsterer und ernster als die fröhlich-sympathische 1967er Version. Anders als diese beiden beliebten Klassiker ist „The Jungle Book“ für jüngere Kinder nicht geeignet – dafür ist er durchweg zu unheimlich. Man verlässt die Pfade des harmlos-gutmütigen Familienkinos allerdings auch nicht konsequent, vielmehr wird zuweilen ziemlich abrupt und wenig plausibel die Stimmung gewechselt. Der Beginn ist finster und bereits actiongeladen, aber mit der Ankunft von Bär Balu, der hier (zunächst) wesentlich verschlagener und selbstsüchtiger agiert als bei Wolfgang Reitherman, kommt auch in Favreaus Film zumindest ein Anflug der alten Fröhlichkeit auf – bis sie später in der bedrohlichen Episode mit Affenkönig Louie wieder wie weggeblasen ist.

Trotz des uneinheitlichen Erzähltons kommt keine Langeweile auf, denn Favreau hält das Tempo hoch: Angriffe, Verfolgungsjagden – Mogli gerät von einer bedrohlichen Situation in die andere. Obwohl die schauspielerische Präsenz des zum Zeitpunkt des Drehs elf Jahre alten Newcomers Neel Sethi sich in Grenzen hält, lässt sich recht gut mit dem mutigen Jungen, der sich seinen Platz in der Dschungelwelt erobern muss, mitfiebern. Wichtiger als alle erzählerischen Feinheiten scheint den Filmemachern allerdings die visuelle Brillanz zu sein: Der Mensch Mogli und die fotorealistisch animierten Tiere fügen sich nahtlos ein in die berauschend schöne, aus dem Computer stammende Dschungelwelt. Die Bewegungen der Tier-Figuren sind besonders überzeugend gelungen (vor allem Baghira beeindruckt mit geschmeidiger Anmut), trotzdem haben diese Schöpfungen nicht selten etwas Steriles und Künstliches an sich: Dass die wilden Tiere sprechen können, wirkt ohne die klare Stilisierung ins Menschliche, an die wir uns beim traditionellen Animationsfilm so sehr gewöhnt haben, tatsächlich etwas ungewohnt und irritierend – durch den äußeren Realismus wird letztlich auch das Ausdrucksspektrum der Figuren reduziert.

In Look und Stimmung ist „The Jungle Book“ sehr eigenständig und kaum mit den anderen bisherigen Filmversionen zu vergleichen – auch nicht mit Disneys eigenem zum Vorbild erkorenen Zeichentrickklassiker. Eine unverkennbare Hommage an dieses von Generationen geliebte „Dschungelbuch“ gibt es dennoch: Komponist John Debney („Die Passion Christi“) variiert einige markante Themen und Lieder aus dem 1967er Film. So trägt Bill Murray als kumpeliger Balu, der sich neben dem fürsorglichen Baghira auch hier als der größte Sympathieträger erweist, das legendäre „The Bare Necessities“ („Probier’s mal mit Gemütlichkeit“) vor, auch der Affensong „I wanna be like you“ feiert ein Comeback. Trotz dieser Einlagen ist „The Jungle Book“ allerdings keineswegs ein Musical, sondern ein rassig-kurzweiliges Action-Abenteuer über das Erwachsenwerden unter schwierigen Umständen. Regisseur Favreau findet das rechte Gleichgewicht zwischen technischer Innovation und erzählerischer Sorgfalt, zwischen Altem und Neuem zwar nicht, seine eigentümliche Mischung ist trotzdem durchaus reizvoll.

