Freitag, 28. Februar 2014

Pompeii 3D



Facts:

Genre: Action, Fantasy
Regie: Paul Anderson
Cast: Kit Harington, Emily Browning, Kiefer Sutherland, Jared Harris, Adewale Akinnuoye-Agbaje
Laufzeit: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Constantin Filmverleih

(c) Constantin Filmverleih

Inhalt:

Wir schreiben das Jahr 79 n. Chr.: Das römische Reich wird von Intrigen zerfressen, während Brot und Spiele die Bevölkerung bei Laune halten. Der Alltag des Sklaven Milo (Kit Harington) ist ein permanenter Überlebenskampf, ausgetragen in staubigen, blutgetränkten Arenen. Sein einziger Lichtblick: die wunderschöne und reiche Cassia (Emily Browning). Doch die Liebesbeziehung mit der jungen Frau ist zum Scheitern verurteilt. Der mächtige und abgebrühte Senator Corvus (Kiefer Sutherland) will Cassia ebenfalls zur Frau. Er hat die Mittel, seinen Willen durchzusetzen und die Liebe zwischen Sklave und Bürgerstochter zu zerstören. Zumal noch von ganz anderer Richtung Zerstörung droht: Der Vesuv regt sich – seine Eruption würde nicht nur die Stadt Pompeij vernichten, sondern mit ihr auch Cassias und Milos Liebe…

Bewertung:

„Pompeii 3D“ bietet einige nette historische Details und Anspielungen (nicht zuletzt im schönen Schlussbild, das eine teilweise hanebüchene Erzählung zu einem versöhnlichen Ende bringt), aber Handlungszeit und –ort sind hier wie bei so vielen Monumentalfilmen in erster Linie willkommene Kulisse für die Präsentation von Schauwerten und Spektakel. Der Plot ist weniger komplex als eine durchschnittliche Folge von TV-Serien wie „Spartacus: Gods Of The Arena“ oder „Rome“ und die Figuren haben nicht die geringste Tiefe. Da verkörpert Kiefer Sutherland („24“) als verkommener Senator ohne jeden Widerhaken den Inbegriff der römischen Dekadenz, während „Game Of Thrones“-Star Kit Harrington in der Hauptrolle zwar immer ins rechte Licht gerückt wird, aber nur in den Action-Szenen Charakter und sonst nur seine immerhin beeindruckenden Muskeln zeigen darf. Emily Browning („Sucker Punch“) wiederum lässt manchmal ihre nackten Beine hervorblitzen und müht sich mehr schlecht als recht durch einige der unglücklichsten Dialogzeilen (etwa über Muskeln und Güte), aber dennoch ist ihre Kaufmannstochter eine für dieses Genre überdurchschnittlich selbstbewusste Frauenfigur (wenn auch weit entfernt von Milla Jovovichs Kick-Ass-Amazone aus den „Resident Evil“-Filmen) und sorgt mit einer kleinen Handbewegung für einen der Höhepunkte des Films.

So wie Cassias Fingerzeig beredter ist als drei Seiten Dialog, so stecken auch in den Kampfszenen und in der Asche-Apokalypse des Schlusses mehr Substanz als in den kaum mehr als skizzierten moralischen und politischen Konflikten. Von der Stadt Pompeii, von den Machtverhältnissen dort und vom Status seiner Bürger im Vergleich zu Rom erfährt man so gut wie nichts. Bei Anderson steckt die Erzählung in den Bildern und in der Action - und so ist sie wieder einmal eher emblematisch als detailgenau. Im besten Fall gehen Form und Inhalt dabei Hand in Hand, etwa wenn Milo und Atticus (auch „Lost“-Star Adewale Akinnuoye-Agbaje stehen die wortlosen Szenen besser zu Gesicht, dort strahlt er Würde und Stolz aus) bei einem großen Gladiatorenkampf einer Übermacht von römischen Legionären gegenüberstehen. In dieser ausgedehnten, sehr spannenden und virtuos inszenierten Sequenz wird die Dialektik von Unterdrückung und Rebellion in eine existenzielle, geradezu mythologische Auseinandersetzung überführt: Von der Tribüne kommentiert wie in einer griechischen Tragödie ein Maskenchor das Geschehen und an ihrem Ende steht eine ebenso pathetische wie aufregende Geste des Widerstands. Hier bekommt auch die Metzelei des Prologs mit ihren beklemmenden Einstellungen von regelrechten Leichenbergen und von einem Baum, an dessen dürren Ästen die aufgeknüpften Opfer hängen, ein Echo. 

