Donnerstag, 31. Juli 2014

Drachenzähmen leicht gemacht 2



Facts:

Genre: Animation
Regie: Dean DeBlois
Cast: Gerard Butler, Jonah Hill, Kit Harington


Laufzeit: 102 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
Verleih: Fox Deutschland

(c) Fox Deutschland


Inhalt: 

Die Wikinger auf der Insel Berk haben sich mit den wilden Drachen, die einst die Dörfer unsicher machten, angefreundet. Astrid (Stimme: America Ferrera), Rotzbakke (Jonah Hill) und der Rest der Clique verbringen ihre Freizeit mit dem neuen Lieblingssport der Inselbewohner: dem Drachenrennen. Nur der junge Wikinger Hicks (Jay Baruchel), der von seinem Vater in die Rolle des neuen Häuptlings gedrängt wird, geht lieber auf Erkundungsflügen die weite Welt erforschen – natürlich auf dem Rücken von Drache Ohnezahn. Bei einer dieser Reisen trifft der Häuptlingssohn nicht nur seine totgeglaubte Mutter, sondern entdeckt auch eine geheime Eishöhle. In der sind hunderte, bislang unbekannte wilde Drachenarten zuhause – und der mysteriöse Drachenreiter. Bald geraten Hicks und Ohnezahn in einen Kampf um den Frieden auf Berk, den sie nur gemeinsam mit ihren Freunden gewinnen können… 

Bewertung:

In den oft zu hörenden Klageliedern über den angeblichen Niveauverfall in Hollywood wird meist schon die große Anzahl an Fortsetzungen, Remakes und ähnlichem als Beleg für eine künstlerische Krise angesehen. Dabei muss man gar nicht unbedingt Klassiker wie „Der Pate II“ oder „Das Imperium schlägt zurück“ bemühen, um festzustellen, dass Sequels längst nicht immer von einem Mangel an Originalität zeugen – auch wenn sie gleichzeitig vorprogrammierte Hitfilme sein sollen. Wie man ein etabliertes erzählerisches Universum als Sprungbrett für etwas Frisches und Neues benutzt, das zeigt nun Regisseur Dean DeBlois mit seinem 3D-Animationsfilm „Drachenzähmen leicht gemacht 2“. Mit den nun deutlich älteren Figuren aus dem ersten Teil (und einigen hochinteressanten Neuzugängen) führt er das Franchise nicht nur technisch auf ein neues Level, sondern setzt zugleich ganz eigene thematische Akzente und schlägt einen spürbar anderen Tonfall an: Während „Drachenzähmen leicht gemacht“ charmant-aufregende Familienunterhaltung bot, ist die nun endgültig irreführend betitelte Fortsetzung ein für Kinder wenig geeignetes, zuweilen recht martialisches, visuell aber oft geradezu berauschendes 3D- Fantasy-Epos mit überraschend wenigen Humoreinlagen.  

Mit der Entscheidung, die Handlung von „Drachenzähmen leicht gemacht 2“ fünf Jahre nach dem ersten Film anzusiedeln, hat Dean DeBlois, der hier im Alleingang für Regie und Drehbuch verantwortlich ist (nachdem er sich die Aufgaben beim Vorgänger noch mit „The Croods“-Macher Chris Sanders geteilt hat, die entscheidende Weiche gestellt: Aus dem Jungen Hicks ist nun ein Mann geworden. Als gerade Erwachsener wird er mit dem Ernst des Lebens konfrontiert und das verändert den Tonfall des Films ganz wesentlich. Er muss sich nicht nur mit dem Gedanken anfreunden, als künftiger Häuptling Verantwortung für seinen ganzen Stamm zu übernehmen, er wird zudem über die Begegnung mit Valka mit den familiären Problemen der Vergangenheit konfrontiert und muss am Ende sein Leben einsetzen, um die Drachen und damit die Welt zu retten. Die Auseinandersetzungen mit dem fiesen Drago, der das pure Böse verkörpert, sind dabei sehr spannend und intensiv. Der düstere, gelegentlich fast fatalistische Tonfall spiegelt sich in einer eindrucksvollen Gestaltung der bösen Mächte – nur inhaltlich befindet sich das Ganze nicht immer auf der Höhe. Das Duell zwischen Gut und Böse wird zum Machtkampf um die Herrschaft über die Natur (die Drachen werden tatsächlich gezähmt) und für die besiegte Idealistin Valka muss am Ende der fast zum Heiland stilisierte (männliche) Held einspringen, der ganz genau weiß, was die Welt braucht und das mit quasi-religiösem Pathos verkündet.

