Montag, 29. September 2014

Who Am I - Kein System ist sicher



Facts:

Genre: Thriller
Regie: Baran bo Odar
Cast: Tom Schilling, Elyas M'Barek, Wotan Wilke Möhring
Laufzeit: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih:
Sony Pictures Releasing


(c) Sony Pictures Releasing

Inhalt: 

Völlig neben der Spur stellt sich der Hacker Benjamin (Tom Schilling) der Europol-Cybercrime-Expertin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm) und erzählt ihr im Verhör seine Geschichte: Er wollte die  die hübsche Studentin Marie (Hannah Herzsprung) beeindrucken und hackte sich in Uni-Server, wurde aber erwischt. Beim Ableisten der ihm für die Tat aufgebrummten Sozialstunden lernte er den charismatischen Max (Elyas M’Barek) kennen, der mit ihm die Verehrung für das mysteriöse Hacker-Idol MRX teilt. Mit Max, dem durchgeknallten Stephan (Wotan Wilke Möhring) und Verschwörungstheoretiker Paul (Antoine Monot jr.) gründete Benjamin schließlich das Hacker-Kollektiv CLAY. 

Sie machten Social Engineering zu ihrer bevorzugten Methode, denn nicht Computer oder Programme sind die Schwachstelle, sondern der Mensch, der diese bedient. Zuerst waren die CLAY-Aktionen vor allem spaßig, die Gruppe hat Nazis lächerlich gemacht oder der Finanzwirtschaft den Mittelfinger gezeigt. Doch Max hatte laut Benjamin immer höhere Ziele, er wollte, dass sein Idol MRX auf ihn aufmerksam wird. So entwickelte das Quartett einen Coup, der alles in den Schatten stellen sollte: eine Hackattacke auf den BND. Sie ahnten nicht, dass sie dabei mit der russischen Cyber-Mafia ins Boot stiegen. Kurz darauf gab es den ersten Toten… und nun sitzt Benjamin völlig verängstigt vor Hanne Lindberg und liefert ihr Informationen, die sie schon seit Jahren sucht. Doch ist seine unglaubliche Geschichte wirklich wahr?

Bewertung:

Baran bo Odar wählt in „Who Am I – Kein System ist sicher“ für eine fiktive Geschichte mit eher allgemeinen Bezügen zur realen Welt einen ganz anderen Weg, der über weite Strecken ähnlich gut funktioniert – jedenfalls was den Suspense angeht: Er setzt einen subjektiven Erzähler ein, dem nicht hundertprozentig zu trauen ist. So hinterfragt das Publikum das Geschehen immer wieder und der Film wird in seinem Verlauf zunehmend von einer Atmosphäre der Unsicherheit und Ungewissheit durchzogen. Um diese Stimmung zu etablieren, braucht Baran bo Odar allerdings zu lange. Gerade das einleitende Porträt der Hauptfigur Benjamin als von allen gehänselter Außenseiter wirkt bemüht und redundant, zwischen tristem Alltag, hippen Partys und stylishen Hacker-Treffen findet der Regisseur daneben lange Zeit keine klare Linie. Die Einführung der weiteren Figuren ist zudem nicht gerade subtil (jedem sind sofort seine wichtigsten Eigenschaften anzusehen) und wenn sich Max und Benjamin während ihrer Sozialstunden in Müllarbeiteruniform die Hacker-Vokabeln um die Ohren schmeißen, klingt das eher gestelzt als glaubhaft.

