Samstag, 31. August 2019

Angel Has Fallen

pic (c) Universum Film GmbH



Inhalt:

Secret-Service-Agent Mike Banning (Gerard Butler) hat seine ganze Karriere damit verbracht, sein Leben in den Dienst von US-Präsidenten zu stellen und diese zu beschützen - koste es, was es wolle. Zweimal musste er bereits an seine Grenzen gehen, um die Pläne kompromissloser Terroristen zu durchkreuzen und die Welt zu retten. Doch nun gerät er selbst ins Visier: Als bei einem bis ins kleinste Detail geplanten Angriff auf den Präsident Trumbull (Morgan Freeman) nämlich halb Washington in Schutt und Asche gelegt werden soll, spielt nicht nur das Flugzeug des Präsidenten - die Air Force One mit dem Codenamen „Angel“ - eine entscheidende Rolle, sondern auch Banning. Ausgerechnet ihm schieben die Angreifer die Schuld in die Schuhe, als der Vogel vom Himmel geholt wird. Und plötzlich muss Mike nicht nur fliehen, sondern auch noch die wahren Übeltäter finden, um seine Unschuld zu beweisen - denn selbst seine Kollegen glauben, dass er was mit der Sache zu tun hat.

Bewertung: 

Das Mike-Banning-rettet-den-Präsidenten-und-die-Welt-Konzept nach „London Has Fallen“ noch ein zweites Mal quasi ohne Änderungen zu wiederholen, wäre der Einfallslosigkeit zu viel. Das war offensichtlich allen Beteiligten klar. Deshalb bringt Regisseur und Co-Drehbuchautor Ric Roman Waugh eine neue Struktur mit – die ist nicht unbedingt besser, aber zumindest anders. Sein „Auf der Flucht“-Plot sorgt allerdings kaum für Spannung, weil von Beginn an viel zu offensichtlich ist, wer als Bösewicht hinter den Angriffen der Super-Hacker steckt (dass der bis in den Tod loyale Mike Banning natürlich nichts damit zu tun hat, versteht sich von selbst und wird vom Film auch gar nicht erst als Möglichkeit angebracht). So ist das Publikum zwar schon irgendwie auf seiner Seite, wenn der Angeklagte in Dr.-Kimble-Manier den wahren Täter aufzuspüren versucht, während ihn der gesamte Sicherheitsapparat der USA verfolgt. Aber zugleich ist das auch alles superplump: Das Weiße Haus, CIA, FBI – die schnelle und medial ausgestellte Festlegung auf Banning als (Einzel-)Täter wirkt albern-simpel! Schnell bekommt man den Eindruck, dass hier sowieso nur altbekannte Versatzstück zusammengesetzt werden – und zwar ganz egal, ob sie an der Stelle gerade passen oder nicht.

Der Ansatz, dem Film ein wenig mehr charakterliche Tiefe zu verleihen, mag löblich sein, lässt die Handlung aber auch nicht weniger haarsträubend unglaubwürdig erscheinen. Was „Angel Has Fallen“ allerdings tatsächlich merklich aufwertet, ist der völlig durchgeknallte Auftritt von Nick Nolte („Head Full Of Honey“) als Mike Bannings verschollener Vater, eine Art herzensguter Una-Bomber, der wie Kai aus der Kiste in den Plot geschmissen wird. Der dreifach oscarnominierte Star macht einen Riesenspaß und ist komplett over the top. Schade nur, dass Waugh dem Wahnsinn noch ein halbgares Vater-Sohn-Drama beimischt, das an der Stelle natürlich eh niemanden ernsthaft interessiert. Zudem ist Gerard Butler („300“) beim Rumballern einfach besser als im Verhandeln von familiären Konflikten. Etwas griffiger ist da schon ein kurzer Diskussions-Exkurs, wenn Banning und sein Vater Clay über die Gleichheit der Kriege in Korea, Vietnam und dem Irak philosophieren – wobei das im selben Moment auch ein bisschen schizophren ist, weil „Angel Im Fallen“ trotz seiner Anti-Kriegs- und Anti-Söldner-Message im selben Moment eben auch eine Menge idiotischen Brüderschafts-Bullshit („Wir sind Löwen!“) und Michael-Bay-Gedächtnis-Zeitlupen von Militärgerätschaften zelebriert.
Kernkompetenz von „Angel Has Fallen“ ist und bleibt aber die Gaga-Action um kernige Typen, die abends mit Bier in der Hand riesige Steaks auf den Grill schmeißen. Wurde die extreme Brutalität von „Olympus Has Fallen“ schon in „London Has Fallen“ etwas zurückgefahren, bleibt auch der dritte Film diesem neuen „sanfteren“ Kurs treu. Es geht schon zur Sache (FSK: ab 16 Jahren), aber allzu bestialisch fallen die Tötungen visuell nicht aus. Nach einem packenden Beginn in einem Trainings-Parcours, wo nebenbei kurz eine schicke Ego-Shooter-Perspektive präsentiert wird, ist die zentrale Drohnenattacke die eindeutig innovativste Action-Sequenz, selbst wenn sie in Sachen CGI-Technik nur mittelmäßig ausgeführt wird. Eine dynamische Truckverfolgungsjagd und weitere Explosionsfestivals sorgen neben dem donnernden Score von David Buckley („Jason Bourne“) für das nötige Krawall-Grundrauschen, das die Actionreihe seit jeher auszeichnet. Nichts, was ewig im Gedächtnis bleibt, aber alles mit ordentlich Schmackes. Passt schon und dann ist jetzt auch gut.

