Montag, 19. Februar 2018

Black Panther 3D



Facts:
Genre: Action, Abenteuer, Fantasy
Regie: Ryan Cooler
Cast: Chadwick Boseman, Andy Serkies, Martin Freeman, Michael B. Jordan
Laufzeit: 135 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Walt Disney Germany


 
(c) Walt Disney Germany


Inhalt:
Nach den Ereignissen von „The First Avenger: Civil War“ begibt sich T'Challa alias Black Panther (Chadwick Boseman) zurück in seine afrikanische Heimat Wakanda. Er bereitet sich darauf vor, seinen rechtmäßigen Platz als König des isolierten, aber technologisch höchst fortschrittlichen Staates einzunehmen, obwohl er das nicht geplant hatte. Der Söldner Erik Killmonger (Michael B. Jordan) will ihm die Regentschaft jedoch streitig machen und sucht sich für sein Vorhaben Unterstützung beim zwielichtigen Waffenschieber Ulysses Klaue (Andy Serkis). Um das Erbe seines Vaters und seine Position als König zu bewahren, tut sich der Held mit CIA-Agent Everett K. Ross (Martin Freeman) zusammen. Außerdem unterstützt von den Mitgliedern der Dora Milaje (unter anderem Danai Gurira), einer exzellent ausgebildeten Kriegerinnentruppe, und seiner Exfreundin, der Spionin Nakia (Lupita Nyong'o), nimmt der Black Panther den Kampf gegen die beiden Schurken auf...


Bewertung:
Eigentlich ist der erste schwarze James Bond auch schon gefunden, denn die erste Hälfte von „Black Panther“ ist praktisch nichts anderes als die Marvel-Version einer 007-Mission – mit T'Challas kleiner Schwester Shuri (Letitia Wright) als weiblichem Q und einer in einer einzigen langen Einstellung gefilmten Casino-Actionsequenz, die jene aus „Star Wars 8: Die letzten Jedi“ locker in den Schatten stellt. Es gibt sogar so etwas Ähnliches wie ein unsichtbares Auto, zumindest erzielt Ryan Coogler einen ähnlichen Effekt, wenn sich Shuri in Südkorea eine raffiniert ferngesteuerte Verfolgungsjagd mit Ulysses Klaue liefert, während sie in Wahrheit in Wakanda am Steuer sitzt. Statt auf puren Bombast setzt der Filmemacher zumindest in der ersten Hälfte auf clevere, vergleichsweise bodenständige Action, nur eben ganz gezielt gewürzt mit dem einen oder anderen Schuss Superheldentum – etwa wenn der auf dem Autodach kauernde T'Challa beim Nehmen einer sehr engen Kurve hilft, in dem er seine Pantherkrallen in den Asphalt rammt.

Der Regisseur erweist sich nicht nur in den Actionsequenzen als ausgesprochener Ästhet. Gleich ganz zu Beginn wird die Historie von Wakanda und des Black Panther nacherzählt – und zwar in einer animierten Sequenz, die ausschließlich aus sich verformendem schwarzem Sand besteht. Eine betont mythologische Spielerei, die später aber plötzlich auch in einem ganz praktischen Zusammenhang wieder aufgegriffen wird, denn die mit wakandischer Technologie erzeugten Hologramme haben genau denselben Look wie die eröffnende Animationssequenz. Sowieso ist es eine Stärke des Films, die zahlreichen afrikanischen Einflüsse, seien sie nun kultureller oder ästhetischer Natur, nicht einfach nur als schicke Schauwerte im Hintergrund auszustellen. Stattdessen lässt sie Ryan Coogler mit einer erfrischenden Selbstverständlichkeit in alle erzählerischen und visuellen Entscheidungen mit einfließen – so ist etwa Shuris MRT-artiger Heilungskasten hier nicht wie sonst im Sci-Fi-Genre üblich klinisch-steril weiß, sondern mit bunter afrikanischer Kunst bemalt. Solche Einfälle sind auch nie einfach nur Gimmicks, stattdessen verbirgt sich dahinter ein schlüssiges und konsequent durchgezogenes visuelles Konzept und so finden sich in nahezu jeder Szene des Films solche entdeckungswürdigen Kleinigkeiten.