Fazit:
Jon Favreau schreibt den Disney-Mythos „Dschungelbuch“ fort und schafft mit seinem Fantasy-Action-Abenteuer „The Jungle Book“ eine technisch brillante und durchaus eigenständige, aber weit von dem Charme des Zeichentrick-Klassikers entfernte Neuinterpretation. Besonders die Animationen und Effekte wissen zu überzeugen. Dafür vergeben wir nicht kinderfreie 7 von 10 Punkte. (mk)

X-Men: Apocalypse



Facts:
Genre: Action, Sci-Fi
Regie: Bryan Singer
Cast: James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence
Laufzeit: 144 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Fox Deutschland


(c) Fox Deutschland

Inhalt: 
Die Welt hat sich verändert, Mutanten werden in der Gesellschaft nun weitestgehend akzeptiert. Doch ein legendärer Bösewicht schickt sich an, Menschen wie Mutanten zu unterjochen: der einst als Gott verehrte Apocalypse (Oscar Isaac), der älteste und mächtigste Mutant der Welt. Er ist unsterblich und unbesiegbar, weil er die Kräfte vieler unterschiedlicher Mutanten vereint – und er ist bei seinem Erwachen nach Tausenden von Jahren gar nicht glücklich darüber, wie sich die Welt entwickelt hat. Zur Verwirklichung seines Plans einer neuen Weltordnung bringt Apocalypse mächtige Mutanten unter seine Kontrolle: Magneto (Michael Fassbender), Psylocke (Olivia Munn), Storm (Alexandra Shipp) und Angel (Ben Hardy). Es ist an Raven (Jennifer Lawrence) und Prof. X (James McAvoy), ein Team junger Mutanten anzuführen, das sich Apocalypse in den Weg stellt… 

Bewertung:
Der Film beginnt mit der Stimme von Professor Xavier, der das grundlegende Dilemma der X-Men (und aller Superhelden) in einprägsame Worte kleidet: „Gifts can be curses.“ Besondere Begabungen und Fähigkeiten können ein Fluch sein. Auch das Wissen um die Zukunft, der Blick in die Herzen und Hirne der anderen kann Angst machen. Schmerz und Angst durchziehen den folgenden Film dann auch, das fängt schon im Prolog an. Nach Xaviers prophetischen Sätzen katapultiert uns Regisseur Bryan Singer („Die üblichen Verdächtigen“) ins alte Ägypten, ins Jahr 3600 vor Christus: Schier endlose Menschenmassen, pompöse Bauten, schneidige Krieger bilden den Rahmen für eine pharaonische Machtdemonstration. Und hinter dieser Kulisse, die dem Filmemacher die Gelegenheit bietet, seiner Vorliebe fürs Monumental-Ornamentale freien Lauf zu lassen, findet ein beunruhigendes Ritual statt. Es gibt Widerstand, die Pyramiden stürzen ein und scheinen das drohende Unheil unter sich zu begraben, aber fast 6000 Jahre später erwacht eine schreckliche Macht.

Der gottgleiche Apocalypse wirkt in den 1980ern ein bisschen wie ein Jedi, der sich verlaufen hat (einer der wenigen Witze hier hat übrigens mit dem dritten „Star Wars“-Film zu tun, aber ansonsten bleibt das Zeitkolorit sehr dezent): Der Erzbösewicht ist irgendwie fehl am Platz, aber er trägt seinen Namen völlig zu recht. Er besitzt furchteinflößende Kräfte, die er über die Jahrtausende von anderen Mutanten auf sich übertragen hat und verfolgt mit kalter Konsequenz sein einziges zerstörerisches Ziel – das Ende der Welt. Angst und Schmerz kennt er nicht, ihm fehlen alle menschlichen Züge – der sonst so charismatische Oscar Isaac („Star Wars 7“) zeigt keine Regung und ist unter dem steinern wirkenden Make-up ohnehin nicht wiederzuerkennen. „Die interessieren mich nicht“, sagt er ohne Ausdruck in einer Szene zu Magneto und lässt eine Gruppe von Männern per Fingerzeig buchstäblich im Boden versinken. Apocalypse ist so etwas wie die Perfektion und die Perversion des Superhelden zugleich: Er will die absolute Macht nur um ihrer selbst willen, die Menschen mit allen ihren Schwächen sind da nur Störfaktoren. Und wenn er den verzweifelten Erik Lehnsherr nach Auschwitz führt, um seinen Hass zu schüren, dann legt er den Finger ungeniert in die Menschheitswunde.