Die Freiheits-Thematik spielt auch bei der unmöglichen Romanze zwischen dem Sklaven und der Händlerstochter eine Rolle, aber Anderson schafft es auch mit Harringtons wiederholtem Einsatz als „Pferdeflüsterer“ nicht, die herbeikonstruierte Liebelei mit Emotionen zu versehen - bis er ein ebenso unerwartetes wie überzeugendes Ende aus dem Hut zaubert. Auf dem Weg dahin wird einem das Mitfiebern durch den rein schematischen Gang der Dinge nicht unbedingt leicht gemacht und darunter leidet auch die Wirkung der ausgedehnten finalen Vulkanausbruchs-Szenen. Dennoch ist Anderson hier spürbar in seinem Element, er zeigt sein ganzes Können und dabei gelingen ihm einige denkwürdige Momente: das wellengepeitschte Meer mit den Schiffen, die dem Inferno nicht mehr entkommen können; die Totale auf die in Panik davonrennende Menschenmasse, während Milo als einziger gegen den Strom in die entgegengesetzte Richtung läuft; die Aschewolke, aus der der verlorengeglaubte Milo wie ein Phoenix hervorspringt; das Schiff, das mitsamt riesiger Wassermassen auf die Straße und in die Stadt hinein gespült wird. Der 3D-Einsatz ist dabei weniger offensichtlich als bei den beiden bisher letzten „Resident Evil“-Filmen (außer bei einigen fliegenden Waffen), aber er gibt gerade dem Untergangsszenario durch den allgegenwärtigen Ascheregen eine unglaublich plastische Wirkung.

Fazit: 

„Pompeii 3D“ ist ein visuell über weite Strecken beeindruckendes Spektakel mit einigen echten (Action-)Höhepunkten und überaus dürftiger Handlung. Das Ende weiß zu überzeugen und daher gibts 7,5 von 10 Punkte. (mk) 

Dienstag, 25. Februar 2014

Der Medicus

Facts

Genre: Historienfilm, Drama
Regie: Philipp Stölzl
Cast: Stellan Skarsgård,Tom Payne, Emma Rigby, Ben Kingsley
Laufzeit: 155 min.
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Universal

(c) Universal


Inhalt

England im 11. Jahrhundert: Der Junge Rob Cole wird zum Waisen, nachdem seine Mutter an einer rätselhaften Krankheit verstorben ist. Verzweifelt, weil er ihr nicht helfen konnte, beschließt er, sich einem Wanderheiler anzuschließen und von ihm alles zu lernen. Doch dann hört er von den Heilkünsten des berühmten Ibn Sina und reist ins ferne Persien, um sein Schüler zu werden. Und während die Stadt von einem Ausbruch der Pest bedroht wird, entdeckt der alte und weise Meister Robs Gabe im Umgang mit kranken Menschen. Eine Gabe, die Rob oftmals als Fluch empfindet und ihn vor besondere Prüfungen und Schwierigkeiten stellt...

Bewertung


Philipp Stölzl hat sich als Regisseur der großen Herausforderung einer würdigen filmischen Umsetzung des Weltbestsellers von Noah Gordon gestellt und die Aufgabe mehr oder weniger gut gemeistert. Große Emotionen, begeisternde Landschaftspanoramen, eine prächtige Ausstattung und eine gute Story sorgen für eine sinnliche und epische Stimmung, die zusätzlich von den Leistungen einiger großartiger Darsteller eingelöst wird. Deutsche und internationale Schauspieler, wie Fahri Yardim, Elyas M´Barek, Ben Kingsley und Stellan Skaarsgaard, verkörpern ihre Rollen glaubhaft und stimmig. In der Hauptrolle ist Tom Payne sicherlich nicht die Idealbesetzung des Titelhelden, dennoch folgen ihm die Zuschauer in eine fremde und faszinierende Welt.