Die erwähnten Untertöne mögen immer mal wieder irritierend an die Oberfläche dringen, aber über weite Strecken ist „Drachenzähmen leicht gemacht 2“ einfach nur ein beeindruckendes Spektakel: Es beginnt mit einer rasanten Action-Sequenz in Berk, wenn die jungen Leute des Stammes sich in einem halsbrecherischen Drachenrennen messen (ein Sport irgendwo zwischen „Harry Potter“-Quidditch und „Star Wars“-Podrace), bei dem Dean DeBlois gleich zeigt, was er kann. Temporeich, aber nicht hektisch; detailfreudig, aber nicht überladen; humorvoll, aber nicht albern – die Szene ist ein idealer Bogen zum ersten Film und auch für sich genommen perfekt. Im Anschluss an diesen Auftakt folgen noch einige Flüge von Hicks und Ohnezahn, die was das 3D-Erlebnis von Bewegung, Farben und Formen im Kino angeht, bisher kaum ihresgleichen haben, aber dann setzt DeBlois schnell auch visuell den neuen Fantasy-Akzent und im letzten Drittel hat das Ganze manchmal fast etwas von „Game Of Thrones“. In Dragos Domäne sind die Farben ausgebleicht, die Natur ist feindlich und die Menschen bewehren sich mit Waffen und Rüstungen. Dieser abwechslungsreiche neue Look (als visueller Berater hat der zehnfach oscarnominierte Kameramann Roger Deakins mitgearbeitet) ist neben der erneut hervorragenden Musik von John Powell eine der großen Stärken eines mutigen und unerwarteten Films, der nicht ganz so geschlossen ist wie der erste Teil, der zugleich aber unheimlich neugierig macht auf den Abschluss der geplanten Trilogie.

Fazit: 

„Drachenzähmen leicht gemacht 2“ ist eine Fortsetzung der etwas anderen Art – neuer Ernst und neuer Look, aber auch viele gewohnte Qualitäten. Dennoch erinnert der Film eher an eine Folge aus der gleichnamigen TV Serie "Die Drachenreiter von Berk". Daher gibts nur enttäuschende 5 von 10 Punkte. (mk)

Freitag, 25. Juli 2014

Transformers 4 - Ära des Untergangs 3D OV



Facts:

Genre: SciFi, Action
Regie: Michael Bay
Cast: Michael Wahlberg, Nicola Peltz, JackReynor
Laufzeit: 165 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Paramount Pictures Germany

(c) Paramount Pictures Germany

Inhalt:


Inzwischen sind nach den Ereignissen von Chicago in Transformers 3 fünf Jahre vergangen. Die Welt, wie wir sie kannten, hat sich verändert, denn der Pakt zwischen Menschen und Autobots wurde aufgehoben. Systematisch werden die Autobots von Sondereinsatzkommandos gejagt und zur Strecke gebracht. Optimus Prime, noch immer ihr Anführer, gilt als verschollen.
Cade Yaeger (Mark Wahlberg) führt als Erfinder ein recht bescheidenes Leben und versucht vor allem, ein guter Vater für seine Tochter Tessa (Nicola Peltz) zu sein. Doch eines Tages stolpert Cade durch Zufall über den schrottreifen Optimus Prime und gerät prompt mit seiner Familie in die Schusslinie zwischen Regierung und Autobots. Plötzlich ist Cades ohnehin schon kompliziertes Leben ein Scherbenhaufen und so stellt er sich auf die Seite der Autobots, um sich und seine Tochter zu retten und schlussendlich die wahren Hintermänner ausfindig zu machen. Denn bei der Jagd auf die Autobots mischen noch mehr Parteien mit und die Rückkehr eines alten Feindes steht unmittelbar bevor...

