Donnerstag, 31. Januar 2019

Green Book - Eine besondere Freundschaft

(c) Entertainment One Germany




Inhalt:

Die USA im Jahr 1962: Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) ist ein begnadeter klassischer Pianist und geht auf eine Tournee, die ihn aus dem verhältnismäßig aufgeklärten und toleranten New York bis in die amerikanischen Südstaaten führt. Als Fahrer engagiert er den Italo-Amerikaner Tony Lip (Viggo Mortensen), der sich bislang mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten und etwa als Türsteher gearbeitet hat. Während der langen Fahrt, bei der sie sich am sogenannten Negro Motorist Green Book orientieren, in dem die wenigen Unterkünfte und Restaurants aufgelistet sind, in dem auch schwarze Gäste willkommen sind, entwickelt sich langsam eine Freundschaft zwischen den beiden sehr gegensätzlichen Männern.


Bewertung:

Das Drehbuch stammt von Nick Vallelonga, dem Sohn des vor fünf Jahren verstorbenen Tony Lip. Vallelonga schrieb das Skript noch unter dem Titel „Lover Letters To Dolores“, um seiner Mama zu huldigen. Peter Farrelly, der erst später dazukam, war mit dem Titel jedoch gar nicht einverstanden: „Mir schoss sofort durch den Kopf, einen Film mit diesem Titel würde sich kein Mann freiwillig anschauen.“ Erst durch ein altes Video mit Tony Lip, der den Begriff Green Book darin eher beiläufig erwähnt, stieß man auf den jetzigen Filmtitel. Und „Green Book“ bringt den Kern der Geschichte tatsächlich viel besser auf den Punkt, selbst wenn Farrelly die erste Filmhälfte zunächst einmal dazu nutzt, seine beiden so gegensätzlichen Protagonisten einzuführen.

Leicht macht es sich Farrelly dabei übrigens nicht, denn weder Viggo Mortensen, der unvergessene Aragorn aus „Der Herr der Ringe“, noch Marsershala Ali, Oscar-Preisträger für seine Nebenrolle in „Moonlight“, kommen anfangs sonderlich sympathisch rüber. Ali lässt als kultivierter Schwarzer erst einmal volle Kanne seine intellektuelle Arroganz gegenüber dem einfachen Tony heraushängen: Als er Tony das erste Mal in seinem prächtigen Apartment über der Carnegie Hall empfängt, sitzt er buchstäblich auf einen Thron und blickt auf Tony herunter. Ein vertauschtes und damit herrliches Bild. Mortensen, der sich für seine Rolle als Tony Lip eine unübersehbare Wampe zugelegt hat, wird nicht nur als rabiater Rausschmeißer eingeführt, sondern in einer äußerst einprägsamen Szene zugleich auch als Rassist: Nachdem seine Frau zwei schwarzen Handwerkern Wasser gereicht hat, schmeißt Toni die Gläser anschließend in einem vermeintlich unbeobachteten Moment kommentarlos in den Mülleimer.

Eine Szene, die über den alltäglichen und selbstverständlichen Rassismus jener Zeit viel aussagt. Damit hat es Mortensen erst einmal ganz schön schwer, überhaupt noch Sympathiepunkte beim Publikum zu sammeln. Wenn er dann auch noch alles in sich hineinstopft, was er an Essbaren finden kann, ist man von diesem schmierigen Typen sogar regelrecht angewidert. Aber aus dem Saulus muss ein Paulus werden, womit sich „Green Book“ ganz klar an die Vorgaben klassischer Raodmovies hält. Die äußere Reise ist zugleich auch eine innere. Am Ende wächst einem dieser dumpfe Tony sogar richtig ans Herz, wenn er sich etwa von Shirley dabei helfen lässt, schönere Formulierungen für die Briefe an seine Frau zu finden (daher auch der ursprüngliche Titel „Love Letters To Dolores“). Aber auch die Figur des Don Shirley erfährt eine Wandlung vom stoischen Snob, der bewusst Abstand von der schwarzen Populärkultur hält, um möglichst keinem der gängigen Klischees zu entsprechen, hin zum auch mal ausgelassenen Normalo, wenn er auf der Reise etwa zum ersten Mal in seinem Leben an den knusprigen Keulen von Kentucky Fried Chicken knabbert.