Nach der sehr wechselhaften, teils langweiligen ersten halben Stunde findet Baran bo Odar zunehmend in die Geschichte und das liegt in erster Linie an zwei guten Ideen. Zum einen löst der Regisseur das Eingangs erwähnte Problem der filmischen Vermittlung eines äußerlich sehr öden Vorgangs, indem er CLAY Social Engineering betreiben lässt. Das ist so etwas wie die Action-Variante des Hackens, denn die vier Jungs sitzen nicht in ihrer Bude vor dem Computer, sondern sie sind direkt vor Ort. Sie täuschen Mitarbeiter, verschaffen sich unter falscher Identität Zugang zu ihren Zielen oder brechen auch mal in Nacht-und-Nebel-Aktionen dort ein, um an die angepeilten Rechner und Server physisch heranzukommen. So hat „Who Am I“ bisweilen mehr von einem Heist-Movie  als von einem Computer-Thriller. Dazu findet der Regisseur einen durchaus naheliegenden, aber überzeugenden Weg, die Kommunikation zwischen verschiedenen Hackergruppen in virtuellen Untergrund-Chaträumen zu illustrieren. Als bildliche Entsprechung dient ihm ein dunkler U-Bahn-Waggon, in dem die Hacker sich treffen. Sie tragen Masken, da sie sich alle ja nur mit Tarnnamen kennen, und prahlen mit ihren Erfolgen.

Während bo Odar bei der Inszenierung einige frische Ideen hat, geht er bei der Story zu sehr auf Nummer sicher. Das mindert deutlich den Überraschungseffekt, denn die meisten Zuschauer dürften die gemeinten Filme relativ früh erkennen. Bo Odar versucht auch erst gar nicht, seine Vorbilder zu verbergen, sondern zitiert vielmehr fast wörtlich ihre Dialoge und einmal ist im Hintergrund sogar ein entlarvendes Filmplakat zu sehen. Ähnlich offensichtlich wie dieser nicht sehr originelle Umgang mit den berühmten Vorläufern ist auch die Besetzung der einzelnen Rollen in dem hochkarätigen Ensemble des Films: Jeder spielt hier genau den Typ, den er vorher schon öfter verkörpert hat.
 
Leider bleiben auch bei den Schauspielern die Überraschungen aus: Tom Schilling spielt einmal mehr den schüchternen Ziellosen und Elyas M’Barek ist natürlich der charismatische Frauenheld. Wotan Wilke Möhring wiederum darf als von Kopf bis Fuß (und sogar auf dem Hintern) tätowierter Draufgänger mal wieder so richtig dem Affen Zucker geben und hat dabei eine denkwürdige, im Hintergrund ablaufende Tanzszene in roter Unterhose. Der mittlerweile fast mehr als „Tech-Nick“ aus der Werbung für eine Elektromarktkette als durch seine ernsthafte Schauspielerei bekannte Antoine Monot jr. verkörpert mit wildem Zauselbart noch am ehesten so etwas wie den Inbegriff des typischen Nerds, während Hannah Herzsprung als Love Interest nur wenige Szenen hat.

Fazit:

„Who Am I – Kein System ist sicher“ ist trotz einiger Schwächen in der ersten Hälfte und in der Erzählweise ein vor allem in der zweiten Filmhälfte durchaus sehenswerter, wendungsreicher Thriller. Wir vergeben 6,5 von 10 Punkte. (mk)

Samstag, 20. September 2014

Sin City 2: A Dame To Kill For



Facts:

Genre: Action, Thriller, Drama
Regie: Frank Miller
Cast: Eva Green, Josh Brolin, Jessica Alba, Bruce Willis
Laufzeit: 102 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
Verleih: Splendid Film GmbH


(c) Splendid Film GmbH

Inhalt: 

Ohne Erinnerung an die vergangenen Stunden muss sich Marv (Mickey Rourke) mit einer Clique reicher Kids herumschlagen, die zum Vergnügen Obdachlose anzündet… Als sich seine Ex-Geliebte Ava Lord (Eva Green) bei ihm meldet, ist Privatdetektiv Dwight McCarthy (Josh Brolin) zunächst gar nicht begeistert, immerhin hat sie ihn einst für den Multimillionär Damien Lord (Morton Csokas) sitzen lassen. Aber Dwight kann wie alle Männer Avas Sexappeal einfach nicht widerstehen und lässt sich wider besseres Wissen doch auf ein Treffen ein: Ava bittet um Hilfe, weil ihr sadistischer Ehemann sie quält und sein Chauffeur Manute (Dennis Haysbert) sie auf Schritt und Tritt überwacht… Unterdessen demütigt der kecke Spieler Johnny (Joseph Gordon-Levitt) den größten Verbrecher von Sin City beim Pokern. Aber wer Senator Roark (Powers Boothe) derart bloßstellt, der muss anschließend auch mit den schmerzhaften Konsequenzen leben. Doch Johnny lässt sich nicht einmal von fünf gebrochenen Fingern und einer Kugel im Bein davon abhalten, seine Mission zu vollenden… Allerdings ist Johnny nicht der einzige, der mit Roark noch ein Hühnchen zu rupfen hat, auch die Stripperin Nancy Callahan (Jessica Alba) hat nur ein Ziel im Leben: den Verantwortlichen für den Tod von John Hartigan (Bruce Willis) zur Strecke zu bringen…