Neben dem Look ist auch die Erzählung aus der afrikanischen beziehungsweise afroamerikanischen Historie abgeleitet – so ist Erik Killmonger nicht nur ein (fast) direktes Produkt der gewalttätigen Unruhen in Los Angeles 1992 (die erste nicht-animierte Szene des Films spielt zu jener Zeit im nahegelegenen Oakland), sondern würde von seinen Ansichten her sogar als moderner Malcolm X durchgehen. Schließlich ist sein Hauptziel, all den unterdrückten Schwarzen rund um den Globus jene mächtigen Vibranium-Waffen zur Verfügung zu stellen, die Wakanda bisher ganz für sich behält. Sowieso erscheint das fiktive Land und mit ihm auch der neue König T'Challa lange Zeit nicht gerade im besten Licht – einmal fällt sogar der Satz, dass man ja gerne vor Ort helfe, aber keinerlei Flüchtlinge ins eigene Land lassen könne. Die würden nur ihre Probleme mitbringen und schon bald wäre Wakanda nicht mehr das utopische Ausnahmeland, das es aktuell im Marvel-Afrika darstellt. Dieser Protektionismus passt so gar nicht zu den bisherigen Heldenidealen des MCU. Diese Ambivalenz zusammen mit dem einnehmend-intensiven Spiel von Michael B. Jordan, der sich hier nach seinem Marvel-Aussetzer „Fantastic Four“ mehr als rehabilitiert, macht Erik Killmonger zum locker besten MCU-Bösewicht seit Loki.

Mich persönlich hat die Politik des Films jedenfalls auf angenehme (weil zum Nachdenken und Positionieren zwingende) Art ganz schön aus der Bahn geworfen – die perfekte Grundlage für eine melodramatische Königstragödie, bei der ich tatsächlich eine ganze Zeit lang nicht wusste, wen ich denn nun eigentlich lieber auf dem Thron sitzen sehen will. Ein seltenes und gerade deshalb so spannendes Unsicherheitsgefühl – erst Recht in einem Blockbuster dieser Größenordnung. Leider haben die Macher dann aber offenbar doch ein wenig Angst vor der eigenen Courage bekommen – und einige Szenen eingestreut, in denen Erik Killmonger, der auch vorher im Sinne der „gerechten Sache“ schon keinerlei Rücksicht auf Menschenleben genommen hat, als geradeheraus boshaft und teuflisch entlarvt wird. Ohne diese wenigen, für den Fortgang der Handlung durchaus entbehrlichen Momente wäre das Schlussdrittel wahrscheinlich sogar noch um einiges intensiver, weil tragischer ausgefallen. Und einen „echten“ Bösewicht hätte es trotzdem gegeben – Andy Serkis versprüht als Ulysses Klaue nämlich eine solch ansteckend-abgründige Freude am Böse-Sein, dass man echt auf den Gedanken kommt, auf Superschurke umzusatteln - nicht wegen des Geldes, sondern weil es einfach so unglaublich spaßig anmutet.

