Freitag, 19. Juli 2019

Der König der Löwen (2019)


(c) Walt Disney Germany




Inhalt:

Die Tiere Afrikas sind überglücklich, als mit dem Löwenjungen Simba (im Original gesprochen von JD McCrary) der zukünftige König der Savanne geboren wird. Als Sohn von Mufasa (James Earl Jones) gehört diesem nämlich der rechtmäßige Thron. Doch Mufasas Bruder Scar (Chiwetel Ejiofor) erhebt seinen Anspruch und erschleicht ihn sich auf tückische Weise, woraufhin Simba ins Exil verbannt wird und seine Freundin Nala (Beyoncé Knowles-Carter) verlassen muss. Mit dem quirligen Erdmännchen Timon (Billy Eichner) und dem lebensfrohen Warzenschwein Pumbaa (Seth Rogen) findet Simba aber neue Freunde und Wegbegleiter, die ihm helfen, trotz der schweren Zeit unbeschwert heranzuwachsen. Doch seine Vergangenheit lässt ihn nicht los und als junger Löwenmann erkennt Simba (nun gesprochen von Donald Glover), dass er in die Steppe zurückkehren und den Kampf mit Scar aufnehmen muss, um seinen rechtmäßigen Platz auf dem Thron zurückzuerobern.


Bewertung:

Mal ganz ohne die rosarote Brille der nostalgischen Verklärung betrachtet: Disneys „Der König der Löwen“ war im Grunde ja schon 1994 ein erzählerischer Anachronismus, schließlich lautet die erzkonservative Moral des Märchens doch, seinen von der gesellschaftlichen Ordnung vorbestimmten Platz im Leben einzunehmen, statt – wie der heranwachsende Löwe Simba – auf die Verantwortung zu pfeifen und lieber mit seinen tierischen Hippie-Freunden „Hakuna Matata“ trällernd durch die Savanne zu streunen. Auch ein Vierteljahrhundert später bleibt die Ordnung im Tierreich stabil: Was Tradition ist, wird schon stimmen, individuelle Freiheit kann hingegen nur eine vorübergehende Phase sein. Scar ist und bleibt der unbestrittene Verlierer und Bösewicht, Simba und Mufasa bewegen sich mit unbestreitbarem Recht auf der Sonnenseite der Macht, weil sie nicht nur die Starken, sondern auch die Guten sind.

Das alles störte damals (fast) niemanden und das wird es auch heute nicht tun. Denn ihre beruhigende Zeitlosigkeit zieht die Geschichte nicht zuletzt daraus, dass sie ausschließlich im Tierreich spielt, wo eben trotz aller realen gesellschaftlichen Umbrüche, die sich in der Welt der Menschen über die Jahre so abspielen, zumindest scheinbar alles beim Alten bleibt. Und so hält sich Jon Favreau in seiner Neuauflage sehr zur Freude der Disney-Nostalgiker-Front ganz eng an die Originalstory und meidet mit allen Mitteln, sich auf das Glatteis einer erzählerischen Modernisierung zu begeben. Hier wird Nala ganz sicher keinen Song über die Gleichberechtigung der Löwinnen anstimmen, wie es zuletzt noch in ganz ähnlicher Form Prinzessin Jasmin im „Aladdin“-Update getan hat.

Hypermodern dagegen sind die Methoden, mit denen die alten Lieblinge in dieser neuen Version zum Leben erweckt werden. Favreau und sein Team bedienten sich dazu einer speziellen VR-Technik, die sonst vor allem im Game-Design zum Einsatz kommt und mit der der „Iron Man“-Regisseur bereits bei der Arbeit an „The Jungle Book“ experimentierte. So ist ihm und seinen Animatoren nun das erstaunliche Kunststück gelungen, die Tiere derart fotorealistisch darzustellen, dass Kommentatoren nach den ersten veröffentlichten Bildern zunächst noch darüber spekulierten, ob es sich beim neuen „Der König der Löwen“ nicht womöglich doch um einen Realfilm handeln könnte. Die Optik ist dann auch das eine Feld, wo man sich zwar notgedrungen (lässt sich beim Fotorealismus schließlich schlicht nicht vermeiden), dann aber doch voller Selbstbewusstsein von der Vorlage entfernt hat.

