Mittwoch, 31. Oktober 2018

Bohemian Rhapsody


Facts:
Genre: Biografie, Drama
Regie: Bryan Singer
Cast: Rami Malek, Gwilym Lee, Lucy Boynton
Laufzeit: 135 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
Verleih: Fox Deutschland


(c) Fox Deutschland


Inhalt:
m Jahr 1970 gründen Freddie Mercury (Rami Malek) und seine Bandmitglieder Brian May (Gwilym Lee), Roger Taylor (Ben Hardy) und John Deacon (Joseph Mazzello) die Band Queen. Schnell feiern die vier Männer erste Erfolge und produzieren bald Hit um Hit, doch hinter der Fassade der Band sieht es weit weniger gut aus: Freddie Mercury, der mit bürgerlichem Namen Farrokh Bulsara heißt und aus dem heutigen Tansania stammt, kämpft mit seiner inneren Zerrissenheit und versucht, sich mit seiner Homosexualität zu arrangieren. Schließlich verlässt Mercury Queen um eine Solokarriere zu starten, doch muss schon bald erkennen, dass er ohne seine Mitstreiter aufgeschmissen ist. Obwohl er mittlerweile an AIDS erkrankt ist, gelingt es ihm, seine Bandmitglieder noch einmal zusammenzutrommeln und beim Live Aid einen der legendärsten Auftritte der Musikgeschichte hinzulegen…


Bewertung:
Bereits 2006 begann Queen-Gründungsmitglied Brian May damit, an einem Biopic über die Bandgeschichte zu arbeiten. Aber das Produktionsmartyrium zog sich etliche Jahre hin: Freddie-Mercury-Kandidaten wie Johnny Depp, Sacha Baron Cohen und Ben Whishaw kamen und gingen – bis „Mr. Robot“-Star Rami Malek auf der Bildfläche erschien. Wir haben den Schauspieler im Interview gefragt, warum „Bohemian Rhapsody“ denn nun endlich nach so langer Zeit tatsächlich in Produktion ging. Seine Antwort war eben selbstbewusst wie charmant: „Because of me, Darling!“ Der Kalifornier weiß offenbar genau, dass er mit seiner natürlich auch ein bisschen ironisch gemeinten Feststellung komplett richtig liegt: Malek ist das ultimative Zentrums des Films und perfekt besetzt. Eine One-Man-Show ist „Bohemian Rhapsody“ trotzdem nicht geworden, für die restlichen Bandmitglieder und deren Anhang bleibt genügend Raum, um sich immer mal wieder ein paar der Szenen zu stibitzen.

„Bohemian Rhapsody“ beginnt 1970 mit der Gründung von Queen und endet 1985 mit dem legendären Auftritt beim Live-Aid-Konzert im Londoner Wembley-Stadion, wo Organisator Bob Geldorf (im Film gespielt von Dermot Murphy) mehr als 100 Millionen Euro an Spendengeldern gegen die Hungersnot in Äthiopien sammelt und 1,5 Milliarden Menschen am TV-Bildschirm zugucken. Der rund 20-minütige Auftritt von Queen gilt als absolute Sternstunde der Band und als eine der besten Live-Shows überhaupt. Das bringt den Film zu einem versöhnlichen Abschluss, selbst wenn Freddie Mercury zu diesem Zeitpunkt nach Versions des Films schon an HIV erkrankt ist. Wann der Sänger, Songwriter und Pianist seine Krankheit tatsächlich innerhalb der Band bekannt gemacht hat, ist nicht genau zu klären, es gibt dazu widersprüchliche Aussagen (wahrscheinlich aber erst 1987).

Der größte Kritikpunkt, den man „Bohemian Rhapsody“ vorhalten kann, ist dann auch ein gewisses Glattbügeln, wenn Mercurys Exzesse nur abgefedert wiedergegeben und die schweren letzten Jahre ganz ausgeblendet werden. Immerhin entsteht so der Eindruck, dass hier eine wohlig-gefühlige Hommage angestrebt wird, die Mercurys Ecken und Kanten zwar andeutet, aber so sehr abschleift, dass das Leinwandgeschehen noch familientauglich bleibt. Es ist eben leichter, sich an der großartigen Musik zu begeistern als in die Abgründe einer Seele einzutauchen. Denn die Musik- und Konzertszenen sind tatsächlich grandios atmosphärisch in Szene gesetzt.

