Facts:
Genre: Thriller, Krimi
Regie: Kenneth Branagh
Cast: Kenneth Branagh, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Fox Deutschland
Inhalt:
Für die Rückreise von einem seiner Fälle nimmt Hercule Poirot (Kenneth
Branagh) den legendären Orient-Express. An eine gemütliche Zugfahrt ist
aber nicht lange zu denken, stattdessen hat der berühmte Meisterdetektiv
bald wieder Arbeit: Ein Passagier wird ermordet und damit ist klar,
dass einer der übrigen Reisenden der Täter sein muss. Die spanische
Missionarin Pilar Estravados (Penélope Cruz), die Gouvernante Mary
Debenham (Daisy Ridley), Professor Gerhard Hardman (Willem Dafoe), die
Witwe Mrs. Hubbard (Michelle Pfeiffer) und der Doktor Arbuthnot (Leslie
Odom Jr.) sind alle verdächtig. Doch bald wird Poirot klar, dass er den
Fall nicht lösen wird, wenn er mehr über die möglichen Täter erfährt. Er
muss mehr über das Opfer herausfinden – und sich beeilen, damit der
Killer nicht nochmal zuschlägt…
Bewertung:
Nur mit Albert Finneys Schnurrbart war Krimilegende Agatha Christie
nicht zufrieden, als sie Sidney Lumets 1974er Adaption ihres
berühmtesten Buches „Mord im Orient-Express“ sah: Hercule Poirot müsse den prächtigsten moustache
in ganz England haben und nicht so ein bescheidenes Bärtchen wie in dem
sechsfach oscarnominierten Klassiker. Sonst hatte aber auch die Autorin
nichts auszusetzen an Finneys Leinwandporträt ihrer neben Miss Marple
bekanntesten Figur und wenn nun Kenneth Branagh in der Rolle des
belgischen Meisterdetektivs stolz ein wahres Prachtstück von einem
Schnurrbart in die Kamera reckt, dann ist das so etwas wie eine
augenzwinkernde Rechtfertigung der Neuverfilmung des Romans, dessen
clevere Auflösung die meisten Krimifans sowieso schon kennen. Aber
Branagh, der „Mord im Orient-Express“ auch inszeniert
hat, hat noch anderes zu bieten: Neben einem klassisch anmutenden
Luxus-Look (der in einigen ausgewählten Kinos auch im 65-mm-Format zu
bewundern ist) und einem erstaunlichen Staraufgebot von Johnny Depp bis
Daisy Ridley besticht das Kriminaldrama vor allem durch seine pointierte
Poirot-Interpretation. Der Shakespeare-Mime Branagh setzt den bekannten
Kino-Darstellungen von Finney und Peter Ustinov („Tod auf dem Nil“)
sowie dem gefeierten TV-Poirot David Suchet eine eigene Sicht auf den
Detektiv entgegen, die für die ansonsten recht rudimentäre
Figurenzeichnung und den nicht ganz überzeugend umgesetzten Kriminalfall
zumindest zum Teil entschädigt.
Regisseur Kenneth Branagh und Drehbuchautor Michael Green („Blade Runner 2049“) beginnen ihren Film mit einer neu erfundenen Episode in Jerusalem, die es ihnen erlaubt, die Hauptfigur und einige ihrer wesentlichen Charakterzüge in konzentrierter Form vorzustellen. Ihr Hercule Poirot ist ein kauziger Pedant, aber hinter seiner Suche nach zwei exakt gleich großen Vier-Minuten-Frühstückseiern lässt sich bald schon ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Halt und Ordnung erahnen, das weit über solche Äußerlichkeiten hinausgeht. Das flamboyante Genie ist Branagh wie auf den Leib geschneidert und wenn Poirot verkündet, er sei der „wahrscheinlich größte Detektiv der Welt“ dann ist das in seiner Darstellung eine simple Feststellung voller eitler Selbstgewissheit, wie er sie auch schon in „Mary Shelley's Frankenstein“ oder in „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ an den Tag gelegt hat. An anderer Stelle dagegen zeigt das bereits in fünf verschiedenen Kategorien für den Oscar nominierte Multitalent uns Poirot als tiefmoralischen Grübler und wenn der Belgier das Foto seiner verflossenen Liebe betrachtend über Gut und Böse sinniert, dann hat das durchaus etwas von „Hamlet“ oder „Henry V.“.
Wie der auf Schwarzweißdenkmustern beharrende Protagonist sich zunehmend in den Grauzonen der menschlichen Natur verirrt, das ist das Spannendste an „Mord im Orient-Express“. Der vertrackte Mordfall mit seinen widersprüchlichen Indizien und den undurchsichtigen Verdächtigen ist in dieser Version allerdings nicht allzu aufregend. Das gilt selbst dann, wenn man die Vorlage nicht kennt, an die sich die Macher nach dem Prolog recht eng halten. Allerdings werden die erzählerischen Fäden teilweise nur recht notdürftig verknüpft, auch wenn der reinen Logik weitgehend Genüge getan wird. Und Branaghs Film ist eben auch stärker als psychologisches Drama angelegt und nicht bloß als kriminalistisches Rätselraten und in diesem Drama bleiben die seelischen Nöte der verdächtigen Passagiere zu großen Teilen unbehandelt. Am ehesten dürfen noch Michelle Pfeiffer als anstrengende Witwe und Josh Gad als überforderter junger Sekretär in jene Untiefen vorstoßen, die aus bloßen Figuren echte Menschen werden lassen. Dazu kommen ein beeindruckender Auftritt von Willem Dafoe mit deutschem Akzent, eine überzeugend eigenwillige Darbietung von Johnny Depp und eine gelungene Aktualisierung des Stoffes durch die Besetzung des Arbuthnot (aus dem Major wird ein Arzt) mit dem schwarzen Schauspieler und Sänger Leslie Odom Jr. aus dem Broadway-Hit „Hamilton“.
Was die übrigen Darsteller angeht, so rücken sie gegenüber dem Zug (die Gelegenheit zu einigen imposanten Fahrtaufnahmen lässt sich Branagh nicht nehmen), dessen luxuriöser Einrichtung und den tollen historischen Kostümen von Alexandra Byrne ins zweite Glied. Die Schauwerte sind wie schon in Branaghs vorigem Film „Cinderella“ beachtlich und erinnern trotz der digitalen Bilder an das große klassische Hollywood-Kino, dazu kommen einige clevere visuelle Ideen wie die von oben gefilmte Entdeckung des Mordopfers. Eine kleine ins Drehbuch geschmuggelte Actionszene fügt der Story indessen nichts hinzu, hat aber immerhin Komponist Patrick Doyle („Merida“) zu einem der bewegtesten Stücke seiner ebenso klassischen wie abwechslungsreichen Filmmusik inspiriert. Dass Branagh die finalen mit Flashbacks gespickten Enthüllungen vom Speisewagen in einen Tunnel verlegt und dabei da Vincis „Abendmahl“ nachstellt, ist wiederum eine durchaus faszinierende Idee, aus der aber letztlich nur wenig gemacht wird. So ist dieser neue „Mord im Orient-Express“ eine zwar ziemlich kurzweilige, aber auch durchwachsene Angelegenheit.
Fazit:
Kenneth Branaghs Neuverfilmung von Agathe Christies berühmtem Krimi
überzeugt in der Darstellung des Hercule Poirot, hat aber auch deutliche
erzählerische Schwächen. Dafür vergebe ich nur 6 von 10 Punkte. (mk)

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