Sonntag, 30. November 2014

Die Pinguine aus Madagascar



Facts:

Genre:  Animation
Regie:
Simon J. Smith, Eric Darnell 
Cast: Tom McGrath, Chris Miller (LX), Christopher Knights 
Laufzeit: 93 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
Verleih:
Fox Deutschland




(c) Fox Deutschland

Inhalt: 

Die vier aus den "Madagascar"-Filmen bekannten Pinguine sind eine militärisch organisierte Gruppe, die immer eine neue gefährliche Mission im Blick hat. Anführer Skipper (Tom McGrath) übt die Befehlsgewalt aus und schmiedet die Einsatzpläne, die er im Vorfeld mit Taktiker Kowalski (Chris Miller) austüftelt. Für die Ausrüstung und fürs Grobe ist der durchgeknallte Rico (John DiMaggio) zuständig. Durch seine besondere Fähigkeit, x-beliebige Gegenstände hochzuwürgen, hat er der Gruppe aber schon ein ums andere Mal aus der Patsche geholfen. Gemeinsam mit Private (Christopher Knights), dem sensiblen "Nesthäkchen" der Bande, sind die vier Pinguine ein unschlagbares Team. Nun sind ihre Fähigkeiten aber in einem besonderen Fall gefragt: Ein hochrangiger Tieragent (Benedict Cumberbatch) der Geheimorganisation Nordwind ist dem mysteriösen Bösewicht Dr. Octavius Brine (John Malkovich) dicht auf den Fersen und die Pinguine geraten mitten rein. Da wollen sie natürlich dem Team von Nordwind zeigen, dass auch sie echte Agenten sind.

Bewertung:

„Die Pinguine aus Madagascar“ beginnt mit einem richtig gelungenen Prolog „vor einigen Jahren“. Es wird gezeigt, dass Skipper, Kowalski und Rico das Pinguin-Leben bereits als Kleinkinder kritisch sehen und sich fragen, was das endlose Marschieren in einer Reihe soll. Als plötzlich ein Ei durch die Eislandschaft kullert und dies keinen der älteren Pinguine kümmert, sind sie mittendrin in ihrem ersten Abenteuer und wir als Zuschauer in einem lustigen Vorspann, in dem vor allem die durch „Die Reise der Pinguine“ losgetretene Tier-Doku-Welle aufs Korn genommen wird. Mit für einen Kinderfilm teils ziemlich bissigen Kommentaren wird das Knuddel-Image der Seevögel aufs Korn genommen, bis auf die vier Helden sind alle anderen Pinguine ziemlich dumme Herdentiere, die alles nur machen, weil es schon immer so war. Die Krönung ist der Auftritt eines Dokumentarfilmers (im Original gesprochen von Regielegende Werner Herzog!), der gerne ein wenig nachhilft, um spannende Bilder zu bekommen. Mit ähnlich hoher Schlagzahl und Trefferzahl geht es erst einmal weiter und so wird beim Einbruch in Fort Knox zum Beispiel ein Zebrastreifen (!) zur Tarnung genutzt: ein clever in Szene gesetzter Einfall, bei dem eine Lachsalve im Kinosaal garantiert ist.

Doch je stärker in „Die Pinguine aus Madagascar“ die Jagd auf den Bösewicht in den Vordergrund rückt, desto eintöniger gerät das Geschehen. Während der Schurke an sich noch recht originell ist – so sorgt sein stetiger Wechsel zwischen seinem wahren Ich als Tintenfisch und seiner Tarnung als menschlicher Forscher im weißen Kittel für ein paar Schmunzler -, sind alle anderen Figuren so eindimensional, dass bald nur noch die immer gleichen Witze wiederholt werden: Skipper gibt Befehle, Kowalski analysiert die Lage, Rico frisst alles und Private wird ignoriert, weil er für die anderen nur das kleine Maskottchen ist. Er darf dann als einziger eine Entwicklung durchmachen und zeigen, was er kann, doch das kommt genauso erwartet wie der ganze Rest des Finaldrittels. Dieses erzählerische Problem wird dadurch noch vergrößert, dass es mit Nordwind gleich noch ein zweites vierköpfiges Team mit ähnlicher Binnendynamik gibt. Dort ist Schneeeule Eva (Anne Mahendru/Conchita Wurst) darauf beschränkt, Kowalski schöne Augen zu machen, und der etwas einfältige Polarbär Corporal (Peter Stormare) darf immer nur wiederholen, wie knuffig er die Pinguine findet. So hat jede Figur ihren Running Gag, der bis zur absoluten Ermüdung wiederholt wird.

