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| (c) Walt Disney Germany |
Inhalt:
Kevin Wendell Crumb (James McAvoy) ist noch immer auf freiem Fuß und hochgefährlich. Der junge Mann, der mehrere Persönlichkeiten in sich vereint, hat schon einige Menschenleben auf dem Gewissen und die Gefahr besteht, dass es schon sehr bald mehr werden, denn in ihm schlummert die Bestie, die gefährlichste seiner Persönlichkeiten. Der unverwundbare David Dunn (Bruce Willis), der seit dem Krebstod seiner Frau gemeinsam mit Sohn Joseph (Spencer Treat Clark) eine Sicherheitsfirma betreibt, heftet sich deshalb an seine Fersen, um ihm das Handwerk zu legen. In einem Lagerhaus kommt es zum Showdown zwischen Crumb und Dunn, der jedoch von einer Spezialeinheit der Polizei unterbrochen wird. Nun müssen die beiden Männer die Psychiaterin Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) davon überzeugen, dass sie keine Superkräfte haben – ansonsten werden sie für immer weggesperrt. Mit ihnen ihm Raum sitzt ein weiterer Patient mit einem vermeintlichen Superheldenkomplex: Elijah Price alias Mr. Glass (Samuel L. Jackon)...
Bewertung:
M. Night Shyamalan holt nun in „Glass“ nach, was er damals eigentlich schon in „Unbreakable“ erzählen wollte – aber dieser Teil, der den Film damals vermutlich sogar noch runder gemacht hätte und der nun auch in „Glass“ zumindest ordentlich funktioniert, macht vielleicht 15 Minuten aus. Den Rest, also alles rund um die an Arkham Asylum aus den „Batman“-Comics erinnernde psychiatrische Anstalt und die Therapieversuche von Dr. Ellie Staple, hat sich Shyamalan hingegen neu hinzugedacht – und speziell dieser Teil ist leider wenig überzeugend geraten. Es gibt vereinzelte Sequenzen, die zumindest für sich genommen angenehm intensiv ausfallen, was in den meisten Fällen mit dem erneut grandiosen, zwischen mehr als einem Dutzend Persönlichkeiten hin und her wechselnden Spiel von James McAvoy („Es 2“) zu tun hat. Dasselbe gilt für einige gelungene Pointen, die vor allem mit der neunjährigen Crumb-Persönlichkeit Hedwig und ihren Popkulturanspielungen zu tun haben. Aber insgesamt gibt es auch erstaunlich viel Leerlauf – und die eigentlich zentrale Figur der Psychiaterin ist erst lange Zeit wenig spannend und anschließend wenig glaubhaft.
Der Film sieht, wie von Shyamalan nicht anders gewohnt, erneut ziemlich gut aus – und die zwei zentralen, betont gegen die gängigen Comic-Blockbuster-Konventionen gebürsteten Actionsequenzen sind ebenfalls gelungen. Trotzdem ist „Glass“, wenn man ihn für sich allein als Thriller oder Horrorfilm betrachtet, rein spannungs- und überraschungstechnisch eine Enttäuschung. Interessanter wird es, wenn man „Glass“ zugleich als Film über seine eigene Entstehungsgeschichte und die damit einhergehende Freiheitsfindung seines Schöpfers versteht. Nach seinem sechsfach oscarnominierten Megahit „The Sixth Sense“ besaß Shyamalan erst einmal Narrenfreiheit. Aber als er diese dann für „Unbreakable“ nutzte, wusste das Studio Disney mit dem nerdigen Ergebnis nicht wirklich etwas anzufangen – und entschied sich dazu, die Worte „Comic“ und „Superheld“ komplett aus dem Marketing herauszulassen. Das Ergebnis waren viele harsche Verrisse von Kinogängern und Kritikern, die einfach etwas völlig anderes erwartet hatten und mit dem Meta-Comic-Drama auch deshalb nichts anfangen konnten. Diese Reaktionen markieren – neben dem Flop von „Die Legende von Aang“ – wohl noch immer die dunkelste Stunde in der Karriere des Filmemachers.