Das sind die Momente, die im Film auch leicht ins Klamaukige hätten abgleiten können. Schließlich hat Peter Farrelly zusammen mit seinem Bruder Bobby ja schon mehrere absolut ungehemmte Buddy-Komödien wie „Dumm und dümmer“ oder „Unzertrennlich“ gedreht. Aber er weiß sich zusammenzureißen und knöpft sich dann in der zweiten Filmhälfte umso kraftvoller den Alltagsrassismus in den Sechzigern vor. Sobald Don und Tony zu Kumpels geworden sind und den Süden passieren, wird der Ton deutlich düsterer. Da ist einem eher nach Weinen zumute, wenn beide in Mississippi im Knast landen, weil es die Polizisten für unmöglich halten, dass ein Weißer einen Schwarzen chauffiert. Wie vor den Kopf gestoßen fühlt man sich als Zuschauer auch, wenn der gefeierte Pianist in einem Hotelrestaurant zwar für die weißen Oberen Zehntausend auftreten soll, aber in demselben Saal nicht selbst speisen darf. Da ist die Kurve zurück zum berührende Wohlfühl-Happy-End schon eine ziemlich scharfe. Aber es ist ja eine wahre Geschichte und weitestgehend tatsächlich so geschehen – und gerade das macht Hoffnung.

Fazit: 
Peter Farrelly drückt die richtigen Knöpfe, um seinem Publikum ebenso berührende wie kurzweilige Oldschool-Wohlfühlkino-Unterhaltung zu bieten. Dabei sind es vor allem die Stars Marhershala Ali und Viggo Mortensen, die mit ihrem sympathischen Spiel zu Hoffnungsträgern in einer Welt werden, wo Freundschaft zwischen Schwarzen und Weißen auch 50 Jahre später noch keine Selbstverständlichkeit ist.


Text (c) by MK

Montag, 28. Januar 2019

Ralph reichts 2: Chaos im Netz


(c) Walt Disney Germany



Inhalt:

Randale-Ralph (Stimme im Original: John C. Reilly) und seine beste Freundin, die Rennfahrerin Vanellope von Schweetz (Sarah Silverman), müssen ihre Arcade-Spiele verlassen, um in den Weiten des Internets nach einem Ersatzteil für das kaputte Kart-Automatenspiel Sugar Rush zu suchen. Ihnen bleibt nicht viel Zeit, weil Mr. Litwak (Ed O’Neill) den Automaten bald für immer ausstöpseln möchte. Doch wo sollen sie in den Weiten des World Wide Webs überhaupt mit ihrer Suche anfangen? Verzweifeln hilft nicht, ein neues Lenkrad muss schließlich her. Bei ihrer Suche landen sie schließlich bei eBay, wo sie das Konzept der Auktionsplattform nicht verstehen und Geld bieten, das sie nicht haben. Nun müssen sie aber 27.001 Dollar auftreiben, um das Lenkrad, auf das sie geboten haben, bezahlen zu können und die Annullierung der Auktion zu verhindern. Bei ihrer Suche nach Geld lernen sie den Algorithmus Yesss (Taraji P. Henson) kennen, der ihnen das Netz erklärt und sie auf die Webseite OhMyDisney.com bringt. Das ist der Ort, an dem sich alle Figuren tummeln, die Disney gehören, ob nun Prinzessin, Marvel-Held oder „Star Wars“-Droide. Die Hilfe von Yesss hilft Ralph und Vanellope jedoch nicht viel, denn die beiden sind so unerfahren mit dem Surfen im Netz, dass sie innerhalb kürzester Zeit das reinste Chaos im Internet hinterlassen…


Bewertung:

Die Liste der cleveren Ideen, mit denen die „Ralph reichts 2“-Macher die positiven wie negativen Eigenheiten des Internets in ihrer Animationsfilm-Wunderwelt zum Leben erwecken, ist schier endlos. Beim ersten Mal Angucken bekommt man davon wahrscheinlich nur einen Bruchteil mit und trotzdem ist mein Notizblock nach der Pressevorstellung randvoll geschrieben mit solchen kreativen Details, von denen ich an dieser Stelle aber nur ein einzelnes stellvertretend verraten will, um euch nicht den Spaß zu nehmen, sie selbst alle auf der Leinwand zu entdecken: Wenn der Videoportal-Algorithmus Yesss auf den letzten Drücker noch schnell ein paar Millionen Views generieren muss, schickt sie eine Art Drückerkolonnen-Armee los, um Besucher anderer Webseiten abzuwerben. Und was sind das wohl für Verkäufer-Soldaten, die einen so lange nerven, bis man sich die Videos ansieht, ob man nun will oder nicht? Genau, Pop-ups! Perfekt getroffen.

Und dass nach den etlichen originalen Videospielfiguren im ersten Teil diesmal jede Menge reale Internetportale mitsamt ihren Logos im Film vorkommen, trägt ungemein zum Wiedererkennungswert bei: Obwohl das Abenteuer in einem abstrakten Cartoon-Universum spielt, wird man quasi im Sekundentakt an sein tagtägliches Onlineverhalten erinnert. Und mitunter fühlt man sich womöglich sogar ein wenig ertappt, schließlich bewegen sich die Avatare der Internetnutzer die meiste Zeit über wie willenlose Massen durch die von Marken-Logos geprägte Welt von „Chaos im Netz“. Sowieso spart der Film auch die unschönen Seiten des Internets nicht aus – und damit ist nicht nur so etwas Technisches wie ein alles zerstörender Virus gemeint, sondern auch ganz simple, aber tief verletzende Hasskommentare, mit denen sich der zwar viral steilgehende, aber dennoch sehr sensible Ralph plötzlich auseinandersetzen muss.

Ganz klar im Zentrum steht aber natürlich weiterhin der Spaß – und so laut gelacht wie bei der zu gleichen Teilen niedlichen wie bösen Mobile-Game-Mid-Credit-Sequenz aus „Chaos im Netz“ (Sichwort: „platzendes Häschen“) haben wir schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr. Aber nicht nur die Pointen sitzen sicher, auch in Sachen Action hat „Ralph reichts 2“ eine Menge zu bieten. Ein größerer Teil des Sequels spielt nämlich in dem Rennspiel „Slaughter Race“, das sicher nicht von ungefähr eine Menge Parallelen zu „GTA“ aufweist und zudem mit dem wohl großartigsten Hai-Cameo aller Zeiten aufwartet. Die zentrale Verfolgungsjagd kann es dabei zwar nicht ganz mit der ähnlich gelagerten VR-Rennsequenz aus Steven Spielbergs „Ready Player One“ aufnehmen, kommt aber zumindest erstaunlich nahe dran. Und nachdem sich Vanellope ja schon im ersten Teil als bisher wohl eigenwilligste Disney-Prinzessin erwiesen hat, setzt sie diesen Weg nun unbeirrt fort, wenn sie die süßlich-bunte Welt von „Sugar Rush“ endgültig hinter sich lassen will, um fortan in der abgefuckt-dreckigen, erbarmungslos-tödlichen Welt von „Slaughter Race“ das Gaspedal durchzutreten.

Apropos moderne Royals: Nachdem die Disney-Verantwortlichen das Vermächtnis ihrer legendären Animationsfilm-Prinzessinnen von Schneewittchen und Cinderella über Arielle und Pocahontas bis hin zu Tiana und Merida über Jahrzehnte hinweg gehütet haben wie ihren Augapfel, ist mit „Ralph reichts 2“ endlich der Zeitpunkt bekommen, um der eigenen Studiohistorie auch mal mit einer gesunden Portion Selbstironie zu begegnen. Die Sequenz, in der Vanellope auf einer Disney-Fanpage auf all die anderen Prinzessinnen trifft, hat im Vorfeld des Kinostarts den Rest des Films fast schon ein wenig überschattet. Aber man reibt sich im ersten Moment eben auch erst mal ungläubig die Augen, wenn Disney hier seine ikonischen und immer auf ein Podest gestellten Figuren erst einmal anständig durch den Kakao zieht – und das nicht mit irgendwelchen Gags, sondern mit welchen, die auch das eigene, über Dekaden hinweg wohlgepflegte Frauenbild scharf kritisieren. Natürlich steckt dahinter auch ein Stück weit Kalkül. Schließlich muss Disney seine wichtigsten Figuren irgendwann fit fürs neue Jahrtausend machen, statt sie weiterhin in der Vor-#MeToo-Ära veröden zu lassen. Aber berechnend hin oder her – der selbstentlarvende und zugleich ermächtigende Auftritt der Prinzessinnen ist so oder so entwaffnend komisch.

