Donnerstag, 30. Juli 2020

LUCY IN THE SKY


LUCY IN THE SKY


Genre: Drama, SciFi
Regie: Noah Hawley
Cast: Natalie Portmann, Jon Hamm, Zazie Beetz
Laufzeit: 125 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: 
Walt Disney Germany

 

Lionbeen Lucy In The Sky - Movie Poster - Filmplakat 70 X 45 cm. (NOT A  DVD): Amazon.de: Küche & Haushalt
(c) Walt Disney Germany

 

Inhalt:

Nach einer erfolgreichen Weltraum-Mission kehrt die junge Astronautin Lucy Cola (Natalie Portman) auf die Erde zurück. Doch seit sie die unendlichen Weiten des Alls mit all seiner Pracht bereist hat, ist sie verändert und beginnt, die Realität auf der Erde nicht mehr als solche wahrzunehmen. Sie fühlt sich ihrem eigenen, irdischen Leben und insbesondere ihrem Ehemann Drew (Dan Stevens) entrückt und leidet höchstwahrscheinlich an posttraumatischen Belastungsstörungen, weshalb sie sich in psychiatrische Hilfe begibt. Um aus ihrem tiefen Loch wieder herauszukommen, beginnt Lucy eine Affäre mit dem NASA-Kollegen Mark Goodwin (Jon Hamm), der sie, ihre Erfahrungen und ihre Probleme besser zu verstehen scheint. Doch als eine Konkurrentin um sein Herz auftaucht, übernimmt die Eifersucht Lucys ohnehin schon angeschlagenen Verstand.



Bewertung:

Die Astronautin lächelt versonnen, als sie bei ihrem Spacewalk fast frei im Weltraum schwebt, nur mit einem langen Kabel am Shuttle vertäut. Nachdem sie von ihren Kollegen wieder reingezogen wurde, ist das Strahlen allerdings verschwunden. Teilnahmslos sitzt sie in ihrem Sessel, während das Raumschiff in die Atmosphäre eintritt und zur Landung ansetzt. Ihr nach der Rückkehr auf die Erde häufig eintretender emotionaler Nullzustand wird mit Hilfe meditativ anmutender Bilder von Kamerafrau Polly Morgan („A Quiet Place 2“), dem sphärischen Score von Jeff Russo („Mile 22“) sowie ein paar melancholisch-verträumten Popsongs zunächst noch effektiv illustriert.

Eine weitere wichtige Rolle spielt in diesen Situationen der Sound. Ein gutes Beispiel dafür ist die Szene, in der Lucy auf für sie schmerzhaft-peinliche Art von Marks Beziehung mit der von „Joker“-Co-Star Zazie Beetz verkörperten Erin erfährt. Das alles ist zusätzlich stressig für die junge Frau, weil sie bei ihrer ersten Begegnung dachte, dass Erin für sie eine Freundin, eine Schwester im Geiste werden könnte. Als sie dann aber realisiert, dass ihr Erin nicht nur den Liebhaber, sondern auch den Platz auf der so verzweifelt angestrebten Mission streitig machen könnte, bricht für Lucy eine Welt zusammen. Exakt hier ändern Regisseur Noah Hawley und Sound-Editor Justin M. Davey („A Quiet Place“) den regulären Klang in ein dumpfes, statisches Brummen, das die Stimmen und Umgebungsgeräusche nur entfernt wahrnehmbar macht.

Zudem lässt Hawley sein Publikum auch visuell zumindest ansatzweise mitfühlen, wie beengt, fast schon erdrückend Lucy ihren Alltag auf der Erde wahrnimmt: So ändert er etwa das Seitenverhältnis der Bilder, wenn sie auf die Erde zurückkommt. Aus dem ausladendem Cinemascope-Format (2.39:1) bei den visuell ein wenig an „Gravity“ erinnernden Weltraum-Sequenzen werden auf der Erde fast quadratische Bilder im 1.33:1-Verhältnis. Beim Astronauten-Training ist das Format dann zwischendurch schon wieder deutlich breiter (1.85:1), denn Lucy nähert sich spür- und sichtbar ihrem Element. Das ist ein simpler, zumindest am Anfang des Films noch gut funktionierender Trick, um den Zuschauer in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin hineinzuziehen. Im späteren Verlauf beginnt das ständige Hin und Her der Formate, das Rauf und Runter der Geräuschkulisse dann jedoch zu nerven, auch weil das Konzept von Hawley & Co. nicht mehr stringent beibehalten wird. Selbst wenn es die Absicht war, so Lucys zunehmende Irrationalität in der zweiten Hälfte zu verdeutlichen, gelingt die Umsetzung nicht. Das Ganze wirkt eher zufällig und ist selbst mit gutem Willen irgendwann kaum mehr nachvollziehbar.