Auch mit den vielen überbordenden Action-Szenen gelingt es den Machern zu selten, das Geschehen wirklich aufzupeppen. „Die Pinguine aus Madagascar“ sieht ohne Frage richtig gut aus – kein Vergleich zur eher hölzern animierten TV-Serie mit den vier Figuren. Unmotivierte Schauplatzwechsel in Sekundenschnelle wie der von Fort Knox im US-Bundestaat Kentucky nach Venedig ergeben zwar keinen Sinn (offensichtlich hatte jemand eine Idee für eine Actionszene mit Gondolieri – also musste man schnell in die Lagunenstadt), sorgen aber für Abwechslung. Es geht dann auch noch nach Shanghai und New York, so können sich die Regisseure zumindest in sehenswerten Kulissen austoben und lokale Gegebenheiten nutzen, was aber wenig hilft, wenn ein Großteil der Gags immer gleich bleibt. Die besten Momente gibt es noch, wenn eine Spur Selbstironie mitschwingt. So nehmen die Macher einmal sogar selbst ihre übertrieben plötzlichen Schauplatzwechsel aufs Korn. Dazu gibt es immer wieder ein paar herausragende visuelle Elemente und Ideen (vor allem wenn Dave zur Umsetzung seines Plans schreitet), so dass „Die Pinguine aus Madagascar“ zwar gegen Ende etwas ermüdend ist, aber bis zum Schluss auch immer wieder unterhaltsame Sequenzen bietet.

Fazit:

„Die Pinguine aus Madagascar“ hat einen starken Anfang, bietet danach aber nur noch durchschnittliche Unterhaltung und zeigt, dass lustige Nebenfiguren nicht automatisch als Protagonisten für einen ganzen Film geeignet sind. Etwas enttäuscht vergeben wir 5 von 10 Punkte. (mk)

Freitag, 28. November 2014

Die Tribute von Panem 3 - Mockingjay Teil 1



Facts:

Genre: Action, Drama
Regie: Francis Lawrence 
Cast: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Liam Hemsworth 
Laufzeit: 123 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih:
StudioCanal Deutschland


(c) StudioCanal Deutschland

Inhalt: 

Nachdem Katniss (Jennifer Lawrence) erfahren musste, dass ihr Heimat-Distrikt 12 vollständig zerstört wurde, begibt sie sich dorthin, um die Ausmaße selbst in Augenschein zu nehmen. Bis auf die Unterkünfte für die Sieger der Spiele wurde der gesamte Bezirk von der Regierung in Schutt und Asche gelegt, allein der Familienkater Butterblume hat überlebt. Katniss bringt das Tier in ihr neues Zuhause: Distrikt 13. Dessen Bewohner leben im Untergrund, besitzen Kernwaffen und stehen der Regierung feindlich gegenüber. Katniss ist noch immer das Gesicht der Revolution, der auch ihr Freund Gale Hawthorne (Liam Hemsworth) angehört. Sie weigert sich aber anfänglich, an Propaganda-Aktionen für den Aufstand teilzunehmen, da sie um das Leben von Peeta (Josh Hutcherson) fürchtet. Der wird von der Regierung als Lockvogel eingesetzt und warnt in einer Sondersendung die Revolutionäre vor einem Militärschlag seitens der Regierung, sollten diese sich nicht ergeben. Auf das Versprechen hin, dass Peeta im Falle eines Sieges nicht bestraft wird und sie den Präsidenten des Kapitols selbst töten darf, willigt Katniss schließlich doch ein, den Revolutionären zu helfen.

