Donnerstag, 18. Februar 2016

Deadpool OV



Facts:
Genre: Action, Komödie
Regie: Tim Miller
Cast: Ryan Reynolds, Morena Baccarin, Ed Skrein
Laufzeit: 109 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
Verleih: Fox Deutschland


(c) Fox Deutschland

Inhalt: 
Wade Wilson (Ryan Reynolds) ist Soldat in einer Spezialeinheit und Söldner. Als er von seiner Krebserkrankung erfährt, unterzieht er sich einem riskanten Experiment im Labor des skrupellosen Ajax (Ed Skrein). Danach sieht er hässlich aus, hat aber Selbstheilungskräfte – und weil Wades Freundin Vanessa Carlisle (Morena Baccarin) von Ajax verfolgt wird, gleich auch eine Mission. Er schlüpft in einen rot-schwarzen Anzug mit Maske und versucht als Deadpool, seinen Erschaffer auszuschalten. Allerdings geht Deadpool dabei anders vor als andere Menschen mit Superkräften. Die offensichtlichsten Unterschiede sind sein pechschwarzer Humor, sein bissiges Mundwerk und seine Angewohnheit, sich direkt ans Filmpublikum zu wenden. Außerdem ist Freundin Vanessa keine passive Prinzessin, die auf Rettung wartet, sondern rettet sich ganz gut selber – ähnlich wie Deadpools Kumpanin Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand), eine junge Frau mit explosiven Fähigkeiten… 

Bewertung:
„Wie hab ich nur einen eigenen Film bekommen?“: Diese direkt ans Publikum gerichtete Frage, die Ryan Reynolds alias Wade Wilson am Anfang von „Deadpool“ stellt, ist natürlich rhetorisch und gilt insbesondere den Kritikern an der Besetzung. Zwar ist Reynolds als Green Lantern gescheitert und auch sein erster Gastauftritt als Deadpool in „X-Men Origins: Wolverine“ (2009) wurde reserviert aufgenommen, doch die Produzenten sind von der Wahl ganz offensichtlich überzeugt und können sich das vermeintliche Wagnis allemal leisten. So erklärt Deadpool dann auch augenzwinkernd, dass er bloß keinen Superheldenanzug tragen will, der grün oder animiert ist – wie das unglückselige Outfit aus „Green Lantern“. Aus dem Protagonisten wird gerade durch die Besetzung ein Anti-Held, der sein Image nicht nur reflektiert, sondern selbst bestimmen will. Und außerdem:

Ryan Reynolds ist nicht nur wegen seines Äußeren und seiner Superheldenvergangenheit tatsächlich eine gute Besetzung, sondern auch weil er es schafft, trotz aller ironischen Posen und bösen Kommentare im ständigen Zwiegespräch mit dem Publikum die aus Selbstschutz gut versteckte verletzliche und menschliche Seite der Figur mitschwingen zu lassen. Er sorgt für die Verankerung in echten und ernst gemeinten Emotionen, die dem Film als Ganzes ein wenig fehlt. Regisseur und Autoren sorgen lieber für eine wahre Lawine an Anspielungen: Da gibt es Anklänge an „Watchmen“ und „Batman & Robin“, an die Kostümfindung aus „Spider-Man“, aber auch Zitate und Referenzen zu „Matrix", „Nightmare On Elm Street“, „Alien 3“ oder „Old Boy“. Die Bezüge zu anderen Filmen, Comics und Popkulturphänomenen werden ähnlich wie etwa in James Gunns „Super“ mit dem Vorschlaghammer serviert und sind meist nicht mehr als vergnügter Selbstzweck, aber dafür macht „Deadpool“ einen Heidenspaß – unter der Voraussetzung, dass man die teils grobschlächtigen und diskutablen Scherze nicht in den falschen Hals bekommt.