Bereits die Etablierung des Hauptdarstellers wird genregerecht und aufwändig in Szene gesetzt - teilweise ist dies aber zu lang geraten. Es folgen großartige Landschaftsprospekte, die ihre Wirkungen zeigen. Ein Wüstensturm, der Rob nur knapp überleben lässt und zahlreiche Opfer fordert, ist naturgetreu und visuell hervorragend dargestellt. Die Naturgewalt macht bewusst, welchen Gefahren und Hindernissen sich Reisende in dieser Zeit aussetzten. Die Erzählweise lässt dem Zuschauer Zeit, fremde Welten zu betreten und zu bestaunen. Mit malerischen Bildern von Landschaft und Natur wird deutlich, welche Weiten zu durchmessen waren zu Fuß, zu Pferd oder in Kutschen. Eine Liebesgeschichte, die Rob nicht ausleben darf, erscheint schicksalhaft, wird aber nie zum Hauptereignis seines Lebens. Die überzeugende Darstellung seiner Suche als Heiler und Forscher verleiht dem Film eine große Ernsthaftigkeit, die gleichzeitig den Spannungsbogen inhaltlich unterstützt.

Auch gesellschaftliche Gegebenheiten wie die religiösen Auseinandersetzungen zwischen Juden und Muslimen in Isfahan werden berücksichtigt und gewürdigt. Dass Rob diese Auseinandersetzungen fast mit dem Leben bezahlt, erhöht noch die Spannung. Die Ausstattung zeigt große Ästhetik und Opulenz, ohne künstlich zu wirken. Ben Kingsley als Ibn Sina, der Meister und Lehrer der Medizin, überzeugt ebenso wie die zahlreichen Nebendarsteller, die ausnahmslos stimmig besetzt sind. Eine gute Literaturverfilmung, die durch ihre eigene Interpretation der literarischen Vorlage überzeugt, mit 155 Minuten aber etwas zu lang geraten ist.


Fazit

Die Adaption des Trilogie-Bestsellers "Der Medicus" stellt unter Beweis, dass auch abseits der Hollywood-Filmindustrie bildgewaltige Historienfilme möglich sind. Zu einem herausragenden Genrebeitrag avanciert Philipp Stölzls Mittelalterepos trotz beeindruckender Schauwerte und vorwiegend überzeugender Darsteller aber nicht. Wir vergeben 7 von 10 Punkten. (mk)

Freitag, 14. Februar 2014

American Hustle



Facts:

Genre: Drama
Regie: David Russel
Cast: Jennifer Lawrence, Amy Adams, Christian Bale, Bradley Cooper, Jeremy Renner
Laufzeit: 138 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
Verleih: Tobis Filmverleih

(c) Tobis Filmverleih

Inhalt:

Ende der 1970er Jahre betreibt der windige Geschäftemacher Irving Rosenfeld (Christian Bale) zwar auch ganz legal eine Reihe von Waschsalons in New York, seine Haupteinnahmequellen sind aber entschieden illegal. Mit seiner Partnerin und Liebhaberin Sydney Prosser (Amy Adams) verkauft er gefälschte Kunstwerke und betrügt Leute, die in extremen finanziellen Schwierigkeiten stecken, indem er ihnen für die vermeintliche Vermittlung eines Kredits hohe Gebühren abverlangt. Nachdem der ambitionierte FBI-Agent Richie DiMaso (Bradley Cooper) ihrer Masche, bei der sich Sydney als adlige Engländerin Edith Greensly ausgibt, auf die Schliche gekommen ist und sie verhaftet, bietet er ihnen einen Deal an. Richie setzt die Betrüger auf den Politiker Carmine Polito (Jeremy Renner) an, den er als korrupt entlarven will. Irving und Sydney sollen den umtriebigen Bürgermeister von Camden, New Jersey dazu verführen, Bestechungsgelder anzunehmen. Doch schnell wächst ihnen die Sache über den Kopf, denn nicht nur Irvings Ehefrau Rosalyn (Jennifer Lawrence) sorgt für Ärger, sondern bald mischt auch noch die Mafia mit.