Bewertung:

Er hat’s also doch getan. Nach der wiederholten Ankündigung, er würde für keinen weiteren „Transformers“-Film mehr zur Verfügung stehen, ließ sich Bombast-Maestro Michael Bay schließlich von den megalangen Schlangen umstimmen, die sich vor dem von ihm mitgestalteten Freizeitpark-Fahrgeschäft „Transformers: The Ride“ in Singapur bildeten. Und auch sonst ist trotz des angedeuteten Reboots (zumindest das menschliche Figurenarsenal wurde fast vollständig ausgetauscht) beim Auftakt der nun geplanten neuen Trilogie das meiste beim Alten geblieben: Statt einer austauschbaren Coming-of-Age-Romanze dient in „Transformers: Ära des Untergangs“ nun eine austauschbare Alleinerziehender-Vater-Tochter-Beziehung als Mittel zum Zweck für den gewaltigsten Leinwand-Blechschaden aller Zeiten. Aber hey, das ist „Transformers“, da wollen wir fightende Roboter und keine besorgten Väter sehen, oder? Dumm nur, dass das Überwältigungs-Konzept diesmal lediglich in den ersten 90 Minuten der unnötig langgezogenen Spieldauer von zweidreiviertel Stunden aufgeht, weil es anschließend trotz Hongkong-Zerlegung und Dinobots einfach keine Steigerung mehr gibt und die redundante Action trotz technisch perfektem 3D irgendwann eher anstrengt statt zu unterhalten.

Nun haben sich die Produzenten für Mark Wahlberg („Ted“) als neues Zentrum der zweiten Trilogie ausgesprochen (Michael Bay wollte ursprünglich mit LaBeouf weitermachen) und ganz ehrlich: Es macht absolut keinen Unterschied! Wahlberg zeigt als texanischer Daniel Düsentrieb definitiv die nötigen Leading-Man-Qualitäten, aber genau wie LaBeouf erhält auch er vom Drehbuch kaum eine Chance: Der überfürsorgliche Cade ist stinksauer, dass seine 17-jährige Tochter mit einem 20-Jährigen ausgeht (bzw. mit überhaupt jemandem) – und das bleibt neben seinem allgemeinen Heldenmut für 165 Minuten sein einziger wesentlicher Charakterzug! Cades Dilemma mag im konservativen amerikanischen Süden und im neuen Kino-„In-Markt“ China auf großes Verständnis stoßen, aber als deutscher Zuschauer fragt man sich schon, was der ganze Trubel um die drei Jahre Altersunterschied eigentlich soll - man könnte meinen, Bay hätte bloß einen Vorwand gebraucht, um trotz eines 40+-Protagonisten eine junge Schönheit im Film unterzubringen. Es ist jedenfalls fast schon komisch (wenn es nicht so sexistisch wäre), dass der Regisseur Nicola Peltz („Die Legende von Aang“) praktisch Einstellung für Einstellung genauso voyeuristisch abfilmt wie zuvor schon Megan Fox und Rosie Huntington-Whiteley.

Der ehemalige Q-Darsteller John Cleese hat sich erst vor kurzem beschwert, dass der Humor aus der Bond-Reihe verschwunden sei, um das Franchise für die internationalen Märkte noch interessanter zu machen (Action funktioniert überall, Gags nicht). Aber während wir den trockenen Pointen der 007-Filme durchaus nachtrauern, können wir sehr gut damit leben, dass nach der völlig vermurksten Comedy-Auftakt-Stunde von „Transformers 3“ nun auch Michael Bay beim vierten Teil in Sachen Humor deutlich kürzer tritt. Es gibt mit dem Stabschef des Weißen Hauses (Thomas Lennon) und dem Decepticon Brains (Stimme: Reno Wilson) nur noch zwei als komisch angelegte Nebenfiguren. Beide sind nicht lustig und sind zudem auch nur kurz zu sehen. Gelacht wurde in unserer Vorstellung lediglich beim Gekabbel zwischen Wahlberg und Reynor sowie bei Bays unvermeidlichen Superzeitlupe-Heldenposen. Statt für Humor steht nun noch mehr Zeit für brachiale Nonstop-Action zur Verfügung, die etwa ab Minute 40 einsetzt und von der uns bis zum Abspann kaum noch längere Verschnaufpausen gegönnt werden. Aber trotz der bisherige Standards pulverisierenden Spezialeffekte gibt es da ein kleines Problem: Während Bay am Ende von „Transformers 3“ mit der Schlacht um Chicago noch mal richtig einen draufsetzen konnte, wirkt die Action in „Ära des Untergangs“ trotz der wechselnden Schauplätze, neuen Autobots (bester Neuzugang: Hound, gesprochen von John Goodman) und fürs Finale kurz vorbeischauender Dinobots überraschend eintönig.