„Ralph reichts“ ist ein leuchtendes Beispiel für die alte Walt-Disney-Weisheit, dass es in einem guten Film für jedes Lachen auch eine Träne geben sollte. In „Chaos im Netz“ dauert es diesmal allerdings sehr viel länger, bis der Film nicht nur unterhält, sondern auch berührt – eine stärkere emotionale Komponente kommt nämlich erst im finalen Drittel dazu, während zuvor eher die WWW-Entdeckungsreise als die Figuren im Mittelpunkt stehen. Allerdings funktioniert der zentrale Konflikt zwischen Penelope und Ralph dann auch wirklich gut – und die Moral von der Geschicht‘ wirkt dann auch nicht wie eine der guten alten Disney-Weisheiten, sondern der Protagonistin angemessen erstaunlich modern, relevant und ambivalent. Mit „Ralph reichts 2“ scheint nun auch Disneys Animationsabteilung endgültig im neuen Millennium angekommen zu sein. Herzlich willkommen!

Fazit: 
„Ralph reichts 2: Chaos im Netz“ ist einer der cleversten Filme, die jemals animiert wurden – und zum Schreien komisch ist er noch dazu!


Text (c) by MK

Samstag, 19. Januar 2019

Glass (2019)

(c) Walt Disney Germany



Inhalt:

Kevin Wendell Crumb (James McAvoy) ist noch immer auf freiem Fuß und hochgefährlich. Der junge Mann, der mehrere Persönlichkeiten in sich vereint, hat schon einige Menschenleben auf dem Gewissen und die Gefahr besteht, dass es schon sehr bald mehr werden, denn in ihm schlummert die Bestie, die gefährlichste seiner Persönlichkeiten. Der unverwundbare David Dunn (Bruce Willis), der seit dem Krebstod seiner Frau gemeinsam mit Sohn Joseph (Spencer Treat Clark) eine Sicherheitsfirma betreibt, heftet sich deshalb an seine Fersen, um ihm das Handwerk zu legen. In einem Lagerhaus kommt es zum Showdown zwischen Crumb und Dunn, der jedoch von einer Spezialeinheit der Polizei unterbrochen wird. Nun müssen die beiden Männer die Psychiaterin Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) davon überzeugen, dass sie keine Superkräfte haben – ansonsten werden sie für immer weggesperrt. Mit ihnen ihm Raum sitzt ein weiterer Patient mit einem vermeintlichen Superheldenkomplex: Elijah Price alias Mr. Glass (Samuel L. Jackon)...


Bewertung:

M. Night Shyamalan holt nun in „Glass“ nach, was er damals eigentlich schon in „Unbreakable“ erzählen wollte – aber dieser Teil, der den Film damals vermutlich sogar noch runder gemacht hätte und der nun auch in „Glass“ zumindest ordentlich funktioniert, macht vielleicht 15 Minuten aus. Den Rest, also alles rund um die an Arkham Asylum aus den „Batman“-Comics erinnernde psychiatrische Anstalt und die Therapieversuche von Dr. Ellie Staple, hat sich Shyamalan hingegen neu hinzugedacht – und speziell dieser Teil ist leider wenig überzeugend geraten. Es gibt vereinzelte Sequenzen, die zumindest für sich genommen angenehm intensiv ausfallen, was in den meisten Fällen mit dem erneut grandiosen, zwischen mehr als einem Dutzend Persönlichkeiten hin und her wechselnden Spiel von James McAvoy („Es 2“) zu tun hat. Dasselbe gilt für einige gelungene Pointen, die vor allem mit der neunjährigen Crumb-Persönlichkeit Hedwig und ihren Popkulturanspielungen zu tun haben. Aber insgesamt gibt es auch erstaunlich viel Leerlauf – und die eigentlich zentrale Figur der Psychiaterin ist erst lange Zeit wenig spannend und anschließend wenig glaubhaft.