Dazu kommen immer evidenter werdende Drehbuchschwächen. Der früh absehbare Verlauf der Handlung wird durch aufdringliche Symbolik nicht interessanter. Zumal diese sehr klischeehaft daherkommt, etwa mit aus ihrem Kokon schlüpfenden Schmetterlingen als Bild der Selbstfindung oder einer startenden Rakete, die parallel zu Lucys Orgasmus beim Oralsex mit Mark geschnitten ist. Zu allem Überfluss ist das Story-Finale alles andere als befriedigend. Anstelle eines echten Höhepunkts kullert der so lange aufgebaute Moment einfach mäandernd in einer erzählerischen Sackgasse aus. Das Ende kann auch durch den wenig Sinn ergebenden Epilog, der sich ohnehin anfühlt, als würde er aus einem ganz anderen Film stammen, nicht mehr gerettet werden.


Schauspielerischen Enthusiasmus kann man Natalie Portman derweil nicht absprechen. In den intensiveren Szenen, wenn ihre Figur sich entschlossen hat, gegen die von ihr als Ungerechtigkeit oder gar als Verschwörung empfundene Situation am Arbeitsplatz und im Privaten anzukämpfen, setzt sie den starren Blick auf, den ihre Fans zuletzt aus ähnlich gearteten Bedrängungsszenarien wie „Vox Lux“ oder „Auslöschung“ kennen. Da fühlt man sich auch als Zuschauer so, als wolle man ihr in diesen Momenten vielleicht lieber nicht in die Quere kommen. Für Irritation sorgt dagegen ihr im Originalton ziemlich aufgesetzt und bemüht wirkender texanischer Akzent. Lucys geografische Herkunft spielt keinerlei Rolle und niemand anderes im Film spricht mit einem solch aufdringlichen Dialekt. Da wurde womöglich etwas zu sehr in Richtung Filmpreise geschielt.

Auch weitere Rollen sind namhaft besetzt. Doch die größeren Nebenfiguren wie Ehemann Drew, Nichte Iris oder Liebhaber Mark sind einfach zu schwach und eindimensional gezeichnet, um beim Zuschauer bleibenden Eindruck zu hinterlassen oder gar Emotionen zu erzeugen. Andere Parts zeigen da schon mehr Potenzial: Rivalin Erin, Lucys exzentrische Großmutter (Ellen Burstyn) oder der besorgte NASA-Psychiater bekommen allerdings viel zu wenig zu tun, um das Ruder noch rumzureißen. So schwebt der Zuschauer schon bald ebenso distanziert, gelangweilt und desinteressiert durch die sich mehr und mehr in die Länge ziehenden zwei Stunden, wie es die Hauptfigur nach ihrer Rückkehr auf die Erde ebenfalls tut…

Fazit:

Ein technisch einfallsreich sowie erzählerisch starker Beginn verspricht deutlich mehr, als das zunehmend immer fahriger wirkende und mit einer schwächelnden Story sowie allzu dünner Charakterzeichnung geschlagene Astronautinnen-Drama letztlich halten kann. Dafür können wir dann auch nur sternenlose 2 von 10 Punkte vergeben. (mk)


Donnerstag, 23. Juli 2020

EDISON - EIN LEBEN VOLLER LICHT


EDISON - EIN LEBEN VOLLER LICHT


Genre: Drama, Historie, Biografie
Regie: Alfonso Gomez-Rejon
Cast: Benedict CumberbatchMichael ShannonNicholas Hoult
Laufzeit: 104 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
Verleih: Concorde Filmverleih


Poster zum Edison - Ein Leben voller Licht - Bild 35 auf 42 - FILMSTARTS.de
(c) Concorde Filmverleih

 

Inhalt:

1880: Thomas Edison (Benedict Cumberbatch) hat die Tests tausender Designs hinter sich, als er endlich weiß, wie er eine marktfähige Glühbirne herstellen kann. Während Edison die finanzielle Unterstützung durch J.P. Morgan (Matthew Macfadyen) sichert, um fünf Blocks in Manhattan mit elektrischem Licht zu versorgen, erkennt George Westinghouse (Michael Shannon) die Grenzen der neuen Technologie. Der Geschäftsmann aus Pittsburgh arbeitet mit Wechsel- statt mit Gleichspannung und übernimmt einige von Edisons Entdeckungen. Ein Wettkampf spitzt sich zu: Auf der einen Seite der bescheidene, öffentlichkeitsscheue Westinghouse, der seiner Frau Marguerite Westinghouse (Katherine Waterston) treu ergeben ist – auf der anderen Seite Edison, der sich für ein Genie hält, die Anerkennung für seine Arbeit nicht teilen will und seine Frau Mary Edison (Tuppence Middleton) nebst den Kindern vernachlässigt…


Bewertung: 

Eigentlich sollte das im Winter 2016/17 gedrehte Historien-Drama „Edison – Ein Leben voller Licht“ bereits Ende 2017 groß in den US-Kinos und bald darauf auch im Rest der Welt anlaufen. Aber kurz nach der Premiere beim Toronto International Film Festival wurde die Arbeit von Regisseur Alfonso Gomez-Rejon („Ich und Earl und das Mädchen“) Opfer des Skandals um Harvey Weinstein, dem Boss des zuständigen US-Verleihs TWC (The Weinstein Company). Erst zwei Jahre später kam der Film dann doch noch auf die nordamerikanischen Leinwände und floppte spektakulär. Dabei war das Werk ursprünglich als aussichtsreicher Oscar-Kandidat gehandelt und vermarktet worden. Und schaut man sich die prominenten Namen auf der Besetzungsliste sowie der talentierten Crew-Mitglieder an, schien die eine oder andere Nominierung im Vorfeld ja tatsächlich nicht abwegig.

Gomez-Rejon nutzte die lange Wartezeit bis zum Kinostart, um mit finanzieller Hilfe des ausführenden Produzenten Martin Scorsese endlich die Post-Produktion (inklusive eines kompletten neuen Musik-Scores) zu finalisieren und den Film noch einmal um zehn Minuten zu kürzen. Zudem drehte er einen Tag lang zusätzliche Szenen mit Benedict Cumberbatch, Nicholas Hoult und Tuppence Middleton nach, um deren Charakteren mehr Tiefe zu geben. Darüber, inwieweit der Film dadurch tatsächlich verbessert wurde, kann an dieser Stelle allerdings nur spekuliert werden, denn die Besprechung basiert lediglich auf dem so entstandenen „Director’s Cut“, wie er auch in die deutschen Kinos kommt – und der kann auch in der noch einmal überarbeiteten Fassung kaum überzeugen.

Der deutsche Verleihtitel „Edison – Ein Leben voller Licht“ ist unglücklich gewählt. Er suggeriert ein Biopic über den Erfinder und Unternehmer sowie einstigen Halter von über tausend Patenten, was aber einfach nicht geboten wird. Freilich ist der Name Edison hierzulande deutlich bekannter als der von Westinghouse. Trotzdem sind die Figuren im Film gleichwertig, was ihre Präsenz und ihre Zeit auf der Leinwand angeht. Die Sympathien des Publikums dürften sich über weite Strecken ebenfalls halbwegs die Waage halten. Charakterlich kommt Westinghouse am Ende vielleicht sogar einen Tick besser weg. Außerdem erstreckt sich die Handlung nur über einen Zeitraum von 13 Jahren. Von einem klassischen Biopic kann also wahrlich nicht die Rede sein.


Der deutsche Titel ist allerdings längst nicht das größte Problem von „Edison – Ein Leben voller Licht“, der in der englischsprachigen Welt als „The Current War“ präsentiert wird, was sich in etwa mit „Der Stromkrieg“ übersetzten ließe. Es ist vielmehr die Umsetzung der Geschichte, die – um es mal ganz platt zu sagen – einfach viel zu langweilig ist. Der Wettlauf der Geschäftemacher Edison und Westinghouse mag historisch bedeutend gewesen und auf dem Papier beziehungsweise im Wikipedia-Eintrag auch einigermaßen vielschichtig und ansatzweise spannend anmuten. Von Alfonso Gomez-Rejon verfilmt wirkt er allerdings ziemlich träge, weil einfach nicht genügend aufregende Dinge passieren und die zentralen Kontrahenten nahezu die gesamte Laufzeit über räumlich voneinander getrennt sind. Wie abwechslungsreich und mitreißend könnte man auch die immer gleichen Verkaufsgespräche mit Würdenträgern dutzender Städte mit „Meine Art von Strom ist sicherer“ gegen „Meine Art von Strom ist aber viel billiger“ umsetzen?