Mit dem ersten Solo-Film eines schwarzen Superhelden im MCU hätten sich die „Black Panther“-Macher in Sachen Repräsentation eigentlich zufrieden zurücklehnen können. Aber ohne dass er es unangemessen ausstellen würde, geht Ryan Coogler sogar noch weiter – so hält sich Chadwick Boseman abgesehen von einigen Actionszenen weitgehend zurück, während seinem T'Challa immer wieder die Frauen um ihn herum die Show stehlen: So stellt ihn seine kleine Schwester Shuri intelligenzmäßig locker in den Schatten (und steckt ihm selbstbewusst den Mittelfinger entgegen, als er sie in ihre Schranken zu weisen versucht) und es ist seine No-Nonsens-Leibwächterin Okoye, die ihm gleich in der ersten Actionszene den Arsch rettet, als er eine Sekunde zu lange zögert. Dazu kommen mit Oscarpreisträgerin Lupita Nyong'o und dem oscarnominierten Daniel Kaluuya weitere hochkarätige schwarze Hollywoodstars – und plötzlich stößt Martin Freeman als Vertreter des etablierten MCU aus dem Cast heraus wie ein bunter Hund: Während sich im Finale der überwiegende Rest des Figurenarsenals draußen herumprügelt, muss sein CIA-Mann Everett K. Ross ganz allein im Labor hocken und mit einem ferngesteuerten Raumschiff herumfliegen – und genau dieser Dogfight am wakandischen Himmel ist das eine Element des ansonsten abwechslungsreichen abschließenden Spektakels, das sofort an die vor „Black Panther“ noch drohende Einförmigkeit des MCU erinnert. Einfach kein Vergleich zu dem orange-violetten Farben-Finale, das sich T'Challa und Erik Killmonger ein paar Stockwerke tiefer liefern.


Fazit:
„Black Panther“ ist der erste Marvel-Film seit langem, der sich nicht in erster Linie wie ein Marvel-Film anfühlt, sondern wie ein eigenständiges Werk mit eingestreuten Marvel-Elementen. Regisseur Ryan Coogler nutzt seine kreativen Freiheiten voll aus - bis hin zum bisher mit Abstand ästhetisch aufregendsten Marvel-Abspann überhaupt. Dafür vergeben wir nachdenkliche 9 von 10 Punkte (mk).

Montag, 5. Februar 2018

Maze Runner 3 3D



Facts:
Genre: SciFi, Abenteuer
Regie: Wes Ball
Cast: Dylan O'Brien, Kaya Scodelario, Thomas Brodie-Sangster


Laufzeit: 142 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Fox Deutschland

 
(c) Fox Deutschland


Inhalt:

Thomas (Dylan O'Brien), seine Freunde und die Widerstandskämpfer von The Right Arm haben sich der mächtigen Organisation WCKD gestellt und wissen nun, warum die „Auserwählten“ so hartnäckig verfolgt werden – in ihnen steckt der Schlüssel zu einem Heilmittel für ein Virus, das "der Brand" genannt wird und dem der Großteil der Menschheit bereits zum Opfer gefallen ist. Nach einem Kampf sind einige von Thomas‘ Freunden in die Hände der Organisation und deren skrupellosen Leiters Janson (Aidan Gillen) gefallen – doch Thomas kann nicht akzeptieren, dass sie zum Wohle anderer ihr Leben lassen sollen, und auch mit der zur Gegenseite gewechselten Teresa (Kaya Scodelario) hat er noch eine Rechnung offen. Mit seinen verblieben Mitstreitern macht sich Thomas auf den Weg in die Letzte Stadt, wo WCKD seinen Hauptsitz hat – und dieser Weg führt sie ausgerechnet dorthin, wo alles begann.

Bewertung:

Wer die ersten beiden „Maze Runner“-Filme nicht kennt, hat Pech gehabt: In „Die Auserwählten in der Todeszone“ wird ohne Umschweife, geschweige denn einordnende Rückblenden, direkt an die Ereignisse aus dem vorherigen Teil angeknüpft. Wes Ball steigt mit einer turbulenten knapp viertelstündigen Actionsequenz in den Film ein, die durchaus als abgespeckte Version von „Mad Max: Fury Road“ durchgeht: Thomas und die Rebellen wollen in dieser spektakulären Szene ihre gefangenen Kameraden aus einem fahrenden Zug befreien und versuchen in einem ebenso ausgeklügelten wie halsbrecherischen Manöver den entsprechenden Waggon bei vollem Tempo abzukoppeln. Während sich einige der Angreifer es auf den Zug schaffen, müssen sich die anderen im hohen Gras der WCKD-Schergen erwehren, die sich ihre menschliche Beute nur ungern stehlen lassen. Wenn zum Abschluss dieser minutiös choreografierten Actionpassage schließlich die spektakuläre Rettung aus der Luft kommt, gibt Wes Ball die Marschrichtung seines Trilogieabschlusses endgültig vor: Hier geht es richtig zur Sache und die Protagonisten um Thomas haben es alles andere als leicht bei ihrem lebens- und letztlich weltrettenden Einsatz.