Obwohl sich ein gigantomanisches Setpiece an das nächste reiht, gibt es kaum wirklich hervorstechende Momente, stattdessen vermischen sich die alle gleich laut in Szene gesetzten Actionsequenzen in der Wahrnehmung zu einem kaum noch Differenzierungen zulassenden Brei. Bay setzt ausschließlich auf Bombast, statt auch mal kreativ inszenierte Passagen einzustreuen. Dass man sich bei der Verlagerung der Handlung nach Shanghai und Hongkong wünscht, die Macher wären in Chicago geblieben und würden da zum Ende kommen, liegt aber auch an dem unnötig aufgeblasenen Plot (nicht die Handlung, sondern das Marketing braucht das China-Setting!), der zudem unter dem „Spider-Man 3“-Problem leidet: Es gibt viel zu viele Bösewichte! Aus Spoiler-Gründen zählen wir die hier nicht alle auf (einige sind tatsächlich eine kleine Überraschung), aber es sind mehr als eine Handvoll und ihre Motivationen bleiben mitunter so willkürlich, dass sich beim Zuschauer schnell eine gewisse Gleichgültigkeit einstellt. Bay hat seinem Regie-Nachfolger (den fünften Teil will er nun wirklich nicht mehr machen) eine Menge Vorlagen für weitere Filme geliefert: die erstmals auftauchenden Dinobots, die finale Szene mit Optimus Prime, eine merkwürdige Alienhand, die nur für wenige Sekunden zu sehen ist. Aber während solche Andeutungen (wie etwa bei den Blockbustern des Marvel-Studios) manchmal sehr faszinierend sind und Neugier wecken, löst die Erwartung eines weiteren „Transformers“-Sequels nach „Ära des Untergangs“ eher Achselzucken aus.

Fazit: 

Keine Frage, Michael Bay bringt einen mit seiner Spezialeffekt-Orgie zum Staunen - aber weil die Figuren allesamt blass bleiben und die Action eintönig laut vor sich hinwummert, schlägt dieser Wow-Effekt leider allzu schnell in Gleichgültigkeit und Langeweile um. Daher gibt es trotz der coolen Dinobots nur magere 6 von 10 Punkte. (mk)

Mittwoch, 23. Juli 2014

Qissa - Der Geist ist ein einsamer Wanderer



Facts:

Genre: Drama
Regie:Anup Singh
Cast: Irrfan Khan, Tillotama Shome, Rasika Dugal, Tisca Chopra


Laufzeit: 109 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Camino Filmverleih

(c) Camino Filmverleih

Inhalt:

Umber Singh (Irrfan Khan) ist ein Sikh, der während Indiens Trennung 1947 alles verliert und sein Heimatland verlassen muss. Er ist besessen von dem Wunsch nach einem männlichen Nachfolger, doch bisher sind alle seine drei Kinder Mädchen und mindern damit das Ansehen seiner Familie. Als Umber eine weitere Tochter bekommt, forciert er einen Etikettenschwindel, gibt dem Druck der gesellschaftlichen Zwänge nach: Er beschließt, die Kleine in dem Glauben aufwachsen zu lassen, ein Junge zu sein – und sie entsprechend zu erziehen. Doch als viele Jahre später die Hochzeit seines "Sohnes" Kanwar (Tillotama Shome) mit einem Mädchen (Rasika Dugal) aus niederer Kaste ansteht, muss sich Umbers Familie der Wahrheit stellen. Die Situation eskaliert und die selbstgebaute Realität, vom besessenen Vater so mühevoll aufgebaut, droht zusammenzustürzen… 

Bewertung:

Am Schicksal eines Mädchens, das als Junge großgezogen wird, macht Anup Singh das Geburtstrauma Indiens fest und prangert, zwischen Traum und Albtraum oszillierend, die patriarchalischen Strukturen des Landes an.

Der indische Film wird meist mit Bollywood gleichgesetzt, man denkt an rauschhafte, verzwickte Liebesgeschichten, farbenfrohe Bilder, Gesangs- und Tanzeinlagen. Darüber wird gern vergessen, dass im immer noch produktivsten Filmland der Welt auch der Autorenfilm Tradition besitzt, man denke nur die Meilensteine von Satyajit Ray ("Apu"-Trilogie) oder Mrinal Sen ("Khandhar"). Diesen Regisseuren ist auch Anup Singh zuzurechnen, dessen zweiter Spielfilm "Qissa - Der Geist ist ein einsamer Wanderer" als europäische Koproduktion - darunter die Kölner "Heimatfilm" - entstand.

