Freitag, 29. März 2019

Dumbo (2019)


(c) Walt Disney Germany



Inhalt:

In der Manege machte dem Zirkusstar Holt Farrier (Colin Farrell) keiner so schnell etwas vor – doch dann kam der Krieg und plötzlich war nichts mehr, wie es einmal war. Nach seiner Heimkehr findet er dennoch zurück zu seinen Wurzeln, als ihn der Zirkusdirektor Max Medici (Danny DeVito) einstellt, um sich um einen kleinen Elefanten zu kümmern, der aufgrund seiner großen Ohren zur Zielscheibe fieser Witzeleien wird. Sein Name: Dumbo. Als Holts Kinder Milly (Nico Parker) und Joe (Finley Hobbins) jedoch herausfinden, dass ihr dickhäutiger Freund fliegen kann, wendet sich das Blatt: Der Unternehmer V.A. Vandevere (Michael Keaton) wird auf den außergewöhnlichen Vierbeiner aufmerksam und holt ihn prompt an Bord seines erfolgreichen Vergnügungsparks Dreamland, wo Dumbo an der Seite von Akrobatin Colette Marchant (Eva Green) schnell zur großen Nummer wird. Doch er muss sich in Acht nehmen, im Dreamland ist nämlich nicht alles so perfekt, wie es auf den ersten Blick scheint...


Bewertung:

Als Tim Burton Anfang der 1980er Jahre seine ersten Schritte in Hollywood machte, arbeitete er in verschiedensten Funktionen bei Walt Disney und durfte dort seine ersten Kurzfilme inszenieren. Doch 1984 feuerte das Maushaus Burton. Seine Werke seien zu düster und furchteinflößend für Kinder, er habe die Gelder des Konzerns verschwendet. Erst viele Jahre später schlossen beide Seiten wieder Frieden: Mit „Alice im Wunderland“ bescherte Burton 2010 Disney schließlich einen Mega-Hit und durfte schließlich sogar mit „Frankenweenie“ gerade den düsteren Kurzfilm zum Leinwandabenteuer ausbauen, wegen dem er einst entlassen wurde. Doch nach „Dumbo“ bleibt der leise Verdacht, dass Burton doch noch ein wenig Groll hegt. Bösewicht V.A. Vandevere und sein Dreamland sind offensichtlich nur eine schlecht versteckte Allegorie auf Walt Disney und dessen Disneyland-Themenparks. Per se ist das ein vielversprechender Subtext, dabei bleibt es aber nicht: Insbesondere die dominanten Darsteller rücken dieses Thema viel zu sehr in den Vordergrund.

Burton gibt seinem einstigen „Batman“-Star Michael Keaton viel zu viel Freiraum, den der Bösewicht zum genüsslichen, vogelwilden Chargieren nutzt. Dazu noch mit lächerlicher Frisur ausgestattet, spitzt er immer wieder auf seine ganz eigene, unverkennbare Art die Lippen, verzieht das Gesicht und adressiert den Zuschauer schon mal direkt in die (sich dann fast schon spöttisch wegdrehende) Kamera. Keaton und Burton machen den Entrepreneur zur Lach- und vor allem Luftnummer. Nach und nach legt Burton frei, wie dieser sich als bewunderter und gefeierter Mega-Mogul inszeniert, in Wirklichkeit aber nur auf Pump lebt.

Für diese Demontage braucht es weiteres Personal, so dass plötzlich auch noch Oscarpreisträger Alan Arkin als Wall-Street-Banker auftritt und dabei ebenfalls performt, als wäre der Veteran in seinem eigenen Film. Wenn er dann dem – übrigens ähnlich Over-the-Top agierenden – Danny DeVito im Angesicht einer gerade alles zerstörenden Feuersbrunst vorschlägt, einen Hot Dog essen zu gehen, stellt sich ernsthaft die Frage, ob der unpassende Spruch im Drehbuch stand oder Arkin dachte, dass bereits die Mittagspause ansteht. Bisweilen erinnert dies alles an Burtons ebenfalls mit Keaton und DeVito besetztem, ähnlich durchgeknallten „Batmans Rückkehr“. Wo dort aber völlig entfesselte und überdrehte Darsteller noch zur Comic-Vorlage passen, sind sie im Familienfilm „Dumbo“ immer wieder Fremdkörper.