Schon „Zukunft ist Vergangenheit“ war Ideenkino mit Popcorngeschmack, auch in „Apocalypse“ schrecken Bryan Singer und Drehbuchautor Simon Kinberg („Sherlock Holmes“) nicht vor großen Themen zurück: Die Frage nach der Natur des Menschlichen steht hier im Mittelpunkt, wobei Nicht-Mutanten mit Ausnahme der CIA-Agentin Moira Mactaggert (Rose Byrne) nur kleine Nebenrollen spielen und meist ängstlich oder feindselig auftreten. Schon der Kameraflug durch einen „Zeittunnel“ (allein dafür lohnt sich das 3D) vor der Titeleinblendung zeigt uns die Widersprüche im menschlichen Wesen. Und später stehen sich wieder die Positionen des versöhnlichen Charles Xavier, der für die Kollaboration zwischen Mutanten und Menschen eintritt, und des auf Konfrontation setzenden Skeptikers Magneto gegenüber – ein Konflikt, der hier eine neue Komplexität erreicht. Wenn der im Schoß einer neuen Familie zur Ruhe gekommene Erik aus seinem friedlichen inneren Exil aufgescheucht wird und in eine schicksalsschwere und toll gefilmte Konfrontation in einem polnischen Provinzwald gerät, dann fällt es gar nicht so leicht, Partei zu ergreifen. Und auch der eindrucksvolle emotionsgeladene Kurzauftritt von Hugh Jackmans Wolverine erweist sich als überaus ambivalenter Moment, an den übrigens in der obligatorischen Post-Credit-Sequenz angeknüpft wird, die überdies einen verklausulierten Hinweis auf einen möglichen nächsten Schurken liefert.

„X-Men: Apocalypse“ ist bis zum Ende ein Blockbuster mit moralischen Widerhaken und so darf Michael Fassbender („Inglourious Basterds“, „Shame“) noch weiter in die Tiefen seiner Figur eintauchen, während der Optimismus von James McAvoys („Abbitte“, „Wanted“) Professor immer wieder auf die Probe gestellt wird. Aber er gibt den Widerstand gegen Apocalypse nicht auf und hat dabei neben Beast (Nicholas Hoults bester Moment ist diesmal eine beiläufig hingehauchte Bekundung seiner Zuneigung zu Mystique) auch ein paar neue (alte) Mitstreiter an seiner Seite: Besonders beeindruckend fällt der Auftritt von Jean Grey („Game Of Thrones“-Star Sophie Turner) aus, die sich von einer unter ihren telepathischen Kräften leidenden Außenseiterin zu einer mutigen Kämpferin entwickelt und wie ein Phoenix zur Entscheidungsschlacht aufsteigt. Vor allem aber zeigt sie Mitgefühl und Einfühlungsvermögen, daher versteht sie auch Scott Summers/Cyclops (hervorragend: Tye Sheridan) so gut, dem tödliche, kaum zu kontrollierende Strahlen aus den Augen schießen. Die hin- und hergerissene Mystique (gut wie meist: Jennifer Lawrence) wiederum ist zuerst in einer etwas seltsamen Szene im Ost-Berlin der 80er zu sehen, in der sie Kurt Wagner/Nightcrawler (amüsant: Kodi Smit-McPhee) aus misslicher Lage befreit, danach drückt sie auch diesem Film ihren blauen Stempel auf und schließlich bekommt Quicksilver (Evan Peters), der Sonderling unter den Sonderlingen, wie schon in „Zukunft ist Vergangenheit“ einen großen Auftritt.  