Bewertung:

Was passiert, wenn ein überaus fähiger, aber eigenwilliger Regie-Querkopf in Hollywood zwei Hits in Folge landet, die dazu noch günstig produziert wurden und viele Preise absahnten? Richtig, er kann aus dem Vollen schöpfen: Er bekommt nicht nur ein finanzielles Upgrade (Budget jetzt: 40 Millionen Dollar) und die freie Auswahl unter den schauspielerischen Hochkarätern der Traumfabrik, sondern er darf sich auch künstlerisch voll entfalten. Diese neuen, größeren Freiheiten nutzt der einstige Indie-Regisseur David O. Russell nach den mit zusammen drei Oscars und 15 Nominierungen ausgezeichneten „The Fighter“ und „Silver Linings“, um die Exzentrik bis zum Exzess zu steigern. Mit „American Hustle“, der fiktiven Verfilmung des realen Abscam-Politskandals, legt er eine grandiose, herausragend gespielte und famos in Szene gesetzte 70er-Jahre-Satire vor, die zuweilen stärker an Russells experimentell-verspielten „I Heart Huckabees“ von 2004 erinnert als an die prestigeträchtigen und eher realistisch gehaltenen unmittelbaren Vorgänger. Und dabei gelingt dem Filmemacher auch noch ein ganz besonderes Kunststück: Ohne die tragischen Dimensionen und Themen seines Stoffes zu vernachlässigen, sorgt er für gnadenlos gute Unterhaltung und macht so aus „American Hustle“ ein emotionales Drama und ein locker-leichtes Schelmenstück zugleich. Meisterhaft!

Mit der unter dem Namen Abscam (für „Arab Scam“) bekannt gewordenen Geheimoperation wollte die US-Bundespolizei FBI 1978 eigentlich Hehler von Diebesgut überführen, sie wuchs aber schnell zu einer heiklen Untersuchung von öffentlicher Korruption aus, in deren Folge ein US-Senator und fünf Abgeordnete des Repräsentantenhauses sowie der Bürgermeister von Camden, New Jersey zu Gefängnis- und/oder Geldstrafen verurteilt wurden. Den Amtsträgern wurde vorgegaukelt, ein steinreicher arabischer Magnat wolle größere Summen in die lokale Infrastruktur investieren und erwarte im Gegenzug politischen Schutz und Hilfe beim Geldschmuggel. Pikant: Der verurteilte Trickbetrüger Melvin Weinberg (das Vorbild für Bales Irving Rosenfeld) kassierte 150.000 Dollar für seine Teilnahme an diesem Täuschungsmanöver. Regisseur David O. Russell und sein Co-Autor Eric Singer („The International“) nehmen sich dieser im Kern dramatisch-tragischen Geschichte an, fiktionalisieren sie und drehen sie einmal auf feinster Stufe durch den Satire-Fleischwolf. Sie lassen in jeder Szene leichtfüßig-elegante Ironie und eine Spur Sarkasmus durchschimmern und halten perfekt die Balance zwischen Komödie und Drama – so wird das Zuschauen bei dem bizarren Treiben zu einem puren Vergnügen.

David O. Russell interessiert sich spürbar mehr für die Eigenheiten der skurrilen Figuren als für eine homogen dargebotene, dramaturgisch runde Geschichte. Im Zweifelsfall lässt er seine überragenden Darsteller einfach gewähren, auch wenn das hin und wieder zur Folge hat, dass der Film erzählerisch aus dem Rhythmus gerät. Der Regisseur bereitet dem entfesselt aufspielenden Personal vor der Kamera die ganz große Bühne und das führt zu einer ganzen Reihe von denkwürdigen und kultverdächtigen Sequenzen, so zum Beispiel eine umwerfende Montage von Party-Impressionen, die damit endet, dass Christian Bale und Jeremy Renner lauthals Tom Jones‘ Schmachtfetzen „Delilah“ intonieren. Ähnlich mitreißend ist es auch, wenn Jennifer Lawrence als White-Trash-Tornado spät im Film eine völlig durchgeknallte One-Woman-Show zu „Live And Let Die“ (von Paul McCartney & The Wings) hinlegt und in die Kamera singt. Aber damit nicht genug, denn während dieser Einlage muss sich im Gegenschuss eine andere Figur den Leben-und-Tod-Themen des Songs stellen – hier wird der filmische Wahnsinn zur Methode! Und das ist nur einer von mehreren solcher abgedreht-fiebrigen David-O.-Russell-Momente in bester „Three Kings“-Tradition, die sich umgehend ins Gedächtnis brennen, weil sie so brillant over the top inszeniert sind und zugleich voller Emotionen stecken.