Das wohl größte Wagnis ging Favreau dabei tatsächlich mit der doch sehr stark vom Zeichentrick-Original abweichenden Optik des hinterhältigen Widersachers Scar ein. Mit räudiger Mähne, dem fast leichenhaft farblosen Fell und den eingefallenen Flanken wirkt der Schurke hier kaum noch wie ein aristokratischer Antagonist, sondern vielmehr wie ein unheimlicher, unwürdiger Schatten des großen und edlen Mufasa. Und das ist es ja im Grunde auch, was die Essenz dieser Figur ausmacht, die Favreau nun mit seiner ästhetischen Entscheidung durchaus stimmig betont. Ganz nebenbei wird übrigens auch (endlich) das Geheimnis gelüftet, woher Scar eigentlich seine auffällige Narbe hat – das ist natürlich Fanservice, aber sehr gut gemachter, weil er den Charakter von Scar tatsächlich noch einmal weiter ausbaut, statt einfach nur ein vermeintliches Storyloch zu stopfen.

Auch die Sympathieträger haben nicht länger die Disney-typisch idealisierte Optik wie im Animationsfilm. Gerade den erwachsenen Löwen fehlt diesmal jeglicher süßer Kuscheltier-Anstrich, stattdessen sehen wir vor Kraft strotzende Tiere, bei denen selbst Rippen und Adern bei bestimmten Bewegungen zu erkennen sind. Besonders mutig ist Favreau bei der Darstellung der Löwinnen unter der Schreckensherrschaft Scars und seiner Hyänen-Entourage. Wenn die vorher noch so majestätischen Tiere nun völlig ausgezehrt sind und ihr Fellkleid schon ins gräuliche geht, nehmen sie selbst beinahe schon hyänenhafte Züge an und nähern sich so optisch den Fieslingen immer mehr an. Das Hyänen-Rudel um die sowohl in der deutschen als auch der englischen Fassung von „Black Panther“-Star Florence Kasumba gesprochene Shenzi selbst hätte dagegen durchaus noch konsequenter auf fies getrimmt werden können – und zwar optisch wie auch in der Sprache. Ihr irres Kichern ließ uns damals im Animationsfilm noch deutlich mehr schaudern.

Trotz des zumindest visuell naturalistischen Ansatzes bleibt „Der König der Löwen“ natürlich weiterhin ein Familienfilm – und so werden auch diesmal wieder Kinder- und Erwachsenenherzen mit knuffigen Tieren geöffnet: So verliebt man sich auch hier sofort in das Löwenbaby Simba, wenn es in der legendären Anfangssequenz von Medizinmann Rafiki (John Kani) der in Scharen zum Königsfelsen gepilgerten Tierwelt und so auch dem Zuschauer präsentiert wird. Die Tiere so darzustellen, wie sie auch in der Realität aussehen, ist nämlich zum Glück nicht der von einigen Fans befürchtete Stimmungskiller – ganz im Gegenteil: Selten hat man in einem Film (inklusive der „Phantastische Tierwesen“-Blockbuster) derart putzige Fauna gesehen.

Darunter finden sich auch einige Bewohner des afrikanischen Kontinents, die im Original nicht vorkamen, wie zum Beispiel ein überaus possierlicher Rüsselspringer. Und auch dem anarchischen Charme von Erdmännchen Timon (Billy Eichner) und Warzenschwein Pumbaa (Seth Rogen) kann das fotorealistische Fellkleid nichts anhaben. Für Fans von Publikumsliebling Pumbaa halten die Macher sogar eine besonders überraschende Neuerung bereit, von der wir hier aber nicht mehr verraten wollen, als dass sie etwas mit dem kultigen Feelgood-Ohrwurm „Hakuna Matata“ zu tun hat.