Fazit: 

„Angel Has Fallen“ ist ein klobiger Action-Thriller, der zwar ebenso hanebüchen wie vorhersehbar ist, aber dank kompetent-geradlinig inszenierter Action-Szenen und einem grandios über die Stränge schlagenden Nick Nolte streckenweise trotzdem ganz ansprechend unterhält. (mk)

Dienstag, 27. August 2019

Lupin III vs. Detective Conan: The Movie

pic (c) Kazé



Inhalt:

Die Helden der erfolgreichen Anime-Serie "Lupin III." und "Detektiv Conan" treffen in diesem Crossover erneut aufeinander: Meisterdetektiv Conan setzt alles daran, den Meisterdieb Kaito Kid, auf frischer Tat zu ertappen. Unerwarteterweise entpuppt sich jedoch der große Räuber Lupin III als das Genie hinter dem beobachteten Coup und der hat auch bereits das nächste große Ziel im Auge: den unbezahlbaren Cherry Sapphire. Oder steckt viel mehr hinter den Plänen von Lupin III als der bloße Raub des wertvollen Edelsteins? Seine rechte Hand Daisuke Jigen arbeitet immerhin plötzlich als Leibwächter für den italienischen Sänger und Schürzenjäger Emilio, den Conan, Kogoro und Ran während eines Auftrags treffen. Steckt Lupin III etwa auch hinter dem Drohbrief an Emilio, in dem er aufgefordert wird, sein großes Live-Konzert unbedingt abzusagen? Es scheint so, als hätte Lupin III ganz andere Motive, und Conan wird sie früh genug herausfinden müssen, um den Fall zu lösen...


Bewertung:

Ja, auch in diesem Film gibt es sie - die geistreichen und charmanten Conan-Momente, welche die Serie einzigartig machen. Und für Fans der Serie genügt das, um ins Kino zu gehen. Der Fall allerdings ist allerdings (auch nach Maßstäben der bisherigen FIlme) recht verworren: Mir ging irgendwann der Überblick verloren. Von den Action-Szenen, die offenbar immer die vorherigen Filme noch übertreffen müssen, gar nicht erst zu reden.

Fazit: 

Leider nicht so gut wie erhofft, dennoch für Fans sehenswert. (mk)

Sonntag, 25. August 2019

Gloria - Das Leben wartet nicht

pic (c) by SquareOne Entertainment



Inhalt:

Die Mittfünfzigerin Gloria (Julianne Moore) fühlt sich seit ihrer Scheidung einsam. Ihre Kinder Anne (Caren Pistorius) und Peter (Michael Cera) haben längst ein eigenes Leben - er mit seinem neugeborenen Baby, sie mit ihren Yoga-Kursen und dem heißen neuen Surfer-Freund. Gloria, die das Tanzen liebt, beginnt deswegen, auf Single-Partys überall in Los Angeles zu gehen. Tagsüber kämpft sie sich durch ihren langweiligen Alltag im Büro und nachts schlägt sie sich die Nächte um die Ohren. Bei einer dieser nächtlichen Streifzüge lernt sie Arnold (John Turturro) kennen. Zunächst scheint es für Gloria nun bergauf zu gehen, doch sie ist sich nicht sicher, ob sie ihrem neu gefundenen Glück trauen kann – vor allem als sie herausfindet, dass der ebenfalls geschiedene Arnold sie vor seinen Töchtern verheimlicht...