Der Erzählton mag eher leicht sein, die Handlung ist dennoch recht komplex und wird auf mehreren ineinander verschränkten Ebenen entfaltet. Hier geht es um Liebe und Verrat, um Betrug und Gegenbetrug, daher arbeitet auch Russell mit doppelten Böden und kleinen erzählerischen Kniffen. Wer gerade mit wem kooperiert oder wer wen wie übers Ohr hauen will, das ist kaum einmal ganz sicher und stets spannend zu verfolgen. Dabei besteht selbstverständlich ein himmelweiter Unterschied zwischen dem, was die Figuren sagen und dem, was sie wirklich vorhaben. So stehen die fünf zentralen Akteure der Reihe nach mit dem Rücken zur Wand und müssen sich mit Geschick und Raffinesse aus der misslichen Lage befreien – und dabei münden selbst todernste Konflikte immer wieder in zum Schreien komische Situationen. Russell lässt sich von seiner ironischen Grundhaltung nicht abbringen und reizt das durch den unverkennbaren Look, irre Frisuren und die passende Musik herbeigezauberte 70er-Jahre-Feeling genüsslich aus. Es reicht ihm nicht, dass er Beau Bradley Cooper („Hangover“) mit Vollbart und einer lächerlichen Pudelfrisur peinigt, nein, er führt den exzentrischen FBI-Agenten DiMaso auch in Lockenwicklern daheim bei Mutti vor, ehe er ihn als vor Potenz strotzenden Gockel mit weit geöffnetem Hemd und wehendem Mantel durch die Straßen stolzieren lässt. Cooper wirkt bei dieser Tour de Force des schlechten Geschmacks indes nie lächerlich, sondern behält immer seine Würde. Urkomisch!

Die erwähnten fünf Hauptfiguren werden von einem Darstellerquintett in astreiner Oscarform verkörpert. Neben Cooper, der wie ein wild gewordener Schauspiel-Mustang ausbocken darf, ist Jeremy Renner („Das Bourne Vermächtnis“) mit seiner herzerwärmenden Darstellung des korrupten, aber dennoch moralisch integren Provinz-Bürgermeisters die kleinste Nummer des Fünflings. Schließlich sind da noch Christian Bale („The Dark Knight“-Trilogie) und Amy Adams („Man Of Steel“), die hier für das feine und nuancenreiche Spiel zuständig sind. Bale, der für das Projekt wieder einmal 20 Kilogramm zulegte, mehr als zwei Stunden beim konsequenten Tragen seiner ausdrucksstarken Leidensmine zuzusehen, ist ein reines Vergnügen. Sein Irving Rosenfeld ist das Herz des Films, gerade weil es ihm nicht immer gelingt, seinem moralischen Kompass zu folgen: Er ist Bedenkenträger, Auf-Nummer-sicher-Geher, warmherziger Familienvater und skrupelloser Betrüger zugleich.

Auf der Frauenseite verkörpert die ebenso wie Jennifer Lawrence mit dem Golden Globe ausgezeichnete Amy Adams virtuos drei Figuren in einer: die Person, die sie ist oder besser war (die gesellschaftlich chancenlose Sydney Prosser), dazu jene, die sie vorgibt zu sein (Lady Edith Greensly) und schließlich die namenlose, die sie wirklich sein will. Auch Lawrence („Die Tribute von Panem“) zeigt einmal mehr ihre Extraklasse. Inspiriert von echten Mitgliedern der „Real Housewives Of New Jersey“ gibt die Oscarpreisträgerin (für „Silver Linings“) auf den ersten Blick eine markig-durchgeknallte White-Trash-Blondine, die pöbelnd um ihren Mann kämpft, doch zugleich gibt sie ihrer Rosalyn für Momente eine verblüffende Tiefe – dann wird aus schreiender Dummheit mit einem Fingerschnippen Bauernschläue. Und wer es sich leisten kann, eine zweifach oscarprämierte Schauspiellegende für nur eine markante, sein Image persiflierende Sequenz aus dem Hut zu zaubern, um ein weiteres Highlight zu setzen, ist einfach auf der Gewinnerseite.