Im Vorfeld der Neuverfilmung wurde durchaus kontrovers diskutiert, dass Favreau „Der König der Löwen“ komplett am Computer wiederauferstehen lässt. So stammen nicht nur die Tiere, sondern auch alle Landschaften aus dem Rechner. Doch wer glaubt, dies würde sich als Problem erweisen, wird vom Film eindrucksvoll eines Besseren belehrt: Die überwältigend animierten Landschaften setzen neben den Figuren ebenfalls neue Maßstäbe – und dabei spielt es keine Rolle, ob Favreau und sein Team uns große Panoramaansichten präsentieren oder auch noch den kleinsten Grashalm fühlbar vibrieren lassen. So verschwindet die technische Maschinerie hinter diesem Wunder schon nach wenigen Sekunden aus der Wahrnehmung des Zuschauers. Bilder zum Staunen und große Emotionen verdrängen jeden Gedanken an irgendwelche CGI-Effekte, das hat schon den Zeichentrickklassiker von 1994 ausgemacht und diese Magie verströmt nun auch die Neuauflage.

Dass „Der König der Löwen“ einer der allerbesten Disneyfilme ist, liegt auch an der legendären Filmmusik von Hans Zimmer sowie den Songs von Elton John und Tim Rice. Beides erklingt in der Neuauflage in neuem Glanz. Die Songs des Originals sind allesamt auch hier enthalten, darunter selbstverständlich die Klassiker „Circle Of Life“, „Hakuna Matata“ und das oscarprämierte Liebeslied „Can You Feel The Love Tonight“, die allesamt nur leicht verändert wurden. Lediglich Scars Lied „Be Prepared“ wurde etwas zusammengeschrumpft, was durchaus ein kleiner Wermutstropfen ist. Mit „Spirit“ gibt es derweil einen zusätzlichen Song von Nala-Sprecherin und Pop-Superstar Beyoncé, der tatsächlich nicht unbedingt nötig gewesen wäre (außer für die kommende Oscar-Saison, wo eben nur neugeschriebene Songs nominiert werden können).

 
Fazit: 
Mit großer erzählerischer Vorsicht, aber dafür umso mehr technischem Mut setzt Jon Favreau mit dem bisher besten der aktuellen Disney-Remakes neue Maßstäbe im Animationskino, ohne dabei (allzu viel) vom unerreichbaren Charme des Originals einzubüßen.  

 
Text (c) by MK

Freitag, 5. Juli 2019

Spider-Man - Far from Home


(c) Sony Pictures Germany




Inhalt:

Peter Parker (Tom Holland) a. k. a. Spider-Man geht zusammen mit seinen besten Freunden Ned (Jacob Batalon) und MJ (Zendaya), dem nervigen Flash (Tony Revolori) und dem Rest der Bande auf Klassenfahrt nach Europa. Peters Plan, den Superhelden für ein paar Wochen hinter sich zu lassen, wird jedoch schnell wieder verworfen, als der Trip von Nick Fury (Samuel L. Jackson) und seinen Agenten unterwandert und gekapert wird. Spider-Man soll ihnen dabei helfen, die mysteriösen Angriffe gefährlicher, aus Elementen bestehender Monster aufzuklären. Fury und seine rechte Hand Maria Hill (Cobie Smulders) haben für den Kampf bereits außerirdische Verstärkung im Gepäck: Mysterio (Jake Gyllenhaal), der seinem Namen alle Ehre macht, hat seine Heimat an die Kreaturen verloren und schwört Rache. Außerdem nimmt er den nach den Ereignissen aus "Avengers 4" noch immer aufgewühlten und führungslosen Peter Parker unter seine Fittiche. Gemeinsam verfolgen sie die Angreifer quer durch Europa und landen dabei unter anderem in Venedig, Prag, London und Berlin.