Bewertung: 

Schon mit der Wahl ihrer Haarfarbe macht Sebastián Lelio bewusst deutlich: Die (hier blonde) US-Gloria ist keine Kopie der chilenischen Titelheldin, sondern eine eigenständige Figur – eine begrüßenswerte Entscheidung. Der Versuch, das markante Spiel, für das Paulina García (nicht nur) in Berlin zu Recht gefeiert wurde, einfach abzupausen, wäre wohl ohnehin zum Scheitern verurteilt gewesen und einer Schauspielerin wie Julianne Moore auch irgendwie unwürdig. Gloria Bell, wie sie nun heißt, hat zwar sehr ähnliche Probleme – vor allem mit dem entscheidungsunfähigen Pantoffelhelden, der hier Arnold heißt und von John Turturro zwar mit mehr Charisma, aber genauso wenig Rückgrat verkörpert wird. Sie erlebt auch im Wesentlichen die gleiche Geschichte wie ihre chilenische Vorgängerin, aber Gloria Bell trägt nicht einfach nur eine etwas schickere Brille, sie muss sich eben auch in einem ganz anderen Setting behaupten.

Ein Merkmal dieses Settings, das Glorias Problematik noch verschärft: Mit Los Angeles bewegt sie sich in der Hauptstadt des Jugend- und Schönheitswahns, in der dem Altern ein entsprechend hoher Bedrohungswert zukommt. Mehrmals weist Lelios Drehbuch auf diesen Umstand hin: Einmal wird Gloria an der Bar von einer anderen Frau gefragt, ob sie „etwas habe machen lassen“, in einer anderen Szene verrät ihr eine Freundin den Insider-Tipp, sie müsse sich nur zeitgleich einen neuen Haarschnitt zulegen, dann würde von der Schönheits-OP niemand etwas merken. Nicht, dass Gloria derartiges geplant hätte. Trotzdem wird dank solcher Szenen der Druck deutlich, der die Mittfünfzigerin dazu verleitet, in Arnold ihre letzte Hoffnung auf ein neues Liebesglück zu sehen. Eine der ikonischen Szenen des Films (Gloria wirft vor einer tanzenden Skelettmarionette in der Fußgängerzone Geld in einen Hut) wird hier sogar unmittelbar mit einem Telefonanruf von Arnold verknüpft, auf dessen Versöhnungsversuche sich Gloria, sozusagen im Angesicht des Todes, dann doch einlässt.

Überhaupt ist in der US-Version einiges ein wenig offensichtlicher, so auch die der Figur Gloria inhärente Tragik, die Julianne Moore mit ihrem gefühlsbetonten Spiel eindeutiger herausarbeitet als Paulina García, deren subtile Darstellung immer wieder Raum für Interpretationen ließ, wie viel Verzweiflung sich denn nun wirklich hinter der starken Fassade verbirgt. Als Moores Gloria etwa ihre auswanderungswillige Tochter am Flughafen verabschiedet, sehen wir die Verlassene ihrem Kind in Tränen aufgelöst zum Gate nachblicken – eine Szene, die im Original fehlt. Das Bekenntnis zur Fragilität der amerikanischen Gloria zeigt sich auch deutlich in Lelios Entscheidung, sie vom missglückten Liebesurlaub mit Arnold nicht wie im Original von ihrer Haushaltshilfe, sondern von ihrer Mutter abholen zu lassen. Denn wenn frau Mitte 50 zurück in Mutters Schoß kriechen muss, ist der emotionale Nullpunkt unübersehbar erreicht. Dank Moores wunderbar einfühlsamer Darstellung dieser entwürdigenden Situation hat Gloria Bell allerdings selbst dann noch alle Sympathien auf ihrer Seite.