Nach dem mitreißenden Auftakt verfallen die Filmemacher zunächst allerdings wieder in die Erzählmuster aus Teil 2. Ähnlich wie dort rennen Thomas und Co. auch in „Die Auserwählten in der Todeszone“ erst einmal so lange von A nach B, bis sie mit einer gefährlichen Aufgabe konfrontiert werden. Sobald diese gemeistert ist, wird weiter gesprintet, ehe sie sich der nächsten Herausforderung stellen müssen. Einige Stationen sind dabei mehr (Stichwort: Zombieattacke), einige weniger geglückt – aber die Figurenzeichnung wird dabei gerade im Anbetracht einiger überraschender Verwicklungen etwas vernachlässigt und so löst auch die Rückkehr einer bekannten Figur weniger Euphorie aus, als man es in dieser Situation erwartet hätte. Geschickt streut Drehbuchautor T.S. Nowlin  dagegen mehr und mehr Zweifel über den Zweck der ganzen WCKD-Mission. Bis zur finalen Auflösung (die einer strengen logischen Überprüfung dann leider nicht ganz standhält) legt er immer wieder falsche Fährten und lässt den Zuschauer damit lange im Unklaren darüber, ob hinter den Plänen des skrupellosen Anführers Janson tatsächlich nur das ehrenvolle Vorhaben steckt, ein Heilmittel gegen das Virus zu finden.

In der zweiten Filmhälfte lösen sich Regisseur Ball und Autor Nowlin dann zunehmend von ihrem starren Hangeln von einer Actionsequenz zur nächsten, konzentrieren sich mehr auf die eigentliche Handlung und dringen zum emotionalen Kern der Geschichte vor. Während Dylan O’Brien  trotz der widrigen Drehumstände, die ihm punktuell anzusehen sind, erneut souverän den Anführer und Sympathieträger gibt, liegt ein starker Fokus auf Kaya Scodelarios Teresa mit ihrem moralischen Dilemma und auf dem gesundheitlich stark eingeschränkten Newt (Thomas Brodie-Sangster). Verkamen die Protagonisten im zweiten Teil fast schon zu austauschbaren Actionhelden, werden diesmal die Auswirkungen der Ereignisse auf die einzelnen Figuren in intimen Dialogen erforscht. Und weiterhin gilt, dass hier niemand sicher sein kann, auch wirklich bis zum Ende zu überleben – in diesem Punkt bleiben die Macher ihrer unberechenbaren und spannungsfördernden Linie treu.

Inszenatorisch ist „Maze Runner – Die Auserwählten in der Todeszone“ klar der aufwändigste der drei Teile. Neben einer an „The Walking Dead“ erinnernden Hatz zwischen Menschen und Zombies, die den ohnehin überraschend hohen Härte- und Gewaltgrad des Franchise noch einmal in die Höhe schraubt, überzeugen vor allem eine halsbrecherische Rettungsmission mithilfe eines Krans sowie eine Verfolgungsjagd durch die labyrinthartigen (!) Gänge der Forschungseinrichtung. Zugleich hat der 140-minütige Film in der zweiten Hälfte allerdings auch Längen. Insbesondere der von „Game of Thrones“-Star Aidan Gillen verkörperte Janson spult mehrmals bemühte Schurkenreden ab, nur um seine Gegner im letzten Moment doch nicht zu töten. Das macht „Die Auserwählten in der Todestone“ gerade auf der Zielgeraden deutlich zäher als es der flotte Einstieg versprochen hat – trotzdem kann die Trilogie alles in allem als eine der besseren der auf das Young-Adult-Publikum zugeschnittenen Filmreihen der vergangenen Jahre gelten.