Fazit: 

Regisseur David O. Russell knüpft da an, wo er mit „The Fighter“ und „Silver Linings“ aufgehört hat und macht mit „American Hustle“ das Triumph-Trio komplett. Die herrliche Satire ist ein wildes, vor inszenatorischem Selbstbewusstsein berstendes Meisterwerk mit Ecken und Kanten, manchmal erzählerisch etwas unrund, aber dafür mit zum Niederknien komischen absurden Spitzen und einer schlicht genialen Besetzung. Dafür vergeben wir 9 von 10 Punkte. (mk)

Mittwoch, 12. Februar 2014

RoboCop


Facts

Genre: Action, Sci-Fi
Regie:  José Padilha
Cast: Joel Kinnaman, Gary Oldman, Michael Keaton
Laufzeit: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: StudioCanal Deutschland

(c) StudioCanal Deutschland


Inhalt

Der multinationale Megakonzern OmniCorp besitzt im Jahr 2028 die globale Vormachtstellung auf dem Markt für Robotertechnologie. Mit dem Verkauf seiner weltweit eingesetzten Drohnen erwirtschaftet der Konzern gigantische Gewinne. Zur gleichen Zeit versucht der idealistische Polizist Alex Murphy (Joel Kinnaman), die ausufernde Kriminalität in seiner Heimatstadt Detroit zu bekämpfen. Bei einem Anschlag wird er so schwer verletzt, dass seine Überlebenschancen gegen Null tendieren. Raymond Sellars (Michael Keaton) von OmniCorp nutzt die Gelegenheit, um an Murphy die nächste Stufe seiner Robotertechnologie auszuprobieren.

Der Wissenschaftler Dr. Dennett Norton (Gary Oldman) soll aus Alex den Prototyp eines neuen Überpolizisten machen - halb Mensch, halb Roboter. Nahezu unverwundbar und aus der Ferne kontrollierbar wird "RoboCop" auf die Straßen geschickt. Alex' Frau Ellen (Abbie Cornish) weiß nicht, wie sie mit der neuen Situation umgehen soll, denn wieviel von ihrem Ehemann steckt tatsächlich noch in RoboCop?

Bewertung

„Jetzt hast du die richtige Farbe“, mit diesen Worten kommentiert der schwarze Kollege des Roboter-Polizisten Alex Murphy in José Padilhas „RoboCop“ dessen veränderte Montur. Damit spielen die Macher dieser Neuinterpretation von Paul Verhoevens Science-Fiction-Klassiker aus dem Jahr 1987 auf eine der im Vorfeld meistdiskutierten Fragen an, denn das Design und die Farbe des neuen RoboCop-Anzugs sind unter Fans hochumstritten. Dabei geht es letztlich um weit mehr als um die Alternative Grau-Silber oder Schwarz, nämlich um die Erwartungen an das Remake eines vielgeliebten Originals: Die Anhänger des ultraharten und kompromisslosen Ur-„RoboCop“, der in Deutschland jahrelang auf dem Index stand, was seinen Kultstatus nur noch beförderte, befürchteten einen weichgewaschenen und von Marketing-Strategen verwässerten Allerwelts-Aufguss.

Doch der Brasilianer Padilha, der dem Original mit einigen kleinen Schlenkern (so ist etwa die kultige alte Titelmusik zu hören) Reverenz erweist, setzt bei seinem Hollywood-Debüt eigene Akzente und legt einen unterhaltsamen, anregenden und vor allem eigenständigen Science-Fiction-Film vor, bei dem auch der relativ reduzierte Härtegrad der Gewalt- und Actionszenen keineswegs ein künstlerisch kompromittierendes Zugeständnis an die Freigabeinstanzen ist.

Die Aktualisierung des Stoffes mag inhaltlich und erzählerisch nicht in vollem Maße überzeugen, aber der neue Look sowie die technische Umsetzung sind tadellos. Das edle Schwarz des RoboCop-Anzugs passt sehr gut zu seinem funktionalen, fast schon eleganten Design (nur das mechanische Surren bei jeder Bewegung fällt da heraus und dient zugleich als ständige Erinnerung an das Maschinenhafte des neuen Alex) und die klinischen Dekors von Labor und Firmenzentrale stehen in wirkungsvollem Kontrast zum buchstäblich unaufgeräumten Polizeirevier. Die Effekte wiederum werden meist sehr organisch eingesetzt (etwa bei einer Traumsequenz mit einer Frank-Sinatra-Projektion) und bei den Actionszenen schreibt Padilha dem RoboCop kühle Effizienz zu, was bei einem ausgedehnten Schusswechsel durchaus sinnfällig in die Optik eines Ego-Shooters übersetzt wird (einschließlich eines Zählers für die erledigten Gegner oben in der Ecke).