Neben der persönlichen gibt es im chilenischen Original auch eine politische Komponente, die Lelio in seinem Remake behutsam an den kulturellen Rahmen anpasst. Bei Büro- und Tischgesprächen geht es hier zum Beispiel um das Rentensystem, Waffenbesitz und den Klimawandel, während man in Chile noch unter anderem über Klassenunterschiede und die Nachwehen der Pinochet-Diktatur reflektierte. Diese politischen Momente halten sich unaufdringlich im Hintergrund und haben immer auch schlüssige Bezüge zu Glorias privater Geschichte. Dass hier in ihren privatesten Momenten deutlich weniger nackte Haut zu sehen ist, entschärft hingegen ein anderes provokatives Moment der chilenischen Version. Ein Zugeständnis an US-Sehgewohnheiten, das angesichts der ansonsten gelungenen (sprich: nicht glattbügelnden) Amerikanisierung aber kaum negativ ins Gewicht fällt.

Fazit: 

Keine bloße Kopie, sondern die nicht weniger überzeugende Geschichte einer etwas anderen Gloria, die von Julianne Moore einfühlsam und mit mehr Mut zur Tragik zum Leben erweckt wird – wenn der US-Version auch ein Stück weit das Geheimnisvolle fehlt, das die chilenische Gloria zum subtilen Faszinosum machte.   (mk)


Sonntag, 18. August 2019

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

pic (c) Walt Disney Germany



Inhalt:

Mittlerweile ist Andy aus dem Alter raus, in dem er noch mit seinen Spielzeugen spielt. Also hat er den Cowboy Woody (Originalstimme: Tom Hanks) und den Space-Ranger Buzz Lightyear (Tim Allen) an seine kleine Freundin Bonnie (Madeleine McGraw) weitergereicht, damit sie fortan ihre Fantasie mit ihnen ausleben kann. Dann aber bastelt sie in der Vorschule aus einer Gabel ein neues Spielzeug und die harmonische Idylle im Kinderzimmer ist dahin. Denn Forky (Tony Hale), so der Name des Gefährten, ist alles andere als glücklich mit seinem Leben als Spielzeug-Gabel. Er ist sich sicher, dass er kein Spielzeug ist, sondern Müll! Als die ganze Familie einen Ausflug macht, springt er kurz entschlossen aus dem Auto. Woody kann und will Forky nicht seinem Schicksal überlassen und eilt ihm hinterher. Der Cowboy will der Gabel aus seiner Identitätskrise helfen und macht sich mit ihm auf den Weg in ein aufregendes Abenteuer, bei dem sie auch auf die alte Bekannte, Bo Peep (Annie Potts) treffen. Doch Buzz will nicht auf seinen Freund Woody verzichten und begibt sich währenddessen selber auf eine Reise, um das ungewöhnliche Duo aufzuspüren...

Bewertung:

„A Toy Story“ beginnt mit einem Blick neun Jahre zurück in die Vergangenheit: In einer stürmischen Nacht muss Woody mit ansehen, wie die Schäferin Bo Peep (die in „Toy Story 3“ gar nicht vorgekommen ist, aber jetzt wieder eine ganz zentrale Rolle spielt) in einem Umzugskarton abtransportiert wird. Allerdings legt diese Rückblende nicht nur den emotionalen Grundstein für das neue Abenteuer, sie lässt auch direkt zum Auftakt keinerlei Zweifel daran, dass Pixar in animationstechnischer Hinsicht auch diesmal wieder mit der Konkurrenz den Boden aufwischt. Wenn sich hier ein ferngesteuertes Auto mit aller Kraft dagegen wehrt, vom Schlamm und Laub davongeschwemmt zu werden, dann ist das zwar schon ziemlich dramatisch – aber der Mund steht einem nicht wegen der waghalsigen Rettungsaktion offen, sondern wegen der puren visuellen Brillanz. Immer wenn man glaubt, dass Ende der Fahnenstange sei aber langsam mal erreicht, kommt Pixar daher und macht noch einmal einen riesigen Sprung nach vorne.


Aber gut, alles andere wäre speziell der für ihre tricktechnischen Quantensprünge berüchtigten „Toy Story“-Reihe auch einfach nicht würdig gewesen. Die viel drängendere Frage war dann im Vorfeld auch, ob die Macher nach dem Abschluss der Andy-Trilogie tatsächlich noch etwas Neues zu erzählen haben – zumal es in „A Toy Story“ um einen Roadtrip geht und Roadtrips ja auch gerne mal als dramaturgisches Allheilmittel verwendet werden, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Aber keine Sorge, „A Toy Story“ ist bis obenhin vollgestopft mit weisen, cleveren, inspirierenden und zu Herzen gehenden Themen und Subplots, die auch locker für eine ganze Handvoll Filme gereicht hätten – von Forkys existenzieller Sinnkrise über Bo Peeps selbstbestimmte Lebensweise bis hin zu einem tragischen Bösewicht, dem man am Ende tatsächlich beide Daumen drückt.

