Dienstag, 25. Dezember 2018

Der Junge muss an die frische Luft

Facts:
Genre: Biografie, Drama, Komödie
Regie: Caroline Link
Cast: Julius Weckauf, Luise Heyer, Sönke Möhring
Laufzeit: 100 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
Verleih: Warner Bros. GmbH



(c) Warner Bros. GmbH
 

Inhalt:
Der Ruhrpott im Jahr 1972: Der neunjährige Hans-Peter (Julius Weckauf) ist ein wenig pummelig, lässt sich davon aber nicht bedrücken. Stattdessen feilt er fleißig an seiner großen Begabung, andere zum Lachen zu bringen, was sowohl bei den Kunden im Krämerladen seiner Oma Änne (Hedi Kriegesgott) als auch bei seiner ebenso gut gelaunten wie feierwütigen Verwandtschaft natürlich gerne gesehen wird. Doch dann wird seine Mutter Margret (Luise Heyer) wegen einer chronischen Kieferhöhlenentzündung operiert und verliert ihren Geruchs- und Geschmackssinn, wodurch sie in eine tiefe Depression stürzt. Sein Vater Heinz (Sönke Möhring) ist ratlos, aber Hans-Peter fühlt sich dadurch nur noch umso mehr angetrieben, sein komödiantisches Talent auszubauen...

Bewertung:
In seiner rund eine Millionen Mal verkauften Autobiografie „Der Junge muss an die frische Luft“ kreist Hape Kerkeling in 19 Kapiteln, die sich nicht nur mit seiner Kindheit, sondern auch schon mit ersten Ausflügen ins Showgeschäft befassen, um den markerschütternden Suizid seiner geliebten Mutter. Obwohl Regisseurin Caroline Link diese schwierige Situation ebenso wie den Tod von Großmutter Änne nicht verschweigt, sind das nur wichtige Etappen, aber nicht das zentrale Thema von „Der Junge muss an die frische Luft“. Link geht es vielmehr darum, das Milieu zu schildern, in dem Hape Kerkeling zu dem erwachsen konnte, was er später war: ein Entertainer, der Millionen vor den Bildschirmen oder auf der Bühne in seinen Bann ziehen konnte. Der Schlüssel liegt einerseits im Charakter Kerkelings, aber vor allem in seiner herzlichen und liebevollen Familie, die trotz größter Krisen und vielen Schicksalsschlägen nie den Humor und die Wärme gegenüber Hans-Peter und seinem Bruder Matthes verlor.

Wenn man so will, ist „Der Junge muss an die frische Luft“ ein Prequel zu Julia von Heinz‘ großem Kino-Erfolg „Ich bin dann mal weg“ (zwei Millionen Besucher in Deutschland), der von Hape Kerkelings Auszeit-Erlebnissen auf seiner Pilgerreise auf dem Jakobsweg handelt. Dort war der Zugang zur Hauptfigur einfach, weil jeder Kerkeling vom Bildschirm kannte. Aber bei „Der Junge muss an die frische Luft“ stand natürlich die bange Frage im Raum: Schafft es ein solch junger Schauspielneuling tatsächlich, einen Film dieser Größe zu schultern? Aber die Antwort lautet schlicht und einfach Ja! Und wie! Der zum Zeitpunkt des Drehs neun Jahre alte Debütant Julius Weckauf ist eine Wucht als kleiner Hans-Peter Kerkeling. Das ist unglaublich wichtig für den Film. Der Junge beherrscht den rheinischen Dialekt auf natürliche Art und schlägt sich bravourös an der Seite von gestandenen Schauspielern wie Joachim Król, Luise Heyer und Sönke Möhring. Während um ihn herum die kleinen und großen Katastrophen geschehen, sucht Hans-Peter per Überlebensreflex die Flucht in den Humor.

„Der Junge muss an die frische Luft“ lebt weniger von einer aufsehenerregenden Handlung, denn das, was bei den Kerkelings passiert, ist eben Alltag wie in vielen anderen Familien des Ruhrpotts in den frühen 70er Jahren. Krankheiten, Zankereien, ein abwesender Vater – das sind alles keine Paradethemen für Lustspiele, aber Caroline Link gelingt es, auch in den größten Krisen stets eine unglaubliche Menge Wärme und Herzlichkeit von ihren Figuren auf das Publikum zu übertragen. Es ist also das „Wie“, das den Film so unterhaltsam macht – eingebettet in ein stimmiges, sorgsam ausgestattetes 70er-Jahre-Setting. Wenn zum Beispiel auf einem Höhepunkt der emotionalen Niedergeschlagenheit die Welt unter Hans-Peter zusammenzubrechen droht, schnappt sich sein „Oppa“ Willi den Jungen und fährt mit ihm in den Wanderurlaub nach Österreich. „Der Junge muss an die frische Luft“, meint er. Was in der Realität banal sein mag, hat im Film etwas zutiefst Menschliches. Von diesen Momenten lebt die Tragikomödie. Es geht um Zusammenhalt in der Familie – so lässt sich alles überwinden, das ist die Botschaft.

Damit es noch mehr zu lachen gibt, verteilt Caroline Link nebenbei kleine Seitenhiebe auf die Mittelklasse-Gesellschaft der 70er Jahre, wo Klatsch und Tratsch in der Nachbarschaft ganz groß waren. Da wird zum Beispiel über die umtriebige Frau Kolossa (Diana Amft) geschwätzt und haarklein seziert, wie es um ihren Männerverschleiß steht. Und da darf dann auch wieder Julius Weckauf brillieren: Wie er hier seine Mitmenschen nachmacht, persifliert und parodiert ist ganz großes Kino – da würde es uns nicht wundern, wenn er in den nächsten Jahren ebenfalls eine ähnlich steile Karriere wie der junge Hape Kerkeling hinlegt.

Fazit: 

„Der Junge muss an die frische Luft“ ist eine ebenso humorvolle wie herzliche Tragikomödie über die bewegte Kindheit des späteren Comedy-Superstars Hape Kerkeling. Wir vergeben herzzerreißende 8,5 von 10 Punkte für einen wirklich guten deutschen Film. (mk)

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