Fazit: 
„Maze Runner – Die Auserwählten in der Todeszone“ ist ein solides Franchise-Finale, das mit ausgeklügelter, zum Großteil handgemachter Action punktet, die die erzählerischen Finessen des ersten Teils aber nicht mehr erreicht. Daher vergeben wir nur 6,5 von 10 heilmittelresitente Punkte. (mk)

Sonntag, 7. Januar 2018

Greatest Showman

Facts:
Genre: Drama, Musical
Regie: Michael Gracey
Cast: Hugh Jackman, Zac Efron, Michelle Williams
Laufzeit: 104 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
Verleih: Fox Deutschland

(c) Fox Deutschland


Inhalt:
Als P.T. Barnum (Hugh Jackman) seine Arbeit verliert, treiben ihn und seine Frau Charity (Michelle Williams) Existenzsorgen um. Doch dann hat der zweifache Vater Barnum eine Geschäftsidee: Er gründet ein Kuriositätenkabinett, für das er unter anderem eine bärtige Frau und einen kleinwüchsigen Mann anheuert. Doch er will seinen zahlenden Gästen nicht nur Kurioses bieten, sondern auch eine atemberaubende Show mit Akrobaten wie der Trapezkünstlerin Anne Wheeler (Zendaya) und spektakulären Tänzern. Gleichzeitig sehnt Barnum sich nach dem Respekt der feinen Gesellschaft, die hochnäsig auf seinen Zirkus herabsieht. Er tut sich daher mit dem seriösen Theatermacher Phillip Carlyle (Zac Efron) zusammen und als er bei einer königlichen Audienz der schwedischen Opernsängerin Jenny Lind (Rebecca Ferguson) begegnet, wittert er die Chance darauf, endlich auch in der High Society und in der Kunstszene ernstgenommen zu werden. Er geht mit Jenny auf Amerika-Tournee... 


Bewertung:
Wenn Hugh Jackman („Logan – The Wolverine“) und die hier insgesamt ein wenig unterbeschäftigt wirkende Michelle Williams („Alles Geld der Welt“) noch relativ zu Beginn „A Million Dreams“ singen, dann erlebt das Ehepaar Barnum dabei nicht einen einzelnen träumerischen Moment, stattdessen erzählt der Film während des einen Songs gleich mehrere Kapitel und Jahre, die in wenigen Schnitten viel zu schnell zusammengerafft werden. So fehlt direkt schon mal das emotionale Fundament für die Liebe zwischen den beiden Figuren, aber das fällt auf Dauer gar nicht so sehr ins Gewicht wie ein noch viel grundlegenderes Problem mit Jackmans Figur:

Wenn später im Film Barnums „Kuriositäten“ den Song „This Is Me“ unter der stimmgewaltigen Führung der „Bärtigen Lady“ Lettie Lutz (Keala Settle) zur trotzig-stolzen Hymne der (Selbst-)Ermächtigung machen und dem 21.-Jahrhundert-Publikum dabei einen überdeutlichen Text und eine eingängige aufklärerische Botschaft entgegenschleudern, dann fehlt auch in diesen Momenten wieder die emotionale Unterfütterung, die Verankerung in Story und Figuren. Darüber täuscht nicht einmal die beachtliche Songschreiberroutine des oscargekrönten Duos Justin Paul und Benj Pasek (für „City Of Stars“ aus „La La Land“) hinweg. Denn die Menschen, die Barnum hier als „Freaks“ zur Schau stellt, werden von ihm die meiste Zeit über auch als genau solche behandelt – und das obwohl der Film den ausbeuterischen Impresario in dieser verharmlosten und mit Hugh-Jackman-Charme aufgepeppten Version der Story ja eigentlich als aufgeklärten Held präsentieren will. So überzeugt gerade der eigentlich zentrale, aber immer aufgesetzt wirkende emanzipatorische Aspekt der Handlung nie.