Sowieso erweisen sich speziell die neuen Figuren als absolute Knaller: Die Pläne von Bunny (Jordan Peele) und Ducky (Keegan-Michael Key), mit denen sie eine greise Antiquitätenkrämerin überwältigen wollen, sind etwa dermaßen genial-gaga, dass man den leicht psychotischen, an den Händen zusammengenähten Jahrmarktstofftieren einfach nicht böse sein kann. Der andauernd posende kanadische Stuntman Duke Caboom (großartig: Keanu Reeves) ist ein ebenso zuverlässiger Gaglieferant wie Forky, nur dass die Pointen mit der lebensmüden Plastikgabel naturgemäß eine ganze Ecke trockener ausfallen. Nachdem die Reihe speziell in „Toy Story 2“ ja schon auf allerlei Western- und Science-Fiction-Einflüsse gesetzt hat, lassen die aus den 1950ern stammende Gabby Gabby (Christina Hendricks) und ihre Bauchrednerpuppen-Armee „A Toy Story“ zudem immer mal wieder in Richtung eines betont altmodischen Horrorkinos kippen. Das Ergebnis sind einige vor allem auch visuell herausragende Sequenzen (der torkelnde Gang der Bauchrednerpuppen ist göttlich).

Trotz der zahlreichen neuen Figuren erzählt „A Toy Story“ – noch viel mehr als die Vorgänger – aber in erster Linie die Geschichte von Woody. Bisher wusste der geborene Anführer immer, was zu tun ist – nämlich alles, um Andy beziehungsweise Bonnie glücklich zu machen und vor Unheil zu bewahren. Wie es eben die Aufgabe eines Spielzeugs ist. Aber was kommt danach? Auch in dieser Hinsicht erweist sich „A Toy Story“ als erstaunlich weise, angenehm tiefe Erzählung – und so kullern einem dann in den finalen 20 Minuten, nachdem sich der Film im Mittelteil vor allem als temporeicher Spaß erwiesen hat, doch noch die von der Reihe gewohnten Tränen über die Wange. Da lässt es sich dann auch gleich viel leichter verkraften, dass dafür einige der alten Stars (allen voran natürlich Buzz Lightyear, der sich diesmal mit einem Running Gag über seine innere Stimme zufriedengeben muss) ins zweite Glied zurücktreten müssen.

Fazit: 

Das vierte Meisterwerk in Folge. Das hat auf diesem immens hohen Niveau wohl noch keine andere Filmreihe zuvor geschafft. (mk)

Samstag, 17. August 2019

Once Upon A Time... In Hollywood

pic (c) Sony Pictures Germany



Inhalt: 

1969: Die große Zeit der Western ist in Hollywood vorbei. Das bringt die Karriere von Western-Serienheld Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) ins Straucheln. Der Ruhm seiner Hit-Serie „Bounty Law“ verblasst mehr und mehr. Gemeinsam mit seinem Stuntdouble, persönlichen Fahrer und besten Freund Cliff Booth (Brad Pitt) versucht Dalton, in der Traumfabrik zu überleben und als Filmstar zu neuem Ruhm zu gelangen. Als ihm Filmproduzent Marvin Schwarz (Al Pacino) Hauptrollen in mehreren Spaghetti-Western anbietet, lehnt Rick ab – er will partout nicht in Italien drehen und von dem Sub-Genre hält er auch nichts. Stattdessen lässt er sich als Bösewicht-Darsteller in Hollywood verheizen und wird regelmäßig am Ende des Films von jüngeren, aufstrebenden Stars vermöbelt. Während die eigene Karriere stockt, zieht nebenan auch noch der durch „Tanz der Vampire“ und „Rosemaries Baby“ berühmt gewordene neue Regiestar Roman Polanski (Rafal Zawierucha) mit seiner Frau, der Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie), ein. Derweil will Cliff seinem alten Bekannten George Spahn (Bruce Dern) einen Besuch in seiner Westernkulissenstadt abstatten. Dort hat sich inzwischen die Gemeinde der Manson-Familie eingenistet. Mit Pussycat (Margaret Qualley) hat der Stuntman schon Bekanntschaft gemacht…