Bewertung:

In „Tödliche Spiele“ hat sie sich für ihre jüngere Schwester geopfert und sich in „Catching Fire“ gegen die Hungerspiele aufgelehnt. Und in „Mockingjay“? Da ist Katniss erst ein psychisches Wrack und dann ein von Plutarch Heavensbee fremdgesteuertes Propaganda-Werkzeug. Aber nicht nur die Protagonistin ist nicht mehr dieselbe, das ganze Franchise hat sich verändert: Die „Panem“-Reihe war schon immer düster, aber es schwang bei den Hungerspielen auch immer dieses aufregend-abenteuerliche Gefühl eines (wenn auch lebensgefährlichen) Pfadfinder-Camps mit. Dieses ist inzwischen allerdings der puren Verzweiflung gewichen: „Mockingjay“ ist ein (zumindest in Teil 1) heldenloser Anti-Kriegsfilm, in dem allenfalls die sich gegen das Kapitol erhebenden und von dessen Soldaten niedergemähten namenlosen Massen tatsächlich einen heroischen Akt vollführen (sieht man einmal von der etwas zu absurden Szene ab, in der Katniss mit einem einzigen Pfeil gleich zwei Jets vom Himmel holt). Und weil Teil 1 eben nur die erste Hälfte der Geschichte erzählt, braucht hier auch niemand auf  Erlösung zu hoffen: Die blutunterlaufenen Augen der erneut grandiosen Jennifer Lawrence - und das hätte man nach den ersten fünf Minuten kaum für möglich gehalten - drücken in der letzten Szene sogar eine noch tiefere Verzweiflung aus als in der ersten!

Während in „Mockingjay Teil 2“ (Starttermin in Deutschland: 19. November 2015) der tatsächliche Krieg im Zentrum stehen wird, geht es in Teil 1 hauptsächlich um den über die Medien ausgetragenen Propaganda-Wettstreit. So diskutiert Präsident Snow einmal mit seiner Beraterin über die Frage, wie man die Aufständischen denn nun am besten offiziell nennen solle, das Wort „Rebellen“ impliziere schließlich eine gewisse politische Legitimation – anders als etwa „Kriminelle“ oder „Terroristen“. Und das bewegende Video mit Katniss vor dem zerbombten Krankenhaus erinnert auffällig an ein amerikanisches Propagandavideo, mit dem 1990 die US-Invasion in Kuwait gerechtfertigt wurde. 

Während man bei der Grundidee der Reihe, die im TV übertragenen Hungerspiele seien wie Opium fürs Volk und würden so den Frieden in Panem sichern, schon noch ein wenig Unglauben zur Seite schieben musste, bleibt „Mockingjay Teil 1“ in Sachen Propaganda-Taktiken für einen Fantasy-Blockbuster geradezu schmerzhaft nah an der Realität. Und so kommt der Film übrigens auch fast ganz ohne Action aus: Es ist den Machern hoch anzurechnen, dass sie voll auf ihre Geschichte und ihre starke Protagonistin vertrauen, anstatt sich zusätzliches Spektakel einfach aus den Fingern zu saugen. In Teil 2 wird ohnehin noch genug in die Luft fliegen.