Der unvorstellbar schnelle Mutant darf seine Kräfte wieder in einer extrem verlangsamten Sequenz demonstrieren: Es ist, als bliebe die Zeit stehen und er könnte ein unentrinnbares Schicksal aufhalten – aber diesmal hat die virtuose Zeitlupen-Rettungseinlage (begleitet von Eurythmics‘ „Sweet Dreams“) eine stärkere dramatische Seite. Eine ähnliche Mischung aus Poesie und Angeberei präsentiert uns Singer in einer ausgedehnten und wundersamen Montagesequenz um das globale Nuklearwaffenarsenal, dazu hat Komponist (und Co-Cutter) John Ottman („The Nice Guys“) eine aufgemotzte Version des Allegrettos aus Beethovens 7. Sinfonie arrangiert – keine originelle, aber eine wirkungsvolle Wahl. Die zahlreichen und ausgedehnten Actioneinlagen fallen hier insgesamt vielleicht nicht so überraschend aus wie im vorigen Film der Reihe, aber die von Apocalypse und seinen Helfern entfachte Zerstörungsorgie (wieder einmal erwischt es einige berühmte Sehenswürdigkeiten) hat anders als in einigen anderen Comic- oder Katastrophenfilmen immer auch einen Rest von Erdenschwere: Zur Spektakel-Schaulust gesellt sich das Schaudern vor dem Abgrund. Denn „Apocalypse“ hat trotz aller Blockbuster-Mechanismen und Spezialeffektkaskaden ein großes Herz: Am schönsten zeigt sich dies in zwei ruhigen Szenen, in denen zwei Figuren unter ganz unterschiedlichen Umständen verlorene Erinnerungen gleichsam zurückgeschenkt bekommen.

Fazit: 
Auch im x-ten X-Men Film bleiben weder die Handlung noch die Charaktere auf der Strecke. Singer schafft es mal wieder eine tolle Story zu erzählen und dabei die Entwicklung der Mutanten nicht aus den Augen zu verlieren. Einer der besten X-Men Filme für uns. Daher vergeben wir mutantenhafte 9 von 10 Punkte. (mk)

Dienstag, 10. Mai 2016

The First Avenger: Civil War


Facts:
Genre: Action, Fantasy
Regie: Anthony und Joe Russo
Cast: Chris Evans, Robert Downey Jr., Scarlett Johansson
Laufzeit: 148 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Walt Disney Germany

(c) Walt Disney Germany



Inhalt:
Als Captain America (Chris Evans), Black Widow (Scarlett Johansson), Scarlet Witch (Elizabeth Olsen) und Falcon (Anthony Mackie) in der nigerianischen 13-Millionen-Metropole Lagos einen Angriff von Crossbones (Frank Grillo) und seinen Schergen auf ein Institut für Seuchenkrankheiten abwehren, fordert der Einsatz der Avengers einmal mehr auch zivile Opfer. Der US-Außenminister Thaddeus Ross (William Hurt) fordert deshalb, dass die Superheldentruppe zukünftig einem Gremium der Vereinten Nationen unterstellt wird – ein entsprechendes Abkommen soll in Wien von 117 Nationen unterschrieben werden. Während der von Schuld zerfressene Iron Man (Robert Downey Jr.) auf der Seite der Politiker steht, will sich Captain America von niemandem vorschreiben lassen, wem er helfen darf und wem nicht. Als es bei der entscheidenden Sitzung zu einem Anschlag kommt, ist ein Verdächtiger auf den Videobildern schnell identifiziert: Bucky Barnes alias Winter Soldier (Sebastian Stan). Damit ist die Stunde der Entscheidung für den Captain gekommen: Macht er sich selbst auf die Suche nach seinem alten Weggefährten, stellt er sich damit gegen einen Großteil der Nationen der Erde – und gegen einige seiner besten Freunde…


Bewertung:
Eine der größten Herausforderungen bei den „The Avengers“-Filmen war es, für jeden der Helden etwas zu finden, was nur er tun kann – allgemein für den Fortgang der Handlung oder auch in den einzelnen Action-Sequenzen. Als ob das nicht schon schwer genug wäre, setzen die „Civil War“-Macher jetzt noch einen drauf – denn nicht nur gibt es im dritten „Captain America“-Teil mehr Helden als selbst in „The Avengers 2“, jeder einzelne von ihnen braucht auch eine stimmige Motivation, warum er sich im elementaren Konflikt zwischen Iron Man und Captain America für welche Seite entscheidet: eine Mammutaufgabe, die das Regie-Duo allerdings gemeinsam mit den Autoren Christopher Markus und Stephen McFeely ganz vorzüglich löst. Ohne eine einzige spürbare Länge oder unnötig bedeutungsschwangeres Gerede werden die Überzeugungen der Avengers herausgearbeitet. Die individuellen Motive sind dabei selbst innerhalb der einzelnen Teams sehr unterschiedlich und oft extrem persönlich, aber immer sofort nachvollziehbar (hier würde sich natürlich wieder der Vergleich zu einem anderen aktuellen Superhelden-Film anbieten, aber versprochen ist versprochen).