Bewertung:

Stand am Anfang der Berichterstattung über das Projekt die Geschichte des Manson-Kults im Fokus, entpuppt sich dieses vermeintliche Zentrum des Films nun als Nebenhandlung. „Once Upon A Time In… Hollywood“ ist so auch viel weniger spannend, als es zu erwarten war, sondern vor allem sehr, sehr lustig. Tarantino teilt mächtig aus, vor allem gegen die „Fucking Hippies“ (Zitat Rick Dalton), die bei jeder Gelegenheit ihr Fett wegbekommen und beschimpft werden. Die gewohnt brillant-lässigen Dialoge sind derbe, aber es schwingt durchweg ein entwaffnender und trockener Humor mit. Und dafür braucht der für seine kultigen Dialoge bekannte Tarantino gar nicht immer große Worte. Wenn ein neuer Regisseur Rick Dalton altes Image als Westernheld unter einer Hippie-Matte verschwinden lassen will, reicht ein kurzer Blick auf DiCaprios mürrisches Gesicht: Das ist nämlich einfach nur köstlich.

Meist ist für den Humor aber Brad Pitt („Inglourious Basterds“) zuständig. Als schlagkräftiger Stuntman Cliff Booth, der nicht nur seinen Boss beschützt, sondern auch für seinen zwielichtigen Ruf gefürchtet wird, avanciert er sofort zum absoluten Publikumsliebling. Pitt hat die meisten Lacher auf seiner Seite, weil er lakonisch über den Dingen steht und austeilt, wenn es nötig ist. Eine bereits in den Trailern angedeutete Begegnung von Booth mit Kampfsportlegende Bruce Lee (Mike Moh) ist dann auch das Highlight in diesem an Highlights nicht armen Film – eine schlicht herausragend lustige Sequenz. Leonardo DiCaprio („Django Unchained“) hat als weinerlicher Rick Dalton zwar die undankbarere, weil weniger coole Rolle, meistert diese aber ebenso überragend, weil er eine größere Bandbreite an Emotionen zeigen darf. Sein Rick Dalton ist ein zerbrechlicher, manischer Charakter mit Selbstzweifeln, die er immer wieder zur Seite schieben will.

Die beiden herausragenden Hauptdarsteller haben einen großen Anteil daran, dass es keinen großen Plot braucht, sondern es auch einfach so einen Heidenspaß macht, zwei Jungs zuzusehen, wie sie auf der Suche nach einer Zukunft durch Hollywood irrlichtern und dabei einfach nicht von ihrer Vergangenheit loskommen. Dazu kommt natürlich Quentin Tarantinos meisterliche Inszenierung: Ohne Rücksicht auf historische Genauigkeit erschafft er mit exquisiten Sets seine ganz eigene Version der Traumfabrik im Jahr 1969, die er - mit einem tollen 60er-Jahre-Soundtrack unterlegt - von seinem Stammkameramann Robert Richardson zum Leben erwecken lässt. Die eleganten 35mm-Bilder des dreifachen Oscarpreisträgers passen perfekt zur damaligen Zeit. Und natürlich dürfen ein paar der für den Regisseur so typischen inszenatorischen Kabinettstückchen wie kurz-knackige Rückblenden, die auf den Punkt Argumente in einem Dialog unterstreichen, nicht fehlen.

„Once Upon A Time... In Hollywood“ ist so natürlich auch die Liebeserklärung eines Kinoverrückten. Und ein solcher Film über das große Hollywood braucht selbstverständlich eines der größten Staraufgebote, das nur denkbar ist. Deswegen bietet der Cast neben den zentralen und alles bestimmenden DiCaprio und Pitt sowie Margot Robbie („I, Tonya“), die auch noch etwas mehr Leinwandzeit hat und optisch perfekt Sharon Tate verkörpert, noch eine lange Liste namhafter Akteure. Teilweise laufen diese Top-Schauspieler nur einmal kurz durchs Bild. Das mag wie ein reiner Marketinggag oder pure Dekadenz wirken, doch oft haben gerade diese Mini-Auftritte, in denen zum Beispiel Kurt Russell eine Szene stiehlt oder Damian Lewis („Homeland“) die Leinwandikone Steve McQueen spielt, schon ihren Sinn, weil so selbst Kleinigkeiten an Wichtigkeit gewinnen. 