Bewertung:

Das MCU ist ja bekannt dafür, immer mal wieder die verschiedensten Genres aufzugreifen – vom klassischen Kriegsfilm („The First Avenger“) über einen 70er-Jahre-Politthriller („The Return Of The First Avenger“) bis hin zu postmodernem Sci-Fi-Klamauk („Thor 3“). Und jetzt ist eben das ur-amerikanische Genre der Highschool-Komödie an der Reihe – nur dass der Lümmel aus der ersten Bank hier eben zugleich mit der schweren Last der Verantwortung ringt, ob er nun um seine große Liebe kämpfen oder doch besser (schon wieder) den Planeten retten sollte. Das fühlt sich natürlich längst nicht so welterschütternd an wie manch früherer MCU-Film, funktioniert aber trotzdem erstaunlich gut. Das liegt vor allem an a) der herausragenden Chemie zwischen Tom Holland und Zendaya sowie b) den umwerfend komischen Co-Stars von Jacob Batalon und Angourie Rice als unwahrscheinliche Turteltäubchen bis Martin Starr und J.B. Smoove als überforderte Pädagogen.

Zu den immer wieder im Sekundentakt zündenden Pointen kommen ein paar ikonische Schauplätze vom Markusplatz in Venedig bis zu einer Berghütte in den österreichischen Alpen, gewürzt mit einer Handvoll grundsolider Actionsequenzen, in denen Spider-Man (in Europa undercover als Night Monkey) und Mysterio gemeinsam gegen Wassermonster und Feuerungeheuer kämpfen. Kann man alles absolut so machen. Sagen wir mal: Gute 3,5 FILMSTARTS-Sterne und etwas, über das sich nach dem „Endgame“-Paukenschlag wohl niemand nachdrücklich beschweren würde. Ein charmanter MCU-Spaß für zwischendurch, ein Superheld auf romantischer Mission; ein bisschen was fürs Herz mit der Action, die in einem Comic-Blockbuster eben einfach nicht fehlen darf. Ein guter, aber längst nicht an der Spitze mitspielender MCU-Film. Aber Pustekuchen!

Denn nach einem „Twist“, von dem ab der ersten Minute jeder weiß, dass er kommt, den wir an dieser Stelle aber natürlich trotzdem nicht verraten werden, feuert „Far From Home“ plötzlich aus allen Zylindern. Zwar fällt das Lüften des Plans noch etwas ausführlich aus (er ist aber auch wirklich kompliziert), doch dann folgt auch sofort eine echte Überraschung auf die nächste. Die (alptraumartigen) Actionsequenzen inklusive einem gleichermaßen kreativen wie epischen Finale an der Londoner Tower Bridge stellen nicht nur alles in der ersten Hälfte Dagewesene locker in den Schatten, sondern zählen sogar zu den bisher stärksten Set-Pieces des gesamten MCU. Gab es zuvor doch die eine oder andere kleine Länge, gerade wenn man auf die romantische Liaison zwischen Peter und MJ nicht hundertprozentig einsteigt, bleibt einem ab hier überhaupt keine Zeit mehr zum Luftholen. Uns fällt jetzt zumindest kein zweiter Marvel-Blockbuster ein, der sich über seine Laufzeit hinweg derart krass gesteigert hat.

Und dann gleich noch die nächste positive Überraschung: Auch mit seinen zwei Abspannsequenzen setzt „Spider-Man: Far From Home“ einen völlig neuen Standard: Wo normalerweise der nächste MCU-Film angeteasert oder noch ein netter kleiner Gag nachgeschoben wird, nutzen die Marvel-Masterminds die zwei kurzen Extraszenen dieses Mal, um alles gerade Gesehene in Frage zu stellen und im selben Moment das „Spider-Man“-Universum in seinen Grundfesten zu erschüttern. Vor „Far From Home“ mag man sich mehr Zeit gewünscht haben, um sich erst einmal angemessen von den Auswirkungen von „Avengers 4: Endgame“ zu erholen. Nach den Abspannszenen kann man es hingegen kaum noch abwarten, endlich MCU-„Spider-Man 3“ auf der großen Leinwand zu sehen. Dass man darauf jetzt volle zwei Jahre warten soll, ist eine wahre Horrorvorstellung.

 
Fazit: 
Auf eine charmant-unterhaltsame erste folgt in „Spider-Man: Far From Home“ eine mit hochtourigen Überraschungen und kreativen Einfällen bis zum Rand vollgestopfte zweite Hälfte. So fühlt sich selbst der 23. MCU-Blockbuster absolut frisch an.


Text (c) by MK