In die Geschichte führt sein (Familien-)Drama zurück, ins Jahr 1947 als Britisch-Indien auf Grund religiöser und ethnischer Konflikte zerbricht und dies zur Gründung zweier unabhängiger Staaten, Indien und Pakistan, führt. Der Sikh Umber Singh (Irrfan Khan) ist daraufhin gezwungen seine Heimat zu verlassen. In der Fremde muss er sich eine neue Existenz aufbauen. Schlimmer noch wiegt jedoch, dass seine Frau ihm keinen Stammhalter schenkt. Als die vierte Tochter auf die Welt kommt, tauft er das Mädchen Kanwar ("junger Prinz") und erzieht sie im Glauben ein Mann zu sein.

Seiner Mutter hat Singh den Film gewidmet, inspiriert zu seinem Drehbuch haben ihn die Erinnerungen des Großvaters, der an der Zwangsumsiedlung zeitlebens litt und gerne von Shiva, dem Gott der Schöpfung und der Zerstörung, erzählte. Entsprechend zwischen Traum, Albtraum und harscher Realität pendelt die Arbeit. In einer (fast) mythologischen Zwischenwelt bewegen sich die Menschen, in der auch Geister ihren Platz haben und die von patriarchalischen Strukturen bestimmt ist. Um Identität und Selbstfindung geht es - festgemacht an Kanwar -, um das Trauma eines ganzen Volkes und um das Los indischer Frauen, die in ihrer Gesellschaft so gut wie nichts gelten.

Dunkel hält Sebastian Edschmid ("Black Death") die Bilder, Braun-, Schwarz- und Grüntöne herrschen vor. Die Figuren verschwimmen in nächtlichen Szenarien, Mann und Frau sind oft nicht zu unterscheiden. Bedächtig bleibt das Tempo dieses "Volksmärchens", so die wörtliche Übersetzung des Titels aus dem Arabischen. Mimik und Gestik kommen viel Bedeutung zu, die Dialoge sind reduziert. Irrfan Khan ("Lunchbox") besticht in der Rolle des durchaus sympathischen, vielschichtig gezeichneten Vaters. An seiner Hybris zerbricht er letztlich und wird zum Wanderer zwischen den Welten, der selbst nach seinem Tod noch ein Getriebener bleibt.

Fazit:

Ein zeitiges und aktuelles Drama, das aus der Bahn geworfen wird, als es seltsam ins Übernatürliche übergeht. Am Ende bleibt man nachdenktlich im Kinosessel sitzen. Für diverse Denkanstösse vergeben wir 7 von 10 Punkte. (mk)

Dienstag, 15. Juli 2014

Wüstentänzer - Afshins verbotener Traum von Freiheit



Facts:

Genre: Drama, Biographie
Regie:Richard Raymond
Cast: Freida Pinto, Nazanin Boniadi, Tom Cullen (III)




Laufzeit: 98 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Senator Filmverleih

(c) Senator Filmverleih


Inhalt: 

Der junge Iraner Afshin Ghaffarian (Reece Ritchie) tanzt für sein Leben gern, obwohl genau diese Leidenschaft in seinem Heimatland unter Strafe steht. Sein großes Interesse wird neuerlich befeuert, als es ihm gelingt, an seiner Teheraner Uni einen Internet-Account zu hacken und darüber an Musik- und Tanzvideos aus aller Welt zu kommen, von Michael Jackson bis zu Pina Bausch. Gemeinsam mit ein paar gleichermaßen Interessierten begründet Afshin eine geheime Tanzgruppe, die sich in einem abgelegenen Raum zum Proben trifft. Eine der Tänzerinnen ist die geheimnisvolle Elaheh (Freida Pinto), für die er schnell mehr empfindet. Doch die versteckte Tänzergemeinschaft gerät in Gefahr, je näher die Präsidentschaftswahlen rücken und umso größer die politischen und gesellschaftlichen Spannungen im Land werden. Afshin entschließt sich trotzdem zu einem Auftritt… 

Bewertung:

 Die Helden in „Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit“ sind junge Menschen, die gegen die Unterdrückung künstlerischen Ausdrucks im Iran Widerstand leisten – indem sie sich dem absoluten Tanzverbot, das seit der islamischen Revolution von 1979 gilt, widersetzen. Den zeitgeschichtlichen Hintergrund bilden dabei die studentischen Proteste von 2008 und 2009 anlässlich der Wiederwahl des damaligen Präsidenten Ahmadinedschad. Angelegt ist die erste Regiearbeit des britischen Produzenten Richard Raymond als Biopic über einen noch jungen iranischen Tänzer, der heute in Paris lebt. Abgesehen von einer hervorragend choreographierten Tanzszene ist das Ergebnis aber schon ästhetisch nur schlichter Polit-Kitsch. 

„Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit“ wirkt wie ein Film, der über sein Planungsstadium nicht hinausgelangt zu sein scheint. Wenn in meist nichtssagenden Bildern Anekdote an Anekdote gereiht wird, meint man weniger etwas zu sehen als etwas zu hören, nämlich wie der echte Afshin Ghaffarian, der am Schluss verhalten in die Kamera lächelt, Regisseur Raymond und Co-Drehbuchautor Jon Croker sein Leben erzählt hat. Und dann geschah das, und dann das…Und wie so oft bei mündlichen Berichten kann man manches gar nicht beschreiben, sondern nur beschwören, wie großartig oder schrecklich es war. Die Macher von „Wüstentänzer - Afshins verbotener Traum von Freiheit“ können das ärgerlicherweise auch nicht, weder mit Dialogen noch mit visuellen Mitteln.

Wo immer Afshin Ghaffarian gestockt haben mag, können auch sie nur beschwören statt zeigen. Welche Faszination Kunst ausübt? Zur Erklärung nur strahlende Gesichter abzufilmen, ist auf Dauer anstrengend und armselig. Die Reaktion auf den Tanz, den Elaheh hinlegt, als sie sich der Gruppe um Afshin vorstellt? Die Phantasie der Inszenierung und des Drehbuchs reicht nur bis zu staunend aufgerissenen Mündern, die man noch sehr oft sehen wird. Sicher agiert die Crew nur bei genrehaften Intermezzi, wenn Gewalt dargestellt wird, wenn Knüppel geschwungen, Pistolen an Köpfe gepresst und Gefesselte mit Fußtritten traktiert werden. Oder wenn tränenreiche Abschiede zu zelebrieren sind, die sich routiniert mit dem Instrumentarium des Melodrams in Szene setzen lassen. Abgesehen von Freido Pinto („Slumdog Millionär“), der die drogensüchtige Tänzerin schon von der Rolle her einfach mehr Einsatz abverlangt, beschränken sich die Darsteller auf mimische Eindimensionalität, als wäre die Mitwirkung an dem Film selbst schon eine gute Sache oder jede emotionale Schattierung ein Verrat an derselben. Die Freiheit des Ausdrucks mit dessen Minimalisierung erkämpfen zu wollen, ist ein Paradox, der zum Verhängnis werden muss.

Filmenthusiasten erinnern sich vielleicht wehmütig an Taylor Hackfords Thriller „White Nights – Nacht der Entscheidung“. Jede Minute nimmt man Mikhail Baryshnikov und Gregory Hines darin ab, dass der Tanz für sie nichts weniger als eine der Gefangenschaft abgerungene Form des Atmens in Freiheit ist. Nicht annähernd diese Wirkung hat der Tanz von Reece Ritchie und Freida Pinto in der Wüste, mag er auch allegorisch, schön und pathetisch sein und einer gefährlichen Situation trotzen. Als Afshin seinen Freund Nasar, der den Auftritt gefilmt hat, mit einem malträtierten Auge wiedersieht und ihn besorgt danach fragt, antwortet dieser, er habe Besuch von der Geheimpolizei erhalten. „Aber für diesen Moment der Freiheit, als ihr beide getanzt habt“, sagt er, „hat es sich gelohnt.“ Das hätte man als Zuschauer allerdings gerne deutlicher gespürt.

Fazit: 

„Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit“ ist ohne Frage ein Film mit einem wichtigen Anliegen. Das Ergebnis ist allerdings unausgereift und hölzern inszeniert. Über die Parallelgesellschaft junger Menschen im Iran erfährt man einiges, über das Widerstandspotenzial der Kunst – hier des Tanzes – viel zu wenig. Das ist uns leider nur 4 von 10 Punkte wert. (mk)