Anders als in den ersten zwei Filmen ist Jennifer Lawrence in „Mockingjay Teil 1“ der alleinige Star. Während sie praktisch in jeder Sequenz zu sehen ist, absolviert neben ihr kaum ein Darsteller mehr als eine Handvoll Szenen (selbst jemand wie Jena Malone als Johanna Mason ist aufgrund der Zweiteilung nur für einen Sekundenbruchteil zu erhaschen). Trotzdem gibt es eine Reihe erwähnenswerter Auftritte: Josh Hutcherson als Peeta Mellark ist diesmal zwar fast ausschließlich in Fernsehansprachen zu sehen, in denen er die Aufrührer im Auftrag der Propaganda-Maschinerie des Kapitols zum Niederlegen ihrer Waffen aufruft. Aber es ist beeindruckend, wie er von einem TV-Auftritt zum nächsten psychisch und physisch immer mehr verfällt. 

Eine noch subtilere Wandlung macht Julianne Moore als Rebellen-Anführerin Alma Coin durch: Sind die ersten Ansprachen an ihre Leute noch durch und durch sachlich, scheint sie im Verlauf des Films Gefallen an der Macht zu finden, die ihr die Propaganda-Spots einbringen: Bei ihren letzten Auftritten lässt sich schließlich vom Stil her kaum noch ein Unterschied zu den pathetischen Reden von Präsident Snow ausmachen. Und dann gibt es da natürlich noch den verstorbenen Oscar-Preisträger Philipp Seymour Hoffman, der als Chef-Propagandist der Rebellen zwar mit seinen Vorschlägen die Story vorantreibt, aber ehrlicherweise ein wenig blass bleibt: Plutarchs Kommentare zu Katniss‘ katastrophal scheiternden Schauspielversuchen hätten ruhig noch ein wenig trocken-sarkastischer ausfallen dürfen.

Fazit:

Mit „Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1“ soll die mit den ersten beiden Filmen kreierte Spannung bis zum großen Finale hochgehalten werden. Aber zum Glück für das noch ein weiteres Jahr auf die Folter gespannte Publikums meistert Regisseur Francis Lawrence diese Herausforderung auf ganz Hollywood-untypische Weise: Mit wenig Krawall und viel Intelligenz legt er den bisher besten Teil der Reihe vor. Erwartungsvoll auf den letzten Teil wartend vergeben wir 9,5 von 10 Punkte. (mk)

Samstag, 15. November 2014

Ich.Darf.Nicht.Schlafen.



Facts:

Genre: Thriller
Regie: Rowan Joffe
Cast: Nicole Kidman, Colin Firth, Mark Strong
Laufzeit: 92 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih:
Splendid Film GmbH


(c) Splendid Film GmbH

Inhalt: 

Christine Lucas, eine 40-jährige Schriftstellerin  (Nicole Kidman) ist nach einem schrecklichen Unfall, den sie in ihren Zwanzigern hatte, unfähig, neue Erinnerungen zu behalten. Sie wacht jeden Tag auf und kann sich weder an den vorhergehenden Tag noch an irgendetwas aus den vergangenen Jahren erinnern. Ihr Ehemann Ben (Colin Firth) und ein Videotagebuch helfen ihr jeden Morgen auf's Neue, ihr Leben zu rekonstruieren. Doch an eine baldige Verbesserung ihres Zustandes ist nicht zu denken. Deswegen besucht sie den Psychologen Dr. Nash (Mark Strong), der ihr helfen soll, Erinnerungen länger zu behalten. Mit ihm begibt sie sich auf eine aufwühlende Reise in die eigene Vergangenheit, bei der sie sich irgendwann nicht nur fragen muss, wem sie noch trauen kann, sondern auch, wer sie selbst eigentlich ist.