Immer wieder streut Tarantino nicht nur solche überraschenden Auftritte, sondern auch andere, einfach aus der Hüfte geschossen kleine amüsante Gimmicks ein. Diese Momente, in denen zum Beispiel der durchtrainierte Cliff Booth seine Fähigkeiten unter Beweis stellt, tragen oft überhaupt nichts zur Handlung bei, sind aber unerwartet, lässig und vor allem lustig. Das daraus resultierende Aufbrechen einer klassischen storygetriebenen Narration ist in dem satte 161 Minuten langen „Once Upon A Time... In Hollywood“ Konzept: Der Filmemacher schafft durch solche Momente eine außergewöhnliche Atmosphäre, die immer ein bisschen drüber ist, gerade dadurch aber eine rauschhafte Wirkung entfaltet, der man sich nicht entziehen kann.


 
Fazit: 

Quentin Tarantino enttäuscht mit „Once Upon A Time... In Hollywood“ eine ganze Reihe von Erwartungen und liefert gerade deswegen seinen überraschendsten Film. Brad Pitt und Leonardo DiCaprio brillieren dabei als jetzt schon ikonisches Duo in einer mit Filmzitaten gespickten, superlustigen, grandios gespielten, meisterhaften Thriller-Groteske, bei der 161 nostalgische Minuten wie im Flug vergehen - und die letzten 15 davon sind so ziemlich das Unterhaltsamste, was es seit längerem zu sehen gab. (mk)

Freitag, 9. August 2019

Photograph - Ein Foto verändert ihr Leben für immer

pic (c) by NFP


Inhalt: 

Der arme Straßenfotograf Rafi (Nawazuddin Siddiqui) ist immer an Mumbais berühmtesten Wahrzeichen dem „Gate to India“ anzutreffen. Dort fotografiert er nichts ahnende Touristen, schüchterne, frisch verliebte Paare und glückliche Familien. Mit seinen wenigen Ersparnissen unterstützt er seine Großmutter, die ihn ständig dazu drängt, endlich eine Frau zum Heiraten zu finden. Eines Tages droht sie, ihre Medikamente abzusetzen, sofern er weiter alleine bleibt. Als Antwort darauf schickt Rafi ihr das Foto einer jungen Frau, das er auf der Speicherkarte seiner Kamera gefunden hat. Es dauert nicht lange und seine Großmutter lässt ihn wissen, dass sie sich darauf freue, seine Freundin bald kennenzulernen. Somit bleibt dem Fotografen nicht viel Zeit, um die unbekannte Frau zu finden. Miloni (Sanya Malhotra) ist eine ausgezeichnete Studentin und lebt das völlig gegenteilige Leben von Rafi. Denn sie wohnt nicht im Mumbai der Arbeiterklasse, sondern in der aufstrebenden Mittelklasse der Stadt. Auch sie soll bald heiraten, doch bei dem Unterfangen stellt sich Miloni nicht sehr geschickt an. Als sich die Wege der beiden Außenseiter kreuzen, entwickelt sich eine Liebesgeschichte, wie sie nicht stattfinden dürfte ...


Bewertung: 

In der großartigen „Die Simpsons“-Episode „Hochzeit auf Indisch“ von 1997 gerät der dauerschuftende Kwik-E-Mart-Verkäufer Apu Nahasapeemapetilon in Bedrängnis: Seine in Indien lebende Mutter, die die Heirat von Apu und seiner späteren Gattin Manjula schon vor vielen Jahren festgelegt hat, kommt überraschend zu Besuch nach Springfield – der Workaholic hat aber (noch) gar keine Lust darauf, sein Junggesellendasein aufzugeben und auf Drängen seiner Mutter eine Frau zu heiraten, die er zuletzt im Kindesalter gesehen hat. Ob Regisseur und Drehbuchautor Ritesh Batra die spaßige Folge aus der neunten Staffel der US-Zeichentrickserie inspiriert hat, ist nicht überliefert, doch seine Geschichte schlägt zunächst einen ganz ähnlichen Kurs ein: Während bei den „Simpsons“ Homers Frau Marge der angereisten Mutter als vermeintliche Lebensgefährtin präsentiert wird, ist es in „Photograph“ die junge Miloni, die die störrische Großmutter Dadi (köstlich: Farrukh Jaffar, „Was werden die Leute sagen“) hinters Licht führen soll. Die Basis für ein amüsantes Verwirrspiel ist damit gelegt – doch lässt sich Dadi ebenso wenig täuschen wie ihr Zeichentrickpendant und stiehlt mit ihrer herrisch-dominanten, aber doch liebenswerten Art anfangs jede Szene, in der sie zu sehen ist.