In Tim Burtons „Dumbo“ sind die menschlichen Figuren überpräsent – schließlich wird nebenbei noch die Geschichte der Annäherung eines Vaters mit seinen Kindern und einer sich emanzipierenden Tänzerin erzählt. Wenn in dem wilden Mischmasch plötzlich der seit den Tagen von Henry Maske auch in Deutschland berühmte Box-Ansager Michael Buffer auftritt und seinen berühmten „Let’s Get Ready To Rumble“-Spruch auf den eigentlichen Protagonisten des Films abwandelt, klingt das fast schon wie Hohn. Denn „ready for Dumbooo“ dürften die meisten Zuschauer eigentlich die ganze Zeit sein, er ist schließlich der Titelheld. Doch obwohl er oft im Bild ist, kommt ausgerechnet die Geschichte des Elefantenbabys mit den Schlappohren viel zu kurz. Wie der früh von seiner Mutter getrennte Dumbo diese vermisst, erzählen uns vor allem die Kinder Milly und Joe, viel zu selten die Bilder. Obwohl Burton die berühmte Szene mit der eingesperrten Mutter aus dem Vorgänger sogar zitiert, hat kein einziger Moment in seiner Neuverfilmung nur annähernd die emotionale und erzählerische Kraft des durch die Gefängnisstäbe hängenden, sanft das Kind schaukelnden Trickfilm-Rüssels – und kein Moment ist auch nur ähnlich herzzerreißend wie der Abschied in dieser Szene von 1941.

Dabei hat „Dumbo“ seine starken Seiten – gerade wenn der kleine Elefant auftritt. Der ist größtenteils herausragend animiert (ein paar Flugszenen mit Eva Green auf seinem Rücken fallen ab) und hat mit seinen riesengroßen Kulleraugen eigentlich die Fähigkeit, mehr als viele menschliche Darsteller aus Fleisch und Blut zu berühren. Mit und um Dumbo gelingen Burton dann auch tatsächlich beeindruckende Einzelszenen. Wenn der Elefant und Trapezkünstlerin Colette bei der ersten Probe abstürzen und im Sicherheitsnetz landen, ist der Anblick der nebeneinander auf ihren Hintern sitzenden unfreiwilligen Partner zum einen einfach nur köstlich – sagt aber gleichzeitig etwas über die Figuren aus. Denn hier kommen sie sich näher, es wird gezeigt, wie der einsame Dumbo eine Bindung aufbaut (was danach aber wiederum kaum aufgegriffen wird).

Dass Tim Burton einzigartige Bilder auf die Leinwand zaubern kann, ist kein Geheimnis und zeigt sich unter anderem in den Verweisen auf den originalen Zeichentrickklassiker – von Klapperstörchen bis zur „lebenden“ Lok. Nachdem schon früh auf die berühmte Dumbo-ist-betrunken-Sequenz von 1941 in einem Dialog angespielt wird, sieht es sensationell aus, wenn Burton dann wirklich rosa Elefanten über die Leinwand schweben lässt. Da staunt dann sogar der kleine Dumbo Bauklötze und bewegt sich (selbst ohne Alkohol) beschwingt zur musikalischen Untermalung, mit der Danny Elfman hier ebenfalls auf den Klassiker verweist. An dieser Stelle schafft der Regisseur den Spagat: Burton kopiert jetzt nicht das Original, sondern schafft etwas Eigenständiges. Dabei zitiert er so gekonnt, dass Kenner sofort wissen, was gemeint ist, das übrige Publikum aber nicht ausgeschlossen wird, sondern sich einfach von der Bildpracht beeindrucken lassen kann.

Fazit: 
So visuell herausragend „Dumbo“ über weite Strecken ist, so erzählerisch unausgegoren ist Tim Burtons freie Adaption des Disney-Klassikers.