Manchmal sind die Gags in „Deadpool“ jungenhaft-lustig, beispielsweise wenn sich der Held für einen harten Arbeitstag mit Onanie belohnen will („Heute Abend mach ichs mir selbst!“), manchmal einfach nur plump, wenn er sich etwa über den Geruch des Intimbereichs einer „dicken Alten nach zwei Stunden Sport“ mokiert. Der auffällig sexuell aufgeladene Grundton des Films mündet im Übrigen in eine der zeigefreudigsten Sexszenen der bisherigen Comicfilmgeschichte: Wade und Vanessa zelebrieren ihre junge Liebe mit allen möglichen an Feiertage wie Ostern oder Thanksgiving angelehnten Variationen - besonders was die Expertin Vanessa am „Weltfrauentag“ mit ihrem Lover anstellt, ist ausgefallen. In dieser erstaunlich expliziten Sex-Montage werden nicht nur Morena Baccarins („Homeland“) Hintern und Oberkörper prominent ins Bild gerückt, sondern auch der Allerwerteste von Ryan Reynolds kommt gut zur Geltung. Die ganze Szene endet schließlich mit einem ehrlich gemeinten „Ich liebe dich“, das Wade an Vanessa richtet. Die kommt im Verlauf der Handlung allerdings auch gut ohne ihren Freund aus, der von der Bildfläche verschwindet, weil er sich als entstelltes „Biest“ zu hässlich für die „Schöne“ findet. Und letztlich ist es dann auch Vanessa, die sich Deadpool „schön saufen“ will, was von Baccarin mit genau der richtigen Mischung aus Ironie und Grausamkeit gespielt wird. Das ganze (doppelbödige) Getue rund um Äußerlichkeiten und Attraktivität hat in „Deadpool“ nichts von dem Sexismus des obigen Zitats - im Gegenteil.

Auch inszenatorisch überzeugt „Deadpool“, hier trifft das entsättigte Blau-Grau von „Heat“ oder „The Dark Knight“ auf die Neonfarben der „Avengers“, comichafte Stilisierung auf düsteren Realismus. Es ist sicher auch dem vergleichsweise kleinen Budget von 50 Millionen US-Dollar geschuldet, dass die Actionszenen kompakter und karger ausfallen als in anderen Marvel-Filmen, aber diese Konzentration aufs Wesentliche ist eine willkommene Abwechslung zu den Exzessen in „Man Of Steel“, den endlosen Kloppereien in „The Dark Knight Rises“ oder den epischen Endschlachten von „Avengers: Age Of Ultron“ oder auch „Der Hobbit: Die Schlacht der Fünf Heere“. Bei der finalen Auseinandersetzung in „Deadpool“ ist alles eine Nummer kleiner und trotzdem kommt alles zusammen, was eine gute Actionszene auszeichnet: Dynamik, Emotionen, Humor und vor allem eine geradezu altmodische Übersichtlichkeit. Die Figuren mögen keine ausgefeilten Hintergrundstorys haben und ihre Motivationen oft unklar bleiben (vor allem beim Bösewicht Ajax), aber man weiß immer, wer hier wem die Visage polieren will und warum.

Die Filmemacher haben darauf verzichtet, „Deadpool“ wie von vielen Fans befürchtet familienfreundlich zurechtzustutzen, in Deutschland hat er eine FSK-16-Freigabe erhalten und die ist auch bitter nötig. Tim Miller legt nämlich nicht nur eine Mischung aus Superheldenstory und „Crazy People in Love"-Liebesgeschichte vor, sondern auch einen Horrorfilm. Und bisweilen kippt die Ironie in reinen Zynismus, insbesondere bei einer Folterszene, die in ihrer Intensität an „Zero Dark Thirty“ gemahnt: Gemeint ist Deadpools Superhelden-Werdung in Ajax' Labor, wo er aufs Übelste gefoltert wird. Zunächst macht man sich dort über Folterpraktiken wie Waterboarding lustig, was, gelinde gesagt, geschmacklos ist. Doch dann wechselt Regisseur Tim Miller den Tonfall und die miesen Methoden des Laborleiters (Stichwort: Luftentzug) wirken plötzlich genauso brutal, wie sie wirklich sind. Einerseits werden die Foltermethoden als Teil der (Pop-)Kultur behandelt und in Unterhaltung verwandelt, was zumindest fragwürdig ist, andererseits wird ihre Brutalität nicht beschönigt. Damit lädt der Film durchaus zur Diskussion ein, auch wenn der oft sehr augenzwinkernde und wenig reflektierte Umgang mit der Gewalt im ganzen Film insgesamt sicher nicht jedermanns Sache ist.

Fazit: 
„Deadpool“ ist ein selbstreflexiver und provokanter, ungezogener und extrem unterhaltsamer Comicfilm mit einem kontroversen Helden, der im Heer der üblichen gelackten Supermänner geradezu exotisch anmutet. Dafür bekommt der Film von uns erfrischend anders anmutende 8 von 10 Punkte. (mk)

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