Samstag, 6. Februar 2016

The Revenant - Der Rückkehrer



Facts:
Genre: Western, Abenteuer
Regie: Alejandro González Iñárritu
Cast: Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson
Laufzeit: 156 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
Verleih: Fox Deutschland

(c) Fox Deutschland


Inhalt: 
In den 1820ern zieht der legendäre Trapper Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) durch die Weiten der USA, wo er mit einer von Captain Andrew Henry (Domhnall Gleeson) angeführten Expedition dabei ist, den Missouri River zu erforschen. Am Fluss hat er einen unachtsamen Moment – den ein Grizzly ausnutzt, ihn übel zuzurichten. Glass schwebt in Lebensgefahr. Seine Begleiter, unter ihnen der raubeinige John Fitzgerald (Tom Hardy) und der junge Jim Bridger (Will Poulter), glauben nicht, dass er den Vorfall überleben wird und als sie dann Ureinwohner in der Nähe ihres Lagers erspähen, fackeln sie nicht lange. Sie nehmen dem Schwerverwundeten Gewehr, Messer und seine weitere Ausrüstung ab und überlassen ihn sich selbst. Aber überraschend überlebt Glass doch – und schwört allen Begleitern Rache, die ihn zurückgelassen haben. Auf der Suche nach ihnen schleppt sich der verletzte Abenteurer durch die eisige Bergwelt…

Bewertung: 
Die Produktion von „The Revenant“ war ein außergewöhnlicher Kraftakt und die diversen Probleme und Auseinandersetzungen am Set sorgten für jede Menge Schlagzeilen. Iñárritu bestand nicht nur auf Dreharbeiten an Originalschauplätzen und ohne künstliche Lichtquellen, sondern auch darauf, den Film entgegen der üblichen Praxis in chronologischer Reihenfolge zu drehen. Das machte die ohnehin widrigen Bedingungen in der kanadischen Wildnis noch schwieriger und einige Crew-Mitglieder verließen unter Protest die Arbeit. Im Laufe des neunmonatigen Drehs, der in Argentinien abgeschlossen wurde, nachdem der für das Finale benötigte Schnee in Kanada früher als erwartet abgeschmolzen war, verbannte Iñárritu zudem den Produzenten Jim Skotchdopole („Django Unchained“) vom Set - die beiden waren sich immer wieder in die Haare geraten. Aber zumindest künstlerisch hat sich die Kompromisslosigkeit des mexikanischen Regieberserkers bezahlt gemacht: „The Revenant“ ist ein Naturereignis von einem Film und ein Kinoerlebnis von unvergleichlicher Wucht.

Schon der Indianerangriff zu Beginn fällt ungleich brachialer aus als jede Superhelden-Klopperei. In mehreren Plansequenzen schwebt die Kamera von Emmanuel Lubezki dynamisch durch die Reihen der Kämpfenden. Wo andere Filmemacher Actionsequenzen in eine Kaskade schneller Schnitte auflösen, inszeniert Iñárritu das Gemetzel als blutiges Ballett mit Pfeilen und Tomahawks, bei dem man stets den Überblick über das ungeschönte Geschehen behält. Ein weiteres Bravourstück ist der genial choreographierte und mit perfekt integrierter Computeranimation umgesetzte Grizzly-Angriff, der in seiner rohen Unmittelbarkeit an die Hundekämpfe aus „Amores Perros“ erinnert. Auch hier überträgt sich die Brutalität der Attacke unmittelbar auf den Zuschauer, der Todeskampf findet so nah vor der Kamera statt, dass die Linse beschlägt. Die Urkräfte der Natur werden immer wieder eindrucksvoll zur Geltung gebracht, urwüchsige Schauplätze wie einen überfluteten Wald oder einen reißenden Strom fängt Lubezki in halb poetischen, halb realistischen Panoramen ein, bei denen er die ganze Breite der Scope-Leinwand ausnutzt. Andauernd schneit oder regnet es, die entfesselten Elemente avancieren mehr noch als etwa in Sydney Pollacks „Jeremiah Johnson“ zu einem weiteren Protagonisten.

Das lebensfeindliche Setting ist schnell etabliert, darüber täuschen auch einige majestätische Landschaftsgemälde, die an Lubezkis Arbeit für Terrence Malicks „The New World“ erinnern, nicht hinweg. Für Leonardo DiCaprios Hugh Glass geht es ums nackte Überleben, die eisige Kälte und der stetige Nahrungsmangel bestimmen seinen Kampf. Unterwegs erlebt der verletzte Held nicht nur eine archaische Begegnung mit einem Wolfsrudel, das einen Büffel reißt, sondern wird gleichsam selbst zum wilden Tier, wenn er in seinen Bärenpelz gehüllt durch die Wälder kriecht oder rohes Fleisch verzehrt. DiCaprio („Der große Gatsby“, „Wolf Of Wall Street“) bringt die inneren wie äußeren Qualen des schweigsamen Trappers auch (fast) ohne Dialoge beredt zum Ausdruck, sein fesselndes, oscarwürdiges Spiel des auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen im Angesicht des drohenden Todes ist so etwas wie das dramatische Konzentrat von „The Revenant“. Die Hintergrundstory um den gewaltsamen Tod der Geliebten, die Iñárritu und sein Co-Drehbuchautor Mark L. Smith („The Hole“, „Martyrs“) ohnehin nur schlaglichtartig umreißen, ist da zweitrangig.

Die anderen Schauspieler stehen fast zwangsläufig im Schatten von DiCaprios Parforceritt. Überzeugende Akzente setzen vor allem Will Poulter  als unerfahrenes Greenhorn und Domhnall Gleeson als rechtschaffener Anführer, während Tom Hardy seine im Drehbuch nur grob skizzierte Rolle mit einer handfesten Performance zur durchaus plausiblen Figur macht. Der psychotische Fitzgerald wurde halb skalpiert und hasst Indianer daher bis aufs Blut. Seine Verachtung für das Halbblut Hawk und sein knallharter Egoismus bringen ihn als Antagonisten in Stellung, doch Glass‘ eigentlicher Widersacher bleibt immer die Wildnis selbst. Dieses Duell zwischen Mensch und Natur schildert Iñárritu auf recht geradlinige Weise, bei dem nur einige fast schon prätentiöse Zwischenspiele irritieren, die zwischen Erinnerung und Fiebertraum oszillieren. Mal flüstert Glass' tote Geliebte dem Trapper Mut zu, mal entschlüpft ein Vogel der Brusttasche eines Toten - was nicht der einzige poetische Verweis auf die menschliche Seele bleibt, die Iñárritu schon in „21 Gramm“ beschwor. Diese esoterischen Einschübe bremsen die Handlung aus und wirken mit ihrer verkünstelten Art bisweilen wie ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Oscar-Academy. Wer künftig über Survival-Stoffe im Kino sprechen will, kommt an diesem mitreißenden Film dennoch nicht vorbei.

Fazit:
Mit „The Revenant“ gelingt Alejandro G. Iñárritu ein visuell überwältigendes und herausragend gespieltes Survival-Western-Drama von seltener Wucht. Wir vergeben dafür oscarreife 9 von 10 Punkte. (mk)

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