Wenn Barnum seine ungewöhnlichen Stars mit der Beteuerung auf die Bühne lockt, dass sie bei ihm sie selbst sein dürfen, dann bleiben das bloße Lippenbekenntnisse, denn dem armen Schneidersohn ist es viel wichtiger, von der feinen High Society akzeptiert zu werden, die über seinen Zirkus aber sowieso nur die Nase rümpft. Dafür riskiert der Ehrgeizling wenig nachvollziehbar alles, was er sich erarbeitet hat inklusive dem Wohl seiner Familie. So engagiert er zu geradezu ruinösen Bedingungen die schwedische Operndiva Jenny Lind (Rebecca Ferguson), die mit ihrer Stimme (die übrigens Loren Allred gehört) standesgemäße Höchstleistungen vollbringt – obwohl ihr programmatisch betiteltes Bravourstück „Never Enough“ natürlich kein bisschen nach Oper klingt, sondern nach jenem oktavensprengenden Power-Pop à la Whitney Houston oder Céline Dion, an dem sich die weniger talentierten Teilnehmer diverser Castingshows immer wieder die Zähne ausbeißen (an deren Darbietungen wiederum Fergusons steife Performance in der Szene erinnert).

Barnum interessiert ohnehin nur sein Erfolg. Man versucht ihn hier als verträumten Kämpfer für den sozialen Fortschritt zu porträtieren, aber er erscheint sogar in seinen von den Machern offensichtlich positiv gemeinten Momenten immer noch seltsam egozentrisch. Im Gegensatz zu Jackmans fast schon schizophrenem Barnum zeigt Zac Efron („High School Musical“) als Phillip Carlyle echte Abenteuerlust und Neugier auf andere: Er lässt sich in einem schwungvollen gesungenen Saufgelage in der Kneipe vom Zirkusdirektor überreden (auch Jackmans beste Szene), sein Schickimicki-Theaterleben aufzugeben und Kompagnon beim Kuriositätenkabinett zu werden. Und bei Carlyles misstrauisch beäugter Romanze mit der schwarzen Trapezartistin Anne Wheeler (Zendaya) wird der Kampf mit den Vorurteilen (den eigenen und den fremden) bei aller erzählerischen Verknappung immerhin nachfühlbar. Da ist es dann auch passend, wenn die beiden in einer der besten Shownummern des Films beim einsamen Liebesduett „Rewrite The Stars“ in der Manege abheben.

„Greatest Showman“ beginnt mit dem historischen 20th-Century-Fox-Logo, aber mit klassischem Hollywood-Kino hat dieser Film nichts zu tun. Die Künstlichkeit der Kulissen, Bilder und Farben verweist hier nicht bewundernd-imitierend oder kritisch-kommentierend auf historische Vorbilder (wie es etwa Damien Chazelle in „La La Land“ gemacht hat), sondern fügt sich mit der entfesselt wirbelnden Kamera, der dynamischen und bisweilen desorientierenden Montage sowie den eingängigen Songs zu einem Pop-Retro-Kitsch-Stilpotpourri, das von Ferne an „Moulin Rouge“ erinnert. Aber wo Baz Luhrmann stur seiner eigenen Vision folgte, dabei zum Gewinn des Films jegliche Zurückhaltung ablegte und sich für den Soundtrack einfach die bestmöglichen Songs überhaupt zu einem hinreißend heterogenen Mix zusammenpickte, fehlt der vermeintlichen Außenseitergeschichte „Greatest Showman“ ironischerweise der Mut zum Anderssein. Stattdessen gibt es auf die Dauer ermüdenden Broadway-Einheitssound und schicke, aber kaum bemerkenswerte Choreografien, die das Einstudierte kaum jemals hinter sich lassen und so auch nur selten ins Reich der echten Emotionen vorstoßen. Am Ende stehen einige schöne Einzelmomente und ein paar tolle Stimmen einer holprigen Erzählung und einem unausgegorenen Protagonisten gegenüber, dem auch der sicht- und hörbar engagierte Hugh Jackman mit all seinem Talent kein überzeugendes Profil geben kann.

Fazit: 
Das Musical „Greatest Showman“ ist ein gleichförmiger Film über das Anderssein, ein braver Film über das Risiko und ein zahmer Film über eine provokante Persönlichkeit. Dennoch vergeben wir musikalische 7,5 von 10 Punkte. (mk)