Freitag, 27. Januar 2017

Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen (OV)



Facts:

Genre: Drama, Biografie
Regie: Theodore Melfi
Cast: Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe
Laufzeit: 126 Minuten
FSK:  ab 0 Jahre
Verleih: Fox Deutschland


(c) Fox Deutschland



Inhalt:
1962: John Glenn (Glen Powell) ist der erste Amerikaner, der die Erde in einem Raumschiff komplett umkreist. Das ist ein wichtiger Meilenstein im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion, der auch als Wettlauf im All geführt wird – zu einer Zeit, als Weiße und Schwarze in den USA noch per Gesetz getrennt werden und von Geschlechtergleichheit keine Rede sein kann. In der NASA aber, wo neben Glenn vornehmlich andere weiße Männer wie Al Harrison (Kevin Costner) und Paul Stafford (Jim Parsons) den Ton angeben, arbeiten drei schwarze Frauen. Deren Namen kennt kaum jemand, ihr Einfluss jedoch ist groß: Den NASA-Mathematerinnen Katherine Johnson (Taraji P. Henson), Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) und Mary Jackson (Janelle Monáe) ist es zu verdanken, dass Glenns Mission sicher und erfolgreich verläuft…


Bewertung:
Amerika hat gerade acht Jahre Amtszeit eines schwarzen Präsidenten hinter sich – und trotzdem steht außer Frage, dass in großen Teilen der Bevölkerung die Gleichstellung von Schwarz und Weiß immer noch nicht vollzogen ist. Dass die Pistolen der Cops bei schwarzen Verdächtigen lockerer sitzen, ist nur eines von vielen Indizien für diesen anhaltenden Missstand. Trotzdem hat sich im Vergleich zu den 60er Jahren, der Hochzeit der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King, einiges getan. Theodore Melfi widmet sich in seinem Biopic „Hidden Figures“ (nach dem gleichnamigen Sachbuch von Margot Lee Shetterly) den Vorreiterinnen Katherine Johnson (früher: Goble), Dorothy Vaughan und Mary Jackson, die sich als schwarze Frauen in einer weißen Männerdomäne behaupten konnten und so ein wichtiges Zeichen auf dem Weg zur Aufhebung der Rassentrennung setzten. Dabei hält sich Melfi streng an die historischen Fakten – und das kann er sich auch ohne weiteres erlauben, denn das Trio hat so Erstaunliches erreicht, dass seine Geschichte gar keiner weiteren Hollywood-Ausschmückung bedarf.

Die im Zentrum des Films stehende Katherine bekommt als einzige eine persönliche Hintergrundgeschichte spendiert: Als Witwe findet sie in dem Soldaten Jim Johnson einen treuen Ehemann und Ersatzvater für ihre drei Kinder. Viel faszinierender als diese gefällige, aber überraschungsarme Nebenhandlung ist allerdings der tägliche Kampf am Arbeitsplatz um Anerkennung, Würde und Stolz. Immer wieder stehen die Rassenschranken im Weg. An einer Stelle erzählt Dorothys Vorgesetze Vivian (Kirsten Dunst), dass sie ja gar nichts gegen sie als Schwarze habe. Und Dorothy erwidert entlarvend: „Ich bin sicher, dass sie das wirklich glauben.“ Dieser Mini-Dialog bringt den unterschwelligen Rassismus der Ära perfekt auf den Punkt.

Melfi beschreibt die Taktik der drei Frauen als eine der sanften Zermürbung: Sie drängen sich bescheiden und mit Respekt auf, die Aggressionen der schwarzen Bürgerrechtler sind ihnen fremd. Der Gegensatz dieser latenten Unterwürfigkeit der Schwarzen und der selbstverständlichen Arroganz der Weißen lädt den Film mit sicherlich kalkulierten, aber deshalb nicht weniger effektvollen Emotionen auf. Nichts anderes als Fremdscham kann man fühlen, wenn sich die weißen NASA-Herren davor ekeln, sich den Kaffee aus derselben Kanne einzugießen wie Katherine. „The Big Bang Theory“-Star Jim Parsons agiert exemplarisch als Katherines Nemesis - als der Mann, der immer noch ein bisschen skeptischer ist als seine Kollegen, weil er in ihr auch eine Gefahr für seine eigene Stellung sieht.