Abgesehen von diesen Einschränkungen atmet „Bohemian Rhapsody“ aber puren Rock ‘N‘ Roll – selbst wenn dieser konsequent jugendfrei ausfällt. Rami Malek spielt diesen exzessiven Freddie Mercury sensibel und vielschichtig, seine brüchige Persönlichkeit scheint immer wieder durch. Ein kleines Glanzstück gelingt Gwilym Lee als Berufslockenkopf und studierter Astrophysiker Brian May, der sich mit seiner schieren Präsenz immer wieder ein paar Augenblicke stiehlt, um den Film mit seinem Charme zu beleben. Auch Lucie Boynton ist als Mercurys treue Freundin Mary Austin eine echte Bereicherung, weil ihre gemeinsamen Szenen direkt bis ins Herz der Zuschauer vordringen. Kurios ist dagegen der Cameo-Auftritt von Mike Myers als (fiktiver) EMI-Plattenboss Ray Foster. Die Sequenz, in der Mercury die Notwendigkeit unterstreicht, dass ausgerechnet die musikalische Extravaganz „Bohemian Rhapsody“ als Single ausgekoppelt werden sollte, zählt zu den emotionalen Höhepunkten des Films. Zugleich ist sie natürlich ein augenzwinkernder Verweis auf die Kult-Komödie „Wayne’s World“, in der Mike Myers als Radio DJ „Bohemian Rhapsody“ ebenfalls ausführlich huldigt.

Wie es bei einem Biopic üblich ist, wird die Realität hier und da frisiert, um das Geschehen dramaturgisch zu straffen. Das betrifft nicht nur den Beginn, der sich in Wahrheit etwas anders zugetragen hat (Mercury war beispielsweise zuerst Roadie von Smile). Auch die jahrelange München-Phase des Sängers wird nur oberflächlich gestreift. In Sachen Sexualität wird „Bohemian Rhapsody“ nie explizit, die Regisseure belassen es bei zahmen Andeutungen. Das kann man aber wohlwollend auch als Anspielung auf die Tatsache durchgehen lassen, dass sich Mercury selbst zeitlebens nie zu seiner Homosexualität bekannt hat. Der Musiker Freddie Mercury war ein Besessener, der bis zu seinen letzten Atemzügen und schwer erkrankt noch an neuen Songs arbeitete und stilecht mit dem fantastischen Abschiedsfanal „The Show Must Go On“ von der Bühne des Lebens abtrat. Der ultimative Entertainer - und gerade diese spezielle Qualität bringt Rami Malek nun kongenial auf die Leinwand.

Fazit: 
Für Fans von Freddie Mercury und Queen ist das elektrisierend-nostalgische Musik-Biopic „Bohemian Rhapsody“ ein Muss, um die alte Zeit wieder aufleben zu lassen. Künstlerisch hätte ein wenig mehr Ecken und Kanten dem Film sicher nicht geschadet. Für diese dennoch beeindruckende Darstellung vergeben wir königliche 8 von 10 Punkte. (mk)

Samstag, 20. Oktober 2018

Johnny English - Man lebt nur dreimal


Facts:
Genre: Komödie
Regie: David Kerr
Cast: Rowan Atkinson, Emma Thompson, Olga Kurylenko
Laufzeit: 89 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
Verleih: Universal Pictures Germany


(c) Universal Pictures Germany


Inhalt:
Johnny English (Rowan Atkinson) arbeitet mittlerweile nicht mehr als Geheimagent, sondern als Lehrer. Doch als ein mysteriöser Hacker sämtliche britischen Spione enttarnt, bleibt dem Geheimdienst nichts anderes übrig, als English zu reaktivieren und auf eine gefährliche Mission zu schicken, obwohl dieser bisher jeden seiner Aufträge verbockte. Denn er ist der einzige Undercover-Agent, der kein Opfer des Hackangriffs geworden ist – einfach weil English keinen Plan von der Digitalisierung und damit auch nicht von Smartphones oder Computern hat. Nun stolpert der Spion also mit seinen gnadenlos veralten Methoden und seiner trotteligen Art von einer Pleite zur nächsten, bleibt dennoch die letzte Hoffnung der britischen Premierministerin (Emma Thompson) –  und trifft die verführerische Ophelia (Olga Kurylenko)…


Bewertung: 
Die ersten beiden Filme der „Johnny English“-Reihe zielten 2003 und 2011 ziemlich genau auf das ab, was das Publikum dank Atkinsons „Mr. Bean“-Paraderolle von dem unerschrockenen Komiker gewohnt ist: Die Plots der als Bond-Persiflage angelegten Krimikomödien dienten in erster Linie dazu, wüste Slapstick-Eskapaden mehr schlecht als recht miteinander zu verknüpfen. Was im ersten Teil noch passabel funktionierte, wirkte im zweiten dagegen bemüht, ja, begann sogar zu langweilen. Autor William Davies verfasste zwar auch die Drehbücher zu „Johnny English - Der Spion, der es versiebte“ und „Johnny English - Jetzt erst recht!“, doch die sieben Jahre Pause zwischen dem zweiten und dem dritten Teil, zwischen denen er lediglich das Skript zu „Der gestiefelte Kater“ schrieb, haben sich bezahlt gemacht.