Diesen Umstand scheinen – zumindest insgeheim – auch Gomez-Rejon und sein Drehbuchautor Michael Mitnick selbst ein Stück weit realisiert zu haben. Schließlich haben sie eine Vielzahl von Nebenhandlungen eingebaut. Dabei gibt es einige schöne Szenen zu entdecken: Etwa Edisons verspielte Morsezeichen-Kommunikation mit seinem kleinen Sohn (Woody Norman) mitten in einem ansonsten eher unwichtigen Business-Meeting, die im späteren Verlauf, in einem besonders traurigen Moment, auf emotionale Weise wieder erneut aufgegriffen wird. Auch Westinghouses wiederkehrende, mentale Flashbacks in seine Zeit als Soldat im Sezessionskrieg sind kompetent umgesetzt, für den Fluss der Story aber eher irrelevant und verlangsamen ihn sogar noch mehr. Ein weiteres Beispiel ist die viel zu viel Raum einnehmende Erfindung und Konstruktion des elektrischen Stuhls plus die Schilderung seines ersten, alles andere als reibungslos vonstattengehenden Einsatzes.

All diese (und weitere!) Episoden sind für sich durchaus erzählenswert, machen das Gesamtwerk aber nie wirklich besser. Was nicht heißt, dass es überhaupt keinen Spaß machen würde, „Edison – Ein Leben voller Licht“ anzuschauen. Neben den engagiert aufspielenden Stars, zu denen auch die vom Skript vergleichsweise stiefmütterlich behandelten Nicholas Hoult („Tolkien“) und Tom Holland („Spider-Man: Far From Home“) sowie die als Ehefrauen der Protagonisten agierenden Katherine Waterston („Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“) und Tuppence Middleton („Sense8“) zählen, ist die Optik wirklich bemerkenswert: Kostüme, Kulissen und die während Eisenbahnfahrten, zur Darstellung der gigantischen Westinghouse-Fabrikhallen, ganzer Straßenzüge oder der legendären Illumination der Weltausstellung von 1893 in Chicago zum Einsatz kommenden CGI-Effekte sind größtenteils mehr als ansehnlich.

Dazu kommen die oft sehr nah dran gehenden, meist ausgesprochen ästhetischen Aufnahmen. Chef-Kameramann Chung-hoon Chung tobt sich hier richtig aus und findet jede Menge ungewöhnliche Einstellungen, indem er etwa mit Blendenflecken, schnellen Schwenks und Zooms oder einer Fischaugenlinse arbeitet, plötzlich den Winkel ankippt und so überraschende Vogelperspektiven bietet. Doch selbst diese Spielereien wirken irgendwann so, als ob sie nur integriert worden wären, um das von ihnen gezeigte, eher träge dahinplätschernde Geschehen aufzupeppen beziehungsweise von ihm abzulenken. Es sagt einiges aus, dass der beste Moment von „Edison – Ein Leben voller Licht“, wenn der Titelheld und sein Gegenspieler zum Ende endlich einmal zusammen im Bild sind, um sich zumindest kurz, dabei offen und ehrlich zu unterhalten, historisch nicht belegbar ist, sondern von Autor Mitnick dazu erfunden werden musste.

Fazit: 

Trotz jeder Menge Star-Power und beeindruckender visueller Schauwerte will der Funke aufgrund der leider ziemlich faden Story einfach nicht überspringen. Ein Film über Strom, dem die Spannung fehlt und daher von uns nur 4 von 10 Punkte bekommt. (mk)

Donnerstag, 9. Juli 2020

HARRIET - DER WEG IN DIE FREIHEIT


HARRIET - DER WEG IN DIE FREIHEIT


Genre: Biographie, Drama, Historie
Regie: Kasi Lemmons
Cast:
Cynthia Erivo, Leslie Odom Jr., Joe Alwyn

Laufzeit: 121 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: 
Universal Pictures Germany GmbH

 

Poster zum Harriet - Der Weg in die Freiheit - Bild 41 auf 43 -  FILMSTARTS.de
(c) Universal Pictures Germany GmbH

 


Inhalt:

Mitte des 19. Jahrhunderts lebt und arbeitet die Sklavin Minty (Cynthia Erivo) auf einer Plantage von Edward Brodess (Mike Marunde) in Maryland und träumt von einem besseren Leben für sich und ihre Familie in Freiheit. Mit dem Tod ihres Besitzers steht der Leibeigenen ein hartes Schicksal bevor, denn sie soll von ihrer Familie getrennt und an einen neuen Besitzer im Süden des Landes verkauft werden. Bevor es soweit kommen kann, ergreift sie die Flucht. Sie schafft es bis zur Anti-Slavery Society nach Pennsylvania, wo sie William Still (Leslie Odom Jr.) kennenlernt und sich fortan Harriet Tubmann nennt. Um unabhängig zu werden, hilft ihr die Unternehmerin Marie Buchanon (Janelle Monáe) dabei, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Ihr neues Leben kann Harriet nicht genießen, denn noch immer gibt es Menschen, die das gleiche Schicksal wie sie teilen und als Sklaven arbeiten. Kurzerhand fasst sie den Plan, ihren Mann John Tubmann (Zackary Momoh) zu retten, der ist zwar ein freier Mann, aber als Afroamerikaner in Maryland Freiwild. Sie reist in ihre alte Heimat zurück und macht sich als „Moses“ der „Underground Railroad“-Organisation einen Namen als Flüchtlingshelferin...



Bewertung:

Es ist schon erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis das erste Biopic über die Anti-Sklaverei-Aktivistin und Bürgerkriegs-Heldin Harriet Tubman in die Kinos kommt. Wobei: So überraschend ist das vielleicht gar nicht. Schließlich wurde selbst vor 20 Jahren noch mit der Idee gespielt, Julia Roberts in der Rolle zu besetzten – ein Studioverantwortlicher meinte damals, dass das Publikum doch bestimmt nicht wisse, dass Tubman schwarz gewesen sei, das sei schließlich alles schon so lange her. 2016 gab es hingegen fortgeschrittene Überlegungen des US-Finanzministeriums, Tubmans Konterfei zukünftig auf den 20-Dollar-Schein – auf dem aktuell noch der Ex-Präsident und Sklavenhalter Andrew Jackson prangt – zu drucken. Aber dieser Plan wurde nach der Wahl von Donald Trump wenig überraschend wieder zu den Akten gelegt.

Dass es mit dem Tubman-Biopic bis ins Jahr 2020 gedauert hat, ist auch deshalb schade, weil Regisseurin Kasi Lemmons mit „Harriet – Der Weg in die Freiheit“ nun einen Film vorlegt, der in den Neunzigern noch das Zeug zum Oscarfavoriten gehabt hätte – aber inzwischen ist das Genre einfach ein ganzes Stück weiter und Lebensstationen abklappernde Biopics sind (zum Glück) eher aus der Mode gekommen. So wirkt der allzu klassische Aufbau des Drehbuchs von Lemmons und Gregory Allen Howard („Gegen jede Regel“) arg altbacken. Dass der Film trotz des generischen Skripts über weite Strecken mitreißt, liegt an der absolut grandiosen Cynthia Erivo in der Titelrolle und zeigt, wie unbedingt erzählenswert die Geschichte von Harriet Tubman wirklich ist.


Nach der entlarvenden Idiotie, Julia Roberts in der Titelrolle besetzen zu wollen, war vor einigen Jahren auch noch Oscargewinnerin Viola Davis („Fences“) für den Part im Gespräch. Das hätte sicher auch gepasst, aber die aus London stammende Musical-Sängerin Cynthia Erivo („Bad Times At The El Royale“) ist als Harriet schlichtweg eine Offenbarung: Erivos Wandlung von der eingeschüchterten Sklavin Minty, in der trotzdem immer sichtbar der unbedingte Wille nach Freiheit lodert, hin zu der Abolitionismus-Aktivistin und Bürgerkriegs-Heldin Harriet, einer aufrecht gehenden, glühenden Anführerin, ist ebenso inspirierend wie mitreißend. Im Umfeld des US-Kinostarts kam der Hashtag #NotMyHarriet auf, weil sich einige Twitter-Nutzer lieber eine afroamerikanische und keine britische Schauspielerin in der Rolle gewünscht hätten – und während man über diese Frage der Repräsentation sicherlich trefflich streiten kann, ist Erivos Performance über jeden Zweifel erhaben.