„Photograph“ ist aber keiner dieser (auch im Hollywood-Kino häufig zu findenden) Filme, die pausenlos Gags aus dem fortgeschrittenen Alter einer Figur generieren und bis zum Schluss nur auf leicht verdiente Lacher abzielen: Im Mittelteil der Geschichte rückt die knuffige Dadi zunehmend in den Hintergrund, weil Batra gekonnt die ungleichen Lebensumstände von Rafi und Milona herausarbeitet und sich auf deren ungewöhnliche Beziehung zueinander konzentriert. Dabei prallen im Herzen von Mumbai zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite der mit allen Wassern gewaschene Rafi, der am Gateway Of India täglich Touristen anquatscht und seine eigene Großmutter belügt, auf der anderen Seite die in behüteten Verhältnissen aufwachsende Miloni, die auf Wunsch ihrer Eltern die Universität besuchen soll – obwohl sie sich eigentlich nach einem ruhigen Leben fernab der Metropolen sehnt, in die heutzutage nicht nur nicht nur im bevölkerungsreichsten Land der Welt so viele Menschen ziehen, weil dort besser bezahlte Jobs und eine moderne Infrastruktur winken.

Batra lässt seine beiden Hauptfiguren diese Diskrepanz jedoch selten verbalisieren – wenn die schüchterne Miloni Abend für Abend gedankenverloren mit traurigem Blick am Schreibtisch sitzt und schon nach ihrem ersten Straßensnack Magenprobleme bekommt, sind aber auch gar keine weiteren Worte nötig. Dieser zurückgenommene Erzählstil, der über weite Strecken auch „Lunchbox“ kennzeichnete, ist ebenso charakteristisch für „Photograph“, weil der Filmemacher seine Botschaften zwischen den Zeilen transportiert und statt entlarvender Dialoge lieber auf leise Töne, fast beiläufig eingeflochtene One-Liner und präzise Beobachtungen setzt. Die Trennung zwischen Indiens Ober- und Unterschicht wird für den Zuschauer dennoch konkret greifbar, wenn Dadi bei ihrem pausenlosen Gemecker über ihren noch unverheirateten Enkel auch dessen dunklen Teint thematisiert, die Haushälterin in Milonis Familie wortlos ihre Schlafmatte auf dem Fußboden ausrollt oder Rafi mit einer unbedachten Äußerung einen allzu redseligen Taxifahrer verletzt, der sich in seiner Ehre als Navigator durch den Verkehrsdschungel gekränkt fühlt.

Ein wirklich mitreißender Film ist „Photograph“ unter dem Strich aber nicht geworden, weil sich das ganz große Gefühlskino nicht einstellen will und Batra an einigen Stellschrauben der Handlung den Faktor Zufall etwas überstrapaziert. Dafür überzeugt sein Film aber als feinfühlige Kreuzung aus bittersüßer Romanze und humorvoll angehauchtem Großstadtporträt, das Indiens Alltag ähnlich scharf ablichtet wie die Bilder aus Rafis Sofortbildkamera – und zugleich noch riesige Neugier darauf weckt, wie wohl die „Campa Cola“ schmeckt, die durch die übermächtige Brausekonkurrenz aus den USA nach der Jahrtausendwende vom indischen Markt verschwunden ist. Zwischen hupenden Rollerfahrern, dampfenden Garküchen und quietschbunt ausgestatteten Einkaufsläden löst sich „Photograph“ von den ausgetretenen Pfaden des Genres und überzeugt als sympathischer Gegenentwurf zum kitschigen Bollywood-Kino oder Hollywoodschnulzen nach Schema F – ein dramaturgischer Ansatz, der in der letzten Filmszene sogar noch ironisch aufgegriffen wird.

Fazit: 

Mit der Rückkehr nach Mumbai knüpft der indische Filmemacher Ritesh Batra erfolgreich an sein vielgelobtes Debüt „Lunchbox“ an – „Photograph“ ist eine präzise beobachtete Kreuzung aus feinfühliger Romanze und sozialkritischem Großstadtporträt. (mk)