Die Russo-Brüder meistern nicht nur die Pflicht der Figurenzeichnung, sondern auch die Kür. Schon vor einem halben Jahr haben sie uns am Set von ihrem Wunschtraum erzählt, dass sich die Zuschauer selbst beim Rausgehen nach dem Abspann noch darüber streiten, wer denn nun recht hat: der für staatliche Kontrolle eintretende Tony Stark oder der für die Unabhängigkeit der Avengers plädierende Steve Rogers? Und tatsächlich: Wir können uns nun auch mehrere Stunden nach dem Film nicht entscheiden – natürlich ist Captain America ein netter, vertrauenswürdiger Kerl, aber wenn er und sein in den USA ansässiges Team in Afrika oder Osteuropa Weltpolizei spielen und dabei halbe Städte in Schutt und Asche legen, kann man natürlich auch verstehen, dass das nicht alle so toll finden. Dabei haben die Regisseure übrigens nicht nur den Mumm, den moralischen Konflikt angemessen ambivalent auszugestalten, sie weigern sich auch bis zum Schluss, ihn mit einem einfachen Martha-Handstreich wieder aufzulösen – zwar gibt es immer wieder Plot-Entwicklungen, die den Zuschauer zwischenzeitlich eher zur einen oder zur anderen Seite tendieren lassen, aber tatsächlich aufgelöst wird das Dilemma nicht. Nur doof, dass das alles in den kommenden fünf (!) Marvel-Filmen – wenn überhaupt – nur am Rande eine Rolle spielen wird und wir bis zu „Avengers: Infinity War - Part I“ im April 2018 warten müssen, um zu sehen, ob die scheinbar ausweglose Situation doch noch in einen versöhnlichen Kompromiss mündet.

Wo der Vorgänger „The Return Of The First Avenger“ immer wieder mit Polit-Thrillern aus den 1970ern verglichen wurde, erinnert der Ton von „Civil War“ nun eher an moderne Spionage-Franchises. Gerade während der ersten großen Action-Sequenzen in Lagos und in einem Tunnel in Bukarest ist die Kamera so nah dran an den Helden wie selten zuvor – das Ergebnis hat eine Wucht und eine Unmittelbarkeit, die einen fast vergessen lassen, dass Cap & Co. ja eigentlich gar nichts Schlimmes passieren kann. Aber das ist alles trotzdem nur ein kleiner Vorgeschmack auf das große Duell der beiden Superhelden-Teams am Leipziger Flughafen – was dort in einer einzigen ausgedehnten Sequenz an inszenatorischen Kabinettstücken abgefackelt wird, hätte auch locker für eine Handvoll Blockbuster gereicht. Weil etliche der Details uns wirklich überrascht haben, wollen wir sie euch natürlich auch nicht verderben, deshalb nur so viel: Die Trümpfe sind definitiv Spider-Man und Ant-Man! Dass das eigentliche Finale nach diesem kaum wiederholbaren Höhepunkt (womöglich die beste, auf jeden Fall aber die kreativste Actionszene im gesamten MCU) anschließend sehr viel intimer und persönlicher ausfällt, erscheint da als die einzig logische Entscheidung.