Bei der Inszenierung und vor allem dem Drehbuch fällt das Lob hingegen nicht so uneingeschränkt positiv aus. Zwar merkt man „Harriet – Der Weg in die Freiheit“ zu keinem Zeitpunkt an, dass er mit nur 17 Millionen Dollar für ein Historien-Biopic dieser Größenordnung erstaunlich schmal budgetiert war. Da hat Kasi Lemmons („Luke Cage“) wirklich aus jedem einzelnen Dollar das Maximum herausgeholt. Aber durch die sprunghafte Dramaturgie des Skripts bekommt kaum eine der Stationen im Leben der Titelfigur den Raum, den sie verdient: Vor allem die entbehrungsreichen und brandgefährlichen Befreiungs-Missionen in den Süden wirken im Film täuschend simpel – weil kaum mehr gezeigt wird, als wie Harriet Tubman losgeht und wie sie ankommt, wird das wahre Ausmaß ihrer historischen Leistungen im Film kaum spürbar.

Möglichkeiten, inszenatorisch auch mal von den ausgetretenen Biopic-Pfaden abzuweichen, wären dabei durchaus vorhanden gewesen – zum Beispiel bei den „Visionen von Gott“, die die historische Harriet tatsächlich regelmäßig hatte und die womöglich auf eine schwere Kopfverletzung durch die Hand ihres Sklavenhalters zurückzuführen sind. Dem französischen Regisseur Bruno Dumont ist das etwa zuletzt bei seinem Jeanne-d'Arc-Doppel „Jeannette“ und „Jeanne d'Arc“ ganz hervorragend gelungen. Aber Lemmons, die mit „Black Nativity“ auch schon ein christliches Gospel-Erbauungs-Musical verfilmt hat, nimmt die Visionen einfach so als gegeben hin. Am Ende hält Harriet eine Rede vor mächtigen Politikern in New York, bevor ihre weiteren Taten vor allem während des folgenden Bürgerkriegs kurz zusammengefasst werden – und diese biographische Aufreihung der Errungenschaften von Harriet Tubman ist fast noch inspirierender als die ganzen zwei Stunden zuvor. Dem Biopic „Harriet – Der Weg zur Freiheit“ fehlt letztendlich genau jener Mut, den seine Hauptfigur im Überfluss besessen hat.

Fazit:

Ein rundherum solides Old-School-Biopic – aber die inspirierende Geschichte von Harriet Tubman und die in der Titelrolle brillierende Cynthia Erivo hätten mehr verdient. Etwas enttäuscht vergeben wir dennoch 7,5 von 10 Punkte für eine gute Inszinierung. (mk)

 

Donnerstag, 2. Juli 2020

SUICIDE TOURIST - ES GIBT KEIN ENTKOMMEN

 SUICIDE TOURIST - ES GIBT KEIN ENTKOMMEN

 

Facts:
Genre: Drama, Mystery, Thriller
Regie: 
Jonas Alexander Arnby

Cast: Nikolaj Coster-Waldau, Tuva Novotny, Robert Aramayo 

Laufzeit: 87 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: 
DCM (Vertrieb LEONINE)

Poster zum Suicide Tourist - Es gibt kein Entkommen - Bild 6 auf 12 -  FILMSTARTS.de
(c) DCM (Vertrieb LEONINE)

 



Inhalt:

Der Schock ist groß bei Max (Nikolaj Coster-Waldau), als er die Diagnose des Arztes hört: Hirntumor. Eine Heilung ist nicht möglich, ihm steht ein sicherer Tod bevor. Mehr noch, seine Persönlichkeit wird sich im Laufe der Krankheit verändern, wenn er zunehmend die Kontrolle über sich und seine Wahrnehmung verliert. Obwohl er eigentlich glücklich mit Lærke (Tuva Novotny) liiert ist, versucht er deshalb mehrere Male sich sein Leben zu nehmen, um dem Schlimmsten zu entkommen – jedoch erfolglos. Da stößt der Versicherungsmakler auf ein in den Bergen gelegenes Luxus-Hotel, das seinen Gästen einen Tod nach Wunsch ermöglicht. Doch was sich nach der Lösung für all sein Probleme anhört, stellt sich als Albtraum heraus …

Bewertung:

Darf ein Mensch sich selbst das Leben nehmen? Und darf man diesem dabei helfen, wenn er es selbst nicht schafft? Das sind keine leichten Fragen, von angenehm ganz zu schweigen. Denn wer will schon entscheiden, ob eine Selbstentfaltung auch eine Selbstzerstörung beinhaltet, ob das Recht auf Leben auch eine Pflicht zum Leben bedeutet. In Deutschland ist Sterbehilfe nach wie vor ein Tabu, weshalb Todkranke, die nicht einfach ihr unwürdiges Ende abwarten wollen, ins Ausland fahren und den Dienst spezieller Einrichtungen in Anspruch nehmen. Das wurde auch schon mehrfach in hiesigen Filmen thematisiert, Und morgen Mittag bin ich tot und Hin und weg handelten jeweils von einer solchen letzten Reise.