Dass „Hidden Figures“ trotz einer unverhohlenen Süße in der Erzählung so gut funktioniert, liegt neben dem durch und durch sympathischen Frauentrio Taraji P. Henson, Octavia Spencer und Janelle Monáe („The Equalizer“) auch an Kevin Costner, der als Schlüsselfigur eine Verbindung zwischen Schwarz und Weiß herstellt. Sein Al Harrison ist ein knorriger, harter Hund, der nicht gerade den Ruf hat, besonders nett zu sein. Aber sein Ehrgeiz und sein Pragmatismus machen ihn blind für Rassenressentiments und somit wird er auch ohne jedes politische oder persönliche Motiv zum größten Fürsprecher Katherines. Das Ergebnis sind einige sehr berührende Szenen, etwa wenn Harrison mühevoll die eiserne Tafel mit der Kennzeichnung für die Schwarzen-Toiletten zertrümmert, weil es ihm gewaltig stinkt, dass seine beste Kraft täglich fast eine Stunde fehlt, weil sie über den halben Campus rennen muss, um in einem anderen Gebäude ihre Notdurft zu verrichten.

Die Raumfahrt selbst bildet in „Hidden Figures“ nur den Hintergrund. Wer mehr über diese hochspannende Phase der NASA erfahren will, guckt am besten Philip Kaufmans Meisterwerk „Der Stoff aus dem die Helden sind“. Die wichtigsten Eckpunkte des Mercury- und Apollo-Programms werden zumindest angerissen, das Set-Design ist liebevoll-authentisch. Immer wieder bindet Melfi organisch Originalaufnahmen ein und schafft so eine stimmig-nostalgische Atmosphäre.

Fazit: 
Eine weitgehend unbekannte Episode der US-amerikanischen Raumfahrtgeschichte – aufbereitet als berührendes, manchmal etwas süßliches Gleichberechtigungsdrama. Dennoch wirken die Figuren sehr gut entwickelt und die Geschichte sehr gut erzählt. Dafür vergeben wir 8,5 von 10 Punkte. (mk)

Freitag, 13. Januar 2017

La La Land (OV)



Facts:

Genre:Drama, Muscial, Romanze
Regie: Damien Chazelle
Cast: Ryan Gosling, Emma Stone, John Legend
Laufzeit: 128 Minuten
FSK:  ab 0 Jahre
Verleih:  Studio Canal Deutschland


(c) Studio Canal Deutschland


Inhalt:
Mia (Emma Stone) ist eine leidenschaftliche Schauspielerin, die ihr Glück in Los Angeles sucht. Sebastian (Ryan Gosling) will dort ebenfalls seinen Durchbruch schaffen, allerdings nicht als Schauspieler, sondern als Musiker, der Menschen des 21. Jahrhunderts für traditionellen Jazz begeistern möchte. Mia und Sebastian müssen sich mit Nebenjobs durchschlagen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern – sie arbeitet in Cafés, er sitzt in Clubs wie dem von Boss (J.K. Simmons) am Keyboard. Nachdem sie einander vorm Klavier begegnet und schließlich ein Paar geworden sind, geben sich gegenseitig Kraft. Von nun an arbeiten sie zu zweit daran, groß rauszukommen. Doch schnell müssen Mia und Sebastian feststellen, dass ihre Bestrebungen auch Opfer fordern und ihre Beziehung auf eine harte Probe stellen. Verrät sich Sebastian selbst, wenn er in der Band von Keith (John Legend) Musik spielt, die er gar nicht mag? Und kann Mia ihre Zeilen nicht auch mit ihrem Freund auf Tour lernen, oder muss sie dazu wirklich in L.A. bleiben?  