Bewertung:

Der Film stellt sich der Frage - Verliert man mit seinen Erinnerungen auch seine Identität? Christine ist in den Händen ihres Mannes wie Lehm, denn er könnte ihr nach Gutdünken jeden Tag eine andere Geschichte über die verlorenen Jahre erzählen und sie so nach seinen Wünschen formen. Regisseur Joffe („Brighton Rock“) streut behutsam immer deutlicher werdende Brüche ein, um eine zunehmend bedrohliche Atmosphäre zu erzeugen. Die lässt die zugegebenermaßen extrem konstruierte Ausgangssituation bald vergessen, zumal Nicole Kidman ihrerseits einen guten Teil dazu beiträgt, dass man das Geschehen jederzeit ernstnimmt. Im Gegensatz zu Rosamund Pike in „Gone Girl“ oder einer typischen Hitchcock-Leading-Lady erscheint sie eben nicht als überlebensgroße Ikone, sondern strahlt eine grandiose Natürlichkeit aus und verankert ihre Figur damit in einer identifikationsfördernden Normalität: Ihren Oscar mag sie mit einer Nasenprothese in Übergröße gewonnen haben (als Virginia Woolf in „The Hours“), aber in „Ich.Darf.Nicht.Schlafen.“ begeistert Nicole Kidman gerade dadurch, dass sie auf jegliche (Make-up)-Hilfsmittel verzichtet und die ganze Verletzlichkeit der schutzlosen Christine nicht nur spür- sondern auch sichtbar macht. Gerade von einem wegen seines Botox-Gebrauchs in die Klatschspalten geratenen Star wie Kidman war eine so schonungslos uneitle Darbietung nicht unbedingt zu erwarten.
 
Der zweite Oscar-Preisträger überzeugt ebenfalls: Nach „Railway Man“ verkörpert Colin Firth zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres den Leinwand-Ehemann von Nicole Kidman und strahlt als Ben die von ihm aus Filmen wie „Tatsächlich Liebe“ oder „The King’s Speech“ gewohnte Gutmütigkeit aus, lässt aber immer wieder auch geschickt eine möglicherweise darunter lauernde Abgründigkeit durchblitzen. Mit dem großen Twist (der strenggenommen ziemlich hanebüchen ausfällt, aber der Genre-Logik des Films folgend durchaus vertretbar ist) bricht das sorgfältig entworfene Psychogramm allerdings zu wesentlichen Teilen in sich zusammen. Plötzlich gerät das erzählerische Konstrukt danach immer stärker aus den Fugen und die große finale Konfrontation erinnert schließlich gefährlich an den Showdown einer Seifenoper. Und was sich schon auf den letzten Seiten des Romans als unnötiger sentimentaler Nachklapp entpuppt hat, wird zwar von Regisseur Joffe auf wenige Szenen zusammengekürzt, aber auch die hinterlassen einen klebrig-süßen Nachgeschmack, der nicht so recht zur bewusst unterkühlten Atmosphäre des restlichen Films passen will.

Fazit:

Über weite Strecken spannender Psychothriller mit einer wunderbar uneitlen Nicole Kidman, der im letzten Drittel leider deutlich abfällt. Wir vergeben spannungsgeladene 6 von 10 Punkte (mk)

Interstellar



Facts:

Genre: SciFi, Drama
Regie: Christopher Nolan
Cast: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Michael Caine
Laufzeit: 169 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih:
Warner Bros. GmbH


(c) Warner Bros. GmbH

Inhalt: 

„Interstellar“ ist nicht gerade ein Schnellschuss. Erste Pläne zu dem Science-Fiction-Epos gab es bereits 2006, damals war noch Steven Spielberg für die Regie vorgesehen. Ein Jahr später wurde Christopher Nolans Bruder Jonathan angeheuert, um das Drehbuch zu schreiben, doch auch nachdem Spielberg längst ausgestiegen war, sollte es bis 2012 dauern, bis jemand auf die naheliegende Idee kam, den „Inception“- und „The Dark Knight“-Regisseur selbst auch mit ins Boot zu holen. Von diesem Moment an haben viele Fans ein zweites „2001 - Odyssee im Weltraum“ oder besser noch die filmische Quadratur des Kreises erwartet - nicht mehr und nicht weniger. Und auch wenn „Interstellar“ diesem Anspruch nicht ganz standhält, fügt der Meisterregisseur seiner Filmografie doch einen ebenso einzigartigen wie unerwarteten weiteren Meilenstein hinzu: eine sakrale Weltraum-Oper, in der große Gefühle wichtiger sind als bahnbrechende Effekte. Obwohl es um nichts weniger als den Überlebenskampf der Menschheit geht, legt Nolan seinen Film zunächst als intimes Familiendrama an, um schließlich in der zweiten Hälfte buchstäblich in neue Dimensionen vorzustoßen: Er erkundet die Rätsel des Universums und überwältigt dabei mit grandiosen Bildern und einer Emotionalität, die man aus seinen Werken bisher kaum kannte.