Der Film sieht, wie von Shyamalan nicht anders gewohnt, erneut ziemlich gut aus – und die zwei zentralen, betont gegen die gängigen Comic-Blockbuster-Konventionen gebürsteten Actionsequenzen sind ebenfalls gelungen. Trotzdem ist „Glass“, wenn man ihn für sich allein als Thriller oder Horrorfilm betrachtet, rein spannungs- und überraschungstechnisch eine Enttäuschung. Interessanter wird es, wenn man „Glass“ zugleich als Film über seine eigene Entstehungsgeschichte und die damit einhergehende Freiheitsfindung seines Schöpfers versteht. Nach seinem sechsfach oscarnominierten Megahit „The Sixth Sense“ besaß Shyamalan erst einmal Narrenfreiheit. Aber als er diese dann für „Unbreakable“ nutzte, wusste das Studio Disney mit dem nerdigen Ergebnis nicht wirklich etwas anzufangen – und entschied sich dazu, die Worte „Comic“ und „Superheld“ komplett aus dem Marketing herauszulassen. Das Ergebnis waren viele harsche Verrisse von Kinogängern und Kritikern, die einfach etwas völlig anderes erwartet hatten und mit dem Meta-Comic-Drama auch deshalb nichts anfangen konnten. Diese Reaktionen markieren – neben dem Flop von „Die Legende von Aang“ – wohl noch immer die dunkelste Stunde in der Karriere des Filmemachers.

Aber dann drehte Shyamalan 2015 mit seinem eigenen Geld den Horror-Hit „The Visit“ – und dieser unabhängigen Herangehensweise ist er seitdem treu geblieben, selbst als die Studios plötzlich wieder Schlange standen. Universal Pictures und Walt Disney haben ihn nach dem Erfolg von „Split“ praktisch bekniet, für die Finanzierung von „Glass“ aufzukommen zu dürfen, aber er ist hart geblieben und hat das Budget erneut vollständig aus eigener Tasche bezahlt. Und wenn Mr. Glass nun an einer Stelle davon erzählt, dass er 19 lange Jahre auf die Verwirklichung seines Plans warten musste, dann meint man, in dieser Szene auch den Regisseur selbst zu vernehmen, der hier mit einer Mischung aus Bockigkeit und Stolz seine Rückkehr auf den Hollywood-Olymp zelebriert. „Glass“ ist voll von solchen (Meta-)Momenten, die man von Shyamalan ja bereits kennt.

Zugleich sorgt so eine Selbstfinanzierung natürlich auch für eine gerade im Hollywoodgeschäft ungewohnte Freiheit, die Shyamalan hier gleich in mehrfacher Hinsicht ausnutzt: Im Finale von „Glass“ zermalmt der Regisseur seine inzwischen Eastrail-177-Trilogie getaufte Filmreihe mit einer unglaublichen Chuzpe, wo die Verantwortlichen eines involvierten Studios sonst wohl zumindest mal nachdrücklich auf ihn eingeredet hätten, ob er es sich nicht doch noch einmal anders überlegen möchte. An dieser Stelle können wir ihm zu seiner unbedingten Konsequenz jedenfalls nur gratulieren, selbst wenn der finale Twist unserer Meinung nach so einfach nicht funktioniert, weil die Welt in medialer Hinsicht inzwischen ganz anders tickt (aber darauf gehen wir dann in einem Artikel nach dem Kinostart noch mal genauer ein). Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Wenn ein Schauspieler weiß, dass sein Regisseur so sehr an seine Vision glaubt, dass er das alles selbst bezahlt, dann gibt sich sogar ein inzwischen altersmüder Bruce Willis noch mal sichtlich Mühe, selbst wenn hier neben McAvoys Tour-de-Force naturgemäß alle anderen Schauspieler blass bleiben.