Bewertung: 
Bereits mit der auf einer der zahlreichen, nach L.A. hineinführenden Brücken angesiedelte Auftakt ist eine Klasse für sich! Die Kamera von Linus Sandgren schwebt auf die stockende Wagenkolonne zu, die sie anschließend – ohne erkennbaren Schnitt – für eine grandiose fünfminütige Eröffnungssequenz ständig umkreist. Aus den haltenden Autos steigen mehr und mehr Menschen aus, in einem der Trucks befindet sich eine Band – und alle gemeinsam besingen sie das Leben und die hoffnungsverheißende Stadt der Engel. Dieser Track gibt bereits die Stimmung für den gesamten Film vor: Immer eine Melodie auf den Lippen, stets schön locker in der Hüfte. Fans von Film-Musicals wird „La La Land“ sowieso zu wahren Freudenstürmen hinreißen. Aber was noch viel beeindruckender ist: Wo in den vergangenen Jahren hier und da mal ein vereinzeltes Musical mehr oder weniger erfolgreich in den Kinos lief , ohne dass man ein paar Monate später noch groß über diese Filme reden würden, trauen wir „La La Land“ ohne weiteres zu, einen ähnlichen Kultstatus wie Baz Luhrmans „Moulin Rouge!“ zu erreichen.

„La La Land“ mag an klassische Hollywood-Musicals angelegt sein, aber das hält Damien Chazelle nicht davon ab, immer wieder interessante neue Wege zu finden, seine nur im Kern simple Geschichte zu erzählen. So pfeift er auf eine lineare Erzählweise und springt zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Zudem hat er den Film in Kapitel unterteilt, die den vier Jahreszeiten zugeordnet sind. Dennoch stehen natürlich die Tanz- und Gesangsnummern (die in ihrer pompösen Pracht mitunter an den oft unterschätzten „Der große Gatsby“ von Baz Luhrman erinnern) im Mittelpunkt: Emma Stone (das schönste Lächeln seit Julia Roberts) und Ryan Gosling (trägt die coolsten Filmanzüge der Welt) hängen sich voll rein und zeigen eine Menge Seele. Sicherlich tanzen und singen sie nicht so gut oder elegant wie dereinst Fred und Ginger, aber das hatte wohl auch niemand ernsthaft erwartet. Dafür dürfen sie gemeinsam in den Himmel schweben (die gute Art von Kitsch) oder am Ende noch einmal eine alternative Version des gesamten Plots tanzen – vor Chazelles überbordender Phantasie kann man einfach nur den Hut ziehen!

Und immer, wenn man sich Sorgen macht, dass der Film demnächst auf der Stelle treten könnte, lässt der Regisseur seinen Film aus der Perspektive einer anderen Person einfach noch mal von vorn beginnen oder er zaubert so tolle Gaststars wie John Legend aus dem Hut. Oder er schwenkt zu spannenden Debatten über die Leidenschaft, den wahren Jazz und die Lebbarkeit der einen großen Liebe. Hier entwickeln perfekt gekleidete Menschen tatsächlich mal kluge Gedanken über das Leben, die weit über die klassischen Hollywood-Moralweisheiten hinausreichen – so ist „La La Land“ ein Film, der vor allem unheimlich glücklich und dabei auch ein wenig nachdenklich macht.

Fazit: 
Das klassische Hollywood-Musical ist zurück. Damien Chazelle hat mit „La La Land“ einen Instant-Klassiker rausgehauen, der Emma Stone und Ryan Gosling als das aktuelle Traumfabrik-Traumpaar schlechthin etabliert und auch bei der kommenden Oscarverleihung ein ganz gehöriges Wörtchen mitreden wird. Dafür vergeben wir gut gelaunte 9 von 10 Punkte. (mk)