Bewertung:

Christopher Nolan bleibt sich in „Interstellar“ treu und setzt zugleich neue Akzente. Wie immer verzichtete der Brite auf den bei Produktionen dieser Größenordnung fast obligatorischen 3D-Zuschlag - und er drehte auf klassischem 35- sowie 70-Millimeter-Material, was er mit imposanten IMAX-Aufnahmen ergänzte. Vielmehr erschafft er sorgfältig komponierte Bilder, die bei allen beeindruckenden Schauwerten (von den gigantischen Staubstürmen auf der Erde zu Beginn über einige hochspannende Actionsequenzen bis hin zum ekstatischen Finale) auch eine große Natürlichkeit besitzen: Es ist kein Zufall, dass „Interstellar“ insgesamt etwas weniger stilisiert daherkommt als die vorigen Filme des Regisseurs, denn das Herzstück ist hier eindeutig die hochemotionale Geschichte. Letztlich steckt in „Interstellar“ genauso viel von dem Gefühlskino nach Art von Steven Spielberg wie von den kühnen kinematographischen Weltentwürfen eines Stanley Kubrick, mit denen Nolan sonst eher in Verbindung gebracht wird.

In allererster Linie ist die 165-Millionen-Dollar-Produktion „Interstellar“ jedoch natürlich von der Filmemacherpersönlichkeit Christopher Nolan geprägt, die ihr erzählerisches Ziel wie stets von Beginn an klar vor Augen hat. Im ersten Drittel der satten 169 Minuten Spielzeit widmet der Regisseur sich dem Unterbau seiner Story, die Figuren werden ausführlich eingeführt, ohne dass dabei bereits tiefschürfende Charakterstudien entstünden: Hier streut Nolan die Saat aus, die er im letzten Akt des Films umso eindrucksvoller erntet. Zu Beginn werden die Grundkonflikte mit aus Familiendramen und Katastrophenfilmen bekannten Motiven und Versatzstücken etabliert, später hebt der Film dann gleichsam ab und gewinnt auf dem Weg zu seiner finalen Bestimmung immer mehr an Klasse und Intensität. Spät, aber nicht zu spät entfaltet „Interstellar“ einen wahren Sog von Bildern und Ideen – nun bringt Nolan das Kleine und das Große, das Private und das Kollektive, das Irdische und das Kosmische zusammen und stellt vor dem Hintergrund seiner intimen Geschichte existenzielle Fragen: Was war vor dem Urknall? Wo endet unser Universum?

Am prägnantesten gelingt das Zusammenspiel von Ideen und Gefühlen beim Umgang mit dem Phänomen der Zeit, die bekanntlich relativ ist: Während Cooper und seine Mannschaft in entfernten Galaxien Stunden verbringen, vergehen auf der Erde teilweise ganze Dekaden. Schon dieser Gedanke allein ist schockierend, wenn Nolan uns dann aber in einer herzzerreißenden Szene mit den konkreten menschlichen Folgen dieser Relativität konfrontiert, dann bekommt er eine unerhörte emotionale Resonanz. Da genügt dann eine einzige ausgedehnte Großaufnahme von Matthew McConaugheys Gesicht beim Anblick seiner um ein Vielfaches schneller gealterten Filmkinder, um den ganzen Schmerz, die Trauer und das Empfinden der eigenen Winzigkeit angesichts der Gleichgültigkeit des Universums zum Ausdruck zu bringen. Hier geht es eben nicht darum, ein filmisches Proseminar in theoretischer Physik abzuhalten, dennoch nimmt Nolan die wissenschaftlichen Grundlagen seiner Geschichte spürbar ernst. Er stützt sich genauso wie übrigens schon Carl Sagan und Robert Zemeckis in „Contact“ auf die Wurmloch-Theorien von Kip Thorne und gibt dem Publikum ähnlich wie schon bei „Inception“ in simplen Worten die wichtigsten Informationen an die Hand, ohne seinen Film zu überfrachten.