Bewertung:

In „Sin City“ hat Robert Rodriguez nach eigener Aussage noch hier und da ein wenig auf die Bremse getreten (etwa bei Nancy Callahan, die in der Graphic Novel noch runtergekommener ist und praktisch nur nackt rumläuft), weil er sich nicht sicher sein konnte, ob das Kinopublikum tatsächlich schon bereit für die volle Dröhnung Frank Miller ist. Aber nachdem der Film so begeistert aufgenommen wurde, gibt es in der Fortsetzung endgültig keine Kompromisse mehr, das wird schon in der Einstimmungs-Episode „Just Another Saturday Night“ deutlich: Fan-Favorit Marv hat diesmal gleich in drei von vier Geschichten große Auftritte und legt sich direkt zu Beginn mit einer Gruppe sadistischer Teenager an, denen er mithilfe der bis an die Zähne bewaffneten Prostituierten aus Old Town auf hemmungslos brutale Weise den Garaus macht – was in unserer Vorstellung vom Publikum bejubelt wurde. Nachdem „Sin City“ noch überwiegend sehr ernsthaft ausfiel und Frank Millers kranker Humor eher subtil mitschwang, gibt es in der Fortsetzung vor allem wegen der Extraportion Marv sehr viel mehr offensichtliche dunkelschwarze Pointen zum Losprusten.

Den größten Teil von „Sin City 2“ nimmt anschließend die titelgebende zweite Episode „A Dame To Kill For“ in Anspruch. Dass sich Eva Green nackt am Set sehr unsicher und sogar lächerlich gefühlt hat, wie sie uns bei der Pressekonferenz in L.A. verriet, ist ihrer bedrohlich-lasziven Darstellung der durch und durch verdorbenen Ava Lord jedenfalls nicht anzusehen. Und selbst wenn Josh Brolin als Dwight McCarthy, Dennis Haysbert als Manute und Christopher Meloni als Cop Mort für sie die dämlichsten Sachen anstellen – man(n) versteht trotzdem sofort, warum ihre Hirne bei Avas Anblick immer wieder aussetzen.

Für Rodriguez ist „Sin City“ keine Adaption, sondern eine Übersetzung der Graphic Novel – schließlich wollte er sie nicht an die Regeln eines gewöhnlichen Kinofilms anpassen, sondern sie möglichst exakt Panel für Panel auf die Leinwand übertragen. In „Sin City 2“ ist das nun ein wenig anders, denn zwei der Geschichten hat Frank Miller extra für den Film neu geschrieben, wobei ihm vor allem die Fortsetzung der tragischen Story der Stripperin Nancy Callahan in „The Fat Loss“ am Herzen lag: Jessica Alba („Machete“) mutiert darin glaubhaft vom von allen begehrten Opfer zur ihr Schicksal selbst in die Hand nehmenden Badass-Amazone und beweist zugleich, dass sie auch mit haufenweise neonweißen Narben im Gesicht immer noch umwerfend aussieht. Allerdings fällt hier auch auf, wie sehr die Figur John Hartigan in der Fortsetzung fehlt. Denn nun, wo Bruce Willis nach der letzten Schlag-in-die-Magengrube-Szene aus „Sin City“ nur noch Gastauftritte als Geist absolviert, fehlt dem Zuschauer eine echte Identifikationsfigur und es fällt schwerer, auch emotional in den Film einzusteigen.