Text (c) by MK

Samstag, 9. März 2019

Captain Marvel

(c) Walt Disney Germany



Inhalt:

Die von den hochentwickelten Kree zur Soldatin ausgebildete „Vers“ (Brie Larson) stürzt nach einem Kampf im Weltraum auf der Erde ab. Gerade noch hat sie mit der Elite-Einheit Starforce und deren Anführer (Jude Law) für die Sicherheit im All gekämpft, nun ist sie allein auf einem fremden Planeten, der ihr dennoch merkwürdig vertraut vorkommt. Denn sie wird von Visionen und Träumen geplagt, die auf ein früheres Leben auf der Erde hindeuten. Als sie auf den jungen S.H.I.E.L.D.-Agenten Nick Fury (Samuel L. Jackson) trifft, macht sie sich mit diesem daran, das Geheimnis ihrer Herkunft zu entschlüsseln. Sie erfährt, dass ihr bürgerlicher Name Carol Danvers ist und sie ursprünglich von der Erde stammt. Und diese gilt es nun zu verteidigen. Denn: Die Erzfeinde der Kree haben den Planeten infiltriert. Ein Spionage-Trupp der außerirdischen Rasse der Skrulls hat sich unter Führung des skrupellosen Talos (Ben Mendelsohn) dank ihrer Gestaltenwandlerfähigkeiten unbemerkt unter die menschliche Bevölkerung gemischt und es scheint als könne nur Carol die Bedrohung aufhalten...


Bewertung:

Die ersten 20 Minuten von „Captain Marvel“ sind ein neuer Tiefpunkt in der Geschichte des MCU. Wenn Vers mit ihrem Mentor Yon-Rogg in der Kree-Hauptstadt Hala Nahkampftechniken trainiert und anschließend an einer Befreiungsmission auf potenziell von Skrulls unterwandertem Territorium teilnimmt, erinnert das alles doch sehr an eine austauschbare, eher schwache Episode von „Star Trek - Das nächste Jahrhundert“. Weder wirkt Hala in irgendeiner Weise beeindruckend, noch ist der Einsatz auch nur ein klein bisschen spannend. Gleich der Auftakt ist also eine herbe Enttäuschung. Von da an kann es eigentlich nur noch bergauf gehen...

... und das tut es dann zum Glück auch, wenn auch nie bis ganz hinauf zum Gipfel. Nach dem Absturz auf die Erde spielt „Captain Marvel“ zwar in den Neunzigern, punktet aber in erster Linie mit Buddy-Comedy, wie sie vor allem in den 1980er Jahren populär war: Brie Larson und Samuel L. Jackson sind einfach ein tolles Team – vor allem wenn später noch Goose (sieht aus wie eine Katze, ist aber keine) und ein weiteres Mitglied, das wir aus Spoiler-Gründen nicht nennen wollen, mit zu der kleinen Außenseiter-Truppe stoßen. Die Chemie und die Frotzeleien stimmen – auch weil weder Samuel L. Jackson noch MCU-Mastermind Kevin Feige ein Problem damit zu haben scheinen, den als supercoolen Badass eingeführten Nick Fury diesmal die klassische Rolle eines humorigen Sidekicks spielen zu lassen (bis hin zu der fast schon karikaturesken Begründung für seine Augenklappe).

Apropos Nick Fury: Die Verjüngungstechnologie, die Marvel unter anderem bereits bei Tony Stark (Robert Downey Jr.) in „The First Avenger: Civil War“ und bei Hank Pym (Michael Douglas) in „Ant-Man And The Wasp“ eingesetzt hat, scheint inzwischen nahezu ausgereift. Zumindest bei Samuel L. Jackson dauert es keine Sekunde, bis man seine mittelalte Version akzeptiert – und auch der verjüngte Clark Gregg sieht nur minimal weniger überzeugend aus. Deshalb verwundert es auch so, dass die Animationen der fliegenden Captain Marvel in ihrem Anzug im Finale vergleichsweise mies aussehen – das hat DC schon vor sechs Jahren in „Man Of Steel“ besser hinbekommen.