Was die schon in „Unbreakable“ steckende Liebeserklärung an die Superhelden-Comics und ihre Wurzeln angeht, sind die Öffentlichkeit und speziell die Kinolandschaft 19 Jahre später natürlich unfassbar viel weiter. Deshalb macht Shyamalan ohne ein Studio im Rücken diesmal auch keinerlei Gefangene mehr und zieht den Takt der Comic-Anspielungen noch einmal stark an. Nur hat das damals bei „Unbreakable“ auch deshalb so hervorragend geklappt, weil der Film als sehr geerdetes Charakterdrama beginnt und dann auf einmal noch dieser Comic-Überbau als weitere Ebene hinzukommt. In „Glass“ fehlt dieser emotionale Unterbau weitgehend, beziehungsweise es wird erfolglos versucht, diesen auf die Nebenfiguren von Dunns Sohn, Prices Mutter (Charlayne Woodard) und Crumbs Ex-Opfer Casey abzuwälzen. Was Shyamalan etwa mit dem als „Marvel“ angeteaserten höchsten Wolkenkratzer der Stadt anfängt, der am nächsten Tag feierlich eröffnet werden soll, ist eine von vielen verdammt cleveren Comic-Genre-Meta-Spielereien, die diesmal sogar cleverer sind als die legendären Shyamalan-Twists selbst. Aber das Herz als Grundlage fehlt.

Fazit: 
Gerade nach seinen beiden sehr starken Vorgängern ist „Glass“ zumindest als Genrefilm doch eine Enttäuschung. Als Meta-Kommentar zu seiner eigenen Entstehung bietet er hingegen eine Menge interessante Momente. 

Text by (mk)

Sonntag, 13. Januar 2019

Robin Hood (2018)

(c) StudioCanal Deutschland



Inhalt:

Der junge Adelige Robin von Locksley (Taron Egerton) verliebt sich in die ebenso schöne wie willensstarke Marian (Eve Hewson). Doch dann wird er einberufen, um in den Kreuzzügen zu kämpfen und als er in seine Heimat zurückkehrt, erkennt er das Land nicht wieder: England ist zu einer von Korruption und Intrigen gezeichneten Gesellschaft geworden, die Reichen schwelgen in Luxus, während es bei den Armen kaum zum Überleben reicht. Robin beschließt, dass er nicht länger wegschauen kann, und nimmt – ausgerüstet mit Maske, Pfeil und Bogen – den Kampf gegen die Ungerechtigkeit im Land und die tyrannische Oberschicht auf. Dabei hat er in dem arabischen Krieger John (Jamie Foxx) einen Verbündeten. Doch die herrschende Klasse will Robins Raubzüge und seinen Kampf für Gerechtigkeit nicht einfach hinnehmen und der gnadenlose Sheriff von Nottingham (Ben Mendelsohn) eröffnet die Jagd nach dem Gesetzlosen…


Bewertung:

Robin Hood führt ein Doppelleben – als Adeliger und Rebell! Robin Hood ist hier also quasi das geheime Superhelden-Alter-Ego von Robin von Locksley. Die Bogenschützen-Variante von Batman. Das ist zumindest auf dem Papier der spannendste neue Ansatz, den die Drehbuchdebütanten Ben Chandler und David James Kelly für ihren Titelhelden bereithalten. Aber selbst aus dieser frischen Idee wird zu wenig herausgeholt. Sogar die Dialogduelle auf einer Party zwischen Robin von Locksley und dem noch ahnungslosen, aber nichtsdestotrotz argwöhnischen Sherriff von Nottingham, quasi dieselbe Konstellation wie bei Clark Kent und Lex Luthor, entwickeln kaum eine Intensität. Diese fehlende Dynamik steht symptomatisch für den Film. „Robin Hood“ mangelt es insgesamt an Pfiff, da kann er noch so auf modern und kinetisch getrimmt daherkommen.