Normalerweise kommt 3D ja meistens in Filmen zum Einsatz, in denen auf der Leinwand besonders viel los ist, also in Action-Krachern, Animations-Abenteuern oder Sci-Fi-Blockbustern. Aber nach „Sin City 2“ müssen wir feststellen, dass offensichtlich auch bei dieser Technik weniger mal wieder mehr bedeutet! Weil ein großer Teil der Bilder sowieso schwarz ist und es nur wenige sich vom dunklen Rest abhebende Details gibt, poppen diese viel deutlicher und kontrastreicher aus der Leinwand heraus, vor allem wenn in Sin City wie so oft mal wieder Schnee fällt. Und ein paar extra für 3D aufgemotzte Szenen gibt es dann noch als Zugabe obendrauf, zum Beispiel wenn Marv von einer wilden Verfolgungsjagd berichtet, während die rasenden Wagen um seinen Kopf herumschlittern.

Fazit:

Auch wenn die „Sin City“-Optik nicht mehr so überrascht wie beim ersten Mal, hat sich das lange Warten auf diesen sündigen Nachschlag für die meisten Kinobesucher gelohnt. Wir fanden das Kinoerlebnis etwas durchwachsen, wie es oft bei Fortsetzungen der Fall ist. Damit bleiben dann 6 von 10 Punkte übrig.

Sonntag, 14. September 2014

A Most Wanted Man


Facts:

Genre: Thriller
Regie: Anton Corbijn
Cast: Philip Seymor Hoffmann, Rachel McAdams, Grigoriy Dobrygin
Laufzeit: 122 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Senator Filmverleih

(c) Senator Filmverleih


Inhalt: 

Als der mysteriöse Flüchtling Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) illegal im Hamburger Hafen landet, bleibt fortan keiner seiner Schritte unbeobachtet. Gleich mehrere Geheimdienst-Parteien hängen an den Fersen des russischstämmigen Tschetschenen. An vorderster Front kämpft Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) mit seinem kleinen Team einer deutschen Spionage-Spezialeinheit (u.a. Nina Hoss, Daniel Brühl, Kostja Ullmann) darum, ihn in die Finger zu bekommen. Der mutmaßliche Terrorist Karpov, in Gefängnissen in Russland und der Türkei gefoltert, stellt Kontakt zur islamischen Gemeinde in Hamburg her und kommt bei Leyla Oktay (Derya Alabora) und deren Sohn Melik (Tamer Yigit) unter. Mit Hilfe der Menschenrechtsanwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) will Karpov über den britischen Banker Thomas Brue (Willem Dafoe) an das riesige Vermögen kommen, das ihm sein verhasster Vater hinterlassen hat. Bachmann, der wiederum von Dieter Mohr (Rainer Bock), dem Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, unter Druck gesetzt wird, muss sich indes auch noch die hartnäckigen US-Schnüffler um CIA-Agentin Martha Sullivan (Robin Wright) vom Leib halten.

Bewertung:

Die britisch-deutsch-amerikanische Co-Produktion „A Most Wanted Man“ ist kein Spionage-Reißer Hollywood’scher Prägung und auch der Kopfarbeiter Günther Bachmann könnte kaum weiter vom weltläufigen Glamour eines James Bond entfernt sein. Wie schon bei seinen ersten beiden Kinofilmen „Control“ und „The American“ setzt Anton Corbijn auf eine extrem reduzierte Inszenierung, schlägt ein eher mäßiges Tempo an und verzichtet auf dramatische Überhöhungen. Seine Erzählweise ist nicht gerade dynamisch, dafür umso präziser und auf eben diese Detailgenauigkeit kommt es hier an. Da ist zum Beispiel die unterschwellige Spannung zwischen Günther Bachmann und seiner altgedienten Mitarbeiterin Erna Frey (kühl gespielt von Nina Hoss). Es reichen zwei flüchtige Berührungen und ein paar verstohlene Blicke und im Kopf des Zuschauers entspinnt sich die mögliche Geschichte eines Paars, das vielleicht einmal eine Beziehung hatte und es jetzt am liebsten noch einmal versuchen würde, obwohl es weiß, dass es angesichts des chaotischen Arbeitsumfelds nicht funktionieren würde. So erzählt Corbijn gleichsam im Konjunktiv und reflektiert damit indirekt auch den brüchigen Status der Spione und Geheimniskrämer inmitten ständiger Tarnungen und Täuschungen – Wahrheit, Identität, Sicherheit sind für sie nur eine Illusion und damit auch für uns nicht zu haben.