Joel Kinnaman („Safe House“) wiederum meistert die schwierige Rolle des Cyborgs, dessen Gesicht zu großen Teilen verdeckt ist, sehr ordentlich und zeigt seine Gefühle eben in der Unterlippe. Was rein schauspielerisch in einem solchen Genrefilm alles möglich ist, demonstriert aber einmal mehr Gary Oldman („Dame, König, As, Spion“), der als zwischen professionellem Ehrgeiz und Mitgefühl hin- und hergerissener Wissenschaftler eine weitere kleine Meisterleistung abliefert.

Fazit

Der Brasilianer José Padilha lässt sich vom langen Schatten des Original-„RoboCop“ nicht schrecken und legt eine facettenreiche und unterhaltsame Neuinterpretation des Stoffes vor, für welche wir 7 von 10 Punkte vergeben. (mk)

Donnerstag, 6. Februar 2014

Dallas Buyers Club



Facts:

Genre: Drama
Regie:
Jean-Marc Vallée
Cast: Matthew McConaughey, Jennifer Garner, Jared Leto, Catherine Kim Poon, Steve Zahn
Laufzeit: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih:
Ascot Elite Filmverleih

 
(c) Ascot Elite Filmverleih
Inhalt:

Dallas, Mitte der 80er Jahre. Der konservative, homophobe Texaner Ron Woodroof (Matthew McConaughey) führt ein draufgängerisches Leben voller Alkohol, Drogen und Frauen. Als er nach einem Unfall im Krankenhaus landet, eröffnen ihm die Ärzte, dass er HIV-positiv ist und nicht mehr lange zu leben hat. Er besorgt sich illegal Medikamente, die noch in der Testphase stecken, die ihm allerdings eher schaden als helfen. Daraufhin schaut er sich nach alternativen Mitteln um. Fündig wird er jenseits der Grenze in Mexiko, wo Medikamente erhältlich sind, die in den USA nicht verkauft werden dürfen. Woodroof beginnt die Arzneien über die Grenze zu schmuggeln und lässt sich dafür auf eine Partnerschaft mit der Transsexuellen Rayon (Jared Leto) ein. Sie gründen den "Dallas Buyers Club", dessen Mitglieder gegen eine Monatsgebühr mit den Medikamenten versorgt werden. Ihr lukratives Geschäft zieht jedoch schon schnell die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich, die dem Unternehmen Einhalt gebieten wollen. Doch aus den Geschäftemachern Ron und Rayon werden Überzeugungstäter: Gemeinsam mit der Ärztin Eve Saks (Jennifer Garner) setzen sie sich nun offensiv für die Rechte Aids-Kranker und den freien Zugang zu Medikamenten ein.

Bewertung:

Lange Zeit wurde Matthew McConaughey von vielen Kritikern als schauspielerisches Leichtgewicht abgetan. Für seine Darstellung in Dallas Buyer Club ist eine Auszeichnung mit dem Golden Globe für seine Leistung als kämpferischer AIDS-Kranker in Jean-Marc Vallées sensibel-sachlich erzähltem Drama „Dallas Buyers Club“ herausgesprungen. Für diese Rolle hat McConaughey rund 25 Kilo abgenommen, aber noch beeindruckender als die ebenso erstaunliche wie beängstigende äußere Verwandlung ist seine Fähigkeit, das widersprüchliche Innenleben der Figur zum Ausdruck zu bringen. Durch ihn und seine Kollegen Jared Leto und Jennifer Garner wird aus einem beachtlichen Film ein auch emotional nachhaltiges Kino-Erlebnis.  