Zunächst scheint es, dass Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen in eine ganz ähnliche Richtung denkt. Auch hier gibt es einen todkranken Menschen, auch hier gibt es eine Einrichtung, welche beim Selbstmord hilft. Damit einher gehen die üblichen Fragen zur Legitimität und Moral, zur Verantwortung auch. Schließlich lässt man durch seinen Tod praktisch immer jemandem zurück. Das ist sicher der große Knackpunkt für Max, der zwischen beidem abwägen muss: die Liebe zu seiner Frau und der Wunsch, dem eigenen Leid aus dem Weg zu gehen. Vieles von dem, was in dem Film geschieht, ist durch diesen Konflikt geprägt, von den Gewissensbissen auch, dass Max sich nicht von Lærke verabschieden konnte.

Anders jedoch als die obigen deutschen Beispiele, wurde das Selbstmorddrama mit einem Mystery-Thriller verknüpft. Auf Realismus wird verzichtet, von Anfang an herrscht hier eine ganz eigenartige Stimmung. Zunächst ist die eher komisch-makaber, wenn die ersten Minuten von fehlgeschlagenen Selbstmordversuchen geprägt sind. Später verwischen die Grenzen jedoch zunehmend, wenn die Bedrohung durch den Ort und die Bedrohung durch einen selbst ineinander übergehen. Der deutsche Untertitel „Es gibt kein Entkommen“ verrät bereits etwas reißerisch vorweg, dass die Sache mit dem freiwilligen Selbstmord nicht ganz so freiwillig ist. Oder um es mit den Eagles zu sagen: „You can check out any time you like, but you can never leave.“

Dabei schlägt sich Suicide Tourist nie vollständig auf die Genreseite. Zwar nimmt der Film bekannte Versatzstücke wie etwa die wundervoll unheimliche Musik, die düsteren Bilder und versteckte Orte, an denen ganz bestimmt etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Doch diese bleiben weiterhin mit der tragischen Geschichte verknüpft. Das ist nicht ganz überraschen: Regisseur Jonas Alexander Arnby und Drehbuchautor Rasmus Birch hatten vor Jahren in When Animals Dream bereits Drama mit Genre verbunden. Wurde dort jedoch der Horror genommen, um den Schrecken des Erwachsenwerdens zu verdeutlichen, findet die Entfremdung hier zum Ende des Lebens statt, eingehüllt in einen Mystery-Thriller, der die Unsicherheit von Max mit Surrealem verdeutlicht.

Wer einen reinen Thriller erwartet, für den wird das eher zu wenig sein. Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen baut eher selten tatsächlich brisante Szenen ein. Der Film ist insgesamt ziemlich ruhig. Und natürlich sind einige der Einfälle hier nicht sonderlich originell, mehr das Standardprogramm eines Mystery-Thrillers, was durch die recht nichtssagende Hauptfigur noch deutlicher wird. In der Summe ist das aber durchaus sehenswert, nicht zuletzt wegen der audiovisuellen Ausgestaltung, die das Luxuriöse mit dem Skurrilen verbindet, die Schönheit mit dem Abgrund. Eine wirkliche Antwort auf die vielen Fragen, die das Thema provoziert, findet man hier nicht, dafür aber einiges, was noch nachhallt, lange nachdem die Credits über die Leinwand gelaufen sind.



Fazit:

Ein todkranker Mann checkt in ein spezielles Hotel ein, das maßgeschneiderte Selbstmorde anbietet. „Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen“ beginnt kurios, wandelt sich später in einen Mystery-Thriller, ist dabei jedoch in erster Linie ein Drama, das viele Fragen stellt. Die werden nicht alle beantwortet, einiges ist auch recht konventionell. Dafür überzeugt der teils surreale Genremix atmosphärisch und audiovisuell. Dafür vergeben wir belastende 7 von 10 Punkte. (mk)