Verkörpert wird Robin Hood diesmal von Taron Egerton, der sich im Casting unter anderem gegen Dylan O’Brien, Nicholas Hoult und Jack Huston durchsetzen konnte. Regisseur Otto Bathurst war sogar so begeistert von ihm, dass er den Dreh seines Films sogar noch einmal nach hinten verschob, weil Egerton erst noch die „Kingsman“-Fortsetzung „The Golden Circle“ zu Ende drehen musste. Aber so ganz erschließt sich einem diese Begeisterung nicht. Egerton mimt zwar routiniert den stets verschmitzt dreinschauenden Actionhelden mit Vorliebe für atemberaubende Pfeil-und-Bogen-Stunts, doch eine eigene Persönlichkeit besitzt sein Robin Hood nicht. Selbst neben eigentlich deutlich weniger wichtigen Figuren wie der seines Nebenbuhlers Will Scarlett (Jamie Dornan überzeugt als sich ganz langsam zum Widersacher entwickelnder neuer Liebhaber von Marian) wirkt der Titelheld vollkommen farblos, was auch daran liegt, dass man über ihn so gut wie nichts erfährt.

Stattdessen erweisen sich Jamie Foxx als von dem unbedingten Willen nach Gerechtigkeit getriebener, hin und wieder schon mal einen kecken Spruch auf den Lippen tragender John sowie der von Ben Mendelsohn fast schon als Karikatur eines Blockbuster-Bösewichts angelegte Sherriff von Nottingham als Szenendiebe, gegen die der Titelheld so ganz ohne Ecken und Kanten einfach nicht bestehen kann. Das sehr offensichtlich auf ein Sequel hinarbeitende Finale lässt da fast schon hoffen, dass in einer etwaigen Fortsetzung möglichst nicht mehr Robin Hood, sondern eine der vielen anderen Figuren im Mittelpunkt stehen möge. (Die Produktionsfirma hat das Skript zu dem damals noch „Robin Hood: Origins“ betitelten Projekt schließlich von Anfang an als Auftakt eines ganzen Cinematic Universe in Auftrag gegeben.)

Visuell fügt sich der im kroatischen Dubrovnik gedrehte „Robin Hood“ in die seit einigen Jahren andauernde Flut modern inszenierter historischer Stoffe ein. Wobei das auf einen hochglänzenden Digitallook getrimmte Mittelaltersetting natürlich zuallererst an Guy Ritchies Neuaufguss der Arthus-Sage erinnert. Einige der Szenen und Schauplätze meint man sogar eins zu eins aus „King Arthur: Legend Of The Sword“ wiederzuerkennen, so ähnlich sind sich der Look, die Kameraarbeit und die Arrangements. Aber auch Justin Kurzels „Assassin’s Creed“ sowie das Remake von „Ben Hur“ haben hier ihre visuellen Spuren hinterlassen – und das hat sowohl positive als auch negative Seiten.

Die haptischen Sets, die gewaltigen Explosionen und die stilsicher inszenierten Kämpfe, in denen eben nicht mit Pistolen rumgeballert, sondern eben mit Pfeil und Bogen geschossen wird, können durchaus überzeugen. Als Höhepunkt des Bogen-Spektakels gibt es sogar eine mit Pfeilen bestückte Gatling Gun! Aber daneben trüben vor allem zwei Dinge das Seherlebnis ungemein: Wenn neben den vielen handgemachten Effekten doch mal eine Szene aus dem Computer stammt, sieht diese dafür umso miserabler aus. Und auch die Kameraarbeit lässt stark zu wünschen übrig. George Steel filmt mit derart unruhiger Hand, dass man in den auf harte Gewalt verzichtenden Actionszenen schnell den Überblick verliert. In Kombination mit dem hektischen Schnitt lässt sich bisweilen kaum noch was von dem regen Treiben auf der Leinwand erkennen. Das ist schade. Denn eigentlich ist die Idee, einen modernen Actionfilm in ein einem klassischen Mittelaltersetting anzusiedeln, ja durchaus vielversprechend. Leider erfüllt sich dieses Versprechen in „Robin Hood“ aber viel zu selten.

Fazit: 
Die Neuinterpretation von „Robin Hood“ sieht dank des hohen Produktionsaufwandes hin und wieder ganz gut aus und punktet mit amüsanten Nebenfiguren. Aber ausgerechnet der Titelheld bleibt bis zum Schluss vollkommen uninteressant und die bewusst gewaltfreien Actionsequenzen sind so hektisch gefilmt und geschnitten, dass man schnell die Übersicht – und damit auch die Lust - verliert. Den Auftakt für ein komplettes Sherwood-Forest-Filmuniversum hat Otto Bathurst also schon mal in den Sand gesetzt.

Text by (mk)