Aber nicht nur die Schauspieler reisen in der Zeit zurück, auch darüber hinaus liefert „Captain Marvel“ eine Menge Neunziger-Nostalgie – nicht von ungefähr stürzt Vers bei ihrer Ankunft auf der Erde ausgerechnet durch das Dach einer Blockbuster-Filiale. Allerdings beschränkt sich das 90er-Flair neben einem Pager und einem Münztelefon überwiegend auf Videokassettencover und Albumposter – denn nach dem Auftakt in Los Angeles spielt der Rest des Films in Militärbasen und auf dem flachen Land, wo man eh kaum erkennt, in welchen Jahrzehnt die Handlung gerade angesiedelt ist. Und die weiteren Popkulturanspielungen, vor allem auf „Top Gun“ von 1986 (die Nicht-Katze Goose ist nach der Rolle von Anthony Edwards benannt) sowie die 70er-Kultsitcom „Happy Days“ (eine ganz zentrale Brotdose), kehren den Neunzigern ebenfalls den Rücken. Da bleibt nur die Hoffnung, dass „Wonder Woman 2“ mehr aus seinem Setting im Jahr 1984 herausholt.

Erfrischend ist hingegen die Struktur, mit der in „Captain Marvel“ verhindert wird, zum x-ten Mal im MCU eine klassische Origin Story abspulen zu müssen. Denn nachdem wir zu Beginn direkt mit Vers ins Geschehen hineingeschmissen werden, begibt sich das Publikum anschließend quasi gemeinsam mit der Protagonistin auf die Suche nach ihrer Identität – und dabei gibt es eine ganze Reihe von überzeugenden Überraschungen. Das ist mal eine angenehme Abwechslung zum sonstigen Einerlei – und zudem noch gewürzt mit einer der ungewöhnlichsten Sequenzen im MCU, wenn wir mit der an das Skrull-Gerät angeschlossenen Vers gemeinsam von einer interaktiven Erinnerung zur nächsten springen. Zugleich scheinen aber nicht nur der Zuschauer und Vers auf der Suche nach der Figur zu sein, sondern lange Zeit auch Brie Larson und die Macher selbst.

Wir wissen ja schon, dass Carol Danvers nicht nur in „Avengers 4: Endgame“ eine wichtige Rolle spielen wird, sondern auch in der auf die drei bisherigen Phasen folgenden, neu aufgestellten Zukunft des MCU einen ganz zentralen Part einnehmen soll. Nachdem das erste Drittel ihres Solo-Abenteuers da ehrliche Zweifel weckt, ob das wirklich die allerbeste Idee ist, kann die zweite Hälfte diese Bedenken weitestgehend wegwischen. Brie Larson wächst aller CGI-Schwächen zum Trotz gerade im Finale vollständig in die Rolle hinein und deutet an, dass sie und ihre Figur eine echte Bereicherung für die Avengers sind. Aber für ihren ersten Solofilm „Captain Marvel“ selbst kommt dieser Energieschub fast schon ein wenig zu spät.


Denn gerade die Actionszenen sind durch die Bank wenig erinnerungswürdig. Eine S-Bahn-Sequenz in Los Angeles wirkt nur wie ein leiser Nachhall zu der ungleich spektakuläreren Subway-Szene in Sam Raimis „Spider-Man 2“ (und die ist immerhin schon 15 Jahre alt). Ansonsten begnügen sich die Regisseure mit halbherzigen Lasergefechten im All sowie einigen maximal soliden Martial-Arts-Einlagen – und auch Joseph Kosinski muss sich keine Sorgen machen, dass ihm „Captain Marvel“ ein Jahr vor dem Kinostart von „Top Gun: Maverick“ das Feuer stiehlt. Zwar hat Marvel nicht nur beim Dreh, sondern auch beim US-Marketing mit dem Militär zusammengearbeitet, die Jetszenen sind aber dennoch nichts Besonderes.

Fazit: 
Erst dauert es zu lange, bis „Captain Marvel“ endlich in Fahrt kommt – und auch dann überzeugen vor allem die Gags und Frotzeleien, während die Action bis zum Ende enttäuscht. Brie Larson macht hingegen vom stotternden Auftakt bis zum überzeugenden Ende eine erstaunliche Entwicklung durch – nach dem Finale freuen wir uns ehrlich, sie in „Avengers 4“ und darüber hinaus im MCU wiederzusehen.


Text (c) by MK