Die nüchterne Perspektive auf das gnadenlose Geschäft der Geheimdienste findet eine überzeugende Entsprechung in der Auswahl der Schauplätze. Bis auf einige wenige Szenen am Ende in Berlin ist das komplette Geschehen in Hamburg angesiedelt. Die bestechend düsteren Bilder von Kameramann Benoît Delhomme („Lawless“, „Zimmer 1408“) sind so unterkühlt wie die Stimmung des Films und zeigen die dreckigen Seiten der Elbmetropole, fernab des touristischen Hochglanzes. Während die teilweise fast schon trostlose Atmosphäre perfekt zum schmutzigen Geschachere der vermeintlichen Garanten von Sicherheit und Ordnung passt, findet Regisseur Corbijn für ein spezifisches Problem einer solchen internationalen Co-Produktion zumindest in der Originalversion keine befriedigende Lösung: Obwohl er zu großen Teilen in Deutschland spielt und die Besetzung überwiegend einheimisch ist, wurde „A Most Wanted Man“ in Englisch gedreht. Wenn die deutschen Figuren nun untereinander englisch sprechen, ist eigentlich deutsch gemeint, was in unseren Ohren unnatürlich und steril klingt – und nebenbei die Glaubwürdigkeit des sonst so präzisen Porträts der Geheimdienstarbeit unterläuft. In diesem Fall kann es also durchaus etwas für sich haben, wenn man die Synchronfassung schaut, dann bleibt einem zumindest erspart zu hören, wie Philip Seymour Hoffman den Namen seiner Figur ausspricht oder wie die fahrradfahrende Öko-Anwältin Annabel Richter als „Fräulein Rickta“ tituliert wird.

Trotz der kleinen Sprachprobleme thront das schauspielerische Schwergewicht Philip Seymour Hoffman („Capote“, „The Master“) gleichsam über dem Rest der Besetzung. Sein Günther Bachmann ist ein alter Fuchs, der schon alles gesehen hat, eigenwillig, mürrisch, störrisch, aber loyal gegenüber seinem Team. Der Flachmann und die Kippe im Hals sind seine ständigen Begleiter, dabei wird aus der angedeuteten Alkoholsucht keine große Sache gemacht, vielmehr bringt Hoffman so feinfühlig und wahrhaftig wie es kaum ein zweiter Schauspieler seiner Generation beherrscht, eine tiefsitzende Melancholie zum Ausdruck, die den ganzen Film prägt – eine oscarreife Leistung. Den deutschen Darstellern bleibt da nur die zweite Geige, Daniel Brühl („Rush“) bleibt ebenso wie Kostja Ullmann („Groupies bleiben nicht zum Frühstück“) mehr im Hintergrund, während Charakterköpfe wie Rainer Bock („Hänsel und Gretel: Hexenjäger) und Martin Wuttke („Inglourious Basterds“) kurze, aber prägnante Auftritte als Geheimdienstler haben. Ein Wiedersehen gibt es auch mit Pop-Superstar und Teilzeitschauspieler Herbert Grönemeyer („Das Boot“), der zwei kurze Szenen als Regierungsstrippenzieher hat und auch dieses Mal die Filmmusik für seinen Freund Corbijn beisteuert. Nicht ganz ideal besetzt ist die Rolle der idealistischen Menschenrechtsaktivistin Annabel Richter, in der sich die Kanadierin Rachel McAdams („Alles eine Frage der Zeit“) nicht recht wohlzufühlen scheint – die Figur ist allerdings auch arg naiv angelegt.