Das Drehbuch von Craig Borten und Melisa Wallack („Spieglein, Spieglein“) basiert auf der wahren Geschichte von Ron Woodroof, der 1992 an AIDS gestorben ist, sieben Jahre nachdem die Diagnose gestellt und ihm eine Lebenserwartung von 30 Tagen eingeräumt worden war. Der franko-kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée („C.R.A.Z.Y.“, „The Young Victoria“) verwendet für seine Verfilmung Elemente aus Biopics, realistischen Milieustudien und David-gegen-Goliath-Dramen, setzt sie aber allesamt so fein dosiert ein, dass sich die Erzählung mit großer Ungezwungenheit entfalten kann. Hier gibt es keine erbaulichen 180-Grad-Wendungen und keine zu Erzschurken stilisierten Bürokraten oder Pharma-Manager, auch wenn die Rollen klar verteilt sind. Diese Zurückhaltung lässt den Film manchmal fast zu nüchtern wirken, aber sie gewährt uns einen unverstellten Blick auf die Figuren und ihre Zeit. Beginnend mit den verächtlichen Bemerkungen von Ron und seinen Freunden über Rock Hudson, dessen AIDS-Erkrankung gerade publik geworden war, verdeutlicht Vallée in vielen Details die damals herrschende Mischung von Angst, schwulenfeindlichen Vorurteilen und Ratlosigkeit angesichts der verheerenden Krankheit, vom diskriminierenden Fragenkatalog der Ärzte bis zur Vermeidung jeder Berührung ist die Stigmatisierung der Infizierten spürbar.

Kapiteleinblendungen informieren uns darüber, wie viele Tage seit der fatalen Diagnose vergangen sind, der nahende Tod ist Rons ständiger Begleiter. Das wird auch durch den betäubenden Summton unterstrichen, der immer dann zu hören ist, wenn er einen Schwächeanfall hat und zusammenbricht – dieser dramatische Effekt ist in Vallées sachlicher Inszenierung eine absolute Ausnahme. Ansonsten fangen der Regisseur und sein Kameramann Yves Bélanger („Laurence Anyways“) Rons Welt von schäbigen Trailerparks, billigen Motels und Stripclubs auf der einen Seite sowie von unpersönlichen Büros und Krankenhäusern auf der anderen ohne Beigabe von künstlichem Licht in rauem, aber nicht unnötig unruhigen Handkamera-Look ein, die sehr zügige Arbeitsweise (es gab nur 25 Drehtage) trägt zusätzlich zum Eindruck unaufdringlicher Unmittelbarkeit bei. Und sie spiegelt sich auch in Matthew McConaugheys unglaublich spontan wirkendem Spiel wider: Jeder Moment wirkt absolut echt und unwiederholbar. Und so gibt es hier auch keine mustergültige Entwicklung eines vorurteilsbeladenen Machos zum toleranten Menschenfreund und Weltverbesserer, sondern das kantige Porträt eines charmanten, aber reaktionären Mannes, der längst nicht alle Kämpfe gegen seine tiefsitzenden Unsicherheiten gewinnt und der auch seine fragwürdigen Überzeugungen nicht so einfach aufgibt. McConaughey strengt sich nicht an, sympathisch zu erscheinen und wirkt daher umso menschlicher.

Die differenzierte Hauptfigur erweist sich als die wichtigste Qualität von „Dallas Buyers Club“: Ron ist der Underdog, aber er ist auch die meiste Zeit ein Egoist. Er wehrt sich aus eigenem Interesse gegen die schlechte Behandlung im Krankenhaus und als er in Mexiko beim zwangsemigrierten Dr. Vass (Griffin Dunne mit der tollen Charakter-Skizze eines pragmatischen Idealisten) bessere Medikamente findet, denkt er zuerst an die geschäftlichen Möglichkeiten, die diese bieten. Dass Ron sich auch ändert, ist am besten in den subtilen gemeinsamen Szenen mit Jared Letos („Requiem for a Dream“) Transsexueller zu erkennen: Wenn Ron im Supermarkt auf einen Ex-Kumpel losgeht, weil der Rayon als „Schwuchtel“ verhöhnt, dann ist er immer noch genauso ein Macho wie vorher, aber er ist eben auch der Freund eines Menschen geworden, für den er anfangs nur Verachtung übrig hatte. Wie Leto wiederum spielt, wie Rayon das erkennt, ist eine weitere kleine Meisterleistung und einer der bewegendsten Momente des Films. Er wurde ebenfalls mit dem Golden Globe ausgezeichnet und das passt besonders gut, weil seine Figur in ihrer sanften, mitfühlenden (und sehr weiblichen) Menschlichkeit gemeinsam mit Jennifer Garners einfühlsamer und still rebellierender Ärztin Dr. Eve Saks das Beste aus Ron und aus McConaughey hervorbringt.

Fazit:

Ein herausragender Hauptdarsteller mit wunderbaren Partnern in einem unaufgeregt erzählten Film von stiller Intensität, der hin und wieder Gänsehaut verursacht. Wir vergeben krisenfreie 7,5 von 10 Punkte. (mk)