Die Story rund um den Hackerangriff auf den britischen Geheimdienst wirkt frisch und auf der Höhe der Zeit - und dass ein solch alteingesessener Gentleman-Spion wie Johnny English keinerlei Online-Affinität besitzt, ist ja auch nur allzu plausibel. Das Aufeinanderprallen zwischen dem Digital Immigrant und der global vernetzten Welt fördert schon von sich aus einige herausragende Comedy-Momente zutage, von denen die (im Trailer nicht einmal ansatzweise zur Geltung kommende) Virtual-Reality-Szene das Highlight des Films darstellt. Hier werden nicht nur Fans des typischen „Mr. Bean“-Humors großartig bedient, sondern auch Filmliebhaber, die abseits ihres persönlichen Humorverständnisses Timing und eine zielgenaue Inszenierung zu schätzen wissen. Wie Kameramann Florian Hoffmeister und das Cutter-Duo Tony Cranstoun („Das hält kein Jahr..!“) und Mark Everson („Paddington 2“) hier zwischen der virtuellen Welt, in der English allerlei Bösewichter außer Gefecht setzt, und dem realen London hin und her schneiden, bis das Ganze bis ins kleinste Detail synchronisiert ist, ist einfach nur verdammt unterhaltsam.

Ganz klar liegt der Fokus hier auf den Comedy-Elementen. Egal ob English und Bough aus Versehen ein feines Restaurant in Schutt und Asche legen, sich eine absurde Verfolgungsjagd mit der undurchschaubaren Schurkin Ophelia (Olga Kurylenko) liefern oder Johnny bei einer ausgiebigen Tanzeinlage nur durch Zufall immer wieder knapp dem Tod entkommt: „Man lebt nur dreimal“ steckt einmal mehr voller aberwitziger Ideen für überbordenden Slapstick und skurrilen Wortwitz. Das Besondere an diesem Film ist allerdings, dass Regisseur David Kerr auch die Agentenfähigkeiten seiner Hauptfigur nicht zu kurz kommen lässt. Ein Großteil der Eskapaden, die dazu beitragen, dass die Welt am Ende natürlich doch noch irgendwie gerettet wird, entwickelt sich zwar aus dem Zufall heraus. Doch Johnny English wird endlich auch zu einem durchaus fähigen Ermittler, der sich nicht mehr ausschließlich darüber definiert, möglichst witzig ins nächste Fettnäpfchen zu treten.

Der ganze Fall rund um den von Jake Lacy schön schmierig verkörperten Cyber-Terroristen Jason ist zwar rasch durchschaut, würde aber auch ohne die zahlreichen Comedy-Einlagen Rowan Atkinsons und seiner vielen Kollegen funktionieren. Dies liegt zum einen an den sauber ausgeführten Effekten: Wenn hier was explodiert, dann rummst es im Kinosaal spürbar. Zum anderen tragen aber auch die Darsteller einen Großteil zum soliden Erscheinungsbild von „Man lebt nur dreimal“ bei. Immer wieder stiehlt Emma Thompson Atkinson die Show, wenn sie als verzweifelt um Fassung bemühte Premierministerin versucht, Ordnung in das Chaos zu bringen und nur ungern auf die Hilfe des ihrer Meinung nach unfähigen Johnny English zurückgreift. Ben Millermacht als Englishs Kollege eine gute Figur und erdet die mitunter hanebüchenen Szenarien immer wieder aus der beobachtenden Position heraus, während Olga Kurylenko in ihrer für Überraschungen sorgenden Rolle nicht nur Johnny English den Kopf verdreht.

Fazit: 
Auch wenn die Messlatte nach den ersten beiden Filmen der Reihe nicht sonderlich hoch lag, ist „Johnny English – Man lebt nur dreimal“ nun der klar beste Teil der Reihe, in dem die zahlreichen gelungenen Comedy-Szenen einen routinierten Spionageplot ordentlich aufpeppen. Dafür vergeben wir undercovermäßige 6,5 von 10 Punkte. (mk)

Freitag, 5. Oktober 2018

Venom 3D


Facts:
Genre: Action, SciFi
Regie: Ruben Fleischer
Cast: Tom Hardy, Michelle Williams, Riz Ahmed
Laufzeit: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Sony Pictures Germany


(c) Sony Pictures Germany


Inhalt:
Als Dr. Carlton Drake (Riz Ahmed), Chef der mysteriösen Life Foundation, in den Besitz eines Organismus außerirdischen Ursprungs kommt, benutzt er diese sogenannten Symbionten, um mit ihnen Experimente an Menschen durchzuführen. Dank des Tipps der Konzern-Insiderin Dr. Dora Skirth (Jenny Slate) bekommt der Reporter Eddie Brock (Tom Hardy) Wind von Drakes fragwürdigen Machenschaften und beschließt – entgegen der Warnung seiner Freundin Anne (Michelle Williams) – der Sache auf den Grund zu gehen, schließlich versucht er schon seit langem, Drake das Handwerk zu legen. Bei seinen Nachforschungen in den Labors der Life Foundation kommt Eddie jedoch selbst mit einem Symbionten in Kontakt, der mit ihm zu einem neuen Wesen verschmilzt: dem mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten Venom.