Fazit:

Anton Corbijns Verfilmung von John Le Carrés Bestseller „A Most Wanted Man“ ist ein Spionage-Thriller klassischer Prägung, der trotzdem perfekt in die geheimdienstliche Hysterie der heutigen Zeit passt – spröde, düster, pessimistisch, vielschichtig und packend! Wir vergeben dafür 8 von 10 spannende Punkte. (mk)

Donnerstag, 11. September 2014

Who Cares? - du machst den Unterschied



Facts:

Genre: Dokumentation
Regie:
Mara Mourão
Cast: Rodrigo Santoro, Muhammad Yunus, Bill Drayton
Laufzeit: 93 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
Verleih:
BraveHearts International GmbH


(c) BraveHearts International GmbH

Inhalt: 

Der englische Ausdruck „Who cares?“ ist ein einziges verbales Achselzucken. Wörtlich übersetzt bedeutet er „Wen kümmert es?“, tatsächlich gemeint ist jedoch „Na und?“. Die Brasilianerin Mara Mourão stellt in ihrem Dokumentarfilm „Who Cares? Du machst den Unterschied“ dieser eigentlich keine Replik benötigenden Frage Antworten entgegen und zeigt Personen, die sich mit ganzem Herzen und konkreten Taten kümmern. Es sind sogenannte „Social Entrepreneurs“, die in unterschiedlichen Arten des sozialen Engagements ihre Berufung gefunden und diese zu ihrem Beruf gemacht haben. Gezeigt wird dabei auch, wie aus kleinen lokalen Projekten global tätige soziale Unternehmen entstehen können.

Bewertung:

Regisseurin Mara Mourão begnügt sich jedoch nicht damit, einfach nur Menschen und ihre Projekte vorzustellen. Im Guten wie im Schlechten ist jederzeit spürbar, dass der Zuschauer motiviert werden soll, mehr Verantwortung in seiner eigenen Umgebung zu übernehmen. Tatsächlich ist es ermutigend zu sehen, wie viele verschiedene Menschen auf der ganzen Welt mit nichts weiter als einer Idee angefangen haben und welche Erfolge sie feiern konnten. Allerdings führt der gute Wille der Regisseurin auch dazu, dass „Who Cares? Du machst den Unterschied“ oft wie ein Werbefilm wirkt, der dazu da ist, neue „Social Entrepreneuers“ zu rekrutieren. Das ist dem Presseheft zufolge sogar tatsächlich die ganz konkrete Motivation. Dies ist ein ehrenwertes Anliegen, nur hat die von Mara Mourão gewählte emotionale Überrumpelungstaktik mit massivem Einsatz von pathetischer Musik und von Bildern fröhlicher Menschen in ihrer Durchsichtigkeit einen fragwürdigen Beigeschmack.

Denn dass hier eine gute Sache vertreten wird, hätte der Zuschauer auch so bemerkt: Die oft sehr charismatischen Aktivisten sprechen da im wahrsten Sinne des Wortes bereits für sich. Darüber hinaus sorgt es für Widersprüche, dass Mourão ausschließlich Aktivisten vorstellt, die ihr Engagement zu ihrem Beruf gemacht haben. So wird unterschwellig die dem eigentlichen Anliegen ein wenig entgegenlaufende Botschaft vermittelt, dass sich soziales Engagement auch konkret bezahlt machen soll. Ein deutlich umfassenderes und überzeugendes Bild sozialer Engagements hätte man sehr einfach bekommen können, in dem man noch zwei zusätzliche Protagonisten aufgenommen hätte, die sich in ihrer Freizeit, neben dem eigentlichen Beruf, engagieren. Denn die Lösung aller Probleme kann gewiss nicht darin liegen, dass sich die gesamte Menschheit in soziale Entrepreneurs verwandelt. Trotzdem ist Mara Mourão mit „Who Cares? Du machst den Unterschied“ ein ermutigender und inspirierender Film geglückt, der große Beachtung verdient hat.

Fazit:

„Who Cares? Du machst den Unterschied“ stellt auf zum Teil unnötig pathetische Weise hochinteressante Beispiele für den äußerst vielfältigen Beruf eines „sozialen Entrepreneurs“ vor, die Mut machen, dass die Probleme der Welt durch individuelles Engagement zu lösen sind. Dafür vergeben wir nachdenkliche 5 von 10 Punkte.