Mit Ausnahme von Loki (Tom Hiddleston) hat das MCU noch keinen wirklich erinnernswerten Bösewicht hervorgebracht. Daran ändert nun auch Daniel Brühl nichts – der „Rush“-Star wirkt nie wahrhaft bedrohlich, nicht einmal, als er einen russischen Ex-Soldaten kopfüber in einem Waschbecken ertränkt. Allerdings ist das speziell in diesem Film gar nicht so unpassend: Zemo ist eben kein größenwahnsinniges Mastermind, sondern handelt aus sehr menschlichen Motiven; und statt persönlich mit in die Action einzusteigen, lässt der vergleichsweise zurückhaltende Strippenzieher die Avengers sich lieber selbst gegenseitig erledigen, womit er eine entscheidende Frage aufwirft: Wenn es ein einzelner Mann mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln schafft, die Superhelden zu manipulieren und gegeneinander auszuspielen, müssten diese nicht vielleicht doch besser kontrolliert werden? Immerhin haben sie zusammen die militärische Durchschlagskraft mehrerer Atombomben. In diesem Sinne macht Brühl seine Sache also durchaus gut, selbst wenn wir uns aus einem rein patriotischen Blickwinkel doch einen auffälligeren Auftritt von „unserem“ Mann im MCU gewünscht hätten.

Dass in der Entwicklungsphase immer wieder hin und her überlegt wurde, welche neuen Superhelden nun in „Civil War“ vorgestellt werden und welche nicht, fällt zumindest bei der Figur von T'Challa alias Black Panther absolut nicht auf: Der afrikanische Prinz und Krieger besitzt nicht nur elementare Bedeutung für den Plot, auch sein katzenhafter Kampfstil wirkt frisch und setzt sich angenehm von Black Widows Martial-Arts-Künsten ab. Dabei wurden auch Kleinigkeiten bedacht: Während die übrigen Superhelden meist mit einem Rums auf dem Boden aufschlagen, gibt es bei Black Panther bei der Landung kaum ein Geräusch – eine winzige Entscheidung beim Tonmix, die der Figur auch in den Action-Gruppenszenen einen ganz eigenen Charakter verleiht. Auch einen wenige Sekunden langen Blick auf T'Challas Heimatland Wakanda bekommen wir bereits geboten – und die imposante Dschungellandschaft verspricht tatsächlich, dass Ryan Coogler mit dem Black-Panther-Solo im Februar 2018 noch einmal eine völlig neue Welt für das MCU eröffnen wird.

Nachdem sich Disney und Sony erst in letzter Sekunde auf einen Schauspieler einigen konnten, ist dem Auftritt von Spider-Man hingegen klar anzumerken, dass er erst auf der Zielgeraden eingebaut wurde. Aber obwohl der neue Spidey nichts zur Handlung beizutragen hat, möchten wir dieses Gastspiel definitiv nicht missen: Im Vergleich zu Tobey Maguires und Andrew Garfields Lesarten ist die Interpretation des Spinnenmannes durch Tom Holland („The Impossible“) noch näher an den Comics – entwaffnend natürlich und absolut frech, insbesondere im kongenialen Zusammenspiel mit Tony Stark (gerade weil Robert Downey Jr. nur in diesen Szenen seine schneidige Arroganz voll ausspielt und ansonsten unter der Last der Avengers-Zivilopfer sehr bedrückt wirkt)! Der Netzschwinger ist die klar spaßigste Figur in „Civil War“ und nachdem wir dem Solofilm des Rekord-Rebooters bisher noch mit einer gesunden Skepsis entgegengesehen haben, steht „Spider-Man: Homecoming“ nun ganz weit oben auf unserer Liste der meisterwarteten Filme 2017.

Fazit: 
Ich wusste bis zum Schluss tatsächlich nicht, welcher Seite ich nun eigentlich die Daumen drücken sollen – und das ist wohl so ziemlich das größte Kompliment, das man „The First Avenger: Civil War“ machen kann. Beide Seiten stellen ihre Handlungsweisen nachvollziehbar dar. Und hier merkt man dann auch den Unterschied zu DC und Batman vs Superman. Ich vergebe für diesen Film heldenhafte und konfliktfreie 9,5 von 10 Punkte. (mk)