Aber dann drehte Shyamalan 2015 mit seinem eigenen Geld den Horror-Hit „The Visit“ – und dieser unabhängigen Herangehensweise ist er seitdem treu geblieben, selbst als die Studios plötzlich wieder Schlange standen. Universal Pictures und Walt Disney haben ihn nach dem Erfolg von „Split“ praktisch bekniet, für die Finanzierung von „Glass“ aufzukommen zu dürfen, aber er ist hart geblieben und hat das Budget erneut vollständig aus eigener Tasche bezahlt. Und wenn Mr. Glass nun an einer Stelle davon erzählt, dass er 19 lange Jahre auf die Verwirklichung seines Plans warten musste, dann meint man, in dieser Szene auch den Regisseur selbst zu vernehmen, der hier mit einer Mischung aus Bockigkeit und Stolz seine Rückkehr auf den Hollywood-Olymp zelebriert. „Glass“ ist voll von solchen (Meta-)Momenten, die man von Shyamalan ja bereits kennt.
Zugleich sorgt so eine Selbstfinanzierung natürlich auch für eine gerade im Hollywoodgeschäft ungewohnte Freiheit, die Shyamalan hier gleich in mehrfacher Hinsicht ausnutzt: Im Finale von „Glass“ zermalmt der Regisseur seine inzwischen Eastrail-177-Trilogie getaufte Filmreihe mit einer unglaublichen Chuzpe, wo die Verantwortlichen eines involvierten Studios sonst wohl zumindest mal nachdrücklich auf ihn eingeredet hätten, ob er es sich nicht doch noch einmal anders überlegen möchte. An dieser Stelle können wir ihm zu seiner unbedingten Konsequenz jedenfalls nur gratulieren, selbst wenn der finale Twist unserer Meinung nach so einfach nicht funktioniert, weil die Welt in medialer Hinsicht inzwischen ganz anders tickt (aber darauf gehen wir dann in einem Artikel nach dem Kinostart noch mal genauer ein). Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Wenn ein Schauspieler weiß, dass sein Regisseur so sehr an seine Vision glaubt, dass er das alles selbst bezahlt, dann gibt sich sogar ein inzwischen altersmüder Bruce Willis noch mal sichtlich Mühe, selbst wenn hier neben McAvoys Tour-de-Force naturgemäß alle anderen Schauspieler blass bleiben.
Was die schon in „Unbreakable“ steckende Liebeserklärung an die Superhelden-Comics und ihre Wurzeln angeht, sind die Öffentlichkeit und speziell die Kinolandschaft 19 Jahre später natürlich unfassbar viel weiter. Deshalb macht Shyamalan ohne ein Studio im Rücken diesmal auch keinerlei Gefangene mehr und zieht den Takt der Comic-Anspielungen noch einmal stark an. Nur hat das damals bei „Unbreakable“ auch deshalb so hervorragend geklappt, weil der Film als sehr geerdetes Charakterdrama beginnt und dann auf einmal noch dieser Comic-Überbau als weitere Ebene hinzukommt. In „Glass“ fehlt dieser emotionale Unterbau weitgehend, beziehungsweise es wird erfolglos versucht, diesen auf die Nebenfiguren von Dunns Sohn, Prices Mutter (Charlayne Woodard) und Crumbs Ex-Opfer Casey abzuwälzen. Was Shyamalan etwa mit dem als „Marvel“ angeteaserten höchsten Wolkenkratzer der Stadt anfängt, der am nächsten Tag feierlich eröffnet werden soll, ist eine von vielen verdammt cleveren Comic-Genre-Meta-Spielereien, die diesmal sogar cleverer sind als die legendären Shyamalan-Twists selbst. Aber das Herz als Grundlage fehlt.
Fazit:
Gerade nach seinen beiden sehr starken Vorgängern ist „Glass“ zumindest als Genrefilm doch eine Enttäuschung. Als Meta-Kommentar zu seiner eigenen Entstehung bietet er hingegen eine Menge interessante Momente.
Text by (mk)

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