Bewertung:
Vor allem in der ersten Stunde nehmen sich die Macher noch angenehm viel Zeit, um ihren unkonventionellen Helden als engagierten Journalisten einzuführen, der auch schon mal heimlich den Laptop seiner Freundin durchsucht, um an eine gute Story zu kommen. Und wenn sich Brocks dann bei einer bemerkenswert brachial inszenierten Verfolgungsjagd mit seinem neuen Untermieter arrangieren muss, läuft dabei nicht nur Tom Hardy („The Revenant“) zu körperlicher und komödiantischer Höchstform auf. Die inneren Dialoge zwischen Brocks und Venom, die sich ständig um die Hoheit über den Körper balgen, kommen zwar leider recht kurz, sorgen aber immer wieder für angenehm trockenen Witz. Auch das Skript findet hier eine stimmige Balance aus treffsicherer Situationskomik, spektakulären Actionszenen (Venom ist quasi ein Schutzengel auf Acid) und der schleichenden Bedrohung, die von dem unberechenbaren Parasiten aus dem All ausgeht.

Obwohl die Marvel Studios - im Gegensatz zu den neuen „Spider-Man“-Solofilmen – nicht in die Produktion von „Venom“ involviert waren, orientiert sich Ruben Fleischer offensichtlich am immer auch humorigen Tonfall der Marvel-Blockbuster. Zugleich reizen die Macher die Möglichkeiten eines PG-13-Ratings aber durchaus aus: So düster und – zumindest in Andeutungen - brutal war bislang kein Film aus dem MCU. Und ja, Venom darf seinen Opfern auch in der jugendfreien Fassung die Köpfe abbeißen. Allerdings kollidieren der leichtfüßige Tonfall und die derbe Inszenierung in der zweiten Filmhälfte zunehmend: Denn nach einer zwar nicht ganz vorlagengetreuen, aber immerhin launig erzählten Originstory überspringt der Film praktisch seinen kompletten zweiten Akt, um direkt in ein Finale überzugehen, das so ganz ohne Vorbereitung vor allem aus unübersichtlichem Getöse und unterdurchschnittlichen CGI-Effekten besteht.

Dabei wäre es der zweite Akt gewesen, in dem Brock und Venom alle Zeit der Welt gehabt hätten, um sich über die Vorherrschaft im Körper zu zanken. Stattdessen wird der eigentlich zentrale Konflikt in der jetzigen Fassung in einigen wenigen, vornehmlich lustigen Szenen abgehandelt. Die Abgründigkeit und Ambivalenz der Doppelfigur Brock/Venom bleibt dabei fast vollständig auf der Strecke: Ja, er bringt ein paar Menschen um, aber auch wirklich nur, wenn er ganz, ganz sicher ist, dass sie es auch verdient haben. Die Frage, ob es sich nun um einen Helden oder einen Anti-Helden handelt, stellt sich im Kino im Gegensatz zu den Comics gar nicht erst.

Und wenn es schließlich darum geht, die Pläne des größenwahnsinnigen Drake zu vereiteln, dann bleibt der Bösewicht derart blass und seine Motivation derart austauschbar, dass der finale Kampf alles andere als ein abschließendes Highlight darstellt. So ganz ohne einen emotionalen Zugang sehen wir auf der Leinwand lediglich, wie CGI-Figuren gegeneinander kämpfen – und ob nun gerade Venom oder sein Widersacher die Oberhand gewinnt, lässt sich auch nicht wirklich sagen. Marvel hat ja bekanntermaßen eh ein Bösewicht-Problem – aber Drake ist da noch mal ein deutlicher Ausreißer nach unten.

Fazit: 
„Venom“ hat eine große Stärke: Tom Hardy, der vor allem im inneren Widerstreit mit seinem außerirdischen Parasiten einen wunderbar trockenen Humor an den Tag legt. Aber dieser Teil des Films kommt genauso zu kurz wie die Ambivalenz der Titelfigur, die beim Sprung von den Comicheften auf die Kinoleinwand zugunsten eines austauschbaren Superhelden-Blockbusters geopfert wurde. Dennoch vergeben wir antiheldenhafte 6 von 10 Punkte. (mk)