Menschen in Raumschiffen, fremde Planeten und unbekannte Gefahren: Die Szenen außerhalb unserer Galaxie inszeniert Christopher Nolan angenehm organisch, er verzichtet auf den Effekt-Overkill und lässt lieber das hervorragende Produktionsdesign mit seinen immer wieder wechselnden Sets sowie Hans Zimmers hypnotische Musik zur Geltung kommen. Und wenn „Interstellar“ schließlich zu einer geradezu orgiastischen Space-Oper wird, der Fluss der Bilder und Gedanken nicht mehr zu stoppen ist und sich uns immer neue Welten öffnen, dann lässt der Film endgültig auch alle rationalen Einwände gegen seine Erzählstruktur oder seine wissenschaftliche Stichhaltigkeit hinter sich. Da ist dann selbst das wacklige raumfahrttechnische Fundament der Erzählung letztlich nur eine Randnotiz: Ein paar Regierungs- und NASA-Nerds tüfteln versteckt unter der Erde jahrelang im Geheimen an Hochtechnologie, die dem heutigen Wissen meilenweit voraus sein müsste, um auch nur ansatzweise zum Erfolg zu führen – allerdings ohne einen Apparat von zehntausenden Mitarbeitern und ohne Millionen-Budget. Solche Schönheitsfehler nimmt man am besten mit Humor – auch den gibt es in „Interstellar“ über die beiden Roboter-Figuren TARS und CASE (Stimme: Bill Irwin).

Nolans Absicht, die Figuren in den Mittelpunkt zu stellen und damit die menschliche Dimension seines Raumfahrttrips zu betonen, zeigt sich auch an der ebenso prestigeträchtigen wie hochklassigen Besetzung. Ihr gehören mit Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Michael Caine, Ellen Burstyn und Matt Damon gleich fünf Oscar-Preisträger an, hinzu kommt weitere Prominenz wie Casey Affleck und John Lithgow. Der All-Star-Cast besticht durch erstaunliche Homogenität, am deutlichsten ragt tatsächlich der Hauptdarsteller heraus. McConaughey spielt Cooper in der bisher besten Phase seiner Karriere überzeugend und charismatisch als sympathischen amerikanischen Jedermann, der wie ein Löwe für seine Familie kämpft (und nebenbei auch ein Wissenschafts- und Raumfahrtass ist). Die Vater-Tochter-Beziehung zwischen Cooper und der von Mackenzie Foy („Conjuring“) und später von der wieder einmal exzellenten Jessica Chastain („Zero Dark Thirty“) gespielten Murph, ist der Dreh- und Angelpunkt des Films und am Ende sind es die ganz unmittelbar menschlichen Fragen, die in diesem Weltraumepos am längsten nachhallen: Steht das Wohl des Einzelnen über dem der Gesamtheit? Würdest du die Familie opfern, um die Menschheit zu retten?

Fazit:

Christopher Nolan präsentiert sich in seinem irgendwo zwischen „2001“, „A.I.“, „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ und „Gravity“ angesiedelten Sci-Fi-Opus „Interstellar“ nicht nur als Kinovisionär, sondern vor allem auch als warmherziger Erzähler. Meisterwerk-Niveau erreicht er indes nicht ganz und daher bleibt es bei 7